Kolumne Hilfen für Azubis: Wenn es während der Ausbildung kriselt

Ein Ausbildungsvertrag wurde nicht ausgehängt, der Urlaubsanspruch nicht korrekt umgesetzt und auch die Wochenarbeits- und Pausenzeiten werden nicht eingehalten. Der Fall einer Friseurauszubildenden zeigt, was in einer Lehre alles schieflaufen kann. Wo Azubis und deren Eltern Hilfe finden.

Von Gastautor Peter Braune

Eine junge Auszubildende berichtet von Problemen in der Ausbildung. Hilfe kann sie unter anderem bei der Handwerkskammer finden. - © photology1971 - stock.adobe.com

Wer die frühen Anzeichen für Probleme in der Ausbildung erkennt, hat genügend Zeit, die geeigneten Gegenmaßnahmen einzuleiten. Das traf auch auf eine junge Frau zu, deren Eltern aus Polen stammen. An dieser Stelle sei direkt erwähnt, dass sich der Fall vor Beginn der Corona-Pandemie ereignet hat. Die Jugendliche wollte unbedingt eine Ausbildung zur Friseurin machen. Sie war damals 16 Jahre alt, wirkte schüchtern, zerbrechlich und berichtete oft über ihre Erschöpfungszustände. Sie startete mit einem qualifizierten Hauptschulabschluss in die Ausbildungszeit.

Das war offenbar eine Ursache für ihre großen Leistungsdefizite in der Berufsschule. Schon nach kurzer Zeit hatten sich die Noten um eine Stufe verschlechtert. Trotz allem war sie einsatzbereit und besuchte einmal pro Woche einen Kurs, der zum mittleren Bildungsabschluss führt. Außerdem nutzte sie das Angebot der ausbildungsbegleitenden Hilfen, um sich in der Fachtheorie zu verbessern. Die Jugendliche hatte schon Erfahrungen aus einem Ausbildungsabbruch in einem anderen Friseursalon.

Ausbildungsbetrieb mit ordnungswidrigem Verhalten

Ihr Ausbildungsbetrieb wird von einem Unternehmer geführt, der schon nachweislich und in mehreren Fällen bei der Handwerkskammer wegen der gesetzlichen Verstöße, im Zusammenhang mit den Auszubildenden, bekannt war. In seinem Betrieb gibt es eine hohe Abbruchrate.

Diese Sachverhalte waren ihr zu Beginn der Ausbildung nicht bekannt. Die Mutter hatte mehrfach versucht, zwischen dem Ausbildenden und ihrer Tochter zu vermitteln. Der Chef meldete jedoch jede Form der Fremdeinmischung als Kündigungsgrund an. Immer wenn die Mutter im Betrieb war, hatte die junge Frau danach mit den verbalen Angriffen gegen sie und die Mutter zu kämpfen.

Die zwei Ausbildungsverträge wurden bei der Kammer registriert und dem Unternehmen zurückgeschickt. Ein Exemplar wurde ihr aber nicht ausgehändigt. Der Urlaubsanspruch wurde nicht korrekt umgesetzt. Die Wochenarbeitszeiten wurden deutlich überschritten und die Pausen nicht eingehalten. Dadurch fehlten ihr Zeit und Kraft zum Lernen. Sie überlegte mit der Mutter, was die beste rechtliche und sinnvolle Vorgehensweise bei so einem unmöglichen Verhalten sein könnte.

Hilfe finden Azubis und deren Eltern bei der Handwerkskammer

Das Elternhaus und speziell die Mutter könnte, nicht nur aus rechtlichen Gründen, die entscheidende Unterstützung sein. Sie kann persönlich bei der Ausbildungsberatung der Handwerkskammer die geeigneten Hilfen einfordern, sollte aber auf jeden Fall immer in die Beratungen einbezogen werden. Wichtig ist, dass sie sich ausführlich über die gesetzlichen Rahmenbedingungen informiert. Bei einer minderjährigen Auszubildenden gehört hierzu insbesondere das Gesetz zum Jugendarbeitsschutz. Es enthält die Vorgaben zum Urlaubsanspruch und zu den Arbeitszeiten.

