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KfW-Studie Dem Handwerk fehlen die Chefs: Mangelversorgung droht

152.000 Mittelständler suchen bis Ende 2021 einen Nachfolger. Die Mehrzahl der Unternehmer hält dabei nach externen Käufern Ausschau, statt den Betrieb familienintern zu übergeben – doch nur wenige wurden bislang fündig. Am Geld scheitert es dabei fast nie.

Zehntausende Betriebe suchen in den kommenden beiden Jahren einen Nachfolger. Bis Ende 2021 planen die Inhaber von 152.000 mittelständischen Unternehmen ihren Rückzug, belegt das repräsentative Nachfolge-Monitoring der Förderbank KfW. Der Generationenwechsel im Mittelstand bleibt eine Herausforderung. Allerdings lässt in Deutschland das Interesse an Gründungen nach: Die Anzahl der Existenzgründer ist von 1,5 Millionen im Jahr 2002 auf zuletzt 547.000 gesunken.

Eine Entwicklung, die auch dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) Sorgen bereitet. "Wenn wir immer weniger Betriebsgründer und immer weniger Nachfolger haben, schwächt das die Wirtschaftskraft Deutschlands insgesamt", warnte ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". In einzelnen Regionen drohe schon jetzt eine Mangelversorgung mit handwerklichen Leistungen, wenn dort die Zahl an Gründungen und Betriebsübernahmen weiter zurückgehen sollte. Die Politik müsse Gründungen und Nachfolgen fördern. Wollseifer sprach sich dafür aus, Gründer besonders im Steuerrecht zu entlasten, etwa bei der Unternehmenssteuer und der Umsatzsteuer-Voranmeldung.

Geburtenstarke Jahrgänge gehen in den Ruhestand

Nachfolge im Handwerk

Gleichzeitig schreitet die Alterung der Firmeninhaber voran, sodass der bereits hohe Bedarf an Nachfolgern weiter zunehmen wird. Gegenwärtig sind 44 Prozent aller Unternehmens­inhaber 55 Jahre oder älter. Zum Vergleich: Im Jahr 2002 waren es lediglich 20 Prozent. Damit hat beinahe die Hälfte aller Unternehmenslenker ein Alter erreicht, in dem Erwerbstätige sich allmählich Gedanken über ihren Ruhestand machen.

"Die Zahl der offenen Nachfolgewünsche im deutschen Mittelstand geht aktuell zwar etwas zurück", sagt Michael Schwartz, Mittelstandsexperte bei KfW Research. "Allgemeine Entwarnung kann hinsichtlich des anstehenden umfassenden Generationenwechsels aber nicht gegeben werden." Das gilt auch fürs Handwerk. "Es ist schwieriger geworden als vor fünf Jahren, Nachfolger zu finden", bestätigt Markus Prophet, stellvertretender Leiter des Ge­schäftsbereichs Beratung, Recht und IT bei der Handwerkskammer für Schwaben.

"Ein gutes Unternehmen wird nach wie vor einen Käufer finden"

Besonders zwischen 2025 und 2035 wird dies laut KfW spürbar werden, wenn die geburtenstarke Nachkriegsgeneration aus dem Erwerbsleben ausscheidet. Die nachrückenden Geburtenjahrgänge sind aber kleiner besetzt, die Zahl potenzieller Nachfolger sinkt.

Allerdings sind Experten wie Markus Prophet von der Handwerkskammer für Schwaben sicher: "Ein gutes Unternehmen wird nach wie vor einen Käufer finden." Die Rahmenbedingungen stimmten derzeit: "Die Ertragssituation ist gut, es gibt ausgezeichnete Finanzierungsangebote und attraktive Zinsbedingungen", sagt Prophet.

Betriebe werden übernommen, um Fachkräfte zu übernehmen

Prophet stellt überdies fest, dass Firmen neuerdings gern übernommen werden, um Fachkräfte zu bekommen. "Es kommt inzwischen zu Betriebsübernahmen aus neuen Gründen, nämlich um Personal zu gewinnen. Handwerker berichten uns: Die Aufträge brauche ich nicht, die bekomme ich von selbst, aber ich brauche die Mitarbeiter."

