Aktionswoche Gebäudegrün Pflanzen unter der Solaranlage: So geht Klimaschutz mit Gründächern

Würden auf mehr Dächern und an mehr Fassaden in Deutschland Pflanzen wachsen, könnte man Städte auf ganz natürliche Art und Weise kühlen. Stark profitieren würde auch die Artenvielfalt. Doch noch immer ist das Thema mit vielen Vorurteilen besetzt. Was dahinter steckt und warum gerade in der Kombination von Gründach mit Solaranlage viel Potenzial steckt.

Eine Ökosiedlung in Düsseldorf-Unterbach
Eine Ökosiedlung in Düsseldorf-Unterbach: Hier gehören Gründächer ganz grundsätzlich ins Konzept. - © Bundesverband GebäudeGrün

Flachdächer und solche mit einer Dachneigung unter 20 Grad auf Wohngebäuden und Garagen oder auch auf Gewerbehallen – hier und auch an den Fassaden von Gebäuden könnte man Pflanzen wachsen lassen. Gemeint sind Pflanzen, die das Gebäude und die ganze Umgebung drumherum kühlen, die damit helfen, an heißen Tagen Energie zu sparen. Klimaanlagen werden überflüssig. Stattdessen freuen sich Insekten und Vögel – vor allem in großen Städten – wenn sie hier neuen grünen und auch blühenden Lebensraum finden. Auch die Artenvielfalt profitiert von Gründächern und begrünten Fassaden.

Was so vorteilhaft klingt, ist aber in Deutschland noch immer eine Nische. Nur auf rund acht Prozent der Flachdächer wachsen Pflanzen wie Mauerpfeffer, Hauswurz oder auch niedrige Stauden. In Deutschland gibt es schätzungsweise 1,2 Milliarden Quadratmeter Flachdachfläche. Aber davon sind nur rund 130 Millionen Quadratmeter begrünt. Zwar müssen Dächer mit einer passenden Dachneigung für eine Begrünung geeignet sein – hier spielen Statik und die Ausrichtung des Dachs eine Rolle. Doch diese Eignung erfüllen viel mehr Gebäude als oftmals gedacht. Denn das Thema ist auch noch mit vielen Vorurteilen besetzt.

"Solaranlagen auf Gründächern sind effizienter"

Um darüber aufzuklären, welches Potenzial in Gründächern steckt, hat der Bundesverband GebäudeGrün (BuGG) unterstützt durch den Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) eine bundesweite Aktionswoche vom 19. bis 24. September 2022 organisiert. Ganz speziell geht es dabei auch um die Situation, die sich durch neue bauliche Pflichten ergibt, da in vielen Bundesländern mittlerweile Pflichten zur Installation von Photovoltaik-Anlagen verabschiedet sind. Außerdem liegt es auch im Interesse vieler Hausbesitzer beim Neubau auch gleich eine eigene unabhängige Stromversorgung zu sichern. So ergibt sich nach Angaben des ZVDH nun eine perfekte Kombi, denn die Grünfläche und die PV-Anlage auf einem Dach passen sehr gut zusammen.

"Gerade in der aktuellen Situation, wo der Einsatz von Photovoltaik-Anlagen immer notwendiger wird, ist es wichtig zu wissen, dass PV-Anlagen wunderbar auf begrünten Dächern aufgebaut werden können", teilt ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk im Zusammenhang mit den Themen der Aktionswoche mit. Und dabei geht es nicht nur um ein Zusammenpassen, sondern um zusätzliche Vorteile: Da sich Gründächer bei großer Hitze nicht so aufheizen wie unbegrünte Dächer, liefern Solarmodule auf begrünten Flächen eine höhere Leistung. Das liegt daran, dass der Wirkungsgrad der meisten Photovoltaik-Module sinkt, wenn deren Betriebstemperatur steigt. Bollwerk fasst dies wie folgt zusammen: "Solaranlagen auf Gründächern sind effizienter." Grundsätzlich lassen sich auf Gründächern sowohl Anlagen zur Stromerzeugung als auch solche für Warmwasser installieren.

