Ratgeber + Unterhaltung -

TV-Kritik: ZDF Reportage über "die neue Lust am Radfahren" Der Fahrrad-Boom und seine Auswirkungen

Viele Gewerke haben die Auswirkungen der Corona-Krise schmerzlich erfahren und sind noch immer am Kämpfen. Schnell erholt vom Shutdown hat sich hingegen die Zweirad-Branche, sie erlebt derzeit sogar einen Boom bei Verkäufen und Werkstatt-Dienstleistungen. Das ZDF hat sich auf die Suche nach den Gründen für diese Entwicklung gemacht – und eine informative, sehr umfassende Reportage vorgelegt.

Die Werkstatt hatte auch während des Shutdowns immer etwas zu tun, aber die Filialen der Fahrrad-Kette "Lucky Bike" mussten in diesen Wochen geschlossen bleiben. In zwei Schichten arbeiteten die Mechaniker, aber die Unsicherheit war damals groß, wie es weitergehen sollte, wenn kein einziges Rad verkauft wird. Mittlerweile sieht der Wiesbadener Filialleiter der Kette, Michael Stille, trotz der allfälligen Maske recht zuversichtlich aus. "Die Leute kaufen sich hier ein Hobby", sagt er über das Verhalten der Kundschaft in den vergangenen Monaten – und die Stimme aus dem Off erklärt, die Branche boome seit dem Ende des Shutdowns.

Denn es handelt sich offenbar um ein Hobby, dem die Deutschen gerade exzessiv nachgehen - und das sie sich auch einiges kosten lassen. "Wir hatten Angst um unsere Existenz, haben den Versand hochgefahren und unsere Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt", beschreibt Lucky-Bike-Mitinhaber Christian Morgenroth die Situation während des Shutdowns, um dann in Superlativen zu schwelgen. Die Branche sei danach "explodiert", man mache Umsätze, "die wir nie vorher gehabt haben", und man befinde sich seit mittlerweile vier Monaten "im Ausnahmezustand" - wobei Letzteres natürlich positive gemeint ist.

Mehr Verkäufe insgesamt, ein Drittel sind E-Bikes

Die Kundschaft muss in diesem Ausnahmezustand schon mal mehrere Monate warten, bis ihre neuen Räder fertig sind, wie ein älteres Ehepaar, das sich zwei E-Bikes angeschafft hat und nun zu größeren Touren aufbrechen will. Im Schnitt kostet so ein Rad mit Motor 2.800 Euro, aber es sind auch weit höhere Preise möglich. Da rollt der Rubel in der Branche, denn gut ein Drittel aller verkauften Fahrräder, zeigt das ZDF mit Zahlen des Zweirad-Industrie-Verbands auf, waren im ersten Halbjahr 2020 E-Bikes. In toto nahmen die Fahrradverkäufe im selben Zeitraum verglichen mit dem Vorjahreszeitraum um neun Prozent zu.

Vieles in der Fahrrad-Produktion bleibt Handarbeit

Das wirkt sich natürlich auch bei den Herstellern positiv aus. Das ZDF besuchte die Firma Diamant, die schon in der DDR Zweiräder baute und das noch heute tut . Um 70 Prozent sind die Aufträge im Jahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, die Monteure und Mechaniker arbeiten im Zweischichtbetrieb an der Produktion. Neben stark standardisierten Prozessen "auf der Line", also in der Endfertigung, ist dort auch noch einiges an klassischer Handarbeit gefragt. In der Vormontage bauen die Monteure beispielsweise Felgen und Speichen zusammen, montieren die Lenker mit Bremsgriffen, Klingen und vielem mehr vor oder passen die Gabeln an. In den großen Werkshallen wuseln die Mitarbeiter auf den Bildern des ZDF nur so durcheinander, es herrscht, das bleibt dem Zuschauer im Kopf, rege Betriebsamkeit. Die Corona-Krise, sie hat also auch ihre Gewinner, auch im Handwerk. Einziges Problem bei Diamant war, dass die Grenzen während des Höhepunkts der Pandemie im März und April 2020 geschlossen waren und deshalb viele Mitarbeiter nicht zur Arbeit kommen konnten, da sie aus Tschechien oder Polen stammen.

