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Arbeitsmarkt für behinderte Menschen Inklusion: Viele Firmen drücken sich

Die Beschäftigungsquote in Deutschland ist hoch und der Arbeitsmarkt weiterhin im Aufschwung. Doch nicht alle Personengruppen profitieren. Für behinderte Menschen ist es immer noch schwerer, auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt Fuß zu fassen. Was das Handwerk tun kann.

Sowohl die Handwerksordnung und das Berufsbildungsgesetz geben vor, dass behinderte Menschen ebenso wie Menschen ohne Behinderung in anerkannten Berufen ausgebildet werden. Nur für Menschen, für die aufgrund der Art und Schwere ihrer Behinderung, eine normale Berufsausbildung nicht in Frage kommt, gibt es Sonderregelungen.

Gleichberechtigte Teilhabe für alle

Das Stichwort lautet "Inklusion" und beschreibt die gleichberechtigte Teilhabe behinderter  und schwerbehinderter Menschen an Gesellschaft, Politik, Kultur, Sport und am Arbeitsleben. Doch auf dem Arbeitsmarkt gibt es Probleme. Von der positiven Entwicklung bei den Arbeitslosenzahlen profitieren Menschen mit einer Behinderung nicht im selben Maße wie andere.

Während die allgemeine Arbeitslosenquote in diesem Jahr auf durchschnittlich sechs Prozent zurückging, verringerten sich die Zahlen bei den schwerbehinderten Menschen nur geringfügig. Die Quote liegt mit 13,4 Prozent noch immer mehr als doppelt so hoch. Diese Entwicklung zeigt sich noch gravierender, wenn man den Fachkräfteanteil vergleicht.

Denn die Arbeitslosen mit Behinderung weisen im Schnitt bessere Qualifikationen auf als die Arbeitslosen ohne Behinderung. Nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit haben knapp 60 Prozent der schwerbehinderten arbeitslosen Menschen ein abgeschlossenes Studium oder eine Ausbildung.

Diese Zahlen beziehen sich jedoch nur auf die schwerbehinderten Menschen, meist mit körperlichen Behinderungen. Diejenigen, die eine Lernbehinderung haben und deshalb erst gar keine Lehrstelle bekommen, sind laut Kirsten Vollmer vom Bundesinstitut für Berufsbildung nicht erfasst. Und besonders diese Gruppe bekommt nach Ansicht von Bildungsexperten noch immer zu wenige Chancen, sich auf dem Arbeitsmarkt zu beweisen.

Neues Bundesteilhabegesetzt: Der reguläre Arbeitsmarkt hat Vorrang

Der Bundestag hat das neue Bundesteilhabegesetzt beschlossen. Es soll Menschen mit Behinderung mehr Selbstbestimmung und mehr Teilhabe am normalen Arbeitsleben zusichern. Doch es gibt noch Probleme. Wie der ZDH das Gesetz bewertet.

Natürlich ist es für einen Menschen im Rollstuhl nur schwer möglich, auf einer Baustelle zu arbeiten und kompliziert, wenn ein blinder Mensch Maler werden möchte. Aber das erwartet wohl auch niemand. Wenn von Inklusion gesprochen wird, von individueller Förderung und vom Finden von Kompromissen, damit mehr Menschen mit einer Behinderung einem regulären Beruf nachgehen können, geht es auch immer noch darum, Vorurteile abzubauen.

Oft werde vergessen, dass Behinderungen ganz vielfältiger Art sein können, teilt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) auf die Frage mit, wie er derzeit die Chancen von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt bewertet. Zu denken sei etwa an den Bäcker-Azubi mit Asperger-Syndrom, den gehörlosen Malergesellen oder den lernschwachen Fachpraktiker für Holzverarbeitung. Sie alle könnten im Handwerk arbeiten wie jeder andere Arbeitnehmer.

Derzeit ist das Thema aktueller denn je, da die Bundesregierung ein neues Gesetz verabschiedet hat, das behinderten Menschen mehr Leistungen und bessere Möglichkeiten verspricht, auf dem "normalen" Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Bundesteilhabegesetz: Was soll sich künftig ändern?

Im Mittelpunkt steht die Selbstbestimmung. So sollen behinderte Menschen unter anderem mehr Geld ansparen dürfen, wenn sie staatliche Unterhaltsleistungen beziehen. Zudem will Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) Arbeitgebern zusätzliche Zuschüsse bezahlen, die einen Menschen mit Behinderung einstellen, der ansonsten in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet hätte. Ein unbefristeter Lohnkostenzuschuss ist im Gespräch.

