Solarstrom boomt, Regierung stoppt Lokale Stromerzeugung quert Regierungspläne

Der Solarboom setzt sich ungebrochen fort: In diesem Jahr wurde bisher über 50 Prozent mehr Sonnenstrom erzeugt als im gleichen Zeitraum 2011. Doch da die Kosten steigen und der Netzausbau stockt, ist schon vom Ausbaustopp die Rede. Der Energiegipfel sollte eine bessere Abstimmung zwischen den Ländern erreichen. Doch diese wollen weiter ausbauen. Das könnte die Pläne zum Netzausbau gefährden.

Der Solarstromausbau geht ungehindert weiter trotz Förderkürzung. 2012 wurden schon 50 Prozent mehr Sonnenstrom produziert als vor einem Jahr. - © Lennart Preiss/dapd

Die Bundesregierung hat bisher einen Ökostromanteil von mindestens 35 Prozent bis zum Jahr 2020 als Ziel festgelegt. Derzeit liegt der Anteil mit 26 Prozent deutlich über Plan. Vor allem die Solarenergie boomt: Nach einem Bericht des Magazins "Der Spiegel" wurden in den ersten neun Monaten des Jahres über 50 Prozent mehr Sonnenstrom erzeugt als im gleichen Zeitraum 2011. Insgesamt produziert demnach die Solarenergie von Januar bis September 24,9 Milliarden Kilowattstunden Strom. Das entspricht einem Anteil von 6,1 Prozent an der gesamten Stromerzeugung. Der Anteil der Windkraft lag im selben Zeitraum bei 8,6 Prozent.

Bei der Erzeugung von grünem Strom gibt es somit keine Probleme, doch trotzdem ist immer wieder vom "Stocken der Energiewende" die Rede. Der Energiegipfel am vergangenen Freitag im Kanzleramt wirke demnach wie ein Krisengipfel zwischen Bund und Ländern. Die Regierung wollte dabei eine bessere Abstimmung der einzelnen Ausbauziele der Bundesländer und damit eine Einstimmung auf den schnelleren Netzausbau erreichen.

Konkrete Ergebnisse brachte der Gipfel keine, obwohl  Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) von einem "Durchbruch" sprach. Auch der Steuerbonus für die energetische Gebäudesanierung wurde nicht thematisiert. Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften hatten in einem gemeinsamen Brief an die Bundesregierung auf die Dringlichkeit einer Entscheidung gepocht.

"Ausbau moderieren statt stoppen"

Viel Wind im Norden, dafür Sonnenenergie im Süden – die damit entstehenden Ungleichmäßigkeiten bei der Stromproduktion zwischen den Ländern sollen mit einem schnelleren Netzausbau ausgeglichen werden. Doch das kostet Geld und da es momentan für die neuen Stromtrassen keine übergeordnete Behörde gibt, kann jedes Bundesland einzeln über den Ausbau mitbestimmen. Und die scheinen sich nicht ganz so einig zu sein wie es Umweltminister Altmaier am Wochenende im "Deutschlandfunk" verkündete.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) setzt viel auf den Ausbau der Netze und forderte von den Ländern ein klares Bekenntnis dazu. Nur so könnten die Chancen genutzt werden, die sich gerade in Norddeutschland böten, sagte Merkel auf dem Landesparteitag der CDU Mecklenburg-Vorpommern in Sternberg. Steuern will die Bundesregierung die bessere Abstimmung mit der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG). Doch auch hierzu fehlen bisher konkrete Vorschläge. Bislang ist vor allem von einem Zurückschrauben der Fördergelder und schon von einem Ausbaustopp der erneuerbaren Energien die Rede. Doch dagegen wehren sich die Länder.

So sprach sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann schon im Vorfeld des Gipfels gegen eine Begrenzung des Ausbaus aus. "Wir müssen den Ausbau so moderieren, dass er ins System passt, aber nicht deckeln", sagte er gegenüber der "tageszeitung" (taz). Und so will Baden-Württemberg auch selbst stärker auf die Windkraft setzen und diese bis 2020 auf einen Anteil von zehn Prozent an der Energieerzeugung ausbauen.

Bisher beträgt der Anteil ein Prozent. "Davon werde ich mich auch nicht abbringen lassen", sagte Kretschmann. Wie die taz berichtet, könnte bei einem stärkeren Ausbau der Windkraft im Süden möglicherweise auf einzelne geplante Stromtrassen verzichtet werden und der Netzausbau müsste wieder neu abgestimmt werden.

Dezentrale Anlagen helfen Kosten sparen

Momentan ist geplant auch Strom der großen Offshore-Windräder im Norden nach Süden zu transportieren. Doch dazu fehlen noch die Netze. Zudem halten auch die Länder im Norden mehr davon, den Strom vor Ort zu verbrauchen, statt ihm hunderte Kilometer weit zu transportieren. "Es liegt doch auf der Hand, dass wir den Strom in erster Linie dort ernten, wo er am stärksten weht", sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig.

So scheinen die Länder von einem abgestimmten Vorgehen und vom Netzausbau noch nicht überzeugt zu sein. Doch auch das Zurückschrauben der Ausbaupläne stößt auf Kritik. Nach Einschätzung von CSU-Chef Horst Seehofer müsste die Energiewende sogar noch schneller vonstattengehen. "Die vereinbarten Termine sind Termine, die auch unterboten werden können", sagte der bayerische Ministerpräsident der "Süddeutschen Zeitung". "Wir sollten jeden Tag darauf achten, dass wir auch noch schneller sind, als das jetzt von der Bundesregierung angestrebt wird."

Und auch aus dem Handwerk gibt es Forderungen, die Energiewende nicht zu stark zu zentralisieren, stärker auf kleine Energieerzeugungsarten vor Ort zu setzen und damit auch die Strompreise in Zaun zu halten. Mehr dezentrale Anlagen würden den Ausbau der Netze in der geplanten Form überflüssig machen und so auch Kosten einsparen. "Dezentralität und Regionalität" seien die Stichwörter, mit denen die Debatte überflüssig werde, sagte der Präsident der Handwerkskammer für Schwaben, Jürgen Schmid, bei der "Woche der Umwelt" in Berlin. jtw/dapd