Ausbildung in der Corona-Krise Verschobene oder nicht bestandene Prüfung: Diese Optionen haben Azubis

Betriebe sind teilweise ganz geschlossen, der Unterricht an den Berufsschulen und beruflichen Bildungsstätten findet nicht statt: Die Corona-Krise erschwert die Ausbildungssituation im Handwerk. Viele Azubis sorgen sich vor den Zwischen- und Abschlussprüfungen. Welche Möglichkeiten haben sie, wenn sie tatsächlich durchfallen?

Eileen Wesolowski

Die Corona-Krise erschwert auch die Prüfungssituation von Azubis im Handwerk. - © tkyszk - stock.adobe.com

Vanessa Imhof, Auszubildende im Friseurbetrieb ihrer Mutter in Schneeberg in Sachsen, ist froh über den Neustart der Friseursalons. Ende Februar berichteten sie und andere Azubis in einem Videogespräch mit Bundespräsident Frank Walter-Steinmeier über die aktuellen Herausforderungen bei der Ausbildung. Bei ihr sei nicht nur regelmäßig die Lernplattform mit der Berufsschule zusammengebrochen, sie konnte auch ihre beiden Kinder nicht wie gewohnt zur Kita bringen. Zudem fehle ihr vor ihrer Abschlussprüfung im Frühsommer ausreichend Praxis.

Imhof ist eine von vielen Auszubildenden, die sich in der Corona-Krise Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen. Auch die Handwerkskammer Schwaben erreichten im Januar mehrere Anrufe und Mails besorgter Lehrlinge, die aufgrund der Schließungen der beruflichen Bildungsstätten befürchteten, ihre Prüfungen nicht zu bestehen.

Diese Möglichkeiten haben Azubis

Was können Azubis tun, wenn der "Worst-Case" tatsächlich eintreffen sollte? Und besteht die Möglichkeit, dass Prüfungen aufgrund der besonderen Umstände vereinfacht werden? Antworten auf wichtige Fragen hat Marcus Halder, Sachgebietsleiter Ausbildungsberatung und Berufsbildungsrecht bei der Handwerkskammer München.

DHZ: Sind aufgrund der aktuell schwierigen Situation vereinfachte Prüfungsbedingungen denkbar?

Halder: In der Tat konnte der Gewerbebetrieb in vielen Handwerksbereichen weitergeführt werden, so dass es bei den meisten Ausbildungsverhältnissen von Seiten der Ausbildungsbetriebe keine größeren Einschränkungen bei der Vermittlung der Ausbildungsinhalte gegeben haben dürfte. Erleichterte Prüfungen oder einen "Coronabonus" kann es nicht geben. Es ist nicht möglich, zum Nachteilsausgleich z. B. aufgrund der Schulschließung das Prüfungsniveau abzusenken oder gar auf Teile der Prüfung zu verzichten. Denn die Anforderungen an die Prüfung (Inhalt, Umfang und Schwierigkeitsgrad) sind in den Ausbildungsordnungen beschrieben. Allerdings steht dem nicht entgegen, dass Prüfungsaufgaben unter Umständen so gestellt werden, dass diese aus der Gesamtmenge des Prüfungsstoffs ggf. schwerpunktmäßig Ausbildungsinhalte aus Zeiten der Ausbildung betreffen, die üblicherweise nicht oder weniger von einem Lockdown betroffen sind.

DHZ: Was ist, wenn der Auszubildende am Coronavirus erkrankt und nicht an der Prüfung teilnehmen kann?

Halder: Im Falle der Corona-Erkrankung darf der Auszubildende nicht an der Prüfung teilnehmen. Er kann verlangen, dass sich das Ausbildungsverhältnis bis zur nächsten Wiederholungsprüfung, höchstens um ein Jahr, verlängert.

DHZ: Was ist, wenn die Prüfung nicht durchgeführt werden kann, weil Verordnungen zum Infektionsschutz dies nicht erlauben, und deswegen die Ausbildung nicht abgeschlossen werden kann?

Halder: Berufsprüfungen im Handwerk werden unter strikter Beachtung der landesspezifischen Infektionsschutzanforderungen wieder durchgeführt. Gefahren für Leib und Leben von Prüfungsbeteiligten werden aufgrund der strengen Hygienekonzepte der Veranstalter vermieden.

