Autohandel und -werkstätten Studie: Kfz-Gewerbe muss Angebote und Jobprofile ändern

Eine Studie prognostiziert rund 28 Prozent weniger Beschäftigte im Kfz-Gewerbe bis zum Jahr 2040. Hauptursachen sind die ­Digitalisierung und Elektrifizierung. Die Untersuchung gibt aber auch Handlungsempfehlungen.

Ladeanzeige Elektroauto
Ändert nicht nur das Autofahren, sondern auch die Arbeit am Auto: Elektromobilität. - © ProMotor/T.Volz

Die Zahl der Beschäftigten im Kraftfahrzeug-Gewerbe wird bis zum Jahr 2030 um rund 18 Prozent sinken. Das besagt die Studie "Beschäftigungseffekte im Kfz-Gewerbe 2030/2040" des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) und des Instituts für Automobilwirtschaft (IfA). Sowohl deutschlandweit als auch für das Land Baden-Württemberg wird die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen für die kommenden sieben beziehungsweise 17 Jahre prognostiziert. Von heute 435.000 auf 356.000 werde die Zahl zurückgehen. In Baden-Württemberg entspricht das einem Rückgang von 78.300 auf 64.000. Bis 2040 werde die Zahl um insgesamt 28 Prozent auf 312.000 sinken (BW: 55.000).

Verwaltung am stärksten betroffen

Die Studie beschreibt anhand dreier verschiedener Zukunftsszenarien die quantitativen Effekte auf die Beschäftigung, das Arbeitsvolumen und die qualitativen Tätigkeitsveränderungen. Die wichtigsten Faktoren bei der Veränderung sind die Fahrzeugdigitalisierung und -automatisierung, die Digitalisierung der Geschäftsprozesse, die Elektrifizierung des Antriebs und die Veränderung der Vertriebsmodelle.

Am stärksten betroffen vom Personalrückgang sind Aufgaben in der Verwaltung mit einem Verlust von 36 Prozent der Beschäftigten. Für den Handel wird ein Minus von 34 Prozent sowie für Werkstatt und Teile 24 Prozent weniger prognostiziert.

Die deutlichen Jobverluste werden in der Studie hauptsächlich mit der Digitalisierung und der Elektrifizierung begründet. Auslöser sind die zunehmende Digitalisierung der Fahrzeuge und der Geschäftsprozesse, die Elektrifizierung des Antriebs sowie die veränderten Vertriebsmodelle. Die Digitalisierung erlaube beispielsweise neue Vertriebswege, die gerade die Hersteller zu neuen Konkurrenten im Vertrieb und in der Nutzungsphase des Fahrzeugs mache.

Um am Markt weiterhin bestehen zu können, sei es unumgänglich, das Angebot den Kundenwünschen anzupassen und damit stark zu individualisieren. "Der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft des Kfz-Gewerbes liegt im Kundenfokus. Den Betrieben muss es gelingen, sich den Bedürfnissen ihrer Kunden und Kundinnen bei Kommunikation und Interaktion anzupassen", sagt Franz Loogen von der Landesagentur "e-mobil BW", Herausgeber der Studie. Mithilfe digitaler Fahrzeug- und Kundendaten könnten individuelle Services angeboten werden. Käufern eines Elektrofahrzeugs könnten Autohäuser auch die Installation einer Wallbox oder einer Photovoltaik-Anlage vermitteln.

Einziger Wermutstropfen: Freie Werkstätten könnten unter Umständen eher in Schwierigkeiten kommen als fabrikatsgebundene, weil es ihnen schwerer falle, die nötigen Investitionen aufzubringen.

Konsequent an Kundenwünschen orientieren

Für die Fachkräfte werde es wichtig sein, neue Kompetenzen zu erlernen, denn der Wandel umfasst auch die Jobprofile. Kfz-Mechatroniker etwa müssen Hochvolttechnik und Software kennen. Verkaufsberater wiederum sollten technische Dienstleistungen erklären und verkaufen können. Die Erklärung von Anwendungen gegenüber Kunden werde dementsprechend aufwendiger.

Der Zentralverband des Deutschen Kfz-Gewerbes (ZDK) sieht in der Studie die Herausforderungen gut dargestellt. Das Szenario mit einer Transformation des Kfz-Gewerbes unter Systemführerschaft der Hersteller beschreibe die künftige Entwicklung aus Sicht des ZDK am besten. Um sich darauf einzustellen, müsse sich das Gewerbe konsequent an den Kundenwünschen orientieren und die Mitarbeiter regelmäßig weiterbilden.

Die Studie selbst gibt Handlungsempfehlungen. Dazu gehören unter anderem ein aktives Transformationsmanagement, die Überprüfung der Unternehmensstrategie und die Entwicklung eines individuellen Leistungsprofils.

Die Studie ist online unter www.e-mobilbw.de/service/publikationen zu finden.

