Unternehmensnachfolge Tschüss Lebenswerk: So lernen Chefs ihren Betrieb loszulassen

In den Erfolg ihres eigenen Betriebs legen Handwerker viel Herzblut. Umso mehr kann es schwerfallen, ihn irgendwann an einen Nachfolger zu übergeben. Zwei Experten geben Tipps, wie Chefs die Unternehmensnachfolge emotional leichter verkraften.

Von Eileen Wesolowski

Männerhand schleift Holz.
Vielen Senior-Chefs fällt es schwer, ihren Betrieb in neue Hände zu übergeben. Allein die Auseinandersetzung mit der Nachfolge kann aber helfen, emotional besser damit umzugehen. - © Jelena - stock.adobe.com

Sie selbst haben die Betriebsräume eingeweiht, die ersten Aufträge ergattert, treue Kunden gewonnen und selbst schwierige Zeiten erfolgreich gemeistert: Vielen Chefs fällt es schwer ihr unternehmerisches Lebenswerk einmal in fremde Hände zu übergeben. Das zeigt auch eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (IHK) unter Mitgliedern aus dem Jahr 2019. Demnach können 38 Prozent der befragten Senior-Unternehmer emotional nicht "loslassen". Speziell im Handwerk zeigt sich Skepsis: So bewerten 25 Prozent der Unternehmen die Erfolgswahrscheinlichkeit einer (zukünftigen) Betriebsübergabe als eher gering ein, wie das Ergebnis einer Befragung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) unter Handwerksbetrieben im dritten Quartal 2020 zeigt.

Vorbereitung auf Nachfolge schafft Sicherheit

Die Betriebsübergabe rechtzeitig vorzubereiten kann helfen, solche Ängste abzubauen. Christine Karut, ausgebildete Mediatorin und Betriebsberaterin bei der Handwerkskammer (HWK) Berlin empfiehlt, circa zehn Jahre vorher mit der Planung zu beginnen: "Wer sich frühzeitig mit der Nachfolgefrage und den finanziellen, rechtlichen und steuerlichen Fragen auseinandersetzt, verschafft sich einen Überblick. Das gibt Sicherheit.“

Dem stimmt auch Wolf Wilder zu. Er hat als ehemaliger Geschäftsführer eines Mittelstandsunternehmens den Nachfolgeprozess selbst miterlebt und kennt die emotionalen Schwierigkeiten. Heute nutzt er seine Erfahrungen und berät Chefs in der gleichen Situationen. "Wenn ich als Unternehmer gut vorbereitet in den Nachfolgeprozess gehe, dann fällt er mir auch leichter", so der Gründer des Beratungsunternehmens "Nachfolgebegleiter". Um ihn greifbarer zu machen, empfiehlt er die Unternehmensübergabe als eine Art „Arbeitsprojekt“ zu betrachten: „Am besten bildet der Unternehmer ein Projektteam, das sich regelmäßig trifft und austauscht. Dabei werden Ziele für eine optimale Nachfolgeregelung definiert und besprochen, wie man diese erreicht." Ein solches Projektteam könnte z. B. aus Familienmitgliedern, Mitarbeitern, externen Beratern oder auch befreundeten Unternehmern bestehen, die eine solche Situation selbst schon durchlebt haben.

Die Nachfolgeberater geben fünf weitere Tipps, wie Senior-Chefs die Nachfolge emotional besser bewältigen können:

1. Sich Gedanken machen, wer als Nachfolger in Frage kommt

Viele Unternehmer haben Angst, dass ihr Betrieb in die falschen Hände gerät. Das muss jedoch nicht passieren, wenn sie vorher definieren, wer für eine Betriebsübergabe in Frage kommt und wer nicht: "Fragen Sie sich, welcher Partner zu Ihnen und Ihren Werten passt", rät Nachfolgeberater Wilder. Steht das Geld im Vordergrund? Und muss der potentielle Nachfolger wirklich der Archetyp eines Unternehmers sein? Oder ist es wichtiger, dass die Arbeitsplätze langfristig gesichert werden, der neue Chef gut mit den Mitarbeitern klarkommt und das Geschäftsmodell langjährig fortgeführt wird?

