Interview mit Hans-Jörg Bullinger Wie wir in Zukunft leben und arbeiten

Die Stadt der Zukunft braucht eine unabhängige Energieversorgung, neue Arbeitsmodelle für Alt und Jung und mehr Elektroautos, um die Umwelt zu schonen. Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung spricht Professor Hans-Jörg Bullinger über einen Gegenentwurf zur aktuellen Arbeits- und Lebenswelt. Der gelernte Betriebsschlosser, studierte Maschinenbauer und langjährige Präsident der Fraunhofer Gesellschaft erklärt auch, welche Rolle das Handwerk dabei spielt.

Jana Tashina Wörrle

Grün, flexibel und unabhängig: Die Forschungsinitaitive "Morgenstadt" beschreibt eine Vision von einer CO2-neutralen Stadt der Zukunft mit neuen Lebens- und Arbeitsmodellen. - © Foto: lassedesignen/Fotolia

DHZ: Herr Bullinger, Sie erforschen das Leben und Arbeiten in der Stadt der Zukunft. Wie sieht diese Stadt aus und wie kann sie Realität werden?

Hans-Jörg Bullinger: Ich nenne die Stadt der Zukunft "Morgenstadt" und um sie zu erreichen, müssen wir sowohl unsere Energieversorgung, unsere Art und Weise mobil zu sein und unsere ganzen Lebens- und Arbeitskonzepte auf die Herausforderungen der Zukunft einstellen. Eine Stadt von morgen wird eine Stadt sein, die sich selbst über erneuerbare Energien versorgt. Unsere Häuser müssen zukünftig nicht nur energieneutral sein, sie müssen Energie im Überschuss erzeugen. So eine Stadt der Zukunft braucht aber auch andere Verkehrssysteme und dabei wird die Elektromobilität eine entscheidende Rolle spielen. Das sind alles konkrete Dinge, die wir schon heute haben und nur miteinander verzahnen müssen.

DHZ: Gerade bei der Elektromobilität gibt es aber viele Kritiker, die sagen, dass die Forschung und Technik noch weit hinterherhinkt?

Hans-Jörg Bullinger, langjähriger Präsident der Fraunhofer Gesellschaft. - © Foto: Fraunhofer
Hans-Jörg Bullinger

Bullinger: Die Einführung der Elektroautos ist keine Frage an die Hersteller, sie hängt von der Politik ab. Wenn die Politik bestimmen würde, dass man in die Innenstädte nur noch mit Elektroautos hineinkommt, würde sich schnell etwas ändern. Städte in anderen Ländern wie Athen, Singapur oder Kopenhagen machen es doch schon vor. Wenn man es wirklich wollte,  könnte sehr schnell ein neuer Markt für Stadtfahrzeuge entstehen. Was die Langstrecken betrifft und damit die Speicherkapazitäten der Autos, muss man ganz klar sagen, dass wir hier noch Defizite haben. Es wird noch eine Zeit dauern, bis wir hier Kapazitäten erreichen, um mit einen E-Fahrzeug 400 Kilometer zu fahren.

DHZ: Hat die Politik es bislang versäumt, im Bereich der Forschung an Speichertechnologien genügend zu investieren und diesem Thema in die Öffentlichkeit zu bringen?

Bullinger:   So ein Vorwurf hilft uns nicht weiter. Es gibt mittlerweile große Mittelklassewagen, die einen Verbrauch von vier oder fünf Liter Diesel haben. Da sieht man, wo der Druck von der Nachfrageseite war. Wir als Kunden haben den Elektromotor vom Markt bisher nicht genügend gefordert. Am Ende werden sich die E-Fahrzeuge aber durchsetzen, weil sie einen besseren Wirkungsgrad haben. Dabei darf man aber nicht vergessen, die Elektromobilität immer im Zusammenhang mit der Energieerzeugung zu sehen.

DHZ: Wie hängt das zusammen?

Bullinger: Ja, aber wenn wir den Strom weiterhin im selben Mix erzeugen wie jetzt mit Kohle, Wasserkraft und Atomenergie, dann hätten wir beim dem Strom, den die Elektroautos verbrauchen, eine viel höhere Umweltbelastung wie mit einem gut gefilterten Dieselfahrzeug. Wer Elektromobilität will, muss eine Antwort auf die Frage haben, wo in Zukunft der Strom herkommt.

DHZ: Ist die Energiewende die größte Herausforderung, vor der Deutschland gerade steht?

