Bildungszentren des Handwerks in der Pandemie Lernen trotz Corona: Blick in eine Bildungsakademie

Lockdowns, Lüftung, Hygiene- und Abstandsregeln, Maskenpflicht und Zugangsbeschränkungen: ­Corona hat den Alltag in den Bildungszentren des Handwerks auf den Kopf gestellt. Wie eine Bildungsakademie das ­meistert.

Außenaufnahme der Bildungsakademie Waldshut
Herausforderung Corona: Im Laufe eines Ausbildungsjahres werden in der Waldshuter Bildungsakademie rund 1.600 Auszubildende unterrichtet. Wegen der Pandemie müssen die Bildungszentren besonders flexibel agieren. - © Inka Reiter

Von einem Tag auf den anderen musste die Bildungsakademie in Waldshut im ersten Lockdown 2020 schließen. Doch ihr Leiter Christian Herz war vorbereitet. "Wir hatten die Signale der Politik gehört und schon vorher Probeläufe in virtuellen Klassenräumen durchgeführt."

Der Übergang zum Unterricht aus der Ferne gelang – mit Einschränkungen. "Die Kaufleute können so gut lernen, auch bei den Meistervorbereitungskursen oder manchen Fort- und Weiterbildungen im kaufmännischen Bereich ist das möglich. Aber die überbetriebliche Ausbildung funktioniert online nicht. Die Azubis brauchen unsere Werkstatt vor Ort", sieht der gelernte Elektromeister Herz Grenzen.

Überhänge aus Lockdowns

Bis heute wirken sich der erste und der zweite Lockdown auf die Bildungsakademie aus. Im ersten fanden gar keine, im zweiten nur prüfungsrelevante Kurse statt.

Georg Hiltner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz, hatte lange und intensiv mit den zuständigen Ministerien verhandelt, um die Berufsausbildung wieder weitgehend störungsfrei durchführen zu können. Letztlich fand man für alle handwerklichen Bildungsstätten im Land Baden-Württemberg gangbare und praktikable Lösungen.

Nachholbedarf wegen Lockdowns

Seither holt die Akademie alles Versäumte, beispielsweise Grundstufenkurse in der beruflichen Ausbildung, Stück für Stück nach. Im Rahmen von 3G und mit Masken dürfen jetzt alle wieder ins Gebäude kommen. Doch die Planung ist herausfordernd. Neben den Gegebenheiten vor Ort mit verkürzten Kursen und reduzierter Gruppengröße müssen die Kursplaner auch die Berufsschultermine und die Bedürfnisse der Ausbildungsbetriebe berücksichtigen. Es wird wohl noch bis Mai dauern, alle Überhänge abzubauen.

Besonders bitter war der Lockdown für angehende Meister, die vier Tage vor ihrem Abschluss nicht mehr in die Akademie durften. Ihre Theorieprüfung konnten sie direkt nach dem Lockdown nachholen. Aber bis zur praktischen Prüfung mussten die Schreiner zwei, die Maler sogar vier Monate warten. Herz hätte ihnen die Verzögerung gern erspart. '"Aber die Werkstätten waren mit anderen prüfungsrelevanten Kursen belegt und wir mussten mit den Prüfungsausschüssen erst wieder neue Termine koordinieren."

Hygieneplan im Lockdown entwickelt

Die Wochen des ersten Lockdowns nutzten die Handwerkskammer Konstanz und die Leitungen der insgesamt drei Bildungsakademien, um einen Hygieneplan zu erstellen. Anfangs lag der Fokus vor allem auf der Reinigung und Desinfektion von Oberflächen. Christian Herz absolvierte eine Fortbildung zum Beauftragten für Hygiene- und Infektionsschutz. Vor allem aber setzte er auf enge Absprache mit seiner Reinigungsfirma COWA: "Sie haben überall da, wo Schmierketten entstehen könnten – also an Handgriffen, Geländern oder Lichtschaltern – zusätzlich zur Unterhaltsreinigung desinfiziert", erinnert sich Herz. Mehrmals am Tag desinfizierte außerdem das Lehrpersonal diese Oberflächen. Türen ließ man offen stehen, um den Griff zur Klinke zu vermeiden. Dreimal am Tag lief zudem der Haustechniker durchs Gebäude, um Handläufe und Lichtschalter erneut zu reinigen – ein enormer Zeitaufwand.

Auch alle anderen möglichen Kontaktflächen wurden regelmäßig gereinigt und desinfiziert. Wenn in den Werkstätten von einem Werkzeug nicht genügend Stücke für alle Azubis vorhanden waren, wurden Einweghandschuhe benutzt beziehungsweise die Gegenstände bei jedem Wechsel desinfiziert. "Aber es gibt Geräte, da geht das nicht, weil der Alkohol das Metall rosten lässt", so Herz. Die Erkenntnis, dass eine klassische Reinigung ohne Desinfektion gegen Corona-Viren auch genügt, war somit eine große Erleichterung.

Belüftungsanlage plus Fenster

Erleichtert war Herz auch, als er erfuhr, dass die raumlufttechnische Anlage (RLT-Anlage) im Gebäude den Corona-Anforderungen entsprach. Obwohl das Gebäude gute 30 Jahre alt ist, verfügen ungefähr die Hälfte aller Werkstätten und Seminarräume über eine aktive Belüftungsanlage mit Zu- und Abluft. Zu Beginn der Pandemie hatte der betreuende Gebäudeplaner alles kontrolliert. Sowohl der Luftmengenaustausch als auch die bereits eingesetzten Filter entsprachen den neuen Ansprüchen.

In den Räumen ohne RLT-Anlage lüftet das Lehrpersonal alle 20 Minuten über Fenster und Türen. Ein CO2-Wächter erinnert an die Maßnahme. "Das wird jetzt natürlich kalt", stellt Herz trocken fest; aber das Querlüften funktioniere. Herz ist zufrieden, wie sein Haus bisher durch die Pandemie gekommen ist: "Ganz falsch können unsere Entscheidungen und eingeleiteten Maßnahmen nicht gewesen sein. Wir sind bisher gut gefahren damit."

"Pandemie fordert extreme