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Reisebeschränkungen Auslandsgeschäfte: Betriebe zwischen Unsicherheit und Optimismus

Geschäftsreisen sind in diesem Jahr schwierig geworden. Trotzdem haben viele Handwerksbetriebe laufende Projekte im Ausland. Wo die größten Herausforderungen liegen und warum manch ein Betrieb auch jetzt noch weitere Auslandsmärkte erobern will.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Etwa 50.000 Handwerksbetriebe in Deutschland pflegen Auslandsgeschäfte. Sie bauen handwerkliche Spezialprodukte für Kunden weltweit, nehmen Aufträge für grenzübergreifende Projekte an oder fahren für eine handwerkliche Dienstleistung ins Nachbarland. In diesem Jahr stellen die Corona-Pandemie und die damit verbundenen staatlichen Maßnahmen zur Ein- und Ausreise die Betriebe vor besondere Herausforderungen und sorgen nach wie vor für Planungsunsicherheit.

Nach Angaben der Handwerkskammer Dresden werden etwa drei Prozent der Umsätze im Handwerk mit Auslandsgeschäften erwirtschaftet. Beliebt sind vor allem Geschäfte in Europa. "Drei von vier Auslandsgeschäften werden direkt in den deutschen Nachbarländern ausgeführt", sagt Jana Westphälinger, Ansprechpartnerin für das Thema Internationale Beziehungen bei der Handwerkskammer Dresden. Vor allem Baubetriebe sind grenzübergreifend tätig. Weltweit gefragt ist die deutsche Expertise aber auch bei Nischenprodukten, speziellen Maschinen oder Geräten, für die der deutsche Markt zu klein ist.

Geschäfte laufen weiter

In diese Kategorie fällt auch der Betrieb von Orgelbaumeister Wolfgang Brommer. Von Waldkirch bei Freiburg beliefern er und seine Kollegen vom "Waldkircher Orgelbau Jäger & Brommer" Kunden in der ganzen Welt. Vor allem die Asiaten sind begeistert von den Orgeln "Made in Germany". Kunden finden die Handwerker zum Beispiel überall dort, wo es Kirchen gibt. In China stehen 50.000 Stück, in der Regel ohne Orgel. In Deutschland ist der Markt hingegen schon sehr eng, wie Brommer erklärt. Normalerweise reist der Handwerker deshalb öfter im Jahr nach Japan, China oder Südkorea, um neue Projekte zu besprechen. Dieses Jahr waren geschäftliche Auslandsreisen aufgrund der Reisebeschränkungen kaum möglich bzw. nur unter Einhaltung strenger Quarantäneauflagen.

Trotzdem war das Jahr wirtschaftlich gesehen nicht so schlecht wie man annehmen könnte. So berichtet der Handwerksmeister zufrieden von einem weiteren Auftrag für eine Orgel in einer Universität in Seoul in Südkorea. Außerdem ist der Betrieb aktuell noch gut mit bestehenden Aufträgen versorgt. Da es drei bis vier Jahre dauert, bis eine Orgel fertiggestellt ist, sind Auftragsrückgänge erst zeitversetzt zu erwarten. Probleme sieht Brommer daher eher für die Geschäfte in den kommenden Jahren, da er dieses Jahr deutlich weniger neue Aufträge abschließen konnte. Aus China rechnet er zum Beispiel dieses und auch kommendes Jahr mit keinen weiteren Aufträgen. "Mit Beginn der Corona-Krise in China, gab es einen Auftragsstopp und alle Auslandsgeschäfte wurden erstmal ausgesetzt", berichtet Brommer. "Wir halten zwar Kontakt zu unseren Kunden dort, schauen uns aber auch weiter um."

Planungsunsicherheit und komplizierte juristische Vorschriften

Auch andere Handwerksbetriebe seien aktuell noch gut ausgelastet mit bestehenden Aufträgen berichtet Westphälinger. Nur n eue Aufträge abzuschließen, das gestalte sich aktuell etwas schwieriger. "Sowohl Kunden als auch Betriebe wissen nicht, wie die rechtlichen Rahmenbedingungen in den kommenden Wochen aussehen werden. Auch die Reisebestimmungen werden immer recht kurzfristig angepasst. Das ist für viele ein Problem und bringt Unsicherheiten mit sich", sagt die Expertin.