Nachfolge im Handwerk

Gab es in den vergangenen Untersuchungen der KfW stets eine Präferenz für die Nachfolge innerhalb der Familie, so verliert diese Option im Mittelstand nach und nach an Bedeutung. Aktuell wollen nur noch 44 Prozent der Altinhaber das Unternehmen in die Hände eines Familienangehörigen legen. Jeder Zweite wünscht sich, sein Unternehmen an einen externen Käufer (z.B. Existenzgründer, Finanzinvestor, anderes Unternehmen) zu verkaufen. "Das prägende Bild der familieninternen Übergabe an den Sohn oder die Tochter gerät ins Wanken. Der Wunsch nach externen Nachfolgern steigt", kommentiert Schwartz. Ein Befund der KfW, den Markus Prophet von der Handwerkskammer für Schwaben indes relativiert: "Es finden nach wie vor sehr viele Übergaben in der Familie statt."

Im Vergleich zur Lösung innerhalb der Familie bringt die externe Nachfolgesuche Herausforderungen mit sich, Vorbereitungsaufwand und Transaktionskosten sind deutlich höher. "Wunsch und Realität klaffen beim Thema Übergabe an Externe weit auseinander, das zeigen unsere Zahlen deutlich: Nur ein Prozent der Inhaber mit Wunsch nach einem externen Käufer hat bereits einen gefunden", sagt KfW-Experte Schwartz.

Höhere Erwartungen an den Kaufpreis

Nachfolge im Handwerk

KfW Research hat die Preiserwartungen der Altinhaber ermittelt. Im Vergleich zur Vorjahresbefragung sind diese um sechs Prozent gestiegen. Wird eine Nachfolge konkret innerhalb der kommenden fünf Jahre anvisiert (bis Ende 2024), müsste ein potenzieller Käufer im Jahr 2019 im Durchschnitt 372.000 Euro für den Kauf des Unternehmens einplanen, 2018 waren es 351.000 Euro.

Am Geld scheitert die Übergabe eines Unternehmens im Handwerk fast nie, sagt Prophet. "Die Preisvorstellungen sind meistens doch schon realistisch." Allerdings tun sich einige Betriebsinhaber nach seiner Erfahrung schwer mit dem Loslassen. "Es geht vor allem darum, sich rechtzeitig emotional und mental auf den Ruhestand vorzubereiten und die Entscheidung nicht vor sich herzuschieben." Prophet weiß zu berichten, dass einige Unternehmer den Aufwand einer Unternehmensübergabe oder -übernahme unterschätzen. "Je größer das Unternehmen und je komplexer die Rechtsform wie bei einer Kapitalgesellschaft, umso mehr Zeit muss man für einen Übernahmevertrag aufwenden." Die Kommunikation im Dreieck zwischen Betrieb, Rechtsanwalt und Steuerberater koste Zeit.

Gastkommentar: "Attraktiv für Investoren"

Oliver Rogge

Der Bauboom sorgt für florierende Geschäfte im Handwerk. Doch am Horizont ziehen Wolken auf, denn das Handwerk in Deutschland steht vor einem tiefgreifenden Generationenwechsel. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks prognostiziert, dass in den kommenden Jahren bis zu 200.000 Betriebe zur Übergabe anstehen. Insbesondere kleinere Anbieter stehen vor dem Aus, sollten sie keinen geeigneten Nachfolger finden.

Vielerorts schließen sich kleinere Handwerksbetriebe deshalb zusammen, um größere Einheiten zu bilden. Das wiederum macht sie attraktiv für Investoren, die national tätige Unternehmensgruppen aufbauen oder sich an ihnen beteiligen. Mittelgroßen Handwerksbetrieben bietet das die Chance, sich Kooperationen anzuschließen oder das Unternehmen an bundesweite Anbieter zu verkaufen, die weiße Flecken auf der Landkarte füllen und bestehende Angebotslücken schließen können.

Unabhängig von der Größe des eigenen Betriebs müssen die Inhaber grundsätzlich Vorbereitungen für die Übernahme treffen. Damit es sich für die Käufer lohnt, einen Betrieb zu erwerben, müssen Unternehmen professionell aufgestellt sein, entsprechende Zahlen bereitstellen, aufgeräumte Bilanzen vorweisen. Die Suche nach geeigneten Investoren ist aufwändig. Daher braucht es zeitlichen Vorlauf, um geeignete Lösungen zu entwickeln. Inhaber sollten sich also frühzeitig mit den Optionen für ihre Nachfolge auseinandersetzen.

Oliver Rogge ist Leiter Corporate Finance bei der DZ Bank, dem Spitzeninstitut der Genossenschaftlichen Finanzgruppe

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