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Alternatives Mieterstrommodell ausgezeichnet Flatrate fürs Wohnen in energieautarken Häusern

Die künftigen Mieter zweier energieautarker Mehrfamilienhäuser in Cottbus sollen einen Festpreis für Kaltmiete, Strom und Heizung zahlen. Für das Konzept gab es den Deutschen Solarpreis.

Während im Hambacher Forst die Polizei die ersten Demonstranten gegen den Braunkohleabbau von den Bäumen holte, wurden in Bonn Pioniere der Energiewende mit dem Deutschen Solarpreis 2018 ausgezeichnet. Einer der Preise ging an ein „Vorzeigeprojekt für den Strukturwandel in der Lausitz“, wo mit einem alternativen Mieterstrommodell ein Zeichen gegen die Kohleverstromung gesetzt wird.

In Cottbus baut die Wohnungsgenossenschaft „Wohnen 1902“ zwei Mehrfamilienhäuser, die zwischen 60 und 80 Prozent der benötigten Energie für Wärme und Elektrizität selbst erzeugen. Jedes der Gebäude mit 600 m2 beheizbarer Wohnfläche im Energieeffizienzstandard KfW 55 verfügt über 100 m2 Solarthermiekollektoren und Photovoltaikmodule mit 29,58 kW Leistung. Überflüssige Heizenergie fließt in einen 24,6 m3 Wasser fassenden Langzeitwärmespeicher. Für den Solarstrom stehen Batterien mit einer Kapazität von 54 kWh bereit.

Erfahrungsschatz aus dem Handwerk als Basis

Das eigentliche Know-how aber steckt im Nutzungskonzept der beiden energieautarken Häuser mit je sieben Wohnungen. Deren Mieter sollen von steigenden Nebenkosten befreit werden, die sich schnell zur zweiten Miete entwickeln können. Stattdessen bietet die Wohnungsgenossenschaft eine Art Flatrate von 10,5 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche, die neben der Kaltmiete auch die Heiz- und Stromkosten enthält. Dieser Preis soll für zehn Jahre festgeschrieben werden, auch wenn der Vermieter bei dem Pilotprojekt nach fünf Jahren die Zahlen auswerten und eventuell nachjustieren will.

Dass die Rechnung aufgeht, davon ist Timo Leukefeld überzeugt. Der gelernte Schlosser und diplomierte Energietechniker hat das System der energieautarken Häuser entwickelt und wohnt selbst in einem der Prototypen im sächsischen Freiberg, wo er als Honorarprofessor an der Bergakademie lehrt. Außerdem unterrichtet er das Fach „energieautarke Gebäude“ auch an der Berufsakademie Glauchau.

Monitoring bestätigt Rechenmodelle

Timo Leukefeld

Sein Wohnhaus ist mit umfangreicher Messtechnik ausgestattet, deren Daten die Werte aus den Simulationsmodellen bestätigt haben. „Der Erfolg liegt in meiner Handwerkerprägung. Ich probiere zuerst aus, bevor ich etwas anbiete“, sagt Leukefeld, der 15 Jahre lang einen auf Solarthermie spezialisierten Handwerksbetrieb führte, bevor er seine akademische Laufbahn einschlug.

Für die Cottbuser Wohnungsgenossenschaft hat Leukefeld sein Konzept weiterentwickelt. Vor allem soll sich der Ertrag der Solarthermieanlage verdoppeln, in dem Nachbargebäude über eine Nahwärmeleitung mit überschüssiger Wärme aus dem Langzeitspeicher mitversorgt werden, was auch den dortigen Mietern die Nebenkosten verringert.

Geschäftsmodell für Energieversorger und Banken

Leukefelds Idee ist es, die Speicher der energieautarken Mehrfamilienhäuser auch für Energieversorger zu öffnen. Dann könnte bei einem Überangebot an Strom, das an der Börse zu negativen Preisen führt, der Abfallstrom sogar mit Gewinn verkauft und zwischengelagert werden – entweder im Akku oder der Strom heizt via Power-to-Heat den Wärmespeicher auf. Alles in allem ein Beitrag zur Netzstabilität, der in Verbindung mit Elektromobilität noch stärker ausfallen würde. Diese könnte in einem nächsten Schritt sogar in die Mietflatrate einbezogen werden.

