Übergabe So gelingt die Betriebsnachfolge im Handwerk

Aktuell sind viele Handwerksbetriebe nicht nur mit der Fachkräftesicherung gefordert, sondern auch mit der Suche nach geeigneten Nachfolgern. Am Beispiel der Motorradbranche zeigt sich, wie eine Übergabe am besten angegangen und durchgezogen wird.

Mann in Werkstatt repariert Motorrad.
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) geht davon aus, dass mindestens 125.000 Familienbetriebe in den nächsten fünf Jahren einen Unternehmensnachfolger suchen werden. Dazu zählen auch Betriebe der Zweiradbranche. - © rh2010 - stock.adobe.com

Es liegt auf der Hand, dass durch die demografische Entwicklung der Gesellschaft die Anzahl potenzieller Betriebsnachfolger abnehmen wird. Wenn jedoch der Erhalt von Handwerksunternehmen insbesondere im ländlichen Raum nicht gelingen sollte, werden wichtige Strukturen wegbrechen. Auch attraktive Beschäftigungssituationen für qualifizierte Handwerker in festen Beschäftigungsverhältnissen, wie zum Beispiel in der Industrie, erschweren diese Situation.

Ist es also aussichtslos, einen Nachfolger etwa für den eigenen Motorradbetrieb zu finden, in den so viel Herzblut geflossen ist und aus dem die Altersvorsorge bestritten werden soll? Wer besitzt die notwendigen Qualifikationen und ist zur Übernahme bereit, wenn der Eigentümer altersbedingt, durch eine Neufokussierung auf andere Projekte oder plötzlich aufgrund von Unfall, Krankheit oder Tod ausscheidet? Und wer ist bereit, nicht nur die Chancen, sondern auch die Risiken, die eine Betriebsübernahme birgt, zu tragen?

Harte Fakten

In 2021 wurden insgesamt 607.000 Existenzgründungen verzeichnet – diese schließen nicht nur Neugründungen, sondern auch Betriebsnachfolgen ein. Nach dem Corona-Knick im ersten Jahr der Pandemie sind sie wieder auf Vorkrisenniveau gestiegen, wie die Förderbank KfW mit Blick auf die Resultate ihres jährlich durchgeführten Gründungsmonitors mitteilt.

Der Gründungsmonitor basiert auf einer repräsentativen Marktforschungsstudie und zeigt, dass die meisten Existenzgründungen Neugründungen waren. Die Zahl der Betriebsübernahmen sank dagegen auf einen neuen Tiefpunkt. Den Hauptgrund dafür sieht die Chefvolkswirtin der Förderbank, Fritzi Köhler-Geib, im demografischen Wandel. Sie betont, dass eine Nachfolge von langer Hand geplant sein muss und dass nicht jeder, der eine Gründung plant, diese auch zum Abschluss bringt. Die höchsten Gründungsbarrieren stellen finanzielle Risiken und Finanzierungsschwierigkeiten dar.

Das tatsächliche Nachfolgeschehen lässt sich in Deutschland nicht objektiv abbilden, da hierzu keine amtlichen Statistiken existieren. Das Institut für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn bedient sich in diesem Fall eines speziell hierfür entwickelten Schätzverfahrens, das bis 2026 von etwa 38.000 Übergaben pro Jahr ausgeht. Über ein Viertel der Übernahmen wird im produzierenden Gewerbe stattfinden und knapp die Hälfte im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen – also auch in Instandsetzung und Reparatur von Motorrädern.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) nimmt an, dass mindestens 125.000 Familienbetriebe in den nächsten fünf Jahren einen Unternehmensnachfolger suchen werden. "Und wenn man weiß, dass jeder Betrieb durchschnittlich fünf, sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, dann reden wir ganz schnell von 600.000 bis 800.000 Beschäftigten bundesweit", erklärt ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke.

Tatsache ist, dass etwa die Hälfte aller Firmeninhaber derzeit 55 Jahre und älter ist, was laut ZEN (Zentrum für Betriebsnachfolge der Handwerkskammer Ulm) bedeutet, dass in den kommenden zehn Jahren etwa jeder vierte Handwerksbetrieb vor der Übergabe steht. Aufgrund dieser Tatsache ist anzuraten, dass sich Selbständige, die sich in dieser Situation befinden, umgehend mit dem Thema auseinandersetzen, um genügend zeitlichen Spielraum für die Nachfolgesuche zu haben.

