Psychische Gesundheit Burnout: Wenn die Liebe zum Betrieb krank macht

Burnout ist längst kein seltenes Phänomen mehr, sondern eine Zivilisationskrankheit. Auch in der Zweirad-Branche nimmt der Druck zu. Doch erst als das Leben von Andreas Koch auf Messers Schneide stand, zog der Inhaber eines Motorradgeschäfts die Reißleine. Was der Auslöser für seine Erkrankung war – und welchen Rat er und andere Unternehmer Betroffenen geben.

Andreas Koch vor seinem Motorrad-Geschäft
"Auf der Intensivstation, als mein Leben auf Messers Schneide stand, stellte ich mir die Frage, wie es jetzt weiter gehen soll", sagt Andreas Koch, Inhaber und Geschäftsführer von Andys Motorcycles. - © Bike & Business

Die Liebe zum eigenen Unternehmen führt bei einigen Handwerkern dazu, sich vollständig zu verausgaben. Insbesondere, wenn sie im Zuge des hohen Arbeitspensums das Gefühl haben, die Kontrolle über das Geschäft zu verlieren, von allen Seiten massiven Druck spüren und die Geschäftszahlen eher Ernüchterung hervorrufen.

"Von hohem Stress sind häufig Personen betroffen, die ein scheinbar erfülltes Leben führen. Sie haben oft einen tollen Job in einer Führungsposition, eine Familie, die hinter ihnen steht und sie machen einen gefestigten Eindruck. Doch plötzlich passt etwas nicht mehr", erläutert Georg Goldbach, Mental-Coach und Unternehmensberater mit Führungserfahrung in internationalen Konzernen und KMU. Aktivitäten mit Familie und Freunden machen keinen Spaß mehr und werden als Druck erlebt. Die Erholung bleibt aus und abzuschalten funktioniert nicht mehr. "Wenn der Stress überhandnimmt, kann er in einem Burnout enden. Dann stellt sich ein totaler Erschöpfungszustand ein und Körper, Geist und Seele fühlen sich ausgelaugt", erklärt der Experte.

Was ist Burnout?

Bislang war das Burnout-Syndrom als Krankheitsdefinition nicht existent. Geraume Zeit als "In-Syndrom" belächelt, beschreibt es einen Zustand der absoluten Erschöpfung und zeigt sich in Depressionen, Angststörungen und körperbezogenen Störungen die mindestens sechs Monate andauern und sich beispielsweise in Herz-Kreislaufstörungen, starken Verspannungen oder Verdauungsbeschwerden zeigen können. Die Weltgesundheitsorganisation führt Burnout seit 2022 erstmals als eigenständige Diagnose. Hinzu kommt, dass während der Corona-Pandemie viele Menschen Ängste entwickelten und um ihren Arbeitsplatz oder die Insolvenz des eigenen Unternehmens fürchteten.

Wie der aktuelle Dekra-Arbeitssicherheitsreport 2021 beschreibt, berichten rund 88 Prozent der Arbeitnehmer, dass der negative psychische Stress in der Arbeitswelt zunehmen würde. In dieser Situation sind Selbständige noch einmal mehr gefordert – sie müssen neben einer belastenden Ungewissheit und den eigenen Sorgen zusätzlich mit den Befürchtungen ihrer Mitarbeiter möglichst souverän umgehen.

So gefährlich ist die Zivilisationskrankheit Burnout

Mittlerweile hat sich das Burnout-Phänomen auf nahezu alle Berufsgruppen ausgeweitet und etwa jeder dritte Mensch benötigt mindestens einmal in seinem Leben psychotherapeutische Hilfe, weil er sich in einem Ausnahmezustand befindet. "Burnout ist ein absoluter Risikozustand. Wenn Geschäftsführer oder Mitarbeiter die Arbeit nicht mehr abschalten können, ist das ein akutes Warnsignal", mahnt Goldbach. Führt eine Dauerbelastung zu chronischer Erschöpfung, kann dies ein Hinweis auf Burnout sein.

Selbsttest Burnout: Bin ich krank?

