Mittelstand in den öffentlich-rechtlichen Medien Rückblick auf das TV-Jahr 2020: So wurde über das Handwerk berichtet

Die diesjährige TV-Programm der Öffentlich-Rechtlichen war geprägt von der Corona-Krise – und aus der Sicht des Handwerks eher durchwachsen. Sorgenvolle Reportagen um die Zukunft des Mittelstands wechselten sich mit Talkshows ab, in denen kaum einmal Vertreter dieser Wirtschaftsbereiche zu Wort kamen. Und echter Unternehmergeist fand kaum einen Platz. Immerhin: Es gibt auch positive Beispiele.

Markus Riedl

Ein kritischer Rückblick auf das TV-Jahr 2020 aus Handwerkssicht. Warum die Öffentlich-Rechtlichen bei ihrer Berichterstattung Luft nach oben haben – und was die Gründe hierfür sind. – © IvicaNS – stock.adobe.com

Als Maybrit Illner Ende November am Tag nach den Beschlüssen für eine Verlängerung des Lockdowns bis mindestens Januar zu dem Thema talkte, das seit Monaten alle Medien dominiert, waren fast alle mit an Bord. Von einem Wissenschaftsjournalisten über eine Ärztin, eine Psychologin und sogar einen Comedian bis hin zur großen Politik saßen Vertreter von Handelnden und Betroffenen in der ZDF-Talkshow – nur niemand aus der Wirtschaft, und erst recht niemand aus dem Mittelstand oder dem Handwerk. Dabei hätte der Titel der Sendung – „Fest ohne Freude – wie lang wird der Corona-Winter?“ – durchaus auch die Gefühlslage und die zentrale Fragestellung, die den Mittelstand umtreibt, bestens beschrieben.

Auch in anderen Talkshows, das ARD-Format „hart aber fair“ vielleicht hin und wieder ausgenommen, sind Wirtschafts- oder gar Mittelstands-Vertreter rar gesät – und das Handwerk kommt zudem in vielen Reportagen und Beiträgen zwar nicht unbedingt schlecht weg, wird aber sehr holzschnittartig beschrieben.

Woran liegt das? Der Mittelstand – zu dem auch ein Großteil der Handwerksbetriebe zählt – hat es grundsätzlich nicht leicht in Deutschland. In Sonntagsreden von der Politik als Motor der Wirtschaft, als Herzstück des deutschen Arbeitsmarkts gepriesen, behandeln ihn Gesellschaft und Medien – und hier vor allem die öffentlich-rechtlichen Anstalten – in der Realität oft eher stiefmütterlich. So wurden auch im zu Ende gehenden Jahr meist allzu grobe Stanzen gezeigt.

Fokus auf Überbrückungshilfen, kaum auf Sinn und Unsinn der Corona-Maßnahmen

In der Corona-Krise, die auch das TV-Jahr 2020 beherrschte,  war der Mittelstand zwar in vielen Beiträgen plötzlich der wichtigste Teil der deutschen Wirtschaft, das Zugpferd des Arbeitsmarkts, das nun vor einer unsicheren Zukunft stehe und gefälligst vom Staat gerettet werden müsse. Doch genau aufgrund dieses verengten Blickwinkels ging es in zahlreichen Reportagen und Sendungen oft nur darum, wann endlich die Sofort- oder Überbrückungshilfe auf dem Konto eingehen würde – und zwar im Brustton der Empörung.

Viel zu selten wurde thematisiert, dass so gut wie kein mittelständischer Unternehmer, ob aus dem Handwerk, aus der Gastronomie oder dem Handel, auf staatliche Hilfen angewiesen sein möchte. Sicherlich, dass Bund und Länder den von ihnen verhängten Lockdown kompensieren mussten, lag auf der Hand. Doch anstelle des auf den Staat angewiesenen Unternehmers hätte man auch gerne mal einen Handwerker im TV gesehen, der sich nicht nur darüber beschwert, dass die Hilfen nicht kommen, sondern dass die Wirtschaft und deren Rolle bei der Schaffung von Wohlstand als Basis des Landes in den mitunter sehr einfach gestrickten Schließungs-Plänen der Politik zu kurz kommt und er gerne ohne staatliche Hilfe seinem Beruf nachgehen möchte.

Klassisches Unternehmertum, auch mal hart und knorrig anstatt brav auf der vorgegebenen Linie, auch mal nicht ganz zeitkonform, hätte seinen Platz verdient gehabt. Solche Stimmen waren indes eher Mangelware – und das hat Gründe.

Journalisten-Nachwuchs fehlt der Kontakt zur Realität

Norbert Bolz, emeritierter Professor für Medienwissenschaftler von der TU Berlin, macht etwa eine generelle Unwucht in der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien für solche Befunde verantwortlich. „Diejenigen, die den Laden in diesem Land am Laufen halten, kommen in der medialen Öffentlichkeit nicht vor“, bemängelt er im Gespräch mit der Deutschen Handwerks Zeitung.

