Azubi ohne Gehör So funktioniert Inklusion in der Praxis

Der Gehörlose Thomas Müller hat es geschafft: Im Berufsbildungswerk München absolvierte er eine Ausbildung in einem traditionellen Handwerk und ist nun Schreiner. Die Deutsche Handwerks Zeitung begleitete ihn an seinem letzten Tag als Auszubildender.

Melanie Höhn

Der 22-jährige Thomas und sein Gesellenstück: Die genaue Note seiner Abschlussprüfung erfährt er erst Ende September. - © Foto: Michael Schuhmann

Es ist das letzte Mal, dass Thomas und Michael Forsthuber zusammenarbeiten. Beide lassen sich ihre Gefühle an diesem Morgen nicht anmerken. Der Schreinermeister hat seinen Lehrling über die Jahre begleitet und weiß, was er kann. Für die Pause hat er ein Weißwurstfrühstück vorbereitet, um Thomas an seinem letzten Tag im Berufsbildungswerk München zu verabschieden.

Achtzig Stunden fürs Gesellenstück

"Wie lief’s gestern?", gibt ihm Forsthuber in Gebärdensprache zu verstehen, als der 22-Jährige die Werkstatt mit der langen Fensterfront betritt. Der Ausbilder hat diese ganz besondere Sprache für seine Aufgabe hier erlernt. Auf Thomas’ weißem T-Shirt ist ein Affe abgebildet, der ein Surfbrett trägt. Mit dem blau-roten Basecap und einem breiten Grinsen bringt er gute Laune in die Schreinerwerkstatt. "Ich denke, es wird eine gute Note", erwidert Thomas selbstbewusst. Später wird der Lehrling sein Gesellenstück abholen, das von der Schreinerinnung München bewertet wurde. Achtzig Stunden hat er daran geschnitten und gesägt.

Thomas ist von Geburt an gehörlos. Eine Ausbildung im Modellbau-Bereich am Deutschen Museum musste er abbrechen, weil er in der Berufsschule für Schwerhörige nicht mehr hinterherkam. Hier im Berufsbildungswerk fand er sein Selbstbewusstsein wieder und eine Struktur, die es ihm erleichterte, seinen Traumberuf zu erlernen. Neben den Meistern betreuten ihn psychologisch und pädagogisch geschulte Mitarbeiter während der gesamten Ausbildung, die alle die Gebärdensprache beherrschen.

Forsthuber zeigt auf drei weiße Bretter, während sie an das andere Ende der großen Werkstatt laufen. "Schau mal, die Schubladenfront muss noch g’macht werden", sagt er zu Thomas. Sein Lehrling versteht sofort. Er startet eine große hellgraue Maschine, schneidet drei weiße Bretter zurecht und ritzt mit einem kleinen Cutter-Messer oben und unten die Ränder des Brettes ab. Thomas arbeitet selbstständig: Er ist einer der besten Schreinerlehrlinge im Berufsbildungswerk der letzten Jahre, sagt Forsthuber.

Thomas dreht die Platte um wie ein rohes Ei und wirkt dabei voll konzentriert. So, als blende er seine Umwelt komplett aus. "Ist schon okay", gibt ihm der Schreinermeister nach einiger Zeit zu verstehen, während er in das Blickfeld von Thomas kommt und ihn aus seiner Konzentriertheit holt. Die Kommunikation zwischen ihnen klappt gut. Doch das ist bei Gehörlosen nicht selbstverständlich.

Die Liebe zur Musik

An seinem linken Handgelenk trägt Thomas neun Festivalbändchen. Live-Musik ist sein Hobby, auch wenn er sie nicht hören kann. Er geht gerne auf laute Festivals, weil er da den Bass noch intensiver fühlt als auf normalen Konzerten. Rhythmus und Klang von Musik nehmen Hörbehinderte durch Sehen und Tasten bewusster wahr als Hörende – sie fühlen die Schwingungen durch den Körper. Gehörlose sagen oft über sich selbst: Ich kann alles außer hören.

In der Werkstatt wartet schon Marco auf Thomas. Er stammt aus Santiago de Chile und arbeitet als Gebärdensprachdolmetscher im Berufsbildungswerk. Bei längeren Fachgesprächen und Abschlussprüfungen ist er immer dabei. Gleich werden die beiden zusammen in die Schreiner­innung fahren und Thomas’ Gesellenstück und seine Arbeitsprobe abholen. Marco liebt das Handwerk. Für ihn ist klar: Ein handwerklich hergestelltes Stück hält wesentlich besser. Und es ist immer ein Einzelstück.

Thomas legt die weißen Bretter sorgfältig zur Seite. Sein Gesichtsausdruck ist ruhig, aber angespannt. Es ist ein besonderer Moment für ihn, denn gerade hat er die letzte Aufgabe seiner dreijährigen Ausbildung beendet. Thomas packt sechs Schaumstoffquadrate und zwei Wolldecken in den hellblauen Transporter und dann macht er sich zusammen mit dem Dolmetscher auf den Weg zur Innung. Die Strecke kennt er auswendig, nicht einmal 15 Minuten dauert es bis nach München-Riem.

