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Corona-Pandemie Hygieneschutzwand: Kleines Detail löst nerviges Problem

Nachdem sich Patienten und Personal zunehmend darüber beklagten, ihren Gegenüber schlecht zu verstehen, nahm Glasermeister Thorben Müller eine kleine, aber wirkungsvolle Anpassung an seinen Hygieneschutz-Scheiben für das Uni-Klinikum Tübingen vor. Die Idee dazu hatte sein 8-jähriger Sohn, für die Umsetzung musste er mal eben das Beleuchtungsequipment einer Diskothek aufkaufen.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

"Jetzt habe ich Sie schlecht verstanden" – Sätze wie diese fielen in den vergangenen Monaten täglich im Universitätsklinikum Tübingen (UKT). Ihren Anfang nahmen die akustischen Probleme im Frühjahr. Die Maskenpflicht wurde eingeführt und fast zeitgleich wurden im gesamten UKT transparente Kunststoffscheiben zum Infektionsschutz installiert. Allein für das Klinikum habe er hunderte Hygieneschutzwände produzieren dürfen, erinnert sich der Glaser- und Fensterbaumeister Thorben Müller.

Die Kapazitäten für den Großauftrag waren da, aufgrund von Messeabsagen entgingen dem Ein-Mann-Betrieb damals zahlreiche Aufträge. Bis heute sei die Nachfrage nach Hygieneschutzwänden nicht abgebrochen, berichtet Müller. Auch deshalb habe ihm die Krise bislang nichts anhaben können. "Ich habe eher Zeitprobleme", sagt er und lacht.

8-Jähriger Sohn hatte zündende Idee

Die werden auch weiterhin nicht abreißen. Denn nachdem ihm das Klinikum von den Schwierigkeiten im Dialog mit den Patienten und Besuchern berichtete, grübelte er zuhause über eine mögliche Lösung. Erste Versuche mit kreisrunden Bohrungen ergaben kein schönes Bohrbild. Die zündende Idee hatte schließlich sein 8-jähriger Sohn Leo. "Papa, mach doch Schlitze rein", habe er gesagt. Und sein Vater machte genau das. Mit einer CNC-Maschine fräst Müller seither auf Augenhöhe ovale Aussparungen in seine Hygieneschutzwände aus Plexiglas. Zweieinhalb Zentimeter nach hinten versetzt, montiert er in Richtung Personal eine zweite Scheibe.

Verbesserung um bis zu 80 Prozent

Der Effekt kann sich hören lassen. Die Beschäftigten im UKT berichten von einer Verbesserung um 60 bis 80 Prozent. Auch in anderer Hinsicht hätten sich die modifizierten Schutzscheiben als eine willkommene Verbesserung erwiesen. Bei den alten Modellen hätten viele Besucher und Patienten ihr Gesicht in die Durchreiche gestreckt oder seien an der Schutzvorrichtung vorbeigelaufen – teils, um so besser mit dem Personal sprechen zu können, teils aber auch wegen der fehlenden optischen Führung. Durch das neue "Akustik-Feld" wüssten sie nun intuitiv, wo sie hineinsprechen müssen. Der Infektionsschutz sei trotz der Aussparungen weiterhin gewährleistet, versichert Müller. Die Verantwortlichen für Arbeitsschutz hätten die Lösung geprüft und ihr zugestimmt – ohnehin seien die Hygieneschutzwände durch ihren Einsatzort quasi "klinisch getestet", sagt er.

Spuckschutz: Bezeichnung als Marke geschützt?

Im April erhielten mehrere Anbieter von Hygieneschutzwänden eine Abmahnung, da sie ihr Produkt als "Spuckschutz" beworben hatten. Ein Betrieb aus Wuppertal wurde etwa zur Zahlung von rund 16.000 Euro aufgefordert. Grund: Ein österreichisches Unternehmen hatte sich den Begriff "Spuckschutz" bereits 2014 als Marke im europäischen Markenregister eintragen lassen. Inzwischen haben mindestens zwei Landgerichte in Deutschland dazu geurteilt – und die Abmahnungen als ungerechtfertigt eingestuft.

"Spuckschutz ist offensichtlich eine Beschreibung dessen, was es ist", sagt Roman Ronneburger, Fachanwalt für Urheberrecht und Markenrecht, der die beiden abgemahnten Unternehmen vertreten hat. Durch die Benutzung zu rein beschreibenden Zwecken würde das Markenrecht nicht verletzt, sagt er. Die Urteile sind zwar noch nicht rechtskräftig, jedoch stuft Ronneburger das Risiko für Anbieter von "Spuckschutzen" als gering ein, dass Gerichte hierin eine Markenverletzung sehen, sofern diese den Begriff ausschließlich beschreibend nutzen. Er verweist jedoch darauf, dass dies stets im Einzelfall geprüft werden müsste.

Auch das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) bestätigte unlängst: "Der Inhaber der Marke Spuckschutz verfügt über kein bedingungsloses Recht, anderen Unternehmen die Benutzung dieses Begriffs zur Beschreibung ihrer Waren zu verbieten."

UV-Strahler von Diskothek aufgekauft

Aktuell ist Müller damit beschäftigt sämtliche Hygieneschutzwände des UKT etappenweise mit einem "Akustik-Feld" auszustatten. "Immer freitags hole ich den Hygieneschutz ab, bis Montagmorgen sind die modifizierten Modelle dann installiert", sagt er. Jedes Teil wird auf Maß gefertigt.

Um so zügig produzieren zu können, musste der Glasermeister zu einer auf den ersten Blick ungewöhnlichen Maßnahme greifen – mitten im Shutdown kaufte er das Beleuchtungsequipment einer Diskothek. Aus gutem Grund: Denn seine Hygieneschutzwände verklebt Müller mit einem speziellen UV-Kleber. Dieser härtet deutlich schneller und fester unter starkem UV-Licht aus, hierfür seien die UV-LED-Scheinwerfer des Tanzlokals ideal. Und an diese sei er auf diese Weise günstiger herangekommen als im Handel.

Designschutz für Hygieneschutz mit Akustik-Feld angemeldet

Für seinen Hygieneschutz mit Akustik-Feld hat der Glasermeister jetzt einen EU-weiten Designschutz angemeldet. Andere Hersteller dürfen das eingetragene Design dann nur noch anbieten, wenn Müller dem vorher zugestimmt hat. "Ich hätte gar nichts dagegen, wenn andere meine Lösung kopieren, aber ich wüsste gern darüber Bescheid", sagt er. Ohnehin könne er mit seinem Ein-Mann-Betrieb nicht ganz Deutschland beliefern. "Mir liegt sehr daran, dass die Pandemie bald überwunden ist." Sein Wissen möchte er deshalb gerne teilen. "Ich biete jedem meine Hilfe an, der mehr darüber erfahren will, wie ich bei meinem Hygieneschutz vorgegangen bin", verspricht er.

Hygieneschutz mit Akustik-Feld: Jedes Teil eine Einzelfertigung
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