Schweden senkt Steuern auf Reparaturen Kampf gegen die Wegwerfgesellschaft

Für Verbraucher ist es oft günstiger einen kaputten Artikel wegzuwerfen statt ihn reparieren zu lassen - einfach aus dem Grund, dass die Reparatur teurer wäre als der Neukauf. Schweden sagt der Wegwerfgesellschaft jetzt den Kampf an und will die Steuer auf Reparaturen senken.

Isabella Hafner

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Die schwedische, rot-grüne Regierung sagt der Ressourcen-Verschwendung den Kampf an. Es sollen nicht nur - wie bisher - Pfandflaschen recycelt, Elektrogeräte ausgeschlachtet und Lebensmittel, statt weggeworfen zu werden, zumindest in der Biogasanlage landen. Dinge sollen erst gar nicht zu Müll werden. Das Rad, die Schuhe, das Handy oder der Computer sollen repariert werden. Weil das aber bekanntermaßen heutzutage oft fast so viel kostet wie neu kaufen, ist geplant, die Mehrwertsteuer von 25 auf 12 Prozent quasi zu halbieren. Kommt ein Handwerker eine Stunde lang ins Haus, um den Kühlschrank oder die Waschmaschine zu reparieren, wird auch das günstiger. Die Strategie des Verbraucherministeriums ist Teil des Haushalts, der im Dezember zur Verabschiedung ansteht. Stimmt das Parlament zu, tritt zum Jahreswechsel ein umfangreiches Maßnahmenpaket in Kraft, das das Konsumverhalten ändern soll.

Eine wichtige politische Weichenstellung, wenn man bedenkt, dass im Oktober die Schweizer Umweltorganisation WWF den aktuellen Gesundheitszustand dieser Welt vorgestellt hat, mit dem Ergebnis: Wir verbrauchen jedes Jahr 60 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde innerhalb eines Jahres regenerieren und nachhaltig zur Verfügung stellen kann. Im Jahr 2030 sind zwei Planeten nötig, um den Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken.

Vereinheitlichung der Umsatzsteuer

Dass es bald auch in Deutschland eine niedrigere Umsatzsteuer für Reparaturen sowie steuerliche Vorteile für Kunden geben könnte, damit rechnet man beim Zentralverband des Deutschen Handwerks in Berlin nicht. Seit Anfang des neuen Jahrtausends wird über Umsatzsteuersenkungen für Handwerksbetriebe diskutiert – der Trend geht in Richtung Vereinheitlichung der Umsatzsteuer statt noch mehr Ausnahmen zuzulassen.

Für die heute lebende, ältere Generation lange selbstverständlich: War die Sohle des Schuhs runter, trug man ihn zum Schuster; war die Uhr kaputt, musste der Uhrmacher nochmal ran; war ein Loch in der Hose oder der Knopf ab, nähte man einen Flicken drauf oder den Knopf an. Reparieren und behutsam mit seinen Sachen umzugehen, lernte man schon als Kind. Mitte des 20. Jahrhunderts begannen Fabriken Dinge massenhaft und auf diese Weise günstiger herzustellen. Seitdem wächst sich ein Phänomen aus: Gibt das Handy nach zwei Jahren seinen Geist auf, gönnt man sich ein neues. Reparieren lohnt nicht. Zumal oft Bauteile verklebt sind, damit gar nicht erst selbst Hand angelegt werden kann. So ist es bei vielen dieser Dinge. Sie sind nicht mehr konzipiert für ein langes Leben, "deutsche Wertarbeit" als Indiz für Bestand ist nicht mehr Ziel von Firmen. Wenn Produkte nicht kaputt gehen, wird weniger gekauft. Zudem werden Geräte, Kleidung und auch einige Räder mittlerweile in Asien und nicht in Deutschland hergestellt.