Informationen zur Aktionswoche Gebäudegrün und dazu, wie man mitmachen kann, finden Sie hier.>>>

Aber welche Vorurteile sind es denn nun die noch immer dazu beitragen, dass Gründächer eher eine Nische besetzen? Und welches Potenzial steckt in ihnen? Das und mehr haben wir Dr. Gunter Mann, den Präsidenten des Bundesverband GebäudeGrün (BuGG) gefragt.

Großes Potenzial für Gründächer im Neubau und im Bestand

Warum gibt es noch immer verhältnismäßig so wenige Gründächer in Deutschland, obwohl die Vorteile scheinbar überwiegen?

Wir haben als Hemmnisse und Hürden vorrangig die Sorgen vor hohen Herstellungs- und späteren Pflegekosten, Ängste vor "Ungeziefer", und vor allem Unwissenheit und das Fehlen von Fachkräften identifiziert. Obwohl wir seit 50 Jahren Dächer professionell begrünen, fehlt immer noch vielfach das Vertrauen und die Mehrkosten einer extensiven Dachbgrünung gegenüber einem Kiesdach sind je nach Objekt gar nicht so groß. Man bekommt ja auch viele positive Wirkungen für sein Geld. Zudem haben wir das Know-How und eine Umfrage von ZVDH und BuGG beim Dachdeckerhandwerk hat ergeben, dass die Meinung vorherrscht, dass begrünte Dächer erst viel später repariert werden müssen als ungeschützte Dachabdichtungen. Um diese Hürden zu nehmen und Aufklärungsarbeit zu leisten, gibt es die Aktionswoche Gebäudegrün.

Gründach auf einer Pension
Ein Gründach auf einem Wohnhaus in Unteruhldingen. Für eine Bepflanzung muss das Dach nicht komplett flach sein. - © Bundesverband GebäudeGrün

Spielen dabei Vorurteile eine Rolle zu vermeintlichen Nachteilen wie höhere Kosten durch eine stabilere Bauweise oder auch, dass sich Schimmel durch zu viel Feuchtigkeit bildet? Wenn ja, was ist an den Einwänden dran?

Ja, genau, auch diese "Gegen-Argumente" spielen eine Rolle. Die Dachkonstruktion und ihre Bauphysik muss beachtet und das passende Gründach ausgesucht werden - dann funktioniert das. Je nach Nutzungs- und Begrünungsziel wird der Gründachaufbau ausgewählt und gegebenenfalls muss auch die Statik angepasst werden. Und das fällt in der Vorplanung günstiger aus als wenn man ganz am Ende daran denkt. In der Regel funktionieren fast immer Extensivbegrünungen, da sie mit 50 bis 180 kg/m² oftmals gar nicht viel schwerer sind als Kiesdächer.

Wie groß ist das Potenzial wirklich? Welche Dächer sind als Gründächer geeignet?

Wir begrünen derzeit jährlich nur etwa 8 Prozent der neu entstehenden Flachdächer. Und haben also im Neubau und nachträglich im Bestand ein großes Potential. Geeignet sind im Grunde fast alle Dächer von 0 bis 20 Grad Dachneigung. Darüber hinaus auch bis 45 Grad, jedoch mit größerem Aufwand.

Städte geben Fördergelder für Gründächer

Mit welchen Mehrkosten muss man beim Bauen rechnen für ein Gründach oder eine begrünte Fassade?

Das ist schwer genau zu beziffern und objektabhängig. Wenn ich schon in der frühen Planungsphase dran bin, spare ich mir Mehrkosten in Sachen Wurzelschutz und Statik. Bei der Fassadenbegrünung plane ich dann gegebenenfalls schon Wandanker mit ein. Die Herstellungskosten einer extensiven Dachbegrünung liegen bei etwa 40 bis 80 Euro pro m². Sie hängen von verschiedenen Faktoren ab wie beispielsweise Flächengröße und Gründachaufbau. Die Richtwerte für bodengebundene Fassadenbegrünungen mit Kletterhilfen liegen bei etwa 100 bis 300 Euro pro m².

Gibt es aktuell Förderungen für Gründächer und wenn ja, wie sehen diese aus?

