Betriebsübergabe Generationenwechsel: Wenn die Kinder nicht wollen

Viele Kinder wachsen mit der Gewissheit auf, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Dann kommt ihnen das Leben in die Quere. Firmeninhaber müssen sich verstärkt außerhalb der Familie nach jemandem umsehen, der das eigene Lebenswerk fortführt. Das kann emotional weh tun, aber auch zum Besten für alle Beteiligten sein.

Sebastian Wolking

Immer mehr Familienbetriebe werden an Personen außerhalb der eigenen Verwandtschaft weitergegeben. - © WunderBild - stock.adobe.com

An Silvester schlug das letzte Stündlein. Über drei Generationen war der Sanitär- und Heizungsbaubetrieb Georg Opfermann aus Flensburg von der Familie Leist betrieben worden. Zum Jahresbeginn 2020 ging er in fremde Hände über.

"Den Betrieb zu übernehmen hat in meinen Überlegungen nie eine Rolle gespielt", sagt Viola Leist, die das Unternehmen in die vierte Generation hätte führen können. Noch ist ihr Vater Hugo als Geschäftsführer im Amt. Bis zum kommenden Jahr wird der Senior die Fäden in der Hand halten, sich dann mit 71 Jahren in den Ruhestand verabschieden - pünktlich zum 175-jährigen Firmenjubiläum. Der Betrieb ist schon jetzt ein Teil der Unternehmensgruppe HPM aus Hamburg, die sich auf Übernahmen spezialisiert und unter ihrem Dach mehr als 140 Betriebe aus verschiedenen Gewerken und Bundesländern zusammengeführt hat.

Tochter Viola wird bleiben. Vor fast 15 Jahren war sie als kaufmännische Leiterin eingestiegen. "Mein Vater hat Unterstützung im Betrieb gebraucht. Da habe ich mich für die Mithilfe innerhalb der Familie entschieden." Sie bewährte sich in ihrem Job, die Nachfolge als Firmenlenkerin aber stand nie zur Debatte. "Ich hätte den Betrieb nie alleine führen können, sondern immer einen zweiten Geschäftsführer neben mir gebraucht", sagt Leist, die in Karlsruhe Technische Volkswirtschaftslehre studiert hat. "Mein Vater ist der Techniker, nicht ich."

Familienübernahmen gehen zurück

Ein Familienbetrieb, so eine gängige Vorstellung, ist wie ein kostbarer Ring, der gut gehütet und stets von Vater zu Sohn oder von Mutter zu Tochter weitergegeben wird. Doch für Romantik ist in vielen Betrieben kein Platz mehr. Nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) in Bonn übergibt nur noch ungefähr die Hälfte der Eigentümer ihr Unternehmen an die eigenen Kinder oder an andere Familienmitglieder - Tendenz weiter sinkend. "Die Familiennachfolge bleibt im Mittelstand a¨ußerst wichtig, doch der Anteil externer U¨bergaben wird allein demografisch bedingt weiter zunehmen", schreibt auch KfW Research, die Forschungsabteilung der Kreditanstalt für Wiederaufbau, in einer Analyse. Demnach fanden im Jahr 2016 noch 41 Prozent aller Übernahmegründungen innerhalb der Familie statt, im Jahr 2019 waren es nur noch 34 Prozent.

Die Gründe sind vielfältig: Lebensläufe werden immer individueller; die Möglichkeiten, sich außerhalb des elterlichen Betriebs zu verwirklichen, zahlreicher. Manchen Kindern ist das finanzielle Risiko zu groß, anderen die Belastung. Vor allem in ländlichen und strukturschwachen Regionen wird es schwieriger, den Nachwuchs für eine Übernahme zu begeistern. Einigen fehlt auch schlichtweg das Interesse fürs Fach, anderen das handwerkliche Talent, die Bindung zu den Kunden in der Region oder das berühmt-berüchtigte "Unternehmer-Gen".

"Es ist schon lange ein offenes Geheimnis, dass viele Familiennachfolgen scheitern", sagt Rechtsanwalt Elmar Uricher aus Konstanz, der Unternehmen zu Nachfolgeregelungen berät. "Es sind oft die Führungskompetenzen, die fehlen." Außerdem würden viele Jungunternehmer erst nach der Übernahme merken, wie hart, stressig und nervenaufreibend die Führung eines Unternehmens ist. Da bleibt oft keine Zeit für die Familie oder Hobbys. "Wer nicht hundertprozentig dafür brennt, sollte auf jeden Fall die Finger davon lassen", rät Uricher.

