WorldSkills 2022 Stefan Mißbach: Vom Werkstatt-Kind zum Weltmeister

Kfz-Weltmeister, Angestellter im Familienbetrieb, Gesellschaftstänzer. Stefan Mißbach ist in der Werkstatt groß geworden. Im Interview erzählt der frisch gekürte WorldSkills-Sieger von seiner Vorbereitung, seinen Gedanken während der WM und wie es in Zukunft für ihn weiter geht.

Unter Beobachtung: Eine aufmerksame Jury bewertete die Teilnehmer. - © WorldSkills Germany / Frank Erpinar

Verkürzte Ausbildung, Meisterschule in Vollzeit, Festanstellung im Familienbetrieb und jetzt Weltmeister in Kfz-Mechatronik. Der 23-jährige Stefan Mißbach aus Dresden hat in seinem jungen Alter schon einiges erreicht. Auf die Ergebnisse seiner Meisterprüfung wartet er zwar noch, aber Grund zur Sorge gibt es nicht. Bei der WM der Berufe konnte Mißbach die Goldmedaille für das deutsche WorldSkills-Team holen.Vor heimischer Kulisse erkämpfte er das Edelmetall unter großem Zeitdruck.

Im Interview mit der DHZ erzählt er, ob es der klassische Heimvorteil war, wie er sich vorbereitet hat und wie lange er beim Feiern des Sieges das Tanzbein geschwungen hat.

Weltmeister Stefan Mißbach im Interview

Herr Mißbach, woher kommt Ihre Leidenschaft fürs Kfz-Handwerk? 

Stefan Mißbach: Ich war als Kind schon oft mit meiner Mutter in der Werkstatt meines Vaters. Als Kind ist es dort natürlich sehr schön. Hier dreht sich was, dort macht was Geräusche – und überall Knöpfe, die man drücken kann. Davon war ich von klein auf begeistert. Manchmal durfte ich auch Mini-Aufgaben übernehmen. Da war die Freude groß, den Vater unterstützen zu können. So bin ich von klein auf mit den Aufgaben einer Kfz-Werkstatt aufgewachsen.

Aus dem kleinen Werkstatthelfer ist ein großer Weltmeister seines Fachs geworden: Wie fühlt es sich an, Weltmeister zu sein?

Es ist ein richtig cooles Gefühl. Vor allem, wenn man bedenkt, dass nicht viele Menschen sich als Weltmeister betiteln können. Es macht mich sehr glücklich und stolz.

Ihren Erfolg haben Sie sich hart erarbeitet. Wie sah Ihre Vorbereitung auf die WM aus?

Meine Vorbereitung begann im März dieses Jahres. Am Anfang hatte ich noch Meisterschule. Zwischendurch hatte ich zwei Mal ein ganzwöchiges Training mit meinem Trainer. Wir haben Aufgaben aus den vergangenen Jahren nachgestellt und daran trainiert. Dann hatte ich noch Vorbereitungswettkämpfe im Ausland. Ich war bei den SiwssSkills, LuxSkills und hatte Trainings in Abu Dhabi und im italienischen Bozen. Dadurch habe ich gesehen, wo ich stehe und wo ich noch mehr Gas geben muss.

Blieb neben Arbeit und Training überhaupt noch Zeit für Freunde, Hobbys oder zum einfach mal nichts zu tun?

Es wäre gelogen, wenn ich sage, man wäre 24 Stunden und sieben Tage die Woche beschäftigt. Ich habe abends schonmal in Stromlaufpläne oder vergangene Aufgaben reingeschaut. Aber es ist eine Sache der Einteilung. Wenn ich mir am Nachmittag zwei Stunden Zeit für meine Freunde nehme, habe ich am Abend immer noch Zeit zu lernen.

Der Wettkampf fand in Ihrer Heimatstadt Dresden statt. Man spricht gerne von Heimvorteil – war es einer? 

Schwierig zu sagen, aber ja, es war ein kleiner Vorteil. Ich war sehr ruhig, da ich in meiner bekannten Umgebung war und viele bekannte Leute um mich hatte. Die Chinesen hatten sieben Stunden Zeitverschiebung und sind erst drei Tage vor dem Wettkampf angereist. Das steckt man nicht ohne weiteres weg. Der Vorteil war, dass es für mich so ein bisschen Alltag war. Ich war immer mal kurz Zuhause und habe dort mit Familie und Freunden gesprochen.

Am Ende landeten gleich vier internationale Kfz-Spitzenfachkräfte ganz oben auf dem Podest – das ist ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

Weil wir vier fast alle punktgleich waren, haben wir alle den ersten Platz belegt. Wir haben maximal 100 Punkte erreichen können. Diese werden dann nochmal kompliziert umgerechnet, damit die Berufe untereinander vergleichbar sind. Nach der Umrechnung konnten bis zu 800 Punkte erreicht werden. Bei einem so knappen Endergebnis wird für die Platzierung nicht mehr differenziert. Zusammen zu gewinnen, hat mich umso mehr gefreut. Es ist schön, dass wir alle unser Ziel erreicht haben.