Onlinebörsen zur ersten Orientierung

Bei der Planung der eigenen Nachfolge sollten sich diejenigen, die ihren Betrieb abgeben möchten, im Vorfeld einige grundlegende Fragen beantworten (Quelle: BMWi: Unternehmensnachfolge – Die optimale Planung):

  • Welche fachlichen und menschlichen Qualifikationen waren erforderlich, um das Unternehmen aufzubauen?
  • Welchen fachlichen und menschlichen Qualifikationen sind erforderlich, um das Unternehmen fortzuführen?
  • Wer besitzt diese Qualifikationen? (nennen Sie geeignete Personen, unabhängig davon, ob sie aus dem Kreis der Familie, des Unternehmens, aus dem Konkurrenzunternehmen oder aus dem Bekanntenkreis stammen)
  • Hat der potenzielle Nachfolger bereits erfolgreich in anderen Unternehmen gearbeitet?
  • Welche Zeugnisse und Zertifikate über seine fachlichen, beruflichen und sonstigen Qualifikationen kann der Nachfolger aufweisen?

Falls sich niemand aus der eigenen Familie, ein Miteigentümer, eine Person aus der Belegschaft oder eines Mitbewerbers für die Nachfolge finden lässt, der qualifiziert und zu einer Übernahme bereit ist, ergibt es auf Unternehmerseite wenig Sinn, sich auf gut Glück auf die Suche nach einem geeigneten Kandidaten zu begeben.

Es gibt externe, alternative Nachfolgelösungen, wie die Einstellung eines Geschäftsführers oder den Verkauf des Unternehmens an einen Investor. Ein Privatinvestor ist an einer langfristigen Weiterführung des bisherigen Motorradbetriebs interessiert, um seine persönliche Existenz zu sichern. Möglich wäre auch, das Unternehmen an einen strategischen Investor zu verkaufen, wie beispielsweise einem Wettbewerber aus der Motorradbranche oder einem Investor einer angrenzenden, ergänzenden Branche, der sein eigenes Geschäftsmodell über den Zukauf des Betriebs stärken möchte.

Wer sich auf die Suche nach einem Investor begibt, erhält durch den Besuch von Online-Unternehmensnachfolgebörsen erste Orientierung. Das Existenzgründungsportal des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) betreibt beispielsweise die Unternehmensnachfolgebörse nexxt-change (https://www.nexxt-change.org). Ziel dieser Börse ist, einen Kontakt zwischen Unternehmern und Nachfolgern herzustellen. Es gibt zudem zahlreiche Checklisten, die für grundlegende Informationen hilfreich sind (https://www.existenzgruender.de/DE/Planer-Hilfen/Checklisten-Uebersichten/Unternehmensnachfolge/inhalt.html).

Regionalpartner bieten fachkundige Unterstützung

Die Unternehmensnachfolgebörse wird von verschiedenen Regionalpartnern unterstützt. Unabhängig davon, ob ein Übergeber in der Börse tatsächlich ad hoc einen potenziellen Übernehmer findet oder nicht, ist es sinnvoll, Regionalpartner zu Rate zu ziehen. Diese sind:

  • Handwerkskammern,
  • im Falle der Motorradbranche: Bundesinnungsverband Zweirad-Handwerk, Vereinigung des Fahrrad- und Kraftrad-Gewerbes; die Betriebebörse www.zweiradberufe.de,
  • KfW-Förderbank und Förderbanken der Länder,
  • Bürgschaftsbanken und deren Beteiligungsgesellschaften,
  • Volksbanken und Raiffeisenbanken,
  • Sparkassen,
  • Beratungsunternehmen der genossenschaftlichen Bankengruppe, der Sparkassen-Finanzgruppe und der Handwerksorganisation Wirtschaftsfördergesellschaften des Deutschen Verbands der Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaften. e.V. und
  • RKW-Landesorganisationen.