  • Ich fühle mich dauerhaft müde, erschöpft und schlafe schlecht.
  • Ich kann mich nicht mehr so gut konzentrieren, vergesse vieles und meine Leistung lässt nach.
  • Ich kann mich für meinen Beruf nicht mehr begeistern und mir fehlen Motivation und Antrieb.
  • Ich habe das Gefühl, dass vieles komplett an mir hängen bleibt.
  • Ich rackere mich ab, bekomme aber aus meinem beruflichen Umfeld keine Wertschätzung.
  • Ich verspüre manchmal Angst und zweifle oft an meinen Fähigkeiten.
  • Vieles wächst mir über den Kopf.
  • Ich werde zunehmend zynischer, reizbarer und gleichgültiger und frage mich: "Wozu das alles?"
  • Ich will in Ruhe gelassen werden und distanziere mich von Familie und Freunden.
  • Ich erhole und entspanne mich nicht mehr am Feierabend, am Wochenende oder im Urlaub.
  • Ich habe häufig körperliche Beschwerden wie Kopf- oder Rückenschmerzen, Verdauungsprobleme, Übelkeit, Bluthochdruck oder Ohrgeräusche.

Es stellt sich die Frage, inwiefern die persönlichen Konzepte, die im Arbeitsleben ein Burnout auslösen könnten, entschärft oder ganz beseitigt werden können. Goldbach erklärt: "Der von Burnout Betroffene sieht in aller Regel keine Möglichkeiten, die Arbeitsbelastung zu reduzieren. Was er braucht, ist ein Perspektivwechsel, der nur aus der Ruhe und Entspannung kommen kann." Ruhe und Entspannung gönnen sich viele Geschäftsführer jedoch nicht und finden daher keinen Ausstieg aus ihrem Hamsterrad.

Goldbach beobachtet, dass diejenigen, denen der Absprung gelungen ist, häufig erstaunt darüber berichten, wie alleine durch einen Perspektivwechsel der Berg von Aufgaben plötzlich dahin geschmolzen ist. Das Ziel ist, bereits bei den ersten Anzeichen gegenzusteuern. Ab einem bestimmten Grad der Stressbelastung, wenn alles überhandnimmt, schaffen es die meisten Menschen aber nicht mehr ohne fremde Hilfe. Dann sollten sie umgehend eine Beratungsstelle aufsuchen oder – auch anonym – eine ambulante oder stationäre Behandlung in Anspruch nehmen. Selbst eine überstandene Burnout-Erkrankung birgt noch Gefahren, denn es ist ähnlich wie eine Sucht: Die Betroffenen können jederzeit in alte Muster zurück rutschen und alles geht wieder von vorne los.

Als Geschäftsführer gehört Stress dazu – doch wann wird es ungesund?

Andreas Koch, Inhaber und Geschäftsführer von Andys Motorcycles aus dem osthessischen Dipperz in der Rhön, ist in allen Bereichen seines Unternehmens im Einsatz und wird von vier Mitarbeitern unterstützt. Der Mehrmarkenhändler, der neben Motorrädern auch Quads und ATV anbietet, betreut ebenfalls Fremdmarken. Er erklärt: "Früher war Urlaub für mich völlig undenkbar und reduzierte sich lediglich auf ein langes Sommerwochenende im Jahr. Ich dachte immer, dass das Geschäft ohne mich nicht laufen würde. Mittlerweile weiß ich, dass meine Mitarbeiter auch mal ohne mich zurechtkommen."

Dieser Erkenntnis ging jedoch ein langer Weg voraus, denn vor einigen Jahren sah alles noch ganz anders aus. Koch berichtet: "Früher bin ich zeitweilig morgens um halb vier aufgestanden und manchmal erst gegen Mitternacht von der Arbeit nach Hause gekommen." Zu dieser Zeit betrieb er einen Motorradhandel mit Werkstatt und nebenbei noch eine Spedition, die ein immer größeres Ausmaß annahm und auf mehr als 40 Fahrzeuge anwuchs. Insbesondere der permanente Zeitdruck und der Personalmangel im Speditionsbereich setzten Koch auf Dauer stark zu. Am Ende standen zwei Herzinfarkte und die Erkenntnis, dass er sich zwischen seinen beiden Unternehmen zerrieb.

"Auf der Intensivstation, als mein Leben auf Messers Schneide stand, stellte ich mir die Frage, wie es jetzt weiter gehen soll. Dass der Stress massive Auswirkungen auf mein Herz-Kreislaufsystem hatte, ist mir spätestens zu diesem Zeitpunkt klar geworden", sagt er. Nachdem er gesundheitlich vollkommen stabilisiert war, entschied er sich, die Spedition aufzugeben und sich nur noch auf das Motorradgeschäft zu konzentrieren. Er verkaufte seine Betriebsgebäude, wechselte den Standort und stellte seine Arbeitshaltung auf den Prüfstand.