2. Einen Plan für die Zeit danach machen

Kinder möchten die Schule abschließen, junge Menschen ihre Ausbildung erfolgreich bestehen, Erwachsene wollen eine Familie gründen oder beruflich weiterkommen: "Unser Leben ist von Umbrüchen geprägt", sagt HWK-Beraterin Karut. "Meist haben wir für jede nächste Lebensphase eine Zielsetzung, weshalb wir sie auch als attraktiv empfinden. Viele Senior-Unternehmer denken aber, dass sie auf der Spitze des Berges angekommen sind." Dieser Gedanke kann Ängste hervorrufen – denn was folgt im Alter? Sich vorher einen Plan für den Ruhestand zu überlegen – mit Zielen und Aufgaben – kann dabei helfen, sich auf die neue Lebensphase zu freuen, statt sich davor zu fürchten. In der neu gewonnenen Zeit können Unternehmer sich ehrenamtlicher Arbeit, ihren Hobbies oder sogar einer zweiten Karriere widmen. Denkbar ist auch, dass der Senior – selbstverständlich in Absprache mit dem neuen Chef – weiterhin Aufgaben im Betrieb übernimmt.

3. Akzeptieren, dass kein Nachfolger perfekt ist

Jeder Mensch ist anders. Senior-Chefs dürfen nicht erwarten, dass der Nachfolger den Betrieb zukünftig genauso führt, wie sie es selbst tun würden. Nicht nur für neue Ideen sollten sie offen sein, auch die ein oder anderen "Fehler" sind gestattet. "Für den Chef sind die Dinge selbstverständlich, aber für den Nachfolger ist vieles neu", sagt Wilder. Diesen Umstand zu akzeptieren könne bereits dabei helfen, dem Nachfolger, seiner Herangehensweise oder einem neuen Führungsstil gegenüber offener zu werden.

Die Experten empfehlen vor der Unternehmensübergabe eine längere Einarbeitungszeit einzuplanen, in welcher der Nachfolger vom Vorgänger Stück für Stück in seine zukünftige Position eingeführt wird. Der neue Chef lernt sukzessive die unternehmensinternen Strukturen und Abläufe kennen. Dadurch wird auch einer Überforderung entgegengetreten. "In dieser Zeit sollte es auch in Ordnung sein, kleinere Fehler zu machen – selbstverständlich in einem kontrollierten Rahmen", sagt Wilder. Wichtig sei, dem Nachfolger Vertrauen entgegenzubringen – so lernen auch die Mitarbeiter, ihrem zukünftigen Chef zu vertrauen.

Zusatztipp: Soweit es möglich ist, können Senior-Chefs mit dem potentiellen Nachfolger schon frühzeitig abklären, welche Kenntnisse und Fähigkeiten es noch bedarf. So bleibt noch genügend Zeit, um etwa die benötigte Meisterausbildung zu absolvieren oder erforderliches Grundwissen in puncto Geschäftsführung zu erlernen. "Mit dem Wissen, dass der Nachfolger sich bestmöglich auf seine neue Aufgabe vorbereitet, kann der Senior der Übergabe entspannt(er) entgegensehen", so Karut.

4. Es nicht persönlich nehmen, wenn die Kinder die Nachfolge ausschlagen

Für viele Handwerkschefs kommt nur der eigene Nachwuchs für die Nachfolge infrage. Doch nicht immer wollen die Kinder das Familienunternehmen übernehmen. Tatsächlich zeigen Berechnungen des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung, dass nur noch ungefähr die Hälfte der Eigentümer ihren Betrieb an die eigenen Kinder oder an andere Familienmitglieder übergeben. Laut einer Analyse von KfW Research, der Forschungsabteilung der Kreditanstalt für Wiederaufbau, werde der Anteil externer Betriebsübergaben allein demografisch bedingt weiter zunehmen.

"Die meisten Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder. Aber sie dürfen es nicht persönlich nehmen, wenn die Tochter oder der Sohn den Betrieb nicht weiterführen will", so Wilder. Dabei helfe es sich klarzumachen, dass das eigene Glück nicht zwangsläufig auch das Glück anderer bedeutet. Denn wer will schon, dass die Kinder den Betrieb nur einem selbst zu Liebe übernehmen? Senior-Unternehmer sollten das Thema rechtzeitig mit ihren Kindern besprechen: "Hierbei ist eine ehrliche und offene Kommunikation wichtig, auch seitens des Nachwuchses", erklärt Wilder.

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5. Über die eigenen Sorgen sprechen

Vieles fällt leichter, wenn es erst einmal ausgesprochen ist. Senior-Chefs sollten über negative Gedanken und Ängste hinsichtlich der Nachfolge sprechen. Der Austausch kann dabei helfen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und gemeinsam Lösungen zu finden. Sollte dafür im Arbeitsumfeld bzw. im privaten Umfeld die nötige Objektivität oder Expertise fehlen, können sich Unternehmer auch an externe Mediatoren oder geschulte Berater der Handwerkskammern wenden. Viele unterstützen nicht nur bei organisatorischen oder rechtlichen Fragen, sondern auch in emotionaler Hinsicht.