Das Team von Frank Dittmar, Präsident der Handwerkskammer Kassel, berät und begleitet Betriebsinhaber, die ihre Nachfolge regeln wollen. Er erläutert: "Mit unseren Betriebsberatern halten wir ein umfassendes und kostenfreies Beratungsangebot bereit, das von der Gründung bis zur Übergabe alle wichtigen Bereiche umfasst. Neben der betriebswirtschaftlichen und technischen Unterstützung sowie der Digitalisierungsberatung stellt die Betriebsnachfolge einen besonderen Schwerpunkt für uns dar. Dieses Thema hat hohe Priorität und wird von einem unserer Berater hauptsächlich bearbeitet.“

In der Orientierungsphase können und sollten auch Angebote weiterer Regionalpartner wahrgenommen werden, die beispielsweise Vorträge zur Betriebsübergabe oder zur Finanzierung anbieten. Sie bedienen auch weitere Gebiete, wie die konkrete Suche nach potenziellen Nachfolgern, die Moderation von Gesprächen zwischen Übergeber und potenziellem Übernehmer sowie die Erstellung eines Übernahmefahrplans. Sie binden Experten in den Übernahmeprozess ein, die sich um Bewertung, Finanzierungsmöglichkeiten und rechtliche Fragen kümmern.

In diesem Stadium sollte sich der künftige Vorbesitzer ebenfalls mit der Perspektive seines potenziellen Nachfolgers auseinandersetzen, bevor es zu ersten Gesprächen kommt, denn dieser wird möglicherweise zwischen Betriebsübernahme und Neugründung abwägen. Hierbei geht es nicht darum, einem möglichen Nachfolger gute Argumente für eine Betriebsübernahme zu liefern, sondern darum, eine reelle Übernahme ohne unangenehme Überraschungen herbeizuführen.

Perspektivwechsel: Wie attraktiv sind Betriebsübernahmen als Gründungsform?

Für viele klingt Selbstständigkeit erst einmal verlockend. Es bedeutet, viele Freiheiten zu genießen und nicht weisungsgebunden zu sein – aber auch, das unternehmerische Risiko zu tragen und auf eigene Rechnung zu arbeiten. Zeitmanagement, Selbstdisziplin, Organisationstalent, Kommunikationsfähigkeit und ein gesunder Umgang mit Stress sowie viel Leistungsbereitschaft sind Grundvoraussetzungen für einen guten Start in die Selbständigkeit. Auch qualifizierte Kenntnisse in Marketing, Buchhaltung und Steuern sind erforderlich.

Finanzierungsfragen, die Gestaltung des Arbeitsalltags, die Ausstattung der betrieblichen Räume und der Werkstatt sowie die Mitarbeitersuche sind ebenfalls zu planen. Last but not least sollte eine Geschäftsidee immer durchdacht und tragfähig sein und sich von der breiten Masse abheben. Daher erscheint es auf den ersten Blick attraktiv und lukrativ, sich ins gemachte Nest" zu setzen und ein funktionierendes Unternehmen zu übernehmen, dessen wirtschaftliche Verhältnisse sich nahezu exakt beurteilen lassen. Zudem sind eingearbeitete Mitarbeiter, ein fester Kundenstamm, bestehende Kontakte zu Banken und Lieferanten üblicherweise schon vorhanden. Zu einem fixierten Kaufpreis sind zweckentsprechende Werkstatträume sowie ein komplettes Betriebsinventar vorhanden und der Nachfolger würde in der Startphase im Idealfall die Unterstützung durch den Vorgänger haben.

Behördliche Auflagen

Doch Vorsicht – eine Betriebsübernahme ist eine Herausforderung, die einer Neugründung gleichkommt! Die Entwicklung eines innovativen und schlüssigen Unternehmenskonzepts ist auch hier notwendig. Mögliche behördliche Auflagen und Haftungsfragen für betriebliche Verbindlichkeiten, betriebsbedingte Steuern und Gewährleistungsansprüche sind im Vorfeld zu klären. Besteht beispielsweise ein Investitionsstau bei Maschinen oder der Einrichtung oder fehlen baurechtliche Voraussetzungen zur Erweiterung des Betriebs, könnte sich eine Betriebsnachfolge im Vergleich zu einer Neugründung als nachteilig erweisen.

Auch die Pflicht zur Übernahme bestehender Arbeitsverhältnisse muss nicht per se von Vorteil sein und ob die Mitarbeitenden den Firmennachfolger akzeptieren, sich Neuem öffnen oder in einer Das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht-Haltung verharren, ist zunächst unklar. Darüber hinaus steht es den Stammkunden selbstverständlich ebenfalls frei, die Geschäftsbeziehungen fortzuführen oder nicht.

Die bevorstehende Betriebsübernahme

Haben sich Inhaber und potenzieller Firmennachfolger mit diesen Fragen auseinandergesetzt und eine Unternehmensübergabe ins Auge gefasst, sollte der Nachfolger die Möglichkeit erhalten, einige Monate lang im Unternehmen anwesend zu sein und beobachten zu können. Auf dieser Grundlage kann er bestmöglich entscheiden, ob er den Schritt in die Selbständigkeit wagen möchte.