Druck von allen Seiten

Achim Trinkner, Geschäftsführer der Trinkner Autohaus & Zweiradfachgeschäft GmbH aus Löchgau zwischen Heilbronn und Stuttgart, berichtet, dass ihm das hohe Arbeitsaufkommen insbesondere in der Saison oft schlaflose Nächte bereitet. Seinem Team gehören mittlerweile 30 Mitarbeiter an. Er erklärt: "Ich gehe auch mal für ein paar Wochen über meine Grenzen. Wichtig ist dabei nur, dass der Stress dann wieder abnimmt. Wenn nämlich kein Ende in Sicht ist und die Erträge über einen längeren Zeitraum zu wünschen übriglassen, ist die Situation extrem demotivierend." Trinkner beschreibt, zeitweilig an drei Fronten gleichzeitig zu kämpfen: Mit den Kunden, den Herstellern und auch mit den eigenen Mitarbeitern.

Koch beobachtet, dass viele Kunden ungeduldiger und anspruchsvoller geworden sind. Die Motorradhändlerin Beate Fahrmeier (der Name ist ein Pseudonym, ihre Identität ist der Redaktion bekannt) erklärt, dass Stress im Motorrad-Business völlig normal ist. Die Unternehmerin, die 20 Mitarbeiter beschäftigt, bringt es auf den Punkt: "Möglicherweise schätzen die Kunden die Arbeitsbelastung des Handels wenig realistisch ein. Hinzu kommt, dass es die Motorradkunden bislang nicht gewohnt sind, bis zu sechs Monate auf ihr Fahrzeug warten müssen." Dass dies auf Kundenseite zu Unmut führen kann, den die Händler zu spüren bekommen, liegt auf der Hand.

Was tun gegen Burnout? Diese Tipps geben Unternehmer

  • Bild 1 von 6
    Achim Trinkner auf der Rennbahn
    © Bike & Business
    Quality Time

    Zeit zum Aufladen der eigenen Akkus nimmt sich Achim Trinkner, Geschäftsführer der Trinkner Autohaus & Zweiradfachgeschäft GmbH aus Löchgau, erst so richtig, seitdem er Kinder hat. Mit diesen fährt er mehrmals im Jahr in den Urlaub und besucht regelmäßig Cross-Strecken. Um kurzfristig Kraft zu schöpfen, powert er sich gern beim Mountain-Bike-Fahren aus. Für diese Zeit zieht er sich auch mal – ohne schlechtes Gewissen – aus seinem Geschäft heraus, denn das Delegieren von Aufgaben beherrscht er mittlerweile. Er sagt, dass es wichtig ist, seinen Mitarbeitern Vertrauen und Verantwortung zu übertragen, ihnen aber auch klare Grenzen zu setzen und seine Erwartungen deutlich mitzuteilen: "Es geht in einem Unternehmen mit 30 Mitarbeitern einfach nicht, dass ich die Aufgaben, die die Mitarbeiter nicht geschafft haben, nach Geschäftsschluss noch schnell erledige." Da Trinkner und seine Mitarbeiter während der Sommermonate stark eingebunden sind, veranstaltet er gern Betriebsausflüge mit allem Drum und Dran – wie beispielsweise Motocrossen. Diese aktiven gemeinsamen Auszeiten nehmen einen wichtigen Stellenwert in seinem Unternehmen ein und heben die Stimmung des Teams.
  • Bild 2 von 6
    Andreas Koch vor seinem Motorrad-Geschäft
    © Bike & Business
    Regelmäßige Arbeitszeiten

    Zu Beginn der Pandemie führte Andreas Koch, Inhaber und Geschäftsführer von Andys Motorcycles aus dem osthessischen Dipperz in der Rhön, in seinem Unternehmen einen Achtstundentag ein und möchte diesen künftig für sich und seine Mitarbeiter beibehalten. "Ich bin Workaholic. Davon möchte ich, schon allein um meine Gesundheit zu schützen, loskommen. Über eine Arbeitszeitreduzierung funktioniert das ganz gut, und ich grenze Arbeit und Freizeit jetzt besser voneinander ab", erklärt er. Da viele seiner Kunden im Winter Wartungen und Umbauten durchführen lassen, ist seine Werkstatt kontinuierlich ausgelastet. Hierdurch kann Koch besser kalkulieren und seinem Team – fast immer – feste Arbeitszeiten gewährleisten.
  • Bild 3 von 6
    Harald Finkl am Telefon
    © Bike & Business
    Einfach abhaken