Damals musste die Produktion vorübergehend zurückgefahren werden, stand aber zu keinem Zeitpunkt still, erklärt Alexander Kober, Qualitätsmanager bei Diamant. Doch das ist vergessen, mittlerweile spricht er wie die Händler aus Wiesbaden in Superlativen, nennt das, was derzeit passiert, einen "extremen Bike-Boom, nicht nur in Deutschland, auch in Europa". Alle Räder, die in der Montage seien, seien bereits an Händler verkauft, es gehe kein einziges in die Lagerhaltung. Pro Jahr werden bei Diamant etwa 250.000 Fahrräder verkauft, gut die Hälfte davon - natürlich - E-Bikes im Preisbereich von mehreren Tausend Euro. Der Boom in der Branche - er mutet auf den Bildern des ZDF und angesichts der vorgestellten Zahlen mitunter etwas bizarr an, wenn man ihn gedanklich mit der allgemeinen Situation im Land kontrastiert. Und nicht nur größere Hersteller, sondern auch kleinere Handwerker haben etwas davon.

Lese-Tipp: >> E-Bike: 5 Dinge, die Sie beim Kauf beachten sollten <<

Auch kleine Händler und Mechaniker profitieren - Trend zum Lastenrad

Denn kleine Geschäfte, in denen Räder sowohl verkauft als auch repariert werden, boomen mitten in der Krise ebenso. Das ZDF zeigt dies eindrücklich am Beispiel der Bikestation in Köln. Dort werden Räder im Akkord zur Reparatur abgegeben, die beiden Mechaniker haben alle Hände voll zu tun, stellen Bremsen ein, ziehen Speichen nach - alles, was gerade so anfällt, und das bei 20 bis 30 Rädern pro Tag. Durch Corona sei es schon mehr Arbeit geworden, sagt Inhaber Marcus Mücke. Ein spezieller Trend ist dabei das Lastenrad, mit dem die Leute nicht nur Waren und Gepäck aller Art, sondern vor allem ihre kleinen Kinder transportieren. Die Kölner verkaufen und reparieren solche Fahrzeuge. Auch Handwerker nutzten diese Art von Rädern, erklärt Mücke, und beladen sie dafür mit ihrem Werkzeug. Gerade in großen Städten kann man damit durchaus mobil sein und hält sich auch noch fit. Und das Gute für die Mechaniker: Weil die Zweiräder immer komplexer werden, was die Elektromotoren und den grundsätzlichen Aufbau angeht, werden auch immer mehr Routineinspektionen fällig, die neben dem reinen Verkauf für Umsatz sorgen. Auch hier gilt also: Die Branche boomt.

Es gibt auch negative Seiten, aber die Branche boomt

Weitere eindrucksvolle Belege für diese These lieferte das ZDF noch mit der Begleitung einer Gruppe älterer Menschen, die größtenteils per E-Bike an einer geführten, mehrtägigen Fahrradtour in Franken teilnimmt – inklusive Unfall und Rettungsdienst-Einsatz, und mit einem Blick über die Schulter der Fahrradstreife der Mainzer Polizei, die an vorderster Front sowohl gegen Radweg-Parker als auch gegen telefonierende Radfahrer kämpft. Denn der Boom bringt neben den positiven Seiten für die Zweiradbranche auch den einen oder anderen negativen Aspekt mit sich, wie mehr Gedränge auf den Straßen in den Städten oder mehr Unfälle mit Fahrrad-Beteiligung. Alles in allem vermittelte die Reportage des ZDF auf ihre ausgewogene Art und Weise ein sehr eindrucksvolles, realistisches und umfassendes Bild des neuen Fahrrad-Booms – und zeigte auf sachlich-positive Art, dass es auch in diesen Corona-Zeiten noch Branchen gibt, in denen es sehr gut läuft.

>> Link zur Sendung <<

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten