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Corona-Pandemie "Wurden wir übersehen?": Kosmetiker fordern Ende der Zwangspause

Warum sollen sich Friseursalons auf eine Wiedereröffnung vorbereiten, Nagelstudios, Kosmetik- und Fußpflegebetriebe aber nicht? Die Ankündigung von Bund und Ländern stößt in Teilen der Branche auf Unverständnis. Herstellerverbände fordern die Betriebsschließungen aufzuheben, die Kosmetik & Beauty Gesellschaft warnt vor einer überstürzten Rückkehr.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Coronavirus

Vor mehr als einem Monat kam die Hiobsbotschaft: Nagelstudios, Kosmetik- und Fußpflegebetriebe mussten aufgrund der Corona-Pandemie bis auf weiteres schließen. Lediglich medizinisch notwendige Leistungen blieben gestattet. Bis heute warten die betroffenen Betriebe darauf, ihre Arbeit wieder aufnehmen zu dürfen.

Wie Friseure zählen Kosmetiker im Handwerk zu den bislang größten Verlierern der Corona-Krise. Durch die angeordneten Betriebsschließungen erlitten die Geschäfte einen nahezu 100-prozentigen Umsatzausfall, so die Ergebnisse einer Umfrage des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) Anfang April. 98 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Betrieb derzeit geschlossen ist. Jeder weitere Tag ohne Einnahmen, rückt die rund 60.000 Betriebe näher an die finanzielle Belastungsgrenze. Staatliche Soforthilfen und Kreditprogramme können die Nöte nur bedingt lindern.

>>> Lesetipp: Übersicht: Wo Fußpflegen, Kosmetik- und Nagelstudios öffnen dürfen

Söder macht Fußpflegebetrieben Hoffnung

Für Friseursalons kündigten Bund und Länder inzwischen an, dass es aller Voraussicht nach ab dem 4. Mai – unter Auflagen – weitergehen kann. Für Nagelstudios, Kosmetik- und Fußpflegebetriebe bleibt die Lage jedoch weiterhin unklar. Das sorgt in Teilen der Branche für Unverständnis.

"Wurden wir übersehen?", fragt DHZ-Leserin Ophra Brandlhuber auf Facebook. Die Kosmetikerin berichtet von eingewachsenen Nägeln bis hin zum Hühnerauge. Und resigniert: "Das Wohl der Füße interessiert keinen." Auch auf Twitter sorgt das Vorgehen der Regierung für Kopfschütteln: "Wir bieten viele Anwendungen an, bei denen der Abstand größer ist als bei Friseuren", schreibt Doris Vogl, Inhaberin der "KosmetikOase" in Oberasbach. Den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder bat sie deshalb um Klarstellung. Es sei beabsichtigt, neben Friseuren auch Fußpflegegeschäfte ab dem 4. Mai wieder zu öffnen, hatte dieser am 16. April verkündet. Ein Hoffnungsschimmer für die bundesweit rund 200.000 Beschäftigten, doch eine Antwort oder offizielle Bestätigung steht bislang aus. Das Bayerische Wirtschaftsministerium teilte lediglich mit, man werde dies "in den kommenden Wochen" entscheiden und rechtzeitig kommunizieren, damit den Betrieben genügend Vorlauf für Vorbereitungen bleibt.

Warum Nagelstudios, Kosmetik- und Fußpflegebetriebe vorerst nicht öffnen dürfen

Zur Begründung, warum Dienstleistungsbetriebe im Bereich der Körperpflege weiterhin geschlossen bleiben müssen, heißt es im jüngsten Bund-Länder-Beschluss, die körperliche Nähe sei in diesen Berufen "unabdingbar". Lediglich die medizinische Fußpflege bleibt in einigen Bundesländern erlaubt. Wobei auch hier uneinheitlich geregelt ist, was als medizinisch notwendig einzustufen ist und wie der Nachweis zu erfolgen hat.

Körperliche Nähe ist zwar auch bei Friseurdienstleistungen unvermeidbar, dennoch sollen sie sich auf eine Wiederöffnung ab dem 4. Mai vorbereiten. "Bei der Entscheidung welche Geschäfte im Rahmen eines stufenweisen Vorgehens zuerst geöffnet werden, spielt die Frage eine wichtige Rolle, inwieweit sie jeweils zur Deckung des Grundbedarfs von Bürgerinnen und Bürgern beitragen, der anderweitig nicht gedeckt werden kann. Der Gang zum Friseur gehört für weite Teile der Bevölkerung zum Grundbedarf", begründet etwa die baden-württembergische Landesregierung ihr Vorgehen.