Hier war er oft in den letzten drei Jahren und ist froh, nicht alleine fahren zu müssen, jemanden zum Reden zu haben. "Schade, dass ich die Leute hier nicht mehr sehen werde", sagt er zu Marco. Sie halten kurz Blickkontakt. Thomas’ Arme rotieren in verschiedene Richtungen, als er dem Dolmetscher verständlich machen will, dass er es trotzdem gut findet, nicht mehr jeden Tag von Bad Aibling nach München pendeln zu müssen. Marco versteht das.

Er kann alles außer hören

Viele neue Freunde hat Thomas während der Ausbildung gefunden. Auch Mertin Manz gehört dazu, der gerade seinen roten Transporter vor der Eingangstür der Innung geparkt hat. Mertin kann normal hören, trotzdem beherrscht er die Gebärdensprache. Sie begrüßen sich mit einem Handschlag. Mertin, Thomas und der Dolmetscher laufen an einer Wand voller Holztafeln vorbei in den ersten Stock der Innung und unterhalten sich über die gestrige Gesellenprüfung.

Für beide war es die gleiche Aufgabe. "Fünf Stunden waren ganz schön knapp bemessen", gibt Thomas Mertin zu verstehen. Er stimmt ihm zu. Sie erreichen den kleinen Prüfungsraum, wo Thomas’ Gesellenstück steht: Ein funktionaler Couchtisch aus Ahorn, umrandet von dunklem, anmutigem Nussbaumholz. Sein Tisch hat Rollen, eine kleine Glastür auf der rechten und ein langes Regalbrett auf der linken Seite, sodass Bücher und DVDs auf zwei Etagen Platz finden. Die Idee hatte Thomas selbst, die Meister in der Schreinerwerkstatt standen ihm aber bei technischen Fragen zur Seite. Kurz vor der Abgabe hatte er wenig gegessen, spürte den Druck, denn die Zeit wurde knapp. Bald wird der Couchtisch einen Platz in Thomas’ Zimmer finden.

Das aufgeregte Stimmengewirr der Ausbilder und Absolventen im Prüfungsraum kann Thomas nicht hören. Einige wollen ihre Gesellenstücke abholen, andere begleiten die Prüflinge. Nach und nach betrachtet Thomas jedes Gesellenstück genau und testet die Funktionen. Er zeigt dem Dolmetscher ein Nachtkästchen mit dunkelgrüner Oberfläche, seine Arbeitsprobe. "Für die Rundungen musste ich richtig hobeln", gibt er ihm zu verstehen. Beide Schubladen lassen sich problemlos herausziehen, über Marcos Gesicht läuft ein bewunderndes Lächeln.

Thomas hat nicht viel Zeit, das Ende seiner Ausbildung zu feiern oder zu verreisen. Der Übergang ist nahtlos: Schon in ein paar Tagen beginnt sein neuer Lebensabschnitt, ein zweiwöchiges Probearbeiten in einem Rosenheimer Schreinerbetrieb. Hier wird er sich vor allem durch natürliche Gebärden verständigen.

Als Thomas mit dem Transporter davonfährt und ihm Mertin und die anderen Schreiner hinterherwinken, gibt es keinen Zweifel mehr: Er kann alles außer hören.

Inklusion

Inklusion beschreibt die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen in allen Lebensbereichen. Die Handwerksordnung sowie das Berufsbildungsgesetz geben vor, dass behinderte Menschen ebenso wie Menschen ohne Behinderung in anerkannten Berufen ausgebildet werden.

Betriebe , die behinderte Personen eine Ausbildung ermöglichen, können dafür über die Integrationsämter einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung bekommen. Je nach Grad der Behinderung können das bis zu 60 oder 80 Prozent der Vergütung sein. Zusätzlich bekommen sie einen Eingliederungszuschuss, um den Arbeitsplatz sowohl für Azubis als auch für Arbeitnehmer barrierefrei zu gestalten. Arbeitgeber bekommen zudem Zuschüsse, wenn mit der Beschäftigung von schwerbehinderten Menschen außergewöhnliche Belastungen verbunden sind.

Jugendliche mit einer Behinderung haben die Möglichkeit, beim Integrationsamt ihrer Region finanzielle Unterstützung zu beantragen, um den Arbeitsplatz mit allen Materialien und technischen Hilfen auszustatten, die notwendig sind, damit sie möglichst eigenständig arbeiten können. Zusätzlich bekommen sie finanzielle Zuschüsse, wenn sie jemanden brauchen, der ihnen als beruflicher Assistent bei bestimmten Aufgaben hilft, für Weiterbildungen und andere Maßnahmen zum Aufbau einer beruflichen Existenz.