Vereinzelt sind aufgrund der Pandemie Zwischenprüfungstermine ohne Nachholtermin entfallen. Bei einem unvermeidbaren ersatzlosen Wegfall der Zwischenprüfung können die verantwortlichen Kammern und Innungen bei der Zulassung zur Gesellen-/Abschlussprüfung ausnahmsweise auf den Nachweis der Zwischenprüfung verzichten.

Soweit der erste Teil einer gestreckten Prüfung ausgefallen ist, ist dieser Prüfungstermin nachzuholen. Dies kann, wenn möglich, vor dem zweiten Teil der Prüfung stattfinden. Aus organisatorischen Gründen können beide Prüfungsteile aber auch im zeitlichen Zusammenhang durchgeführt werden.

DHZ: Wann haben Auszubildende ein Anspruch darauf, zur Prüfung zugelassen zu werden?

Halder: Es besteht ein Anspruch auf Prüfungszulassung für Auszubildende, wenn die Ausbildungsdauer zurückgelegt worden ist oder diese nicht später als zwei Monate nach dem Prüfungstermin endet. Es kommt dabei nicht nur auf den zeitlichen Ablauf der Ausbildungsdauer an, sondern auch darauf, dass während der Ausbildungszeit die Ausbildung an den Lernorten Ausbildungsbetrieb und Berufsschule tatsächlich stattgefunden hat. Auch die überbetriebliche Ausbildung ist dabei zu berücksichtigen. Als Faustregel gilt in der Regel, dass bei einem Ausfall von Ausbildungszeit im Umfang von weniger als 15 Prozent der Ausbildungsdauer von Geringfügigkeit auszugehen ist, sodass eine Zulassung durch die Handwerkskammer oder Innung dennoch erteilt werden kann.

Sind der Ausbildungsbetrieb sowie die Auszubildenden daran interessiert, die Ausbildung zu verlängern, um ausgefallene Ausbildungszeit nachzuholen, sollten entsprechende Anträge rechtzeitig an die Handwerkskammern gestellt werden.

DHZ: Welche Möglichkeiten haben Azubis bei einer nichtbestandenen Prüfung?

Halder: In diesem Fall kann der Auszubildende verlangen, dass sich das Ausbildungsverhältnis bis zur nächsten Wiederholungsprüfung, höchstens um ein Jahr, verlängert.

Betrieb kann in der Krise nur unzureichend ausbilden: Hat der Azubi Anspruch auf Schadensersatz?

Handwerksbetriebe wie Friseur- oder Kosmetiksalons waren zeitweise ganz geschlossen. Vielen Azubis fehlt dadurch die berufliche Praxis, die auch für das erfolgreiche Bestehen der Abschlussprüfung wichtig ist. Kann ein Handwerksbetrieb auf Schadensersatz verklagt werden, wenn der Azubi seine Abschlussprüfung aufgrund der aktuell schwierigen Ausbildungsbedingungen nicht besteht? " Schadensersatz setzt grundsätzlich ein Verschulden des Betriebes voraus. Dies kann im Einzelfall selbstverständlich mal vorliegen. Unmögliches kann aber von niemandem, auch nicht von Ausbildungsbetrieben, verlangt werden", erklärt Ausbildungsberater Marcus Halder.

Vieles kann Ursache dafür sein, dass der Auszubildende die Abschlussprüfung nicht besteht. Die Gründe können etwa darin liegen, dass er den Berufsschulunterricht versäumt oder den Unterrichtsstoff nicht gelernt hat. Vor Gericht müsste der Auszubildende schlüssig beweisen, welche Umstände dazu geführt haben, dass er die Prüfung nicht bestanden hat.

Doch wie können Handwerksunternehmen die fehlende Praxis ausgleichen? "Wenn Friseurleistungen am Kunden untersagt sind, können Friseurbetriebe beispielsweise Üben am Puppenkopf ermöglichen", so Halder. "Handwerksbetriebe bilden aus, weil sie an fähigen Fachkräften interessiert sind. Sie haben daher ein hohes Eigeninteresse, alles für den Erfolg der Ausbildung zu unternehmen."