Kosmetikverbände argumentieren in Positionspapier für Ende der Corona-Zwangspause

Herstellerverbände kritisieren die mangelnde Wertschätzung für die Branche. Auch dem Kosmetikhandwerk komme eine hohe gesellschaftliche Bedeutung bei der Gesunderhaltung und dem Wohlbefinden zu, betonen der VCP Verband Cosmetic Professional (VCP) und der VKE-Kosmetikverband. In einem gemeinsamen Positionspapier fordern sie die Schließungsanordnungen mit sofortiger Wirkung aufzuheben. "Wegen der besonderen Funktion in der Gesunderhaltung der Haut, gerade auch im Bereich von unreiner Haut/Aknetoilette, und der Zusammenarbeit mit Ärzten bei der Erkennung von Anomalien der Haut, gehört das Kosmetikhandwerk in die Gruppe der systemerhaltenden Berufe mit Nähe zu Gesundheitsdienstleistern", heißt es in dem Papier.

Als Argument führen VCP und VKE an, Kosmetikinstitute seien schon immer an hohe Hygiene-Standards gewöhnt. "Es existieren insofern strenge Hygiene-Pläne, die bereits vor der Corona-Krise regelmäßig praktiziert wurden." Zusätzliche Maßnahmen wie das Tragen von Schutzkleidung könnten problemlos in die Praxis umgesetzt werden. In ihrem Papier sprechen sie sich für ein Schutzkonzept aus, das sich in Teilen an dem der Friseure orientiert.

"Was wir brauchen ist ein gut bedachtes Konzept"

Gegenwind innerhalb der Branche kommt von der Kosmetik & Beauty Gesellschaft . "Anders als reine Herstellerverbände setzen wir uns für jene ein, die das Handwerk tatsächlich ausführen", sagt Initiatorin Daisy Nancy Horn. Zwar befürworte auch sie eine schrittweise Öffnung von Kosmetikstudios unter besonderen Hygienebedingungen, jedoch nicht mit der Brechstange.

Bei der Entscheidung für oder gegen ein Ende der Zwangspause müsse vorsichtig zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Interessen abgewogen werden, warnt sie."Was wir brauchen ist ein gut bedachtes Konzept, auf Basis einer Risikobewertung, die alle Interessengruppen mit einbezieht." Die von VCP und VKE vorgelegten Schutzmaßnahmen hält Horn für unzureichend in Anbetracht der gesundheitlichen Bedrohung. Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für EU-Konformität (DEGEUK) hat die Kosmetik & Beauty Gesellschaft deshalb ein eigenes Positionspapier mit möglichen Maßnahmen erarbeitet.

Dieses sieht anders als das Konzept der Herstellerverbände unter anderem eine Maskenpflicht sowohl für Kunden als auch Beschäftigte sowie je nach Behandlungsmethode ein Gesichtsvisier oder eine Trennscheibe vor.  Zudem sollten Hochrisikogruppen dem Papier zufolge von einer Behandlung ausgeschlossen werden.

ZDH macht sich auf Bund- und Länderebene stark

Welche Auflagen für eine Wiedereröffnung letztlich gemacht werden, müssen Bundesarbeitsministerium und Unfallversicherungsträger spätestens dann festlegen, wenn Bund und Länder die Freigabe für Nagelstudios, Kosmetik- und Fußpflegebetriebe erteilen.

Der ZDH teilte mit, man setze sich dafür ein, dass die neuen Länderverordnungen ab dem 4. Mai eine einheitliche Regelung für die persönlichen Dienstleistungsbereiche im Handwerk vorsehen. Zudem dringe der ZDH auf eine Gleichbehandlung der Handwerke, soweit die jeweils notwendigen Schutzanforderungen bei körpernahen Diensten eingehalten werden können.

Stefanie Peters-Neundörffer, Inhaberin der "Kosmetik & Fußpflege Zeitlos schön", sieht sich wie viele ihrer Kollegen gerüstet für den Neustart. "Ich könnte sofort starten", kommentiert sie auf der DHZ-Facebookseite. "Meine Kunden wären dankbar."

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