Tom Koll und Dirk Schmaus aus Simmern. - © Drogatz-Krämer

Diese Möglichkeit hatte auch Tom Koll, der bereits seit elf Jahren bei der Moto-Technik Schmaus GmbH aus Simmern als einer von sieben Mitarbeitern angestellt war, bevor er im Dezember 2021 das Motorradunternehmen von dem ehemaligen Eigentümer Dirk Schmaus übernahm. Als Kolls damaliger Chef 2018 ankündigte, das Unternehmen abgeben zu wollen, reifte in Koll der Gedanke, den bestehenden Betrieb weiter zu führen.

Koll (38) war zunächst als Serviceberater und später als Leiter des Service und Teilevertriebs angestellt, bevor er die Geschäftsführung übernahm. Schmaus (57), der als Gesellschafter aus dem Betrieb ausgestiegen ist, arbeitet jetzt im Angestelltenverhältnis als Werkstattmeister und im Verkauf weiter mit. "Wir haben quasi die Visitenkarten getauscht", sagt Koll, für den eine Neugründung keine Option dargestellt hätte. Er sieht die Vorteile des seit rund 30 Jahren am Markt agierenden Motorrad-Unternehmens vor allem im festen Kundenstamm und im verlässlichen Herstellerverhältnis.

Er erklärt, dass die Zusage, den Betrieb weiterführen zu wollen, eine prompte Bauchentscheidung war: "Meine Zusage kam recht schnell, aber dass an der Übernahme so viel dranhängt, war uns zunächst nicht klar. Wir haben dann aber alles – nach dem Motto ein Mann, ein Wort – durchgezogen."

Unverzichtbar ist interdisziplinäre und externe Unterstützung

"Für eine Unternehmensübergabe gibt es kein Drehbuch und jede ist individuell. Wir hatten oft das Gefühl, uns im Kreis zu bewegen und nicht voranzukommen", sagt Koll, der eindringlich dazu rät, externe Unterstützung zu nutzen. Um alles, was mit einer Übernahme verknüpft ist, bewältigen zu können, sind gut vernetzte Experten hilfreich. Sie klären wirtschaftliche und rechtliche Fragen und begeben sich auf Wunsch konkret auf Nachfolgesuche und prüfen die Eignung eines potenziellen Nachfolgers, bevor dieser dem Betrieb präsentiert wird.

Die Fachleute informieren auch über verschiedene Nachfolgeszenarien, die für eine Übernahme innerhalb einer Familie denkbar sind. Die Familie kann beispielsweise Gesellschafter bleiben oder sie gibt das rechtliche und wirtschaftliche Eigentum im Rahmen eines Unternehmensverkaufs ab. Innerhalb einer Familie gibt es zudem die Möglichkeit der vorweggenommenen Erbfolge, also einer Schenkung zu Lebzeiten. Auch die Übertragung des Familienunternehmens gegen Renten, Raten oder wiederkehrende Leistungen als Versorgungs- und Unterhaltsleistungen sind denkbar. Über alle internen und externen Nachfolgelösungen informieren Experten eingehend. Es bestehen zudem für Verkäufer und Käufer Möglichkeiten, Förderungsleistungen für die Nachfolge- und Übernahmeberatung in Anspruch zu nehmen.

Nach Bedarf kann es sinnvoll sein, auf mehrere Berater zurückzugreifen. Nicht nur der Steuerberater des Unternehmens bringt seine Expertise ein, sondern auch unabhängige neutrale Unternehmensberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte, Betriebsberater oder Mediatoren der Fachverbände. Dies unterstreichen die Projektmanager Klaus und Christoph Wagner der Wagner Beratungsgesellschaft aus Bad Camberg. Ihre Gesellschaft entwickelt unter anderem Konzepte und Trainings zur Verbesserung der Servicequalität in Werkstattbetrieben der Automobil- und Motorradbranche. In ihrer beruflichen Praxis treffen sie häufig auf Unternehmen, die sich vor oder in einer Übergabephase befinden. "Da wir bei unseren Mitarbeiterschulungen die Teams gut kennen lernen, werden wir öfter um unsere Meinung gebeten, wenn es darum geht, einen Mitarbeiter fachlich danach zu beurteilen, ob er einen betreffenden Betrieb weiterführen könnte", erklärt Klaus Wagner.