    Harald Finkl ist Geschäftsführer von Finkls Erlebnis Motorrad aus Königsbrunn. Ihm machte es früher sehr zu schaffen, wenn langjährige gute Mitarbeiter sein Unternehmen verlassen haben. Mittlerweile macht er sich klar, dass jeder Weggang auch die Chance auf etwas gutes Neues bedeuten kann und sagt: "Ich mache jetzt einfach einen Haken dran und überlege, was ich künftig anders und besser machen kann. Motivierte neue Mitarbeiter sind durchaus in der Lage, sich schnell einzuarbeiten und eine hervorragende Leistung zu bringen." Er erklärt, dass zudem der regelmäßige Austausch mit Händlerkollegen sehr hilfreich ist. Hier werden schwierige Situationen angesprochen und gemeinsam nach Lösungswegen gesucht. Stellt sich jedoch eine Lage als ausweglos heraus, ist er heute schneller dazu bereit, sich von Herstellern, Kunden oder Mitarbeitern zu trennen. Um Stress auf Herstellerseite gar nicht erst aufkommen zu lassen, verzichtet der Mehrmarkenhändler auf Verträge mit festen Anforderungen und sagt: "Knebelverträge mit Herstellern, die uns verpflichten, eine bestimmte Anzahl an Fahrzeugen abzunehmen, die wir nicht brauchen, schließen wir erst gar nicht ab. Unser Geschäft befindet sich in ländlichem Gebiet und wir müssen breit aufgestellt und flexibel sein, denn unsere Kunden haben andere Ansprüche als solche aus größeren Städten." Auch Vorgaben, die Marketing und Vertrieb betreffen, versucht er, weitestgehend zu vermeiden.
  • Bild 4 von 6
    Andreas Koch bei der Arbeit an einem Motorrad
    © Bike & Business
    Positives Mindset

    Koch und seine Mitarbeiter geraten nicht mehr so schnell in Stress. Er erklärt, dass hierbei auch die Denkweise seines Teams eine große Rolle spielt: "Wir alle machen unseren Job, weil wir Spaß daran haben. Selbstverständlich bestreiten wir hieraus unseren Lebensunterhalt, aber die Margen sind sehr spärlich geworden. In unserer Arbeit steckt viel Herzblut und nicht der Wunsch, damit reich zu werden. Jeder muss für sich selbst abwägen, ob der Aufwand, den er betreibt und der Stress, den das Motorrad-Business verursacht, in einem gesunden Verhältnis zueinanderstehen oder einen kaputt machen."
  • Bild 5 von 6
    Motorrad
    © memorystockphoto - stock.adobe.com
    Gute Organisation

    Unternehmerin Beate Fahrmeier (Pseudonym und Symbolbild) behält in Stresssituationen den Überblick, indem sie strukturiert vorgeht und abwägt, was wichtig ist und was als Nächstes erledigt werden muss. Sie fertigt sich hierzu Listen an, die sie konsequent und diszipliniert abarbeitet. Sie betont, dass sie das Glück hat, sich aus dem Tagesgeschäft auch einmal zwischendurch herausziehen zu können, um abzuschalten.
  • Bild 6 von 6
    Tobias Heil hinter einem seiner Motorräder
    © Bike & Business
    Auszeiten

    Dass der Arbeitsdruck in seiner Werkstatt zu hoch wurde, erkannten Tobias Heil und seine Frau Annette bereits vor einigen Jahren. Ein Motorradunfall gab schließlich den Anlass für ein komplettes Umdenken. Seitdem achtet Heil besser auf sich, macht täglich eine Stunde Mittagspause und führte feste Telefonzeiten ein, was ihm eine störungsfreie Arbeitszeit ermöglicht. Und samstags ist seine Werkstatt seitdem geschlossen. Auch Heil setzt in seiner Motorradwerkstatt in Fulda auf Weitsicht und gute Organisation, um dem Stress zu entgehen, der sich momentan in erster Linie durch Lieferengpässe und fehlende Originalteile – insbesondere aus Asien – ergibt. Er stellt sich hierzu breit auf, um im Akutfall auf mehrere Lieferanten zurückgreifen zu können. In Tobys Garage achtet Annette Heil darauf, dass sich ihr Mann regelmäßige Auszeiten nimmt. Er erholt sich bei den täglichen Spaziergängen mit seinem Hund und macht mehrmals im Jahr gemeinsam mit seiner Frau Urlaub. Das Motorrad ist immer dabei.

