Interview "Die Käufer können sich die Betriebe aussuchen"

Nachfolge ist im Handwerk immer noch männlich dominiert. Auffällig ist, dass die übernommenen Betriebe immer größer werden. Warum Größe einen Vorteil hat und welche weiteren Besonderheiten im Handwerk vorherrschen, erklärt Holger Wassermann, Projektleiter der Studie Nachfolgemonitor.

Holger Wassermann, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der FOM Hochschule für Berufstätige und Geschäftsführer der Nachfolgeberatung Intagus GmbH. - © Intagus GmbH/Eliane Mietke

Der Nachfolgemonitor hat sich ja dieses Mal aufs Handwerk konzentriert. Wo sind die größten Unterschiede zu anderen Wirtschaftszweigen?

Holger Wassermann: Ein wesentlicher Unterschied ist die Zulassungsvoraussetzung zumindest bei den Gewerken der Anlage A, für die ich den Meister brauche. Das ist gleichzeitig Vor- und Nachteil. Die Anzahl der potentiellen Käufer oder Nachfolger wird von vornherein stark eingeschränkt und gleichzeitig sind alle potentiellen Nachfolger als Gruppe verfügbar. In anderen Wirtschaftsbereichen gibt es diese Cluster-Bildung nicht. Eine weitere Besonderheit ist die extreme Kleinteiligkeit. Die durchschnittliche Unternehmensgröße liegt bei vier Mitarbeitern.

"Die Inhaberabhängigkeit bei kleinen Betrieben ist extrem hoch."

Hat der letzte Punkt Vor- oder Nachteile für die Nachfolge?

Für Nachfolgezwecke ist das mehr oder weniger katastrophal. Die Inhaberabhängigkeit bei den Betrieben ist extrem hoch und damit einer der ganz großen Risikofaktoren, denn ich weiß eben nicht, ob der Kunde wirklich zur Firma kommt oder nur zum Chef. Mit der Übergabe wäre dann der wesentliche Teil einer Firma nicht mehr enthalten. Es kann daher hilfreich sein, wenn der frühere Inhaber den neuen Chef noch etwa 18 bis 24 Monate beratend unterstützt. Ein weiteres Risiko von Kleinstbetrieben ist, dass die Mitarbeiter bald nach der Übergabe kündigen könnten. Bei einem größeren Unternehmen mit 20 bis 30 Leuten ist das Risiko wesentlich geringer. Seitdem wir den Nachfolgemonitor machen, ist die durchschnittliche Größe der übergebenen Unternehmen stetig gewachsen.

Ist Größe also immer ein Vorteil?

An der Größe hängt häufig auch die Profitabilität. Und bei dem derzeitigen Käufermarkt können sich die Nachfolger die Betriebe aussuchen. Eine wesentliche Strategie für die Unternehmer, die bald übergeben wollen, ist möglichst groß zu werden. Auf jeden Fall eine zweistellige Mitarbeiterzahl zu erreichen, idealerweise mehr als 20. Von da an geht es nicht mehr ohne Hierarchie und man hat Führungskräfte. Der Chef fungiert dann nicht mehr allein als Entscheidungsträger.

"Frauen produzieren die stabileren Nachfolgen."

Der Frauenanteil bei der Übergabe ist mit 16 Prozent immer noch sehr gering, gerade auch vor dem Hintergrund, dass viele Betriebe zur Übergabe anstehen. Wie kann man Frauen stärker motivieren, sich da einzubringen?

Da schwingt die Unterstellung mit, dass Frauen nicht genügend motiviert sind. Es kann ja auch sein, dass die Betriebe an Frauen einfach nicht übergeben werden, etwa weil die Betriebsinhaber annehmen, dass Frauen das nicht können oder dass die Frauen den nötigen Kredit von der Bank nicht bekommen. Auf jeden Fall wären wir froh, wenn es mehr Frauen gäbe, weil wir jetzt im Handwerk wieder gesehen haben, dass diese die stabileren Nachfolgen produzieren. Die Männer kaufen zwar größere Unternehmen und erzeugen im Schnitt mehr Umsatzwachstum, sie gehen aber auch mehr Risiken ein und laufen dann öfter gegen die Wand. Frauen kaufen kleinere Unternehmen, steigern den Umsatz nicht so stark, aber dafür geht der Gewinn auch nicht so dramatisch zurück. Für die Übergeber könnte das eine Entscheidungsgrundlage sein. Wenn die Firma nicht groß wachsen soll, sondern einfach so bleiben, wie sie ist, sucht man sich besser eine Frau.

"Wir konnten feststellen, dass die meisten Nachfolgerinnen Singles sind."

Trotzdem: Wie kommt es, dass Frauen sich weniger um Nachfolgen bemühen?

Ich weiß nicht, woran das hängt. Ich kann nur spekulieren. Vielleicht ist es die Sorge, dass man Selbstständigkeit und Familienplanung nicht unter einen Hut bekommt. Wir konnten feststellen, dass die meisten Nachfolgerinnen Singles sind.

Sie haben eben schon den Trend zur Größe erwähnt. Was heißt das denn langfristig? Keine Kleinbetriebe mehr, sondern nur noch auf der einen Seite Soloselbstständige und auf der anderen Seite Firmen, die durch Größe überleben können?

Ich kann ich mir schon vorstellen, dass es jetzt eine Art bipolare Entwicklung gibt. Hier die Kreativen, die lieber allein arbeiten wie Goldschmiede oder Schneider und dort die Gewerke, in denen ich Größenvorteile generieren kann, wie etwa SHK, Elektro oder Dachdecker. Bei der Größenfrage spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Für viele Unternehmen ergibt sich halt auch erst eine sinnvolle Anwendung von Digitalisierung, wenn sie etwas größer sind. Es ist für eine Fünf-Mann-Firma nicht sinnvoll, alle Prozesse zu digitalisieren.

Nachfolgemonitor

Der seit 2019 jährlich fortgeschriebene Nachfolgemonitor erfasst alle Unternehmenstransaktionen, bei denen eine deutsche Bürgschaftsbank in die Finanzierung der Übernahme eingeschaltet war. Diese Daten werden jeweils für das abgelaufene Jahr vom Verband Deutscher Bürgschaftsbanken (VDB) bereitgestellt. Der Nachfolgemonitor wird von Professor Holger Wassermann herausgegeben. Er ist einer der wissenschaftlichen Leiter des KCE Kompetenzcentrum für Entrepreneurship und Mittelstand an der FOM Hochschule für Berufstätige und Geschäftsführer der Berliner M&A-Beratung Intagus GmbH. www.nachfolgemonitor.de