Bullinger: Die Energiewende ist ein Großprojekt, für das bislang noch die richtigen Zielvorgaben fehlen. Schon vor Fukushima haben wir eine Studie veröffentlicht, die belegt, dass Deutschland bis 2050 allein mit erneuerbaren Energien versorgt werden kann. Es ist möglich, aber der Umbau kostet. Noch bis etwa 2025 werden wird ordentlich dafür zahlen. Aber dann ist er Punkt erreicht, wo sich die Investitionen anfangen zu lohnen. Genau das muss man den Bürgern aber erklären. Man muss die Bürger von den 'Betroffenen' zu den 'Beteiligten' machen.

DHZ: Wie kann Deutschland bei Energiethemen eine Vorreiterrolle behalten?

Bullinger: Deutschland muss sich weiter öffnen und konsequent an dem Thema dranbleiben. Wenn wir nur noch energieeffiziente Häuser hätten, wäre das nicht nur gut für die Umwelt. Es wäre auch ein riesiger Vorteil für die Wirtschaft und gerade das Handwerk könnte davon profitieren und seine Produkte und Leistungen ins Ausland verkaufen. Das geht bei Wärmepumpen los, über andere Haustechnik und alle energieeffizienten Produkte. Für einen solchen Export müssen aber die Rahmenbedingungen stimmen.

DHZ: Wie ist die Konkurrenz aus Ländern wie China einzuschätzen?

Bullinger: Die Konkurrenz ist erdrückend groß. Aber wenn man schaut wie gut wir aus der Krise kommen, muss man sagen, dass wir ja noch einen Vorsprung haben. Wir verstehen noch etwas von Produktionsprozessen und haben nicht alles aus dem Land gegeben. Dazu kommt, dass unsere Unternehmen nicht aufgehört haben zu forschen und Innovationen zu entwickeln – auch im Handwerk.

DHZ: Sie fordern aber trotzdem eine engere Zusammenarbeit zwischen der Wirtschaft und der Wissenschaft. Was hindert die Institute und die Unternehmen bislang daran?

Bullinger: Oft fehlen ganz einfach die Verständigungsbrücken zwischen Theorie und Praxis. Und dabei meine ich besonders die Grundlagenforschung an den Universitäten. Die Fraunhofer Institute sind ja nur ein Drittel von Staat getragen und der Rest ist ganz nah an der Wirtschaft dran, aber das funktioniert leider nicht überall so. Wir brauchen mehr gemeinsame Projekte, bei denen sich Vertreter aus beiden Bereichen zusammensetzen und miteinander sprechen. Immer wenn so etwas zustande kommt, – das ist meine Erfahrung auch mit dem Handwerk – entstehen dabei ganz tolle Dinge, ob neue Ausbildungsgänge oder konkrete Innovationen.

Was Hans-Jörg Bullinger über den drohenden Fachkräftemangel sagt.>>>

DHZ: Die Wirtschaft steht zukünftig auch vor dem Problem des Fachkräftemangels. Wie müssen sich die Betriebe jetzt umstellen?

Bullinger: Der Fachkräftemangel wird oft nur im Zusammenhang mit den Akademikern und den sogenannten MINT-Fächern diskutiert, aber das duale Ausbildungssystem steht genauso vor der Herausforderung. Die Gesellschaft braucht beide und so muss auch deutlicher in den Vordergrund gerückt werden, wo die Arbeitschancen in Deutschland sind. Die Jugendlichen müssen frühzeitig über ihre Möglichkeiten und Perspektiven informiert werden. Man muss hier die Werbetrommel rühren.

DHZ: Was ist mit der Alterung der Gesellschaft, wie muss sich die Arbeitswelt hierauf einstellen?

Bullinger: Wir brauchen neue Arbeitsmodelle und Lebenszeitentwürfe. Es müssen andere Pausen möglich sein, sowohl an einem Arbeitstag als auch innerhalb des Arbeitslebens. Und dabei geht es nicht nur darum die Arbeitszeit zu verlängern, sondern darum sie ganz neu aufzubauen und verschiedene Möglichkeiten bereitzustellen. Die Arbeitsmodelle werden zunehmend zum Wettbewerbsfaktor für die Betriebe.

DHZ: Wettbewerb, neue Perspektiven und neue Produkte – hat das ständige Wachstum auch Grenzen? Müssen wir uns nicht auch auf mehr Verzicht einlassen?

Bullinger: Vieles Neue ersetzt ja auch Altes. Aber man muss sich auch damit auseinandersetzen, dass in Ländern wie China viel Nachholbedarf ist und dass dort ein anderer Lebensstandard angestrebt wird – das ist meiner Ansicht nach auch berechtigt und deshalb wird es dort weiterhin Wachstum geben. Ob dieser Lebensstandard auch mit Produkten und Innovationen aus Deutschland oder Europa erreicht wird, können wir ja mitbestimmen. Andererseits gibt es bei uns natürlich Bereiche wie den Energiesektor, wo wir klug beraten wären, uns zu beschränken.