Verantwortlich dafür sei auch die Art, wie und woher gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Nachwuchs rekrutiere. „Die Leute kommen von der Uni direkt in die Redaktionen, ohne die Realität des Arbeitslebens etwa im Mittelstand gesehen zu haben. Durch diesen fehlenden Realitätskontakt setzen Reifeprozesse verspätet ein, und man muss sich über eine gewissen Infantilität der Berichterstattung nicht wundern.“

In der Tat tritt diese Infantilität am sichtbarsten zu Tage, wenn Wirtschafts- oder Verbrauchermagazine Handwerker testen. Eigentlich war das mal eine Domäne der Privatsender, doch immer öfter machen sich auch ARD und ZDF und die Dritten an dieses Format – teilweise gibt es das schon als Serie. Da werden dann versteckte Kameras positioniert, an Spül- oder Waschmaschinen oder sogar Solaranlagen noch die aberwitzigsten Defekte simuliert, und dann kommt der arme Tropf von Handwerker, übersieht leider genau diese Fehler – und schon ist er unten durch. Die generelle Eignung wird angezweifelt, meist hilft noch ein Experte dabei mit.

Hintergründe wie Termindruck und Stress oder hohe Erwartungen der Kunden bei geringer Zahlungsbereitschaft – all das spielt so gut wie nie eine Rolle im Gesamtbild, der schnelle Effekt zählt. Das hat manchmal einen gewissen Unterhaltungs-, selten aber Nutzwert, bedient meist eher plumpen Voyeurismus und Humor und findet deshalb auf dem genannten infantilen Niveau statt. Öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag ist darin meist nur schwer zu erkennen.

Verträumte Reportagen über „alte Gewerke“ – meist ohne Tiefgang

Und wenn es dann mal nicht der unpünktlich-inkompetente Verbraucherschreck ist, als der er dargestellt wird, ist der Handwerker oft der Hauptdarsteller in verträumten Reportagen über „alte Gewerke“ oder den letzten Bäcker oder Metzger im Ort, die streng traditionell arbeiten, ohne die berüchtigten Zusatzstoffe oder rein nach Bio-Standards. Da war auch in TV-Kritiken auf dieser Seite schon die Rede vom „positiven Bild“, das vom Handwerk vermittelt werde – aber viel mehr bleibt da oft eben auch nicht hängen. Schon gar nicht beantworten diese Sendungen die stets im Raum stehende Frage, was sich daraus denn für den Durchschnitts-Bäcker oder -Metzger als Quintessenz ergäbe, und ob überhaupt ein breiter Markt für derartige Produkte vorhanden wäre.

Das Problem sind auch gar nicht die genannten Themensetzungen an sich, sondern deren Häufung im öffentlich-rechtlichen Programm, die nichts mit der Realität da draußen zu tun hat. Medienwissenschaftler Bolz nennt das „journalistisches Desinteresse an der Regularität des Alltags“, sprich: Was normal läuft, kommt in den Medien nicht vor, es muss immer das Spezielle sein – und Nutzwert wie Tipps zu Steuern und Finanzen spielen schon gar keine Rolle, außer auf sehr grobem Korn beim Verbraucher-Journalismus. Der erklärt zwar, ob Bio wirklich Bio ist, aber nicht, wie ein Verlustvortrag in der Krise funktioniert.

Warum immer wieder dieselben Gäste eingeladen werden

Bei den großen Talkshows hingegen jagen die Redaktionen häufig dem Regulären, Altbekanntem nach. Wer den größten Namen hat, schon oft zu Gast war und somit möglichst wenig Vorbereitung benötigt, kommt rein. Zugegeben, das klingt überspitzt, doch gerade bei der Besetzung dieser Shows mit Vertretern der Wirtschaft klingelt man – „hart aber fair“ erneut in Teilen ausgenommen – vornehmlich in den Chefetagen der Konzerne durch.

Aktuelles Beispiel: Siemens-Chef Joe Kaeser durfte vergangene Woche bei Maischberger über die Aussichten „der Wirtschaft“ angesichts des Lockdowns erzählen. Natürlich hat Siemens viele Mitarbeiter und agiert global, doch für die Breite der deutschen Wirtschaft, zumal für Mittelstand oder Handwerk, ist der ganz gut durch die Krise kommende Großkonzern nun wirklich nicht sprechfähig. Solche Fehleinschätzungen ziehen sich durch das Programm der öffentlich-rechtlichen Medien, wenn es um Mittelstand und Handwerk geht.

Positive Ausnahmen

Aber es gibt auch positive Beispiele. Wenn etwa das Schicksal von der Zweirad-Branche in der Krise ganz sachlich und umfassend ausgeleuchtet wird. Oder wenn sich eine Talkshow mit dem Regelungswahn in Deutschland beschäftigt, einem Problem, das durch die Krise sogar noch an Bedeutung gewinnen dürfte und das jeden Mittelständler betrifft. Und bei einigen anderen mehr. Die meisten positiven Ausnahmen findet man bei „hart aber fair“ oder den eigenständigen Reportageformaten. Meist allerdings gleicht das Bild von Handwerk und Mittelstand im TV – übrigens oft genug auch in den privaten Sendern – einer ziemlich einfachen Stanze.

Wenn „Mundwerksburschen“ über „Handwerksburschen“ berichten

Medienexperte Bolz sieht den Grund dafür im Rückgriff auf ein Bonmot des Soziologen Arnold Gehlen im Unterschied zwischen der Welt der „Mundwerksburschen“, die den medialen Diskurs dominierten, und der inmitten der harten Realität arbeitenden Handwerksburschen. Es sei schwer, gegen diese Entwicklung anzugehen. Angesichts zahlreicher gesendeter Beispiele scheint da etwas dran zu sein. Aber die Hoffnung bleibt: Vielleicht lassen sich ja beide Welten wenigstens mittel- bis langfristig wieder besser miteinander verbinden.