Neue Geschäftsmodelle bietet das Konzept aber nicht nur für Immobilienwirtschaft und Energieversorger. Auch Banken sehen darin eine Möglichkeit, ihren Kunden e ine attraktive Rendite zu bieten. Ein selbstgenutztes energieautarkes Einfamilienhaus spare bis zu 3.000 Euro pro Jahr an Heiz-, Strom- und Tankkosten. „Steuerfreie Einsparungen wirken sich zwei- bis dreifach rentabler auf die Kaufkraft aus als die zu versteuernden Einnahmen, die zum Beispiel durch Einspeisevergütungen oder Kapitalversicherungen erzielt werden“, rechnet Leukefeld vor.

Die Volks- und Raiffeisenbank Altenburger Land hat im ostthüringischen Schmölln bereits ein solches Haus errichten lassen und stellt es potenziellen Bauherren, aber auch Handwerkern und Wissenschaftlern zunächst als Musterhaus zur Ver­fügung. Vorstandsmitglied Raik Romisch hält das Konzept für eine „intelligente und überaus zeitgemäße Variante der Altersvorsorge.“

Andere Bauherren wollen ebenfalls in energieautarke Häuser investieren. Zwischen Wilhelmshaven und Freiburg sind laut Leukefeld bereits 30 Projekte in Planung.

Überblick über alle Solarpreise 2018

  • In der Kategorie „Städte, Gemeinden, Landkreise, Stadtwerke“ der Kreis Steinfurt – energieland2050 e.V. als erfolgreiches überparteiliches Bündnis von regionalen Akteuren zur Realisierung der Energiewende- und Klimaziele des Landkreises.
  • In der Kategorie „Solare Architektur und Stadtentwicklung“ die vernetzten Mehrfamilienhäuser mit Mieterstrom und Mieterwärme in Cottbus als Vorzeigeprojekt von Herrn Prof. Timo Leukefeld und der eG Wohnen 1902 für den Strukturwandel in der Lausitz und als politisches Signal für ein alternatives Mieterstrommodell zum EEG.
  • In der Kategorie „Lokale und regionale Vereine/Gemeinschaften“ der Verein Solar Powers e.V. aus Berlin für das herausragende Engagement der Studierenden und die Signalwirkung für das Nutzungspotenzial von Solarstrom auf den Dächern von Bildungseinrichtungen.
  • In der Kategorie „Medien“ Heinz Wraneschitz aus Wilhermsdorf für sein langjähriges und konsequentes journalistisches Engagement für die dezentrale Energiewende auf Basis 100 % Erneuerbarer Energien.
  • In der Kategorie „Transportsysteme“ die e.GO Mobile AG aus Aachen für ein starkes Aufbruchssignal in das Zeitalter der Elektromobilität und die Vorbildfunktion für die etablierten Automobilhersteller in Deutschland.
  • In der Kategorie „Bildung und Ausbildung“ die Werner-Heisenberg-Schule in Rüsselsheim für das langjährige und fächerübergreifende Konzept zur Integration erneuerbarer Energieprojekte in den Unterricht.
  • In der Kategorie „Sonderpreis für persönliches Engagement“ Dr. Aribert Peters aus Unkel für sein jahrzehntelanges authentisches Engagement und sein gesamtgesellschaftliches Wirken im Interesse der Energieverbraucher.

Der Deutsche Solarpreis wurde von Hermann Scheer (†), Träger des Alternativen Nobelpreises, ins Leben gerufen. Gemeinden, Unternehmen, Vereine oder Organisationen, Journalisten und Privatpersonen erhalten seit 1994 den Preis von EUROSOLAR e.V. für ihr Engagement rund um Erneuerbare Energien. Ausgezeichnet werden besondere und herausragende Projekte und Initiativen, die eine konsequente und dezentrale Energiewende verfolgen.

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