Interview Miss Handwerk will in den Bundestag: "Zu viele alte graue Studierte"

"Im Bundestag wird zu viel geredet, bevor etwas passiert", sagt Schornsteinfegerin Ramona Brehm. Für die SPD will sie nach Berlin. Was sie dort umsetzen möchte – und warum ihr Beruf im Wahlkampf mal Trumpf, mal Anlass für abschätzige Kommentare ist.

Ramona Brehm kandidiert für den Bundestag. Ihre Ziele: höhere Löhne, weniger Bürokratie und mehr Respekt fürs Handwerk und die Pflege. - © Frank Wunderatsch

Sie kandidieren im Wahlkreis Coburg als Direktkandidatin der SPD, auf der Landesliste der Bayern-SPD stehen Sie auf Platz 26. Warum zieht es Sie in die Bundespolitik? 

Ramona Brehm: Ich habe schon als junges Kind mitbekommen, wie knüppelhart die Arbeit in der Pflege ist. Meine Mutter war 23 Jahre lang im Gesundheitswesen in Coburg tätig. Zunächst als Altenpflegerin, später als gerontopsychiatrische Fachkraft. In fünf Jahren Dauer-Nachtschicht habe ich sie kaum gesehen. Das alles für eine ausbaufähige Bezahlung. Letztes Jahr ist meine Mutter an Krebs verstorben. Das war für mich der Auslöser: Wenn ich etwas verändern kann, dann möchte ich das auch tun. Bei den anderen Parteien lese ich nur Wischiwaschi, wenn es darum geht, wie sie die Situation in der Pflege verbessern wollen. Ich möchte das Problem an der Wurzel packen. Auch im Handwerk übrigens. Wenn wir jetzt nicht handeln, dann haben wir die nächsten Jahre richtig Probleme. Wer baut unsere Häuser, wer backt unser Brot, wer schneidet mir künftig die Haare? Ohne Handwerker geht nichts. Wie die Pflege ist das Handwerk eine Branche, die notwendig ist, damit unsere Welt funktioniert. Wir müssen diese Berufe wieder attraktiver gestalten für junge Menschen. 

Der Fachkräftemangel ist ein gutes Stichwort. Als Miss Handwerk waren Sie ein Jahr lang als Repräsentantin der Branche unterwegs und haben für mehr Nachwuchs im Handwerk geworben. Welche Lehren haben Sie aus dieser Zeit ziehen können, vor allem mit Blick darauf, wie die Politik in Berlin eine handwerkliche Ausbildung für junge Menschen wieder attraktiver machen könnte? 

Als Schornsteinfegerin unterhalte ich mich viel mit Familien über die Berufswünsche ihre Kinder. In 90 Prozent aller Fälle höre ich dann, ihr Kind solle etwas Gescheites machen – einen Bürojob oder studieren. Solange die Menschen so denken, wird der Fachkräftemangel bleiben. Die Imagekampagnen von "Das Handwerk" gehen in die richtige Richtung, auch Influencer wie Sandra Hunke helfen dabei, den Blick auf die Branche zu wandeln. Doch das allein reicht nicht. Die Ausbildungsvergütungen müssen steigen. Gleichzeitig brauchen wir verbesserte Arbeitsbedingungen und eine angemessene Vergütung für Fachkräfte. Als SPD setzen wir uns für zwölf Euro Mindestlohn ein. Ich peile mittelfristig 15 Euro an. 

Angemessene Entlohnung und verbesserte Arbeitsbedingungen

Würden 15 Euro Mindestlohn nicht dazu führen, dass Betriebe – etwa im Friseur- oder Bäckerhandwerk – sich künftig weniger Mitarbeiter leisten können und somit Arbeitsplätze wegfallen? 

Im Gegenteil. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Nur durch angemessenere Entlohnung und verbesserte Arbeitsbedingungen erhöhen sich auch Anerkennung und Respekt für Fachkräfte im Handwerk. 

Neben Fachkräften fehlen dem Handwerk auch Chefs. In den kommenden Jahren gehen Hunderttausende Inhaber von Handwerksbetrieben in den Ruhestand. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich mitunter schwierig. Auch weil sie die zahlreichen Regularien, Vorschriften und Dokumentationspflichten scheuen. Welche Ideen haben Sie, um die Betriebe von Bürokratie zu entlasten? 