Punkteverteilung: Deutschland + China: 731 Punkte – Schweiz: 730 Punkte – Südtirol: 729 Punkte

Wann waren Sie nervöser? Vor dem Wettkampf oder vor der Bekanntgabe der Sieger?

Eindeutig vor der Bekanntgabe der Sieger.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man zwischen den Wettkampftagen abends im Hotelbett liegt? Kann man überhaupt schlafen?

Ich konnte eigentlich gut schlafen. Egal, wie der Tag gelaufen war, ich habe mir immer gesagt, dass ich nach vorne schauen muss und mich auf den nächsten Tag konzentrieren sollte. Es bringt ohnehin nichts, möglichen Fehlern nachzutrauern. Ich habe versucht, immer an die positiven Sachen vom Tag zu denken.

So sehen Sieger aus: Stefan Mißbach mit seiner Goldmedaille. - © WorldSkills Germany / Frank Erpinar

Was war die kniffligste Aufgabe?

Am technisch anspruchsvollsten war für mich die Aufgabe der Datenbusvernetzung. Dort habe ich zuerst zu kompliziert gedacht. Da wurde es dann mit der Zeit knapp.

Die Aufgaben bei den WorldSkills mussten generell unter hohem Zeitdruck gelöst werden. Wie sind Sie damit umgegangen?

Der Zeitdruck ist eine schwierige Sache. Es gibt zwei Optionen. Etwas schludriger vorgehen und alles in der Zeit schaffen oder genauer hinschauen und dafür nicht alles schaffen. Ich habe mich für die zweite Option entschieden. Offensichtlich war es auch eine sehr gute Strategie.

Sie bringt also nichts so schnell aus der Ruhe?

Ich kenne es vom Arbeitsalltag. Wenn beispielsweise irgendein Stecker sich nicht entriegeln lässt und man mit dem Fluchen beginnt, dann wird es nur noch schlimmer und am Ende verletzt man sich vielleicht noch. Ich habe im Training gelernt, zügig zu arbeiten, ohne dabei in Hektik zu verfallen.

Wettkampferfahrung haben Sie ja schon in einem ganz anderen Bereich, dem Gesellschaftstanz…

Meine Eltern haben mich vor zehn Jahren einfach mal angemeldet. Das hat mir dann so Spaß gemacht, dass ich es jetzt als Leistungssport betreibe. Es ist ein guter Ausgleich zum Werkstattalltag. Einfach mal abschalten, egal was in der Arbeit war. Körperliche Ertüchtigung ist sowieso immer gut. Regional hatte ich eigene Erfolge, überregional allerdings noch nicht.

Hat die Routine mit Auftritten vor Publikum beim Wettkampf geholfen?

Mit den Zuschauern im Rücken konnte ich gut umgehen, ich bin ruhig geblieben. Also denke ich: ja.

Wie wurde die gewonnene Weltmeisterschaft in der Heimatstadt am Abend noch gefeiert?

Ich war mit den Teilnehmern und Trainern von Südtirol, Schweiz und Österreich unterwegs. Wir waren bis sechs Uhr am nächsten Morgen in der Neustadt feiern und sind dann im Hotel eingeschlafen.

Weltmeisterschaft abgehakt, was ist Ihr nächstes Ziel? Ist die Übernahme vom Familienbetrieb eine Option?

Langfristig gesehen ist das mein Ziel. Ich will nächstes Jahr aber auch an vielen Fortbildungslehrgängen teilnehmen. Meinen Meister habe ich ja schon fertig. Ich warte zwar immer noch auf meine Ergebnisse, aber da mache ich mir keine Gedanken. Zu Themen wie Abgasuntersuchung, Elektro und Klima möchte ich mich weiterbilden.

Was würden Sie sagen: was ist das Beste an Ihrem Beruf?

Die Vielfalt in meinem Job ist sehr schön. Und ich mag dieses Glücksgefühl, wenn man bei einer klassischen Fehlersuche einen kniffligen Fehler findet und diesen beheben kann. Außerdem kann ich den Leuten helfen, mobil zu bleiben.

Aufgabenstellung bei der WM:

1. Signale Messen und auswerten:
- Der Motor dreht nicht.
- Der Motor dreht, startet aber nicht.
- Der Motor läuft unrund.

2. Hier galt es, einen Motor auseinander zu bauen und durch Vermessung festzustellen, ob die Teile einen Defekt haben. Anschließend musste der Motor wieder zusammengebaut werden.

3. In dieser Station ging es um Elektrofahrzeuge. Zunächst mussten drei Messungen am normalen Komfortsystem durchgeführt werden. Daraufhin wurden zwei Aufgaben zum Hochvoltsystem gestellt.

4. Zu Beginn musste eine Achsvermessung durchgeführt und das Fahrwerk überprüft werden. Danach stand eine Fehlersuche an der Bremsanlage auf dem Programm.

5. Die letzte Station drehte sich um das Datenbussystem des Fahrzeugs. Es galt herauszufinden, warum die Kommunikation zwischen einigen Steuergeräten gestört wird. Der zweite Teil war ein Onlinemodul. In einem digitalen Lernprogramm aus Elektrolyten mussten Fehler gefunden werden.