Frühzeitige Planung und gezielte Vorbereitung der Nachfolger

Er und sein Bruder Christoph Wagner weisen darauf hin, dass es nicht nur auf fachliches Know-how eines künftigen Nachfolgers ankommt, sondern ebenfalls auf betriebswirtschaftliche Kompetenz, Führungsqualitäten und einen guten Umgang mit Personalthemen. Sie erwähnen, dass Handwerkskammern und manche Motorradhersteller ihren Vertragspartnern konkrete Unterstützungsmaßnahmen anbieten, um Firmennachfolger auf ihre neuen Aufgaben vorzubereiten und zudem Geschäftsführer ab dem 50. Lebensjahr dazu motivieren, rechtzeitig an einer Exit-Strategie zu arbeiten.

Handwerkspräsident Dittmar ergänzt: "Aus unserer Sicht lohnt es sich, zehn Jahre vor der geplanten Übergabe mit den entsprechenden Überlegungen zu beginnen und die ersten Gespräche, beispielsweise mit den Beratern der Handwerkskammern, zu führen." ZDH-Generalsekretär Schwannecke unterstreicht, dass keinesfalls erst mit 65 mit den Überlegungen und Vorbereitungen begonnen werden sollte und sich frühzeitig mit dem Abgeben und Loslassen beschäftigt werden muss.

Grafik: DTP/DHZ

Betriebsübergaben: Beispiele aus der Motorradbranche

Auch für Georg Schmitz, Geschäftsführer der Zweirad-Schmitz GmbH aus Adenau, die insgesamt elf Personen beschäftigt, ist dieses Thema aktuell. Er selbst übernahm 1986 das von seinem Vater gegründete Motorradunternehmen. Zum Jahresende übergibt er es an drei seiner vier Kinder, die bereits seit vielen Jahren im Betrieb mitarbeiten. Schmitz erläutert, dass sie ihre künftigen Aufgaben untereinander aufteilen werden: Marie Sophie Schmitz übernimmt als Handelsfachwirtin das After Sales-Geschäft, das Controlling und die Liquiditätsplanung. Ihr Bruder Michael Schmitz wird als KFZ-Meister Fachrichtung Kraftradinstandsetzung mit Werkstattleitung und Service betraut sein und Peter Lehmann wird nach seinen Ausbildungen in Werkstatt und Büro Ansprechpartner für Vertrieb, Fahrzeugdisposition sowie An- und Verkauf sein. Alle drei besuchen beispielsweise regelmäßig Weiterbildungslehrgänge der Kammern und bereiten sich seit vielen Jahren durch ihre Ausbildungen und Tätigkeiten in Fremdfirmen gezielt auf Übernahme und Geschäftsführung vor.

Ähnlich verhält es sich bei der Motorrad Reinhardt GmbH aus Coburg. Das Unternehmen existiert seit 50 Jahren, beschäftigt 13 Mitarbeiter und wurde im Dezember 2018 von Frank Reinhardt und dessen Sohn Luca in eine GmbH umgewandelt, in der beide aktuell als geschäftsführende Gesellschafter tätig sind. Zuvor hatte Frank Reinhardt den Betrieb gemeinsam mit seinem Bruder geleitet, der sich zurückzog und seine Anteile an Luca Reinhardt übergab. Um einen optimalen Übergang zu gewährleisten, arbeitete der Steuerberater der Familie rund 14 Monate lang intensiv an den Modalitäten der Firmennachfolge, aus der abschließend eine ausgeklügelte Verknüpfung aus Leibrente, Schenkung und Verkauf hervorging. Luca Reinhardt sagt: "Unser Steuerberater war von Anfang an mit an Bord und leitete uns als Moderator und Vermittler durch den gesamten Prozess."

Trotz aller Vorbereitung ist der Druck auf die neuen Betriebsführer enorm, denn die Gefahr, sich mit Anfängerfehlern das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden zu verspielen, ist nicht zu unterschätzen. Zudem besteht spätestens nach der Betriebsübergabe keine Möglichkeit mehr, die Verantwortung abzugeben.