"Man muss hundertprozentig dafür brennen"

Da ergibt es unter Umständen mehr Sinn, den Staffelstab von vornherein aus der Hand zu legen. "Es ist besser, den Papa vorher einmal zu enttäuschen, indem man die Nachfolge ausschlägt, als hinterher den ganzen Betrieb vor die Wand zu fahren", so Uricher. Einfach sei das nicht. "Viele Eltern haben von klein auf die Erwartung an ihr Kind, den Betrieb eines Tages zu übernehmen. Ihnen dann eine Abfuhr zu erteilen ist sehr schwierig." Man müsse die richtigen Argumente haben, auch externe Berater können helfen, den Familienfrieden zu wahren.

"Unsere Eltern haben uns nie unter Druck gesetzt oder uns dazu gedrängt, den Betrieb zu übernehmen", so Viola Leist. Dafür sei der Druck von außen irgendwann immer größer geworden - von Mitarbeitern, Geschäftspartnern oder Banken, die alle wissen wollten, wie es denn nach dem Renteneintritt des Seniors weitergehe. Gemeinsam entschied sich die Familie schließlich zum Verkauf. Die Familientradition ist damit gerissen, die Zukunft gesichert. Ein Kompromiss, mit dem alle ganz gut leben können. "Ich bereue nicht, dass es so gelaufen ist, wie es gelaufen ist. Im Gegenteil: Wir sind sehr zufrieden", sagt Viola Leist. Und außerdem redet sie im Betrieb ja noch ein gehöriges Wörtchen mit. So ganz geht man eben doch nie.

Was bei der Betriebsübergabe wichtig ist

Eine Übergabe ist ein Marathon, kein Sprint. Drei bis fünf Jahre dauert es im Schnitt, bis die Nachfolgeregelung steht. Im Alter von 50 Jahren sollte sich ein Firmeninhaber allmählich überlegen, wie es nach ihm weitergeht, rät Fachanwalt Elmar Uricher.

Schließlich will nicht nur ein geeigneter Nachfolger gefunden und eingearbeitet werden. Auch müssen Unternehmer ihre Altersvorsorge und die Finanzierung des Betriebs klären, und die Form der Übergabe. Den eigenen Kindern wird ein Betrieb gerne geschenkt oder auf Rentenbasis überlassen. Der Senior bekommt dann eine monatliche Rente ausgezahlt, die entweder fix ist oder sich an der Firmenentwicklung orientiert.

An externe Interessenten wird in der Regel verkauft oder verpachtet. Ein Trend sei, hat Fachanwalt Uricher festgestellt, dass der verkaufende Inhaber länger in der Haftung bleibt, der Nachfolger den Kaufpreis dafür über den Jahresgewinn finanziert. Auch Earn-Out-Klauseln, bei denen zum vereinbarten Kaufpreis ein Bonus hinzukommt, wenn es wirtschaftlich gut läuft, sind demnach in Mode.

Familie Leist aus Flensburg holte sich Unterstützung von einem Beratungsunternehmen, das eine Reihe williger Käufer auftrieb. "Alleine hätten wir das nie so gut auf die Reihe gekriegt", sagt Viola Leist. Am Ende erhielt die HPM-Handwerksgruppe aus Hamburg den Zuschlag. Die Georg Opfermann GmbH bleibt damit erhalten, aber die Eigenständigkeit ist Geschichte, wichtige Entscheidungen werden in der Zentrale getroffen.

Einen besseren Zeitpunkt - kurz vor dem Ausbruch der Pandemie - hätte Familie Leist für den Verkauf im Rückblick kaum wählen können. Mittlerweile verschieben nach DIHK-Angaben viele Senior-Chefs ihre Entscheidung zur Übergabe. In Seuchenzeiten steht die Existenzsicherung im Vordergrund. "Meine Hoffnung ist, dass durch Corona der eine oder andere doch über eine Selbstständigkeit nachdenkt", sagt Elmar Uricher. Dann hätte das Virus wenigstens auch eine klitzekleine positive Nebenwirkung gehabt.