Betriebe berichteten ihr von unterschiedlichen Schwierigkeiten, wenn zum Beispiel der Tischler das Glas für sein Möbelstück nicht bekommt, das er im Ausland bestellt hat oder der spezielle Beton aus Italien nicht geliefert wird, weil das Werk dort geschlossen ist. Eigentlich, so die Kammer-Expertin, müssten die Betriebe den aktuellen Mehraufwand auf die Preise draufschlagen.

"Die Planungsunsicherheit ist das größte Problem für die Betriebe", sagt die Expertin "und diese Unsicherheit wird sich auch noch verstärken, je länger die Pandemie andauert." Mittlerweile sei zwar die Rechtslage besser geregelt und es sei eine gewisse Routine eingetreten. Und auch die Hygienemaßnahmen stellten die Betriebe vor keine großen Herausforderungen mehr. "Betriebe und Kunden sind jetzt sensibilisiert. Masken, Plexiglasscheiben oder Homeoffice – darauf haben sich die Betriebe jetzt schon eingestellt. Aber Quarantäneregeln würden die Arbeit der Handwerker immer noch erschweren.

Auch jetzt im zweiten November-Lockdown sind diese Regeln wieder strenger geworden. Mittlerweile sind in allen Bundesländern neue Einreise-Quarantäne-Verordnungen in Kraft getreten. In Sachsen wurden die Betriebe damit überrascht, dass von Freitag auf Montag neue Regelungen gültig waren, berichtet die Kammermitarbeiterin. Sowohl für die Einreise ausländischer Mitarbeiter nach Sachsen, als auch für deutsche Handwerker, die ins Ausland fahren, ändere sich die Situation laufend. Wie schon beim ersten Lockdown sind die Bestimmungen sehr unterschiedlich und manche Punkte nicht ohne juristisches Fachwissen verständlich. Wer darf, wie lange einreisen? Was gilt für Grenzpendler, was gilt für Mitarbeiter, die mehrere Tage auf Montage sind? Wann ist eine Quarantäne nötig? Wann ist ein Corona-Test vorgeschrieben? Welche Ausnahmen gibt es für wichtige Projekte? In welchem Land muss ich welche Dokumente mit mir führen? Auf all diese Fragen müssen sich die Kammern, aber auch die Betriebe wieder neu einstellen.

Nachfrage nach digitalen Verkaufswegen steigt

Ein kleiner Lichtblick in den vergangenen Monaten ist die Kreativität und fortschreitende Digitalisierung der Betriebe in der Krise. Viele Handwerker haben sich über andere Kontaktwege mit den Kunden vernetzt. Mitglieder der Handwerkskammer Dresden zeigten zum Beispiel großes Interesse an dem Thema Onlinevermarktung und digitale Geschäftspartnersuche. Wie verkaufe ich mein Produkt online? Wie kann ich online neue Partner gewinnen? Diese Fragen beschäftigten die Betriebe mit Interesse am Auslandsgeschäft aktuell, berichtet Westphälinger.

Der Orgelbaubetrieb aus Waldkirchen setzt schon lange auf digitale Verkaufswege. Daher liefen die Überseegeschäfte auch ununterbrochen weiter, erzählt der Firmenchef. "Ich kann mir zwei Wochen Quarantäne nicht leisten. Wir haben daher viel geskyped und Fragen online oder am Telefon geklärt", sagt der Handwerksmeister. Digitale Kontaktwege waren für ihn schon seit Jahren wichtig und hätten sich nun nur noch mehr bestätigt. Er verschickt einen Newsletter und hat seine Website vor Jahren schon auf Japanisch und Chinesisch übersetzen lassen. In den kommenden Monaten möchte er sein internationales Geschäftsnetz noch weiter spannen. "Wir wollen noch weitere Absatzmärkte für uns entdecken und Kontakte zum Beispiel nach Südamerika aufbauen. Das ist auch in der heutigen Zeit gut möglich und das kann jeder Handwerksbetrieb schaffen, der sich dafür interessiert. Man muss sich nur trauen", ermutigt der Handwerker.

>>> Betriebe, die Fragen zu Auslandsgeschäften haben und Tipps aus der Praxis suchen, können sich an die regionale Handwerkskammer oder auch an Wolfgang Brommer direkt wernden.

>>> Weitere Informationen zu aktuellen Quarantäne-Verordnungen gibt es bei den jeweiligen Landesministerien und den regionalen Handwerkskammern. Einen Überblick über die Länder, die als Risikogebiet eingestuft werden, bietet das Robert-Koch-Institut.

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