Lieferengpässe verschärfen den Druck

In der Motorradwerkstatt Tobys Garage von Tobias Heil aus Fulda stellen Materialmangel und Lieferengpässe ein Problem dar, da sie die gewohnten Arbeitsabläufe in der Werkstatt stören. Die bislang gute Planbarkeit anfallender Arbeit und zuverlässige Terminvergaben sind damit vorbei. Er sagt: "Im letzten Jahr haben wir besonders Lieferengpässe bei Teilen aus Gummi, wie Dichtungen und Simmerringen, zu spüren bekommen." In diesem Jahr erwartet er Engpässe bei den Reifen. Er bestellt sie daher schon jetzt in Ansprache mit seinen Stammkunden. Heil erklärt, dass einer seiner Kunden im letzten Jahr drei Monate auf seine Reifen warten musste: "Und die waren dann auch noch Schrott und wir mussten sie reklamieren!" Dies war nicht nur für seinen Kunden ärgerlich und soll nicht noch einmal passieren. Er versucht daher, den akuten Bedarf an Motorradreifen und deren Lieferzeiten einzuschätzen, woraufhin er Reifen bereits im Vorfeld bestellt und einlagert. Die Gefahr, die dieses gebundene Kapital mit sich bringt, ist er bereit zu tragen.

Die allgemeine Sorge der Werkstätten, dass die Lager der Industrie und der Großhändler nahezu leer sein könnten, ist auf den beobachteten Rohstoffmangel und die damit einhergehenden Produktionsausfälle zurückzuführen. Die Lieferengpässe kosten Heil wertvolle Arbeitszeit in seiner Werkstatt, da ihn seine Stamm-Lieferanten nicht mehr zuverlässig beliefern können. "Das ist zu einem echten Stressfaktor geworden, denn meine Suche nach Teilen ist sehr aufwändig, weil ich mich mittlerweile auch bei anderen Lieferanten umschauen muss. Ich kann nicht mehr, wie früher, einfach und unkompliziert bestellen", erläutert er.

Hersteller wälzen Risiko ab

Völlig normal ist auch, laut Koch, dass viele Hersteller Druck auf ihre angeschlossenen Händler ausüben. Bekanntermaßen werden – herstellerabhängig – Mindestabnahmen, Bevorratungen von Teilen und Zubehör, Zulassungsverpflichtungen, Einhaltung der Corporate Identity und vieles mehr gefordert. Fahrmeier sieht ihren Vorteil als Mehrmarkenhändlerin darin, breiter aufgestellt zu sein, um die hiermit verbundenen, möglicherweise ungünstigen Umstände besser abpuffern zu können. Sie berichtet, dass die Hersteller seit Corona das Gesamtrisiko der Bestellungen bei Lieferschwierigkeiten auf den Handel abgewälzt haben. Hierdurch werden, ihrer Meinung nach, insbesondere einige Einmarkenhändler unter großen Druck geraten.

Fahrmeier beobachtet auch, dass der Arbeitskräftemangel als generelles Problem insbesondere auch den Motorradhandel trifft und die Samstagsarbeit zudem viele abschreckt. Sie stellt fest, dass tendenziell die jüngeren Mitarbeiter eine andere Arbeitsmoral an den Tag legen, Vorgesetzte weniger akzeptieren und viel mehr fordern als ihre älteren Kollegen. Trinkner ergänzt, dass eine der ersten Fragen bei Einstellungsgesprächen oft die Frage nach dem Urlaub sei – noch bevor geklärt ist, ob die Tätigkeit überhaupt in Frage kommt.