Als Ergebnis der BuGG-Städteumfrage 2021 und anschließenden Recherche lässt sich für alle Städte mit mehr als 50.000 Einwohnenden festhalten, dass bereits 82 Städte und somit ca. 42 Prozent finanzielle Zuschüsse für Dachbegrünungen bereitstellen. Die Förderhöhen variieren stark von Stadt zu Stadt und die Spanne der maximalen Förderung für Dachbegrünungen liegt von 10 bis 85 Euro pro m² sowie 100 bis 100.000 Euro je nach Vorhaben.

Solar-Gründächer boomen

Lassen sich ein Gründach oder eine begrünte Fassade auch nachrüsten oder sollte man das am besten bei Neubauten einplanen?

Gebäudebegrünungen bei Neubauten sind einfacher in Planung und Ausführung, doch auch Bestandsgebäude lassen sich begrünen. Hier muss man sich in der Regel mit den objektbezogenen Gegebenheiten abfinden. Dazu gehört die vorhandene Statik und Dachgefälle, und das hierfür passende Gründachsystem auswählen. Zusätzlich sind die Punkte "Wurzelschutz" und "Absturzsicherung" zu beachten. Immer mehr Städte haben sogenannte "Gründachpotenzialkataster", mit denen schon einmal grob gesichtet werden kann, welche Gebäude dach-begrünt werden können. Doch letztendlich müssen sich die Dächer immer Fachleute anschauen und Statik, Bauphysik und Dachabdichtung bzw. Wurzelschutz beurteilen.

Wie verbreitet sind bislang Solar-Gründächer und welches Potenzial steckt darin?

Solar-Gründächer gibt es schon einige Jahrzehnte. Aufmerksamkeit erfahren sie so richtig seit etwa 2,3 Jahren und nun "boomen" sie fast schon. Ich möchte damit sagen, es kommt so langsam im Markt an, dass die Kombination Photovoltaik oder Solarthermie und Dachbegrünung nachhaltig funktioniert, wenn man es richtig macht. Und wir haben mittlerweile eine Vielzahl an Praxisbeispielen. Doch auch hier haben wir noch "Luft nach oben".

Extensive und intensive Dachbegrünung

Die Unterschiede der Begrünungsarten extensiv und intensiv liegen sowohl in ihrem Aufbau als auch in der notwendigen Pflege und Nutzung. Von "Extensivbegrünungen" spricht, wenn das Ganze sehr einfach gehalten ist, wenn nach dem erstmaligen Aufbau kaum mehr Pflege nötig ist. Die Pflanzen dieser Begrünungsart unterliegen den natürlichen und jahreszeitlich bedingten Vegetationsentwicklungen. Dabei ist sowohl der Aufbau einfacher mit einer Pflanzschicht von 5 bis 15 cm, denn die genutzten Pflanzen haben keine tiefen Wurzeln oder benötigen auch eher wenig Nährstoffe und nur Regenwasser. Sie wachsen auch auf einem dünnen, mineralischen Untergrund. Die typischen Pflanzen für eine extensiven Dachbegrünung sind Moose, Sukkulenten, Kräuter, Gräser.

Anders ist es bei der intensive Dachbegrünung, die man auch eher als "Dachgarten" beschreiben kann. Während extensive Begrünungen auch auf Dächern mit einer Neigung bis zu 20 Grad möglich sind, werden "Intensivbegrünungen" auf komplett flachen bzw. ebenen Flächen angelegt. Hierbei werden tiefere Pflanzschichten angelegt und Pflanzen mit tieferen Wurzeln und größeren Wuchshöhen genutzt. Da durch diese Art des Anpflanzens mehr Gewicht entsteht, die das Dach tragen muss, ist bei einer intensive Dachbegrünung die Gebäudestatik sehr wichtig bzw. muss sie mit bei der Planung der Dachbegrünung mit bedacht werden. Die Höhe des Gesamtaufbaus kann hierbei bis zu 100 cm betragen. Die genutzten Pflanzen – manchmal sogar kleine Bäume und Büsche – sind pflegebedürftiger und benötigen gezielte Eingriffe, damit die Bepflanzung dem Dach zuträglich bleibt.

Eine Fassadenbegrünung an einem Geschäftshaus in Freiburg
Eine Fassadenbegrünung an einem Geschäftshaus in Freiburg: Die Pflanzen kühlen das Gebäude im Sommer. - © Bundesverband GebäudeGrün