DHZ: Was sind für Sie heute und im Zusammenhang mit den aktuellen Problemen Innovationen?

Bullinger: Eine Innovation ist ein verkaufsfähiges Produkt oder eine verkaufsfähige Dienstleistung, der Rest ist die Erfindung, die Invention. Und hier kommt meistens die Wissenschaft mit ins Spiel und die Verknüpfung mit der Wirtschaft. Wir machen aus Geld Wissen, aber um aus dem Wissen wieder Geld zu machen, brauchen wir die Wirtschaft. Wenn diese Zusammenarbeit klappt, dann schaffen wir gemeinsam Innovationen, sie entstehen in den Betrieben.

DHZ: Sie sind gelernter Betriebsschlossen und Ihre Karriere begann im Handwerk. Welche Rolle spielt dieser Wirtschaftszweig für die zukünftigen Herausforderungen? Handwerk und "Morgenstadt" – wir passt das zusammen?

Bullinger: Die "Morgenstadt" ist nicht denkbar ohne ein höchstqualifiziertes Handwerk. Die ganzen Steuerungen, die in den neuen Heizungsanlagen eingebaut sind und die neuen Werkstoffe, die verarbeitet und bearbeitet werden müssen, da steckt viel fürs Handwerk drin – auch viele Herausforderungen, auf die sich die Betriebe vorbereiten müssen. Und das ist auch eine wichtige Aufgabe für die Handwerkskammern.

DHZ: Ihre Präsidentschaft bei der Fraunhofer Gesellschaft ist seit Oktober zu Ende. Wie geht es jetzt mit "Morgenstadt" weiter?

Bullinger: Die wird auf jeden Fall weitergeführt und ich bleibe am Ball. Im Frühjahr des kommenden Jahres wird es eine "Nationale Plattform Morgenstadt" geben, das ist auf Regierungsebene schon beschlossen und Mittel sind bewilligt. Getragen wird sie sehr stark auch vom Bundesbauministerium und nicht nur vom Forschungsministerium.

Hans-Jörg Bullinger

Hans-Jörg Bullinger wurde 1944 in Stuttgart geboren. Seine berufliche Laufbahn begann er bei der Daimler-Benz-AG in Stuttgart-Untertürkheim mit einer Ausbildung zum Betriebsschlosser und arbeitete dort danach zwei Jahre als Betriebsmechaniker. Von 1963 bis 1966 besuchte er die Technische Oberschule und holte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur nach, um danach direkt mit dem Maschinenbaustudium zu beginnen. Nach dem Diplom promovierte er 1974 mit Auszeichnung zum Dr.-Ing. Nur vier Jahre später, 1978, schloss er die Habilitation erfolgreich ab und erhielt eine Professur an der Fernuniversität Hagen.

Von 1981 bis 2002 war Hans-Jörg Bullinger Institutsleiter des von ihm mitgegründeten Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), daneben auch Professor für Arbeitswissenschaft und Technologie-Management an der Universität Stuttgart. Vom 1. Oktober 2002 bis 30. September 2012 amtierte Hans-Jörg Bullinger Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft. Nach Ausscheiden aus diesem Amt er dem Senat der Fraunhofer-Gesellschaft aber weiterhin angehören.

Die Morgenstadt

Die "Morgenstadt" ist eine Forschungsinitiative der Fraunhofer Gesellschaft mit dem Ziel, das Leben und Arbeiten in der Stadt der Zukunft zu beschreiben und Lösungen für die aktuellen Probleme anzubieten. Es ist ein Gegenentwurf zu Fehlentwicklungen wie der stetig steigende Ressourcenverbrauch, der hohe Ausstoß an Treibhausgasen und die Milliarden Tonnen von Müll, die in den Städten produziert werden. Nach Ansicht der Forscher könnte die Morgenstadt mit Stadtvierteln, die Strom und Wärme selbst erzeugen, Elektroautos, die gleichzeitig als Stromspeicher dienen, und intelligenten Häusern, in denen auch alte Menschen bequem und sicher leben können, ein Ansatz sein, die Energiewende und den demografischen Wandel richtig zu nutzen und daraus auch Chancen für die Wirtschaft zu ziehen. Die technischen Voraussetzungen seien bereits heute schon vorhanden.

Das Bundesforschungsministerium, das die Initiative mitfinanziert, nennt die Morgenstadt "eine Antwort auf den Klimawandel". Gemeinsam mit dem Bundesbauministerium wird es ab dem kommenden Jahr eine "Nationale Plattform Morgenstadt" auf die Beine stellen, um darüber sogenannte Leuchtturmprojekte der Initiative zu unterstützen.