Positive Chancen für Handwerksbetriebe

Hermann Högn, stellvertretender Leiter der Gründungsagentur der Handwerkskammer für München und Oberbayern, sieht positive Chancen für Handwerksbetriebe, wenn der Trend zum Reparieren anhält. Allerdings lägen von den Betrieben noch keine Statistiken über gestiegene Reparaturquoten vor. Högn weist darauf hin, dass Verbraucher bereits Leistungen mit der Einkommenssteuer absetzen können – zumindest, wenn sie die eigenen vier Wände betreffen. Etwa wenn die Heizung repariert wird. Würde nun zusätzlich die Umsatzsteuer für Betriebe gesenkt und gäben diese die Senkung an den Verbraucher weiter, könnte er sich positive Effekte für Handwerksbetriebe vorstellen. Allerdings ist er realistisch. "Wenn ich mir etwas Teures kaufe, zum Beispiel eine Couch, dann investiere ich eher in eine Reparatur, als wenn ich ein Billigprodukt kaufe." Und im Gegensatz zu Möbelstücken oder Kleidung sei möglicherweise bei technischen Geräten Reparieren weniger verlockend. "Meine 30 Jahre alte Stereoanlage hat einfach keine so gute Klangqualität wie eine von heute – mit viel kleineren Boxen." Seine Schweinsledertasche aus den 50ern, die er von seinem Onkel geerbt hat, die lässt er aber wieder fit machen.

Stefan Schridde, ein BWLer, hat mit seinem 2014 erschienenen Buch "Murks? Nein danke!" aufgerüttelt. Er prangert darin das absichtlich eingebaute Verfallsdatum an. Die Bundestags-Grünen beauftragten ihn daraufhin mit einer Stu die, die viel beachtet wurde. In Frankreich droht seit kurzem Herstellern, die die Lebensdauer verkürzen – etwa indem sie empfindliche Bauteile an hitzeempfindlichen Stellen platzieren oder minderwertige Materialien verwenden – zwei Jahre Haft und 300.000 Euro Geldstrafe. Wobei die Absicht schwer zu beweisen ist. Immer mehr Konsumenten haben die Entmündigung von ihren gekauften Dingen satt, das ständige Wegwerfen, das unentwegte Produzieren von Müll. Vor drei Jahren existierten in Deutschland zwölf Repair-Initiativen, heute mehr als 500. In Werkstätten, Gemeinderäumen, Biergärten und Turnhallen treffen sich Senioren, junge Leute, Idealisten, Tüftler, Sparfüchse und Liebhaber alter Dinge, um sich zu helfen, Räder, Kleidung, Möbel oder das Telefon wieder in Schuss zu bringen. Die Erfolgsquote liegt bei 50 bis 80 Prozent.

Schweden ist sicher, dass sich " die Sache" auszahlt

Wie sieht man in Schweden die Konsequenzen für die Wirtschaft durch die wieder auferstehende Kultur der Reparatur? Für die Steuererleichterungen hat die Regierung 750 Millionen schwedische Kronen (76,5 Millionen Euro) eingeplant. Der schwedische Verbraucherminister Per Bolund ist sich sicher, dass sich " die Sache" auszahlen werde. "Wir glauben, dass diese Branche mehr zu tun bekommt, also werden mehr Menschen in diesem Bereich arbeiten, und die wiederum zahlen Einkommensteuer." Die Strategie stoße auf viel positives Echo, sagt Bolund: "Wir bekommen sehr viel Unterstützung." Er sei selbst überrascht, dass so viele Menschen dies als wichtiges Thema ansehen. "Es ist eine Gelegenheit, unser Verhalten zu ändern und gleichzeitig der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt neue Impulse zu geben."

Im Endeffekt könnten Handwerksbetriebe davon profitieren, dass tatsächlich wieder mehr Menschen zögern, etwas schnurstracks zu entsorgen, sondern stattdessen zum passenden Handwerksbetrieb laufen. Der kann seinen Reparaturservice ausbauen. Der Schuster, der Schneider… Nicht jeder hat Zeit oder Lust im Repair-Café zu schrauben. Der Fachmann hat das nötige Wissen, arbeitet schnell und präzise. Er hat – im Optimalfall – auch die Ersatzteile auf Vorrat.

Initiative in Schweden

Die Schweden wollen auch den Gebrauchtwaren-Handel fördern, da immer mehr Menschen  "second-hand" kaufen möchten. Eine Gruppe in der Regierung erarbeitet aktuell, ob Carsharing und Mitfahr-Angebote auf andere Bereiche ausgedehnt werden können. Der Nebeneffekt: Wer ein Auto leihen muss, statt ein eigenes vor der Tür stehen zu haben, fährt oftmals weniger. Zudem sollen umgerechnet 4,3 Millionen Euro bis 2020 in den Aufbau einer Informationsplattform investiert werden, wo Beispiele für umweltfreundliches Handeln vorgestellt und Forscher, Industrie, Politik und Zivilgesellschaft miteinander vernetzt werden. Auch in den Schulen sollen Abfallvermeidung und Konsum eine stärkere Rolle spielen. Firmen werden Hilfestellungen zu Umweltthemen, Menschenrechten und Vermeidung von Korruption angeboten.