Außerdem möchte die Bundesregierung die Bürokratie und den Aufwand verringern, den Menschen mit einer Behinderung leisten müssen, wenn sie Hilfen beantragen wollen. Oft müssen sie derzeit verschiedene Beratungsstellen und Behörden aufsuchen. Eingeplant sind bis 2020 Mehrausgaben für den Bund von mehr als 1,5 Milliarden Euro und für Länder und Gemeinden von 350 Millionen Euro.

Das Bundesteilhabegesetz gehört zu den Maßnahmen, mit denen die Bundesregierung die Vorgaben der UN-Behindertenkonvention umsetzen möchte. Die Forderung darin: Statt ausschließlich auf Fürsorge-Leistungen sollen die Staaten mehr Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe bieten.

Das sieht auch der ZDH so, denn wenn Menschen mit Behinderung entsprechend ihrer individuellen Fähigkeiten eingesetzt würden, könnten sie für den Betrieb nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht ein Gewinn sein. Den Gesetzesentwurf zum Bundesteilhabegesetz betrachtet der Handwerksverband allerdings an einigen Stellen etwas skeptisch. So sind darin sowohl Pläne enthalten, den Beschäftigten in den Behindertenwerkstätten mehr Lohn zu zahlen als auch mehr alternative Werkstattanbieter zuzulassen.

Welche Kritik gibt es am Bundesteilhabegesetz?

Letzteres gehe allerdings an der Zielsetzung vorbei, mehr behinderte Menschen auf dem regulären Arbeitsmarkt zu beschäftigen. "Eine individuelle Förderung darf nicht dazu führen, dass behinderte Menschen vorzugsweise auf einem Werkstattplatz beschäftigt werden", so der ZDH. Dem Handwerk sei vielmehr daran gelegen, den Übergang von der Schule in einen anerkannten Ausbildungsberuf zu fördern und somit behinderten Menschen von Anfang an die Inklusion in den regulären Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Wenn alles so verläuft, wie es sich die Bundesregierung wünscht, wird das neue Bundesteilhabegesetz im kommenden Jahr in Kraft treten. Zuvor sind aber wohl noch Nachbesserungen gefragt. Denn Kritik an den jetzigen Plänen kommt auch von einigen Behindertenverbänden. Sie kritisieren vor allem die neuen Voraussetzungen, die zu erfüllen sind, damit behinderte Menschen staatliche Unterstützung bekommen. Zudem wird das sogenannte Pooling diskutiert, das vorgibt, dass sich mehrere behinderte Menschen zusammentun müssen, um bestimmte Leistungen wie einen Fahrservice zu bekommen oder in bestimmten Situationen die Begleitung durch einen Assistenten. Dies schaffe mehr Abhängigkeiten statt Selbstbestimmung.

In Deutschland leben derzeit etwa 10,2 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen, davon sind rund 7,5 Millionen schwerbehindert. Etwa 700.000 Menschen beziehen Eingliederungshilfe.

Die Scheu verlieren

"Die Arbeitgeber müssen ihre Scheu vor diesem Thema verlieren", sagt Kirsten Vollmer im DHZ-Interview (siehe unten). Noch immer gebe es kein richtiges Bewusstsein für die unterschiedlichen Behinderungen. Dazu kommen Vorurteile über hohe Ausgleichszahlungen, die Betriebe ab 20 Mitarbeitern leisten müssen, wenn sie keine Behinderten einstellen, und einen nicht zu umgehenden Kündigungsschutz. Die sogenannte Ausgleichsabgabe liegt allerdings bei höchstens 290 Euro pro Monat und der Kündigungsschutz folgt keinen strengeren Regelungen als bei anderen Angestellten.

In den vergangenen Jahren haben viele Firmen in Deutschland diese Möglichkeit genutzt. Nach Angaben der "Aktion Mensch" blieben im vergangenen Jahr 36 Prozent aller Arbeitgeber unter der Einstellungsquote für Menschen mit Behinderung von fünf Prozent. Sie zahlen stattdessen die gesetzliche Ausgleichsabgabe.

Und zukünftig werden sich die Probleme eher verschärfen als lösen: Denn mit dem steigenden Anteil Älterer in Deutschland wächst auch die Zahl schwerbehinderter Menschen. Ganz überwiegend sind Behinderungen nämlich Folgen schwerer Erkrankungen im Lebensverlauf. Der Trend spiegelt sich auch in den Arbeitsmarktdaten der Bundesagentur für Arbeit (BA) wider: Rund zwei Fünftel der Arbeitslosen mit einer Schwerbehinderung sind demnach 55 Jahre und älter – und haben es damit doppelt so schwer, eine Tätigkeit aufzunehmen.