Mitarbeiter sind anspruchsvoller

Harald Finkl ist Geschäftsführer der Finkls Erlebnis Motorrad GmbH aus Königsbrunn mit 20 Mitarbeitern. Seine jüngeren Mitarbeiter verlangen in erster Linie nach einer guten Work-Life-Balance, wobei das Entgelt in den Hintergrund tritt. Er hat viel Gespür für sein Team, dennoch erkennt er, dass er nicht jeden Mitarbeiter zufriedenstellen und halten kann. Er sagt: "Kürzlich habe ich jemanden verloren, der an seiner neuen Arbeitsstelle um 16 Uhr Feierabend hat. Dies sind Umstände, bei denen ich einfach machtlos bin."

Die Corona-Pandemie bescherte ihm – wie den meisten seiner Kollegen – ausgezeichnete Geschäftszahlen. "Diese Zeit brachte uns wesentlich mehr Arbeit. Damit einher ging aber leider auch eine Zunahme der Fehler in der Werkstatt", erklärt Finkl, der seine Mitarbeiter für die Ansprüche der Kunden zu sensibilisieren versucht. Wenn direkt nach einem Wartungstermin die Kontrollleuchte blinkt und dies von den Werkstattmitarbeitern lediglich als Kleinigkeit abgetan wird, muss der Geschäftsführer für den Fehler die Verantwortung übernehmen. Und unzufriedene Kunden verursachen enormen Stress.

Was kann helfen, um Burnout vorzubeugen?

Bevor der psychische Stress in der Arbeitswelt zu einer ernsthaften Erkrankung führen kann, hält Karin Müller, Arbeitspsychologin und Leiterin des Bereichs Mensch und Gesundheit bei der Dekra, einige Tipps bereit, um Körper und Geist zu entspannen. Konkret rät sie, bei der Arbeit generell rechtzeitig Pausen einzulegen – etwa alle 45 bis 60 Minuten. Bewährt hat es sich auch, am Vorabend die fünf wichtigsten Punkte für den nächsten Tag aufzuschreiben und eine To-do-Liste zu führen sowie einen Wochenplan zu erstellen. Der Terminkalender sollte entrümpelt und das Multitasking heruntergefahren werden.

Arbeitgeber müssen Gesundheit der Mitarbeiter im Blick haben

Damit der normale Wahnsinn auch für die Mitarbeiter nicht in enormem Stress oder schlimmstenfalls in einem Burnout endet, fordert der Gesetzgeber die Unternehmer auf, die Arbeitsbedingungen ihrer Beschäftigten im Blick zu haben und, falls erforderlich, rechtzeitig einzuschreiten. Die gesetzliche Pflicht zur Arbeitssicherheit, die auch eine regelmäßige Beurteilung psychischer Gefahren der Mitarbeiter einschließt, ist ein erster Schritt auf dem Weg zu einer nachhaltigen Organisation. Unternehmen, die das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen, beispielsweise durch ein Betriebliches Gesundheitsmanagement, haben nachweislich gesündere, zufriedenere, motiviertere und damit leistungsfähigere Mitarbeiter.

Die Arbeitspsychologin rät weiterhin: "Fragen Sie, was wichtig, was dringlich ist und für was beides zutrifft." Auch belastete soziale Beziehungen sind im Arbeitskontext ein hoher Stressfaktor. Daher ist regelmäßige Kommunikation wichtig und auch die Bereitschaft, Konfliktgespräche zu führen. Wenn unvermeidliche schwierige Termine anstehen, hilft eine gute Vorbereitung und ein paar Minuten vorher zur Ruhe zu kommen, um sich die wichtigsten Aspekte noch einmal bewusst zu machen. Geht ein Termin mal schief, ist das eben nicht zu ändern.

Müller rät, neue Perspektiven einzunehmen: "Lassen Sie sich nicht von stressenden Faktoren überrollen, sondern richten Sie den Blick ganz bewusst auf positive Dinge, die Ihnen Freude machen." Nicht zu unterschätzen sind ebenfalls guter Schlaf, eine gesunde Ernährung und genügend Bewegung. "All diese Dinge helfen, dem Stress möglichst lange zu widerstehen und mit ihm umzugehen, denn ein gesunder Geist braucht einen gesunden Körper", so Mental-Couch Goldbach. Sehr wichtig ist ein gelungener Start in den Tag mit viel Ruhe, Entspannungsritualen wie Meditation, Mentaltraining und Bewegung, wie beispielsweise Yoga.

Er rät auch, das bisherige Freizeitverhalten unter die Lupe zu nehmen, da sich manche Menschen neben beruflichem Stress zusätzlich noch Freizeitstress aufladen.

Erschien zuerst im Fachmagazin bike & business