Kolumne Lesefähigkeit: Warum Ausbildungen daran scheitern können

Die Ziele im Ausbildungsplan sind ohne durchschnittliche Lesefähigkeit unerreichbar. Auch der Übergang zwischen Schule und Ausbildung leidet, wenn Azubis mit dem Leseverstehen kämpfen. Ausbildungsberater Peter Braune hat sich mit den Gründen beschäftigt.

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Oft wird von Ausbildern und Lehrkräften die mangelhafte oder gänzlich fehlende Lesefähigkeit der Lehrlinge beklagt. - © monticellllo - stock-adobe.com

Ich habe eine interessante Meldung gefunden: Die Stiftung Lesen kam zu dem Ergebnis, dass rund 32 Prozent der Eltern in Deutschland ihren Kindern selten oder nie etwas vorlesen. Dazu würden Zeit und Bereitschaft fehlen. Die Hälfte der Eltern sagte, dass es im Haushalt anderes zu tun gebe und sie zu erschöpft zum Vorlesen seien. Außerdem dachten 48 Prozent der Befragten, dass ihren Kindern woanders genug vorgelesen werde. Auch mangelte es in vielen Haushalten an Vorlesestoff: 68 Prozent gaben an, dass ihre Kinder maximal zehn Bücher besäßen. Sie sahen diese Tatsache nicht als Problem, allerdings fanden es 57 Prozent gut, wenn ihre Kinder regelmäßig Bücher geschenkt bekämen.

Vom Kinderbuch zum Lehrbuch

Es gibt Fachleute die glauben, Eltern könnten schon mit fünfzehn Minuten Vorlesen am Tag den Wortschatz der Kinder fördern. Es gibt einige Studien, die zeigen, dass Kinder und Jugendliche, denen vorgelesen wurde, einen positiven Bezug zum Lesen entwickeln und später mit mehr Freude zu Büchern greifen. Was dann ja auch für die Fachbücher gilt, die im Verlauf einer Berufsausbildung gelesen werden müssen. Andere Erhebungen kommen zu dem Ergebnis, dass seit vielen Jahren rund jeder fünfte Zehn- bis Fünfzehnjährige größere Schwierigkeiten mit dem Lesen hat. Sie lesen langsam, stockend und nicht gern. Die schwach Lesenden verbergen ihre Probleme. In der Ausbildungszeit kann das dramatische Folgen haben.

Das musste auch ein Malerlehrling schmerzlich erfahren. Zu Beginn seiner Lehrzeit beschränkte sich sein Leseinteresse auf das Lesen der Daddelnachrichten am Smartphone. "Nein" war für ihn ein vollständiger Satz, wenn er von seiner Meisterin zum Lesen eines Fachtexts aufgefordert wurde. Er litt auch schwer unter Aufschieberitis. Sein Leben bestand aus einer einzigen Aneinanderreihung guter Vorsätze: "Morgen werde ich mir das Fachbuch vornehmen, das mir die Meisterin empfohlen hat. Morgen wird alles anders. Statt die Zeit mit dem Daddeln zu verplempern, werde ich mich gleich mit dem Fachthema auseinandersetzen, das wir in der nächsten Woche in der Berufsschule behandeln werden. Der Lehrer hat uns ein paar Links gemailt. Die Texte sollen wir lesen."

Lesen ist in der Ausbildung unverzichtbar

So oder so ähnlich erlebte ihn zumindest seine Ausbilderin, was sie anregte, ein wenig an der Disziplin und Lesefähigkeit ihres Azubis zu feilen. Ohne umfangreiche Befragungen durchgeführt zu haben, glaube ich, dass in vielen Fällen das stundenlange Daddeln als Ersatzdroge zum Lesen dient. Lesen ist jedoch die Grundlage von allem. Im Verlauf der Berufsausbildung muss viel gelesen werden, um die Lernziele des betrieblichen Ausbildungsplans zu erreichen.

Der selbstverständliche Umgang mit den Fachbüchern war aber nicht die Stärke des besagten Malerlehrlings. Offenbar gehörte er auch zu den Kindern, denen nie oder wenig vorgelesen wurde. Das Vorlesen hätte bestimmt seine Lust am Lesen geweckt und gefördert.

Das Lesen hätte er durch das Lesen selbst gelernt, denn es ist eine Grundfähigkeit der Informationsgesellschaft. Wer regelmäßig liest, kann Fachbegriffe schneller erkennen, sie verstehen und seine volle Aufmerksamkeit auf den Inhalt lenken. Was gelesen und verstanden wurde, wirkt weiter. Er könnte sein neues Wissen im Zusammenhang mit anderen Lernzielen vertiefen.

Scheitern am Übergang von Schule und Ausbildung

Die Lesefähigkeit ist eine berufsübergreifende Fähigkeit. Es ist mehr als die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen. Es fördert die Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit. Im Ergebnis hilft sie, berufliche Texte zu verstehen. Lesen und Schreiben sind eine wichtige Voraussetzung für den Ausbildungserfolg. In den Ausbildungsbetrieben werden sie als wichtige Voraussetzungen für die Bewältigung der Ausbildung betrachtet.

Viele Jugendliche scheitern am Übergang von der Schule in die Ausbildung aufgrund ihrer Mängel beim Lesen, Schreiben und Sprechen. Oft wird von der Meisterin oder dem Meister, aber auch von den Lehrkräften in der Berufsschule die mangelhafte oder gänzlich fehlende Lesefähigkeit der Lehrlinge beklagt. Das gilt vor allem auch in den schriftlichen Prüfungen. Die Aufgaben zu lesen, sie zu verstehen, um sie dann zu lösen – das verursacht sichtbare Fragezeichen über den Köpfen der Prüflinge.

Im Handwerk sind viele dazu bereit, auch die leistungsschwächeren und nicht ausbildungsreifen Jugendliche einzustellen. Es ist bewundernswert, welche Verantwortung sie damit eingehen, auch wenn es um die Sprachbildung geht.

Die Fachbücher und Lernmaterialien sind nicht immer so gestaltet, dass sie für Menschen geeignet sind, die nicht gerne lesen. Das kann sich zur methodischen Herausforderung entwickeln. Die Bewältigung von Fachtexten ist für die betroffenen Lehrlinge eine Hürde. Die fachsprachlichen Texte enthalten viele Fachbegriffe. Sie können von Azubis wie dem Malerlehrling erst verstanden werden, wenn das Lernziel vertraut ist.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune hat Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.