Interview

"Wir werden eine Polarisierung erleben"

Benedikt Maier, Co-Autor der Studie, zu Anforderungen an Autohäuser und freie Werkstätten, Konkurrenz durch die Hersteller und das, was ihn letztlich überrascht hat.

Die Zahl der Beschäftigten im Kfz-Gewerbe wird insgesamt deutlich fallen. Hat sich das Fachkräfteproblem zumindest in dieser Branche damit erledigt?

Benedikt Maier: Wir brauchen die Personen mit der richtigen Qualifikation an den entsprechenden Stellen in den Betrieben. Das ist vor allem ein qualitatives Problem. Dem Fachkräfteproblem können wir zwar begegnen, indem wir die jetzigen Belegschaften entsprechend weiterbilden. Das funktioniert aber nicht immer. Wir machen aus einem Lagerarbeiter keinen Hochvolttechniker. Das Problem wird also kleiner, aber nicht gänzlich gelöst werden.

Professor Beneditk Maier
Benedikt Maier ist Professor für Automobil­distri­bution und -vertrieb sowie stv. Direktor des Instituts für ­Automobilwirtschaft in Geislingen. - © IfA

Die Nachfrage nach Wartung und Reparatur wird abnehmen allein durch die Elektrifizierung. Wie wird sich insgesamt das Angebot ändern?

Um das Thema Elektroautos herum kann eine Reihe von neuen Angeboten entwickelt werden, auch zum Beispiel in Kooperation mit anderen Gewerken wie Elektrotechnik. Autohäuser müssen sich als flexible Dienstleister rund um Fragestellungen der Mobilität aufstellen. Wenn ich zum Beispiel die Elektroautos, die Installation einer Wallbox und die Fragen der Förderung aus einer Hand anbiete, bin ich überzeugt davon, dass Kunden das sehr wertschätzen. Dem Kunden all das zu erklären und zu verkaufen, muss ebenfalls jemand können. Diese Kompetenzen müssen die Betriebe aufbauen, aber das ist machbar.

"49 Prozent der Kunden würden ihren nächsten Neuwagen ohne Probefahrt und persönliche Beratung kaufen."

Die Hersteller bieten ja inzwischen schon Dienstleistungen an, die über den Verkauf von Autos hinausgehen. Inwieweit entsteht da neue Konkurrenz?

Wir werden eine Polarisierung des Marktes erleben. Grundsätzlich bieten Hersteller vermehrt Dienste innerhalb der Nutzungsphase eines Fahrzeugs an. Das dient als Bindungsinstrument an den Hersteller oder eben ihre Vertragspartner, etwa bei Functions on Demand und digitalen Diensten. Der Kunde ruft bestimmte Leistungen nur im Bedarfsfall ab und wird auch nur situativ zur Kasse gebeten. Das kann zum Beispiel eine Reichweitenvergrößerung bei der Batterie sein. An diesem Geschäft hat der Händler wahrscheinlich keinen Anteil mehr. Auch beim Online-Vertrieb besetzt der Händler nicht mehr zwingend die Kundenschnittstelle. Schon 49 Prozent der Kunden sind laut einer unserer Studien bereit, ihren nächsten Neuwagen ohne Probefahrt und persönliche Beratung online zu kaufen. Die Hersteller werden ein entsprechendes Angebot kurz- oder mittelfristig einführen. Das wiederum führt zu weniger Wertschöpfung im Handel.

Ihre Studie prognostiziert, dass es freie Werkstätten schwerer haben werden am Markt. Warum?

Bis 2030 wird sich für diese Betriebe nur wenig ändern. Wir haben in Deutschland rund 22.000 fabrikatsungebundene Betriebe. Mit dem Fahrzeugbestand an älteren Fahrzeugen ab drei bis vier Jahren machen diese weiterhin ausreichend Geschäfte. Wenn die Elektrofahrzeuge und die Connected Cars aber im Fahrzeugbestand flächendeckend ankommen, können viele bei den nötigen Investitionen nicht mehr Schritt halten, zum Beispiel bei Mitarbeiterausbildung und Werkstattausrüstung. Das führt zu einer stärkeren Konsolidierung und den entsprechenden Beschäftigungseffekten. Zusätzlich haben wir eine herstellergetriebene Marktbereinigung auf Ebene der Vertragspartner. Die Hersteller wollen weniger und immer größere Vertragspartner. Betriebe, die aus den Netzen fallen, drängen wiederum in den freien Markt und treten in einen Wettbewerb mit den überwiegend kleineren, freien Betriebe.

Hat Sie irgendetwas an den Ergebnissen der Studie überrascht?

Der Umbruch kommt nicht plötzlich und die Entwicklungen lassen sich ja beobachten. Und mit den Rücklagen der letzten Jahre kann sich die Branche auf die Veränderungen am Markt einstellen. Was mich ein wenig gewundert hat, war, dass zahlreiche Entscheider und Unternehmer überrascht waren von den Ergebnissen. Zum Glück sehen wir in der Branche auch ganz viele innovative und zukunftsgewandte Betriebe.