Die Herausforderungen der Inhaber

Auch die Senior-Betriebseigentümer haben Hürden zu bewältigen. Georg Schmitz erklärt: "Das Hauptproblem ist, einen Nachfolger zu finden und die Finanzierung sicher zu stellen. Das Thema ist sehr komplex und Beratung enorm wichtig." Viele Inhaber warten zu lange mit einer Übergabe, um eine höhere Altersvorsorge zu erzielen oder sie fordern einen nicht angemessenen Kaufpreis für ihr Unternehmen, in dem viel Herzblut steckt. Einige können sich aus emotionalen Gründen kaum oder gar nicht lösen, was eine Übergabe verhindert. Daneben lassen sich andere Aspekte, wie die Sorge um eine zu hohen Erbschaftssteuerbelastung für die Nachfolger, problemlos mit Expertenunterstützung lösen.

Zu Beginn der Umsetzungsphase sind eine Reihe konkreter Fragen zur Betriebsführung zu klären, damit das Projekt nicht droht, auf halbem Weg stecken zu bleiben:

  1. Wann soll die Übernahme stattfinden?
  2. Wie stark sind Mitarbeiter und Kunden auf den Vorbesitzer fokussiert?
  3. Ist der Betrieb zukunftsfähig?
  4. Ist der Übernahmepreis gerechtfertigt und ist eine Finanzierung möglich?
  5. Welche Gesetze und Verordnungen sind zu beachten?

Zeit einplanen, Übergabezeitpunkt festlegen und dann loslassen

Wurde ein genauer Zeitpunkt für die Übernahme festgelegt, dauert der gesamte Prozess eines Unternehmensverkaufs, nach Schätzung von Klaus Wagner, noch etwa drei bis vier Jahre. Er erklärt: "Innerhalb dieses Zeitraums benötigt der Käufer etwa ein bis zwei Jahre, bis der Laden läuft." Wagner rät, dass der Alteigentümer dem neuen Firmeninhaber noch etwa ein Jahr lang als freier Berater zur Verfügung stehen sollte und warnt aber gleichzeitig: "Die Entscheidungen muss künftig der neue Inhaber treffen und nicht mehr der Vorbesitzer, der lediglich die Aufgabe hat, zu beraten und Input zu geben." Wagner stellt fest, dass dieses Problem insbesondere bei Familienübergaben zu beobachten ist.

Sabine Hänsle und ihr Lebensgefährte Daniel Korell übernahmen vor vier Jahren die Geschäftsführung der Hänsle Motorradsport GmbH, die insgesamt 25 Mitarbeiter beschäftigt. Beide arbeiten seit 2011 in dem Unternehmen, das 1977 von Erhard Hänsle gegründet wurde. Sabine Hänsle wuchs im Betrieb auf und absolvierte gemeinsam mit ihrem Partner Daniel Korell eine Weiterbildung zum Kfz-Betriebswirt. Beide übernahmen im Laufe der Jahre immer mehr Verantwortung im Unternehmen, das dann an einem Stichtag vor drei Jahren von dem Seniorchef übergeben wurde. Dieser zog sich vollständig aus dem operativen Geschäft zurück, was sehr gut funktionierte, wie Hänsle und Korell loben.

Fokussierung der Mitarbeiter und Kunden auf den Alt- oder Neuinhaber

Im Zuge des Ausscheidens der Vorbesitzer ist es unbedingt notwendig, den Fokus der Mitarbeiter auf den neuen Arbeitgeber zu lenken, der nach § 613a BGB dazu verpflichtet ist, diese zu übernehmen. Christoph Wagner gibt den Hinweis, dass es aufgrund des Fachkräftemangels von großem Vorteil ist, auf die Expertise eines eingespielten Teams zurückgreifen zu können.

Korell ergänzt: "Es ist sehr wichtig, dass die Mitarbeiter mit genügend Zeit auf eine Betriebsübergabe vorbereitet werden, Vertrauen zu der neuen Geschäftsführung fassen können und jederzeit gut informiert werden. Die langjährigen Mitarbeiter sind in vielen Betrieben diejenigen, die das Tagesgeschäft am Laufen halten und wenn sie den neuen Inhaber unterstützen, ist das eine der Grundvoraussetzungen, damit ein Übergang funktionieren kann. Wenn Vertrauen da ist, werden auch Veränderungen mitgetragen.“ Zudem gilt ebenfalls, ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zu den Kunden aufzubauen, was ebenfalls Zeit erfordert.

Stabilen Unternehmen gehört die Zukunft

Im Motorradbetrieb entscheidet bei der Nachfolge nicht nur das Vorhandensein eines guten Teams, treuer Kunden und zuverlässiger Hersteller über die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. Insbesondere die Qualität des vorhandenen Portfolios bildet die Basis dafür, ob ein Nachfolger den Betrieb weiterführen kann. Wurden beispielsweise grundlegende Investitionen versäumt oder sind technische Auflagen, die Um- und Ausbauten erfordern, am vorhandenen Standort nicht realisierbar, ist eine Übernahme zum Scheitern verurteilt.

