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Auswirkungen der Handwerksnovelle Fliesenleger berichtet: Darum brauchen wir den Meister zurück

Harald Herrmann erlebte den Wegfall der Meisterpflicht und deren Auswirkungen als Fliesenlegermeister, Betriebsinhaber und Funktionär. In der Deutschen Handwerks Zeitung schildert er die Probleme, die die Handwerksnovelle seinem Gewerk brachte. An die Politik stellt er eine klare Forderung.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Meister im Handwerk

Als Deutschland 2003 die Abschaffung der Meisterpflicht diskutierte, ging Harald Herrmann auf die Straße. In Frankfurt, Stuttgart und Berlin demonstrierte der Fliesenlegermeister gegen die Pläne der rot-grünen Regierung, schrieb Brandbriefe an Bundestagsabgeordnete und warnte vor sinkender Qualität und niedrigen Ausbildungsquoten. Sein Protest blieb erfolglos, doch was er für sein Gewerk prophezeite, traf ein.

Weniger Ausbildung, sinkende Qualität

603 Auszubildende schlossen vergangenes Jahr ihre Lehre zum Fliesen-, Platten- und Mosaikleger ab, 63 Prozent weniger als im Jahr vor der Handwerksnovelle 2004. Ein Wert, der heraussticht – selbst in einer Branche, die seit Jahren unter Nachwuchsmangel leidet. In derselben Zeit sank die Zahl der Meisterabsolventen von 550 auf zuletzt knapp hundert jährlich. Der prozentual stärkste Rückgang innerhalb der Bau- und Ausbaugewerke.

Wenn es an gut ausgebildeten Fachkräften mangelt, schlägt das zwangsläufig auf die Qualität durch, klagten der Fachverband Fliesen und Naturstein und der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes schon 2017 in einem gemeinsamen Schreiben an den Bundestag. Der Wegfall der Meisterpflicht habe die Arbeit der Fliesenleger in Verruf gebracht und müsse rückgängig gemacht werden. Ihr Appel wurde gehört, die Diskussion um den Meister nahm an Fahrt auf und veranlasste auch andere zulassungsfreie Gewerke, sich für eine Rückkehr zur alten Ordnung starkzumachen.

Abschaffung der Meisterpflicht: Wachstumsbremse für Fliesenlegerbetriebe

Die aktuelle Debatte erlebt Herrmann als Präsident der Handwerkskammer Reutlingen. Schon zur Zeit der Novelle war er Kreishandwerks- und Obermeister und saß im Vorstand der Kammer. "Der eine geht Golfspielen, ich mache mich in meiner Freizeit lieber für das stark, wofür ich lebe", sagt der 60-Jährige. Sein Handwerk hat er von der Pike auf gelernt: Lehre, Gesellenprüfung, Meisterbrief. Später setzte er noch den Betriebswirt (HWK) obendrauf. 1992 übernahm er den Betrieb seines Vaters. Sechs Mitarbeiter hatte der Fliesenlegerbetrieb in Reutlingen damals, heute sind es drei.

"Als die Meisterpflicht abgeschafft wurde, haben sich zwei meiner Mitarbeiter selbstständig gemacht", erinnert sich Herrmann. Zwei weitere verlor er an die Industrie. Sie gleichwertig zu ersetzen, gestaltete sich schwierig. Die Handwerksnovelle erwies sich für den Fliesenlegermeister als Wachstumsbremse. "Es gab keine Fachleute auf dem Markt", sagt er. Zunächst weil sich viele Gesellen selbstständig machten oder ein Wechsel nicht infrage kam, später zunehmend, weil immer weniger Betriebe ausbilden konnten, wollten oder durften. Das lag zum einen daran, dass ihnen die fachlichen und pädagogischen Kenntnisse aus dem Meisterkurs und die damit verbundene Ausbildungsberechtigung fehlten. Andere scheuten aber auch den Aufwand und die Gefahr, sich die eigene Konkurrenz heranzuzüchten.

185.000 Neugründungen seit Handwerksnovelle

Innerhalb eines Jahrzehnts versechsfachte sich die Zahl der Fliesenlegerbetriebe von 12.400 auf mehr als 70.000, davon rund 40 Prozent Solo-Selbstständige. Insgesamt wurden zwischen 2004 und 2018 fast 186.000 Fliesenlegerbetriebe gegründet, viele von Fachfremden und Arbeitskräften aus Osteuropa. Knapp 129.000 verschwanden in derselben Zeit vom Markt. Es sind die immer selben Gründe, warum Fliesenleger ihren Betrieb schließen müssen, sagt Herrmann: "Entweder sie merken, dass sie doch überfordert mit dem Auf­gabenfeld sind, oder sie gehen in­solvent."

