Von Mörtel, Mut und Meistern Über den Dächern von Mainz ist dieser Steinmetz zuhause

Zwischen Moderne und Tradition liegt die Kunst der Steinmetze. Was Sargträger, Teppich legen und Stühle stellen mit dem jahrhundertealten Handwerk zu tun haben, zeigt Manuel Heininger als Steinmetz am Mainzer Sankt Martins Dom.

Der leidenschaftliche Steinmetz Manuel Heininger auf der 83 Meter hohen Spitze des Westturms des Mainzer Doms. - © Helena Goletz

Das laute Dröhnen des Gerüstaufzugs verschlingt die Stimmen, während er holpernd Richtung Boden rattert. Der Blick wandert entlang der roten Sandsteinfassade 83 Meter in die Höhe. Mit einem ohrenbetäubenden Schrillen kommt der Bauaufzug direkt vor unserer Nase zum Stehen. Manuel Heininger öffnet mit metallischem Quietschen die Tür und steigt in den Aufzug: "Einen Luxus, den die Steinmetze 1009 nicht hatten", erklärt Manuel lachend. Erneut verschlingt der Aufzug die Stimmen für die dreiminütige Fahrt zur Spitze des Westturms des Mainzer Sankt Martins Doms.

Ein dumpfes, metallisches Geräusch erschallt, als die schwarzen, schweren Sicherheitsschuhe den ersten Schritt auf das Baugerüst setzen. Manuels Blick schweift von der Stadt über den Rhein zurück zum Dom. Das Funkeln in seinen Augen verrät, wäre nicht diese Aussicht, hätte er damals wohl kaum die Lehre zum Steinmetz bei der Mainzer Dombauhütte begonnen. "Ich kann mich an diesem Ausblick einfach nicht sattsehen", sagt der geborene Mainzer zufrieden und spaziert mit souveräner Leichtigkeit über das gelochte Gerüst in Richtung der Sankt Martin Statue. Der Namensgeber des Mainzer Doms benötigt dringend einen neuen Federschmuck, da Witterungseinflüsse das Originalgestein herabstürzen ließen. Nicht nur die Zeit, sondern auch Wind und Wetter nagen an der 1009 n. Chr. erbauten Sand- und Kalksteinfassade.

Aufgewachsen neben der Steinmetzwerkstatt

Die Liebe zum Naturstein entwickelte Manuel bereits als Kind. Vom Baugerüst aus zeigt er auf ein L-förmiges Haus direkt neben der Steinmetzwerkstatt. "In diesem Haus haben meine Großeltern ihr Leben und ich meine Kindheit verbracht", erzählt der leidenschaftliche Steinmetz. Im Hof seiner Großeltern hatte die Dombauhütte schon immer ein Materiallager, sodass die Steine von klein auf Manuels Interesse weckten. Als dann das Thema Schulpraktikum näherkam, war für ihn sofort klar: Ich gehe nur zu den Steinmetzen des Mainzer Doms. Und so kam es auch. Nach dem Praktikum bewarb er sich um eine Lehrstelle, für die ihn die Dombauhütte mit Freude annahm. Seitdem hat er hier seinen Gesellenbrief und seine Meisterprüfung abgelegt und wenn es nach ihm geht, wird er hier auch bis zum Ende bleiben.

Alte Traditionen aufrechterhalten

Steinmetz ist mit 40.000 Jahren eine der ältesten Handwerkskünste der Welt. Durch die Digitalisierung gibt es zwar mittlerweile Maschinen und Werkzeuge, die die Arbeit erleichtern, doch die Steinmetze des Mainzer Doms legen speziellen Wert darauf, alte Traditionen aufrechtzuerhalten. So mischen sie ihren Kalkmörtel nach tausendjähriger Rezeptur aus drei Teilen Sand und einem Teil Kalk eigenhändig zusammen. Auch die hoch anspruchsvolle Punktiertechnik kommt heute noch an historischen Skulpturen wie dem Federschmuck des Sankt Martin zum Einsatz. Das kostet Zeit. Sechs Monate sind für die Restaurierung des Martinsschmucks eingeplant. Maschinelle Anfertigungen würden das Ganze zwar beschleunigen, aber das besondere Etwas, die Handschrift des Steinmetzes, zerstören. Nicht nur werden die ursprünglichen Praktiken erhalten, darüber hinaus entwickeln die sechs Steinmetze außerdem eigene und optimierende Techniken. Ziel ist es, dass der Heilige Martin mit Federschmuck wieder unbeschadet über den Dächern von Mainz thronen wird.