Ist ein Motorradunternehmen als tragfähig eingestuft, spielt ein weiterer Aspekt eine wichtige Rolle, wie Schmitz formuliert: "Meine Nachfolger werden dem Betrieb ihre Note geben und Konzepte entwickeln, die dem Marktgegebenheiten Rechnung tragen, um zukunftsfähig zu sein.“ Für die Nachfolger gilt es, die Stärken des Unternehmens herauszuarbeiten und individuelle, kundengerechte und qualitativ hochwertige Leistungen zu erbringen. Innovation, Flexibilität und Kreativität garantieren einen guten Start, um sich künftig von Mitbewerbern der Motorradbranche positiv abzuheben.

Reeller Übernahmepreis und durchführbare Finanzierung

Manche Betriebsübernahmen drohen jedoch bereits an den finanziellen Forderungen der Altinhaber zu scheitern, die zu hoch angesetzt wurden. Hier können unabhängige Berater Unterstützung geben, denn bei einer Firmenbewertung wird üblicherweise die Ertragskraft des Betriebs anhand der Bilanzen zugrunde gelegt und auch ein Vergleich zum Wettbewerb gezogen. Dieser ermittelte Übernahmepreises wird von Banken und Behörden üblicherweise problemlos akzeptiert.     

Konnten sich Alt- und Neuinhaber bezüglich des Kaufpreises einigen, kann die Finanzierung geplant werden. Hänsle und Korell sammelten in Vorträgen über Finanzierungsmöglichkeiten viele Informationen und beauftragten einen Unternehmensberater, der sie auch bei den Verhandlungen mit den Banken unterstützte. Korell erklärt: "Er handelte gute Konditionen aus. Das hätten wir allein so nicht hinbekommen."

Daniel Korell, Sabine Hänsle und Erhard Hänsle. - © Drogatz-Krämer

Hänsle und Korell haben beispielsweise bei der Übergabe der GmbH das operative Geschäft – nicht jedoch die Immobilie – übernommen, die sich im Eigentum des Vorbesitzers befindet und später einmal vererbt werden soll. Auch Koll erwarb die Schmaus GmbH inklusive des Inventars, wobei der Vorbesitzer zunächst Eigentürmer des Gebäudes bleibt. Koll besitzt die Option, es später zu erwerben. Aus seiner Sicht erwies sich die Finanzierung als größte Hürde, da ausschließlich die Hausbank ins Boot geholt und auf Vergleichsangebote anderer Kreditinstitute verzichtet wurde, was eine ungünstige Ausgangssituation schaffte. Zudem rät er beim Kauf – ähnlich wie beim Hausbau – auf Grundkapital zurückgreifen zu können: Etwa zehn Prozent Eigenkapital und noch einmal fünf Prozent für unvorhergesehene Folgekosten.

Gesetzliche Bestimmungen im Blick behalten

Ebenso knifflig sind Gesetze und Verordnungen, die bei einer Betriebsübernahme zu beachten sind und sich schnell als Fallstricke erweisen können. Ein Beispiel ist der Datenschutz: Wird eine Kapitalgesellschaft, wie eine GmbH, übernommen, erwirbt der neue Eigentümer automatisch auch die Kundendatei und darf sie für künftige Marketingaktionen verwenden. Bei Übernahme einer Personengesellschaft wechselt demgegenüber formal die natürliche Person, also der Eigentümer des Unternehmens. Dies erfordert, alle in der Datenbank eines Betriebs vorhandenen Kunden um Erlaubnis zu bitten, ihre Daten auch weiterhin verwenden zu dürfen.

Solche Vorgaben bremsen Nachfolger in der ohnehin anspruchsvollen Übernahmephase massiv aus. Auch die uneingeschränkte Weiterführung von Betriebsnutzungsgenehmigungen, wie beispielsweise in Wohngebieten, muss im Vorfeld geklärt werden. Im Falle einer Fortführung des Betriebes durch Erben sollte sichergestellt werden, dass eine Übernahme nicht durch die Belastungen durch Erbschafts- oder Schenkungsteuer oder durch das Anfallen einer Grunderwerbsteuer gefährdet wird. Alteigentümer und potenzielle Nachfolger können solche Hindernisse durch die Unterstützung unabhängiger Experten umgehen.