Durch die Fachkräfte der zuständigen Handwerksammer wird die Durchführung der Berufsausbildung überwacht und durch die Beratung der beteiligten Personen gefördert. Sie betreibt zu diesem Zweck den Fachbereich der Ausbildungsberatung. Die Ausbildenden sind auf Verlangen verpflichtet, die für die Überwachung notwendigen Auskünfte zu erteilen und die geforderten Unterlagen vorzulegen sowie die Besichtigung der Ausbildungsstätte zu gestatten.

Sollten die Vorwürfe der Auszubildenden nachweislich zutreffen, dann werden dem Ausbildenden schriftlich und mit einer Frist die entsprechenden Auflagen erteilt, damit er die Mängel abstellt. Von dort aus wird auch die Aufsichtsbehörde über die Verstöße gegen das Jugendarbeitsschutzgesetz informiert.

Ausbildungsbetrieb drohen Geldbußen bis zu 5.000 Euro

Ordnungswidrig wird in den ausbildenden Meisterbetrieben zum Beispiel gehandelt, wenn sie den wesentlichen Inhalt der Berufsausbildungsverträge nicht, nicht richtig, nicht vollständig, nicht in der vorgeschriebenen Weise oder nicht rechtzeitig schriftlich vereinbaren. Das Gleiche gilt auch, wenn die Ausbildungsverträge nicht oder nicht rechtzeitig an die Auszubildenden aushändigt wurden. Diese Ordnungswidrigkeiten können mit einer Geldbuße bis zu 5.000 Euro geahndet werden.

Unabhängig vom Vorgehen der Handwerkskammern gegen die Ausbildenden ist es in solchen Situationen meist nicht sinnvoll das Ausbildungsverhältnis weiterzuführen. Es ist besser nach einer Anschlusslösung zu suchen.

Möglichkeit einer geförderten Ausbildung

Hilfreich ist der Kontakt zu einer Einrichtung, in der Fachkräfte beschäftigt werden, die so eine Berufsausbildung begleiten. Dort wäre zu klären, ob nach deren Einschätzung ein besonderer Förderbedarf besteht und die Empfehlung für eine geförderte Ausbildung gegeben ist, um die Berufsausbildung erfolgreich abzuschließen. Die Ausbildungsabbrüche sollen vermieden werden. Die Fachkräfte arbeiten eng mit den Lehrkräften in den Berufsschulen zusammen und beraten Auszubildende, die abbruchgefährdet sind oder Probleme in der Ausbildung haben.

Durch die frühzeitige Problemerkennung und Beratung, gemeinsam mit den Jugendlichen, deren Eltern und den Verantwortlichen in den Lernorten Betrieb und Berufsschule, werden Lösungen erarbeitet, die den drohenden Abbrüchen der Ausbildung vorbeugend entgegenwirken. Hierzu gehören die schulischen, auf den Betrieb und die Lebenswelt der Jugendlichen ausgerichtete Maßnahmen, der Lernbegleitung und Lernhilfen.

Anzeichen für Probleme früh erkennen

Durch die Fachkräfte der Agentur für Arbeit oder im Jobcenter könnte, bei Bedarf und mit den entsprechenden Verfahren zur Kompetenzfeststellung, noch einmal die Eignung und Neigungen ermittelt werden. Dort wird auch unter Umständen die weitere Betreuung der Jugendlichen übernommen. 

Die Ausbildenden im Handwerk sollten wissen, dass es in vielen Fällen zu den üblichen Schwierigkeiten während der Ausbildung kommt. Im schlimmsten Fall lösen sie das Ausbildungsverhältnis vorzeitig. Das bedeutet für die jungen Menschen verlorene Zeit und eine geringe Motivation für eine weitere Ausbildung. Die Ausbildenden verlieren auch Zeit, das aufgewendete Geld und leider auch oft den Willen weiter auszubilden. Für die Ausbildungsverantwortlichen sind die frühen Anzeichen in der Regel zu erkennen. Zu den Ursachen gehören die Konflikte im Betrieb, in der Berufsschule oder im Elternhaus, die entwicklungsbedingten Spannungen und die krisenhaften Ereignisse im Leben, die soziale Isolation, die Belastungen durch die Migration oder die unzumutbaren Lebensverhältnisse.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

© privat

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.