Wir reden immer alle von Digitalisierung. Ich merke es auch in meinem Gewerk: ohne Tablet oder Smartphone geht mittlerweile fast gar nichts mehr. Das ist auch gut so, denn vieles wird tatsächlich einfacher. Wir brauchen aber auch in der öffentlichen Verwaltung Digitalisierung und Entbürokratisierung. Wenn ich sehe, was für Anträge teils ausgefüllt oder extrem zeitaufwändige Kostenvoranschläge erstellt werden müssen, ist da noch viel Arbeit zu leisten. Wichtig ist mir, dass auch weiterhin die Papierform erhalten bleibt. Viele ältere Betriebsinhaber wünschen das so. Um die Nachwuchsprobleme in der Chefetage zu lösen, müssen wir außerdem die Meisterkurse attraktiver gestalten. Wir als SPD wollen deshalb die Gebühren abschaffen. 

Sie selbst sind als Gesellin angestellt. Hat Ihnen Ihre Chefin einen Wunschzettel mit auf den Weg gegeben, den Sie ihr im Falle einer Wahl erfüllen müssen? 

Was ich immer wieder – nicht nur von meiner Chefin – höre, ist, dass die Vorgaben der Berufsgenossenschaften teils etwas realitätsfremd sind. Im Gerüstbau oder bei den Malern gibt es da beispielsweise Vorgaben, die in der Theorie zwar sehr gut klingen, praktisch aber oftmals kaum umsetzbar sind. Hier wäre es sicherlich sinnvoll, auf praktikablere Lösungen hinzuarbeiten. 

Ramona Brehm: Auch als Abgeordnete weiterhin aufs Dach

Eine erfolgreiche Wahl würde bedeuten, dass Ihnen kaum noch Zeit für Ihren Beruf bleibt. Müssen Sie den Zylinder dann an den Nagel hängen? 

Bei zwei meiner Kunden sind tatsächlich schon Tränchen geflossen, weil sie Angst hatten, dass ich nicht mehr komme. Natürlich würde man mich weniger auf dem Dach sehen. Außerhalb der Sitzungswochen plane ich aber weiterhin ein bis zwei Tage pro Monat als Schornsteinfegerin zu arbeiten – das habe ich meinen Kunden so versprochen. Ich möchte den engen Kontakt zu den Menschen in der Region halten. Das ist für mich das, was eine gute Politikerin ausmacht.

Gibt es Eigenschaften, die Sie als Schornsteinfegerin auszeichnen, von denen Sie glauben, dass sie auch für Ihre Arbeit in Berlin wertvoll sein könnten?

Im Bundestag wird zu viel geredet, bevor etwas passiert. Handwerker wissen wie man Probleme anpackt und auch löst – wir werden aktiv. Ich bin keine, die leere Worte von sich gibt. Was ich sage, möchte ich auch umsetzen. 

"Als Handwerkerin muss ich mich rechtfertigen, was ich sehr schade finde. Einem männlichen Akademiker wird hingegen gerne Sachverstand zugeschrieben, den er unter Umständen gar nicht hat."

Ramona Brehm, SPD-Direktkandidatin im Wahlkreis Coburg

80 Prozent Akademiker im Bundestag

Im aktuellen Bundestag sitzen vor allem Juristen und Beamte. Nur acht Handwerksmeister finden sich unter den 709 Abgeordneten. 36 Parlamentarier haben immerhin einen Bezug zum Handwerk. Das Schornsteinfegerhandwerk ist überhaupt nicht vertreten. Woran liegt es, dass so wenige Handwerker im Bundestag sitzen? Mangelt es an politischem Engagement oder haben Handwerker schlichtweg einen schwereren Stand?

Auf kommunaler Ebene ist der Rückhalt für Menschen aus dem Handwerk da. In Bezug auf die Bundestagswahl merke ich aber schon, dass man als Handwerkerin mitunter abschätzig betrachtet wird. Ein Bürger fragte beispielsweise, was mich als Handwerkerin denn überhaupt befugt, als Abgeordnete zu kandidieren. Als Handwerkerin muss ich mich rechtfertigen, was ich sehr schade finde. Einem männlichen Akademiker wird hingegen gerne Sachverstand zugeschrieben, den er unter Umständen gar nicht hat. Ich würde mir wünschen, dass in die Politik wieder mehr Diversität einkehrt. Der Bundestag sollte ein Spiegel der Gesellschaft sein. Aktuell sind mehr als 80 Prozent der Abgeordneten Akademiker. Von den Wählern haben wiederum 80 Prozent nicht studiert. Wir haben – das sage ich mit einem Augenzwinkern – zu viele alte graue Studierte im Bundestag. Wir brauchen sie, keine Frage. Genauso brauchen wir aber junge Leute, die wieder Schwung und neue Ideen einbringen. Ich sag´s gern mit einem Witz: Eine Schornsteinfegerin, die manch einem im Bundestag den Kopf durchbürsten würde, wäre vielleicht gar nicht mal so schlecht. 