Ruinöser Preiskampf und Probleme im Gewährleistungsfall

Insbesondere bei öffentlichen Ausschreibungen hätten die zahlreichen Neugründungen einen ruinösen Preiskampf entfacht. "Viele mussten feststellen, dass es doch nicht ganz einfach ist, an Aufträge zu kommen – also haben sie es über den Preis versucht", erinnert er sich. Den Dumpingpreisen der Ein-Mann-Betriebe seien über die Jahre auch alteingesessene Meisterbetriebe zum Opfer gefallen. "Es ist klar: Wenn ich alleine arbeite, kann ich ganz anders rechnen als ein Betrieb mit Mitarbeitern, die nach oder über Tarif bezahlt werden." Viele der neu gegründeten Betriebe hätten sich mit unausgereiften Kalkulationen aber auch selbst die Lebensgrundlage entzogen.

Der Leidtragende ist der Verbraucher, sagt Herrmann. "In unserem Handwerk sieht der Kunde erst im Nachhinein, was er gekauft hat. Ob die versprochene Leistung gehalten wird, stellt sich oftmals erst in den Folgejahren heraus." Wenn der beauftragte Betrieb dann nicht mehr existiert, steht der Verbraucher alleine da. Ein Meisterbrief sei keine Garantie, dass dem Kunden ein solches Szenario erspart bleibt. "Aber er bildet eine gute Basis", sagt Herrmann.

Fehlendes Knowhow gefährdet Gesundheit der Verbraucher

Dass sich die an der Meisterschule erworbenen Kenntnisse positiv auf die Bestandsfestigkeit der Betriebe auswirken, hat das Düsseldorfer Institute for Competition Economics (DICE) kürzlich in einem ökonomischen Gutachten zur Handwerksnovelle belegt. Außer Frage steht für Herrmann auch, dass ein Fliesenleger nach seiner Meisterausbildung zu einer höheren Qualität fähig ist, als ein Geselle, erst recht als ein Ungelernter.

"Das ist auch das, was der Kunde verlangt." Die Anforderungen seien in den letzten Jahren extrem gestiegen – gerade, was die Materialien betrifft. Fehlt das fachliche Knowhow, riskieren Fliesenleger mitunter sogar die Gesundheit der Verbraucher, warnt Herrmann. Etwa dann, wenn die berufsgenossenschaftlichen Regeln zur Rutschgefahr in öffentlichen Gebäuden oder in Treppenhäusern nicht berücksichtigt oder beim Bau von barrierefreien Bädern gültige und notwendige Normen nicht beachtet werden.

Rückkehr zur Meisterpflicht mit Bestandsschutz für bereits gegründete Betriebe

Von der Politik verlangt Herrmann jetzt, dass sie den Mut aufbringt, ihren Fehler einzugestehen. "Man hat’s probiert, es ist gescheitert. Man muss sich dafür nicht schämen, aber man muss es korrigieren." Zehn bis 15 Jahre, schätzt er, wird es dauern, bis sich der Markt so bereinigt hat, dass es nur noch nachhaltige Meisterbetriebe und anderweitig hochqualifizierte Betriebe gibt – sollte die Meisterpflicht für Fliesenleger denn wieder eingeführt werden.

"Natürlich muss dann auch über einen Bestandsschutz für Fliesenleger gesprochen werden, die ihren Betrieb legitim ohne Meisterbrief gegründet haben", sagt Herrmann. Ein Punkt, der auch von den politisch Beteiligten immer wieder betont wird. Kommt die Meisterpflicht zurück, würden Niveau und Ausbildungsbereitschaft wieder steigen, ist sich Herrmann sicher. Wie schon 2003 gibt sich der Fliesenlegermeister dabei nicht mit der Beobachterrolle zufrieden. "Jetzt als Präsident der Handwerkskammer nutze ich jede Gelegenheit, um die Politik von der Wichtigkeit einer Rückvermeisterung zu überzeugen." Und wenn er damit etwas bewegen kann, würde er für sein Gewerk sicherlich auch wieder auf die Straße gehen.

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