Fachkräftemangel: Nachwuchs dringend gebraucht

Genau Zahlen zum Ausbildungsmarkt für behinderte Menschen gibt es bislang nicht. Dass hier ein großes Potenzial verschenkt wird, hat aber auch die Politik erkannt. Deutschland hat als einer der ersten Staaten die UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 ratifiziert. Zur konkreten Umsetzung hat die Bundesregierung einen Nationalen Aktionsplan erarbeitet, der Ziele und Maßnahmen in einer Gesamtstrategie für die nächsten zehn Jahre zusammenfasst. Passend dazu gibt es eine Online-Plattform, die Infos auch für Arbeitgeber bereitstellt.

Doch wie können diese Ziele in die Praxis umgesetzt werden? Eva-Maria Beck, Betriebsberaterin der Handwerkskammer für München und Oberbayern hat die Erfahrung gemacht, dass das Hauptproblem im Handwerk darin liegt, dass Betriebe und Arbeitssuchende mit Behinderung zusammenfinden. Zusätzlich würde viele Arbeitgeber nicht darüber Bescheid wissen, dass es sehr viele verschiedene Förderprogramme gibt.

Schlüsselstelle Beratung

"Wenn ein Betrieb eine offene S telle bei der Arbeitsagentur meldet, sollte er immer angeben, ob er bereit ist, einen behinderten Menschen einzustellen", gibt sie als Tipp. Als Schlüsselstelle sieht sie die Beratungen an, die leider bislang noch nicht so stark genutzt werden.

"Beim Thema Inklusion geht es um individuelle Probleme und Anforderungen, für die es meistens eine Lösung gibt. Aber wir müssen davon wissen", sagt sie und weist darauf hin, dass die Beratung nicht nur ein Informationsangebot sei, sondern ganz konkret bei der Auswahl und Antragstellung der richtigen Förderprogramme helfe.

Wie finden Arbeitgeber und Jugendliche, die eine Behinderung haben, zusammen?

Wichtige Anlaufstellen für beide sind die Handwerkskammern, die Arbeitsagenturen bzw. Jobcenter und die Integrationsämter. Die Handwerkskammern haben direkte Kontakte zu den Betrieben und können helfen die Kontakte zu den Integrationsämtern herzustellen. Arbeitgeber sollten der Arbeitsagentur bei der Meldung offener Stellen auch immer mitteilen, dass sie gerne auch Mitarbeiter mit einem Handicap bei sich im Betrieb aufnehmen. Dann kann die Vermittlung durch die sogenannten Reha-Berater gezielter erfolgen. Auch die Integrationsämter stehen beratend zur Seite und stellen unterschiedliche Fördermittel zur Verfügung.

Welche Unterstützung gibt es für Azubis mit Behinderung beim Jobeinstieg?

Jugendliche mit einer Behinderung haben die Möglichkeit, beim Integrationsamt ihrer Region finanzielle Unterstützung zu beantragen, um den Arbeitsplatz mit allen Arbeitsmaterialien und technischen Hilfen auszustatten, die notwendig sind, damit sie möglichst eigenständig arbeiten können. Zusätzlich bekommen sie Zuschüsse, wenn sie jemanden brauchen, der ihnen als beruflicher Assistent bei bestimmten Aufgaben hilft, für Weiterbildungen und andere Maßnahmen für den Aufbau der beruflichen Existenz. Unterstützung bei der Antragstellung bieten die Handwerkskammern.

Welche Unterstützung bekommen Arbeitgeber?

Betriebe, die behinderten Personen eine Ausbildung ermöglichen, können dafür über die Integrationsämter einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung bekommen. Je nach Grad der Behinderung können das bis zu 60 oder 80 Prozent der Vergütung sein. Zusätzlich bekommen sie einen Eingliederungszuschuss, um den Arbeitsplatz sowohl für Azubis als auch für Arbeitnehmer barrierefrei zu gestalten. Arbeitgeber bekommen zudem Zuschüsse, wenn mit der Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen außergewöhnliche Belastungen verbunden sind. Wie auch bei den Leistungen für Azubis hängt es von den individuellen Fördernotwendigkeiten ab, wie hoch die finanziellen Hilfen ausfallen. Unterstützung bei der Antragstellung bieten auch dazu die Handwerkskammern.

Besondere Fördermaßnahmen gibt es momentan außerdem im Rahmen der Initiative Inklusion, die die Bundesregierung beschlossen hat, um die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen umzusetzen. Die Initiative läuft noch bis zum Jahr 2018.