Business mit Suchtfaktor

Wirtschaftlich erfolgreiche Betriebe werden mit großer Sicherheit eine Nachfolgelösung finden, selbst, wenn dieser widrige Umstände und gegebenenfalls mehrere Anläufe entgegenstehen. Denn eine Betriebsnachfolge wird im Vergleich zu einer abhängigen Beschäftigung immer eine attraktive Variante sein. "Die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen zu können, macht einfach viel Spaß", betont Korell. Wenn Alt- und Neueigentümer alle Vorgaben bedacht haben und sich einigen konnten, steht einer erfolgreichen Fortführung eines Betriebs nichts mehr im Wege.

Klare Empfehlung ist, bei einer Betriebsübergabe Experten hinzuzuziehen – ganz gleich, ob der künftige Nachfolger intern oder extern gefunden wurde. Die Investition in Fachexpertise schützt vor Folgekosten, denn sie leitet die Nachfolger sicher durch das Labyrinth wichtiger und erforderlicher, aber auch oft unverständlicher und verwirrender Bestimmungen. Und falls in der Gemengelage doch einmal die Emotionen überkochen sollten, behält ein Experte den Überblick und fungiert als Mediator.

Letztlich sind hier auch Bundesregierung und Bundesländer gefordert, ihre zahlreichen bürokratischen und gesetzlichen Vorgaben für Betriebsübernehmer auf den Prüfstand zu stellen, um motivierten Nachfolgern ihren engagierten Weg zu ebnen. Schmitz betont: "Die Neuen dürfen in keinem Fall daran gehindert werden, ihre Konzepte und Ideen umzusetzen, denn besonders in der Motorradbranche ist viel Leidenschaft und Einsatzbereitschaft notwendig, die nicht unterbunden werden darf." Und es muss im Vorfeld klar sein, dass ein Übergabeprozess langwierig ist. Alles ist letztlich individuell, wie Koll unterstreicht: Die Suche nach einem Nachfolger, ebenso wie das Prozedere der Übergabe. Viele, die den Schritt gewagt haben, fühlen sich jedoch oft vor allem durch zu viel Bürokratie in ihrer Gründungstätigkeit beschränkt.

Neue Zielgruppen ansprechen

Dittmar stimmt dieser Feststellung zu und sagt: "Aus vielen Gründen ist es heute im Handwerk keine leichte Aufgabe, einen Nachfolger zu finden. Deshalb unterstützen wir unsere Unternehmen möglichst allumfassend. Auf diesem Weg wollen wir auch verhindern, dass hochwertige Betriebssubstanz und mit wertvollen Arbeits- und Ausbildungsplätzen verloren gehen." Zudem ist ein 360-Grad-Blick bei Unternehmensübernahmen entscheidend, wie Schwannecke betont: "Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Übergaben vor allem in der Familie stattfinden." Er erklärt, dass das Interesse für eine Selbständigkeit bereits während der Schulzeit geweckt werden muss. Potenzielle Kandidaten werden auch an Hochschulen und Universitäten angesprochen, da es einige Studenten gibt, die sich im Handwerk besser aufgehoben fühlen, wie Schwannecke beobachtet. Ebenso werden gezielt diejenigen angesprochen, die bislang weniger ins traditionelle Bild des klassischen Nachfolgers gehörten, wie etwa Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund.

Und wenn eine Betriebsübergabe letztendlich geschafft ist, erfordert der Geschäftsalltag weiteres Durchhaltevermögen. Die Selbständigkeit in der Motorradbranche hat jedoch einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen Branchen wie Luca Reinhardt erklärt: "Hier ist ganz besonders die Arbeitsmotivation größer und auch die Emotionen der Kunden sind höher. Es entschädigt für vieles, wenn sie mit Freude und Spannung ihr Motorrad abholen." Koll ergänzt: "Wir müssen Nachfolgern Mut machen, denn wir sind ein begeisterndes Gewerk, das Arbeitsplätze schafft! Als Nachfolger sind besonders Motorradfahrer geeignet, die für das Business brennen und Spaß an Kunden mit leuchtenden Augen haben." Beide sind sich darüber einig, dass das Motorradbusiness auch als Blaupause für andere Gewerke dienen kann, die ebenfalls für ein Leuchten in den Augen ihrer Kunden sorgen möchten.

Erstmals veröffentlicht am 01. Juni 2022 im B2B-Magazin "bike & business"