In seinem Element: Der Steinmetzmeister beim Einsetzen der Kalkvierung. - © Helena Goletz

"Maurerkrätze und Staublunge dürfen nicht unterschätzt werden"

Wie jeden Tag an so einem monumentalen Bauwerk gibt es auch heute reichlich zu tun. Nur über das Baugerüst erreichbar liegt die abgeplatzte Ecke eines Rundbogens in schwindelerregender Höhe und wartet auf Manuels rettende Hände. Eine neue Kalksteinvierung muss eingesetzt werden. Dabei wird das kaputte Stück Kalkstein durch ein Neues ersetzt, ohne den gesamten Stein auszutauschen. "Doch, Sicherheit geht vor", erklärt Manuel mit ernster Miene, während er die FFP3-Maske anlegt und sich die Oropax in Position dreht. "Klassische Steinmetzkrankheiten wie die Maurerkrätze oder die Staublunge dürfen nicht unterschätzt werden", so Manuel weiter, während er sich die Gummihandschuhe überstreift und die Schutzbrille zurechtrückt.

Erst jetzt kann mit dem Schleifen begonnen werden. Die grobe Steinvierung wird bereits im Vorhinein in der Werkstatt angefertigt. Lediglich die letzten Feinschliffe erfolgen direkt an der offenen Wunde. Das schrillende Geräusch der Schleifmaschine ertönt und hüllt die rote Sandsteinfassade in eine Wolke aus beigem Kalkstaub. Nach einigen Sekunden verstummt das ohrenbetäubende Quietschen und die Vierung wird in den Patienten eingesetzt. Das Einzigartige ist hier die selbstentwickelte Verzapfungstechnik. Eine Ausklinkung am hinteren Ende der Kalkvierung ragt tiefer in die Fassade hinein und garantiert so einen festeren Halt des Kalksteins. Das Verfugen mit dem hauseigenen Kalkmörtel darf aber dennoch nicht fehlen. Dazu wird die gesamte Öffnung mit Mörtel bestrichen. Mit der Stielseite eines Hammers wird das neue Kalksteinstück gefühlvoll in die Aussparung geklopft. Eine Millimeterarbeit, die Geschick und Ausdauer erfordert.

"Kann es kaum erwarten, mit meiner Tochter hier zu stehen"

Ausdauer benötigt der gelernte Steinmetz nicht nur für seine Restaurierungsarbeiten an der Fassade des Martins Doms. Nebenbei ist er außerdem als Sargträger für verstorbene Domherren, Teppichleger und Stuhlsteller tätig. "Was immer für Aufgaben rund um das Mainzer Wahrzeichen anfallen, sind wir gefragt", sagt Manuel und lacht. Trotz der Leichtigkeit in seiner Stimme ist das Handwerk nicht zu unterschätzen. Es ist körperlich außerordentlich anstrengend und erfordert höchste Konzentration, erklärt der braungebrannte Handwerker mit hochgezogenen Augenbrauen. Das Ergebnis aber lohne sich immer, so Manuel. Vielen fehle zwar der Blick dazu, was die Steinmetze für so ein imposantes Bauwerk an Geduld und Feinarbeit, wie kilometerweites Fugen, aufbringen, dennoch mache es ihn immer wieder stolz und glücklich, die Ehre zu haben, als geborener Mainzer das Wahrzeichen der Stadt instand zu halten. "Ich kann es kaum erwarten, mit meiner Tochter hier zu stehen und ihr zu zeigen: das habe ich gebaut", träumt der frischgebackene Vater.

Plötzlich erschallt das schrille Dröhnen des Gerüstaufzugs wieder und holt einen zurück ins Hier und Jetzt. Erleichtert, dass die Moderne nicht ganz an den traditionsbewussten Steinmetzen vorbeigegangen ist, schließt Manuel mit einem klirrenden Rumps die Aufzugstür, bevor dieser mit lautem Geratter in Richtung Boden holpert.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner war die Deutsche Handwerks Zeitung.