Zusätzlich zu diesen Hilfen und Förderprogrammen gibt es für Menschen mit Behinderung spezielle Fachpraktika im Handwerk, die ähnlich einer Berufsausbildung gestaltet sind. Informationen zu den verschiedenen Ausbildungsregelungen in den Bereichen Holz, Metall, Zerspanungsmechanik, Verkauf und Büro hat der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) im Internet zusammengestellt.

Zahlen und Fakten

Der Arbeitsmarkt in Deutschland befindet sich in einem Aufschwung, doch die positiven Entwicklungen gehen an Menschen mit Behinderung leider vorbei:

  • Die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung liegt mit 13,4 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung.
  • Schwerbehinderte Menschen suchen im Schnitt 101 Tage länger nach einer Beschäftigung als Menschen ohne Behinderung.
  • Der Anteil an Langzeitarbeitslosen (Menschen die länger als ein Jahr auf Beschäftigungssuche sind) beträgt bei Menschen mit Behinderungen 45,8 Prozent und bei den nichtbehinderten Langzeitarbeitslosen nur 37,2 Prozent.
  • Der überwiegende Teil von Menschen mit kognitiven Behinderungen (sogenannten „geistigen Behinderungen") arbeitet auf dem 2. Arbeitsmarkt in Werkstätten für Menschen mit Behinderung.
  • Das Sozialgesetzbuch schreibt im Buch 9, § 71 vor, dass Private und öffentliche Arbeitgeber, die mindestens 20 Arbeitsplätze vorhalten, wenigstens fünf Prozent dieser Arbeitsplätze an schwerbehinderte Menschen vergeben müssen. Rund 3,4 Millionen Arbeitgeber, die weniger als 20 Beschäftigte haben sind von der Pflichtquote befreit. Diese Arbeitgeber müssen nur alle fünf Jahre im Rahmen einer repräsentativen Teilerhebung (Stichprobenerhebung) durch die Bundesagentur Auskunft über die Anzahl schwerbehinderter Arbeitnehmer im Betrieb Auskunft geben.
Quelle: Aktion Mensch

Interview mit Bildungsexpertin Kirsten Vollmer

"Wir brauchen mehr regionale Netzwerke"

Damit behinderte Jugendliche und Erwachsene schneller auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen können und langfristige Perspektiven erhalten, sollten sich Handwerksbetriebe stärker mit den Arbeitsagenturen und Kammern vernetzen. "Die Arbeitgeber müssen ihre Scheu vor diesem Thema verlieren", sagt Kirsten Vollmer vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Kirsten Vollmer

DHZ:  Menschen mit Behinderung wird ein gleichberechtigter Zugang zu einer Berufsausbildung versprochen. Inklusion ist das Stichwort. Wie funktioniert das auf dem Arbeitsmarkt?

Kirsten Vollmer: Der rechtliche Rahmen, den wir mit Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung dafür zur Verfügung haben, ist ausgesprochen inklusionstauglich. Darin ist das Ziel formuliert, dass jeder die Möglichkeit bekommen soll, einen qualifizierten Berufsabschluss zu erwerben. Derjenige, der aufgrund einer Behinderung – ob körperlich, geistig oder psychisch – eine besondere Förderung braucht, hat Anspruch auf einen Nachteilsausgleich. Das können in der Abschlussprüfung technische Hilfen sein, aber auch textoptimierte Prüfungsaufgaben oder Zeitverlängerung. Mit dem Instrument der "Ausbildungsregelung" kann beispielsweise ein Jugendlicher mit einer Lernbehinderung eine theoriereduzierte Ausbildung absolvieren.

DHZ:  Und was ist mit der Praxis?

Vollmer: In der Praxis gestaltet sich das nicht ganz so einfach. Beim Thema Inklusion und der Gestaltung von passenden Ausbildungs- und Arbeitsmodellen muss man Vieles individuell abstimmen, da die behinderten Personen ganz unterschiedliche Anforderungen mitbringen. Auch der angesprochene Nachteilsausgleich muss individuell ausgestaltet werden. Wer sich aber an das Thema heranwagt, der kann auf jeden Fall profitieren.

DHZ:  Meinen Sie dabei den Fachkräftemangel und dass auch viele Handwerksbetriebe immer schwieriger Azubis finden?