Als Schornsteinfegerin sind Sie auch als Energieberaterin und somit für den Klimaschutz aktiv. Welches Wissen und welche Ideen könnten Sie in diesem Bereich durch Ihren Beruf in den Bundestag einbringen? 

Aus meinem Praxisalltag weiß ich: die Menschen wollen die Energiewende. Das merke ich, wenn es darum geht, alte Ölheizungen auszutauschen. Wer sich für eine Pelletheizung begeistert, sieht sich allerdings schnell mit Kosten von ca. 35.000 Euro konfrontiert. Aktuell wird der Austausch attraktiv gefördert. Aber was, wenn das ausläuft? Für Geringverdiener müssen Angebote wie dieses verstetigt werden. Der Klimaschutz muss für jeden Geldbeutel leistbar sein. Ebenso müssen wir die Betriebe stärker berücksichtigen, beispielsweise bei der E-Mobilität. Der Verbrennermotor darf nicht pauschal verteufelt werden. Ein Gerüstbauer braucht ein Fahrzeug mit entsprechender Nutzlast, das kann ein Elektrofahrzeug nicht leisten. Andere Gewerke wie das Schornsteinfegerhandwerk funktionieren wiederum auch mit E-Fahrzeugen. Hier braucht es Anreize, damit diese ihren Fuhrpark umstellen. Genauso muss es attraktiv sein, Ladesäulen für Arbeitnehmer zu errichten. 

Diese Anreize müssen auch finanziert werden. Eine SPD-Forderung ist die Vermögenssteuer. Ein solche würde unter anderem auch das Handwerk mit seinen vielen familiengeführten Betrieben belasten. Der Besitz der Inhaber ist ja oftmals zu großen Teilen in Betriebsvermögen gebunden und wird benötigt, um in Digitalisierung und Umweltschutz investieren zu können – ebenso, um Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen und erhalten zu können. Wäre ein solche Steuer denn nicht kontraproduktiv? 

Wir sprechen hier von einer Spitzensteuer. Da geht es nicht um den Handwerker, der eine Bäckerei in dritter Generation führt. Für mich ist es wichtig, dass wir Menschen mit hohem Vermögen stärker zur Steuerkasse beten, damit wir Geringverdiener entlasten können. 

"Mein Vorteil ist, dass ich tagtäglich bei den Wählern vor Ort bin. Die Leute fragen nach und so kommt man ins Gespräch."

Ramona Brehm, SPD-Direktkandidatin im Wahlkreis Coburg

Im März 2020 sind Sie in den Coburger Stadtrat gewählt worden. Für Wählerstimmen konnten Sie damals noch frei von Corona-Beschränkungen werben. Wie verändert die Pandemie Ihren jetzigen Wahlkampf? 

Diesmal läuft vieles über Social Media und Zeitungen. Was die sozialen Medien betrifft, habe ich durch meine Vergangenheit als Miss Handwerk eine gute Reichweite. Die Zeitungen haben vor der Pandemie oftmals in Verbindung mit besuchten Veranstaltungen über Kandidaten berichtet. Die fanden in diesem Wahlkampf aber nur deutlich reduziert statt. Mein Vorteil ist, dass ich tagtäglich bei den Wählern vor Ort bin. Die Leute fragen nach und so kommt man ins Gespräch. Ich muss tatsächlich ein bisschen mehr Zeit einplanen, wenn ich zu den Kunden fahre, wobei das natürlich auf meine Kosten geht.

Fachkräftemangel eindämmen: "Das geht nur gemeinsam"

Auf welchen Erfolg als Stadträtin sind Sie besonders stolz?

Ich mache mir sehr viele Gedanken, was ich für die Kinder und Jugend in der Region bewirken kann. Für die Sommerferien habe ich beispielsweise gemeinsam mit einer Fraktionskollegin Aktionstage durchgesetzt, an denen sie kostenfrei ins Schwimmbad gehen konnten – als kleiner Ausgleich für die lange Zeit der Einschränkungen während der Lockdowns. 

Warum sollten Ihnen Handwerkschefs bei der Bundestagswahl ihre Stimme geben?

Weil ich eine Handwerkerin bin, die Probleme sieht und anpackt. Ich bin mit vielen Betriebsinhabern in Kontakt und weiß, wo deren Schuh drückt. Im Interesse jeden Handwerksbetriebs dürfte sein, dass ich dem Fachkräftemangel entgegenwirken möchte. Dazu muss ich aber auch sagen: Das geht nur gemeinsam.