Vollmer: Durch das Zusammentreffen von Fachkräftemangel und demografischem Wandel suchen viele Arbeitgeber jetzt spürbar weiträumiger nach Auszubildenden und Mitarbeitern. Dabei nehmen sie mit behinderten Menschen auch Personengruppen in den Blick, die bisher eher wenig gesehen wurden. Das ist grundsätzlich erfreulich. Allerdings möchten wir im BIBB die Teilhabe behinderter Menschen an Ausbildung und Beschäftigung "konjunkturunabhängig" verwirklichen. Wir brauchen langfristige Lösungen. Aber natürlich kann man die Situation auch dafür nutzen, Brücken zu bauen.

DHZ:  Laut den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit profitieren vor allem schwerbehinderte Menschen bislang aber immer noch weniger vom Rückgang der Arbeitslosigkeit als andere. Zeigt sich das auch auf dem Ausbildungsmarkt?

Vollmer: Die meisten Statistiken erfassen nur die schwerbehinderten Personen- d.h. diejenigen, die einen versorgungsrechtlich relevanten Schwerbehindertenstatus haben –, und die haben meist körperliche Beeinträchtigungen. Aus der Bildungsperspektive wirken sich diese aber nicht immer aus, denn diese Personen absolvieren oft Schule und Ausbildung wie andere auch. Was uns in der Berufsbildung eher Probleme bereitet, sind diejenigen, die eine Lernbehinderung haben und deshalb keine Lehrstelle bekommen. Diese Personen sind in der Statistik selten erfasst. Deshalb muss man mit den Zahlen vorsichtig umgehen.

DHZ:  Im Rahmen des neuen Bundesteilhabegesetzes ist auch das Ziel formuliert, dass  mehr behinderte Jugendliche eine betriebliche Ausbildung aufnehmen sollen. Wie kann das gelingen?

Vollmer: Die vierte Säule der Initiative Inklusion der Bundesregierung bezieht sich auf die Inklusionskompetenz der Kammern. Hier hat man dankenswerterweise eine entscheidende Schnittstelle, einen zentralen Akteur, ins Blickfeld genommen. Aus meiner Sicht bedeutet dies, dass wir mehr regionale Kooperationen brauchen zwischen den Handwerkskammern, den Arbeitsagenturen, den Betrieben und auch den Integrationsämtern. Die Kammern sind nah dran an den Betrieben und die Arbeitsagenturen an den jungen Menschen, die aufgrund einer Behinderung Schwierigkeiten haben, eine Lehrstelle zu finden. Die Integrationsämter leisten finanzielle Unterstützung, beraten aber auch. Wenn sich alle gut vernetzen, können Betriebe und Arbeitssuchende schneller zueinander finden.

DHZ:  Warum klappt das bislang noch nicht so gut?

Vollmer: Die Arbeitgeber müssen ihre Scheu vor diesem Thema verlieren. Viele Unternehmen haben sich noch gar nicht mit den Möglichkeiten auseinander gesetzt, die ihnen geboten werden – sei es eine finanzielle Förderung durch die Arbeitsagentur oder Ausbildungsberatung bei den Kammern und eben auch die Beratungsangebote der Integrationsämter. Wer einmal die Erfahrung gemacht und einen behinderten Menschen eingestellt hat, ist meist überrascht, dass die erwarteten Probleme ausbleiben. Natürlich ist der Beginn eines solchen Arbeitsverhältnisses erst einmal ein wenig aufwendiger, wenn Arbeitsabläufe neu gestaltet werden müssen, aber die Unternehmen profitieren meist von einer sehr hohen Motivation und Dankbarkeit.

DHZ: Warum ist die Scheu so groß?

Vollmer: Weil es noch immer kein ausreichendes Bewusstsein für die unterschiedlichen Behinderungen gibt. Natürlich kann ein Rollstuhlfahrer nicht auf dem Dach arbeiten, und jemandem mit einer psychischen Behinderung kann es vielleicht schwerfallen, im Friseursalon ständig mit Menschen Gespräche führen zu müssen. Wenn man sich bemüht, dann kann man aber auch Passendes zusammenführen und behinderte Menschen nicht per se als Mitarbeiter ablehnen. Insbesondere mit Blick auf die große Gruppe der Jugendlichen mit einer Lernbehinderung haben wir eine rehapädagogische Zusatzqualifikation für Ausbilder eingeführt. Sie soll helfen, dass es hier zu einem für beide Seiten – Auszubildende wie Ausbilder – gedeihlichen, erfolgreichen Miteinander kommt. Lernbehinderungen sind auf den ersten Blick nicht offensichtlich und um Ausbildungsabbrüche zu vermeiden, wollen wir die Ausbilder mit Kenntnissen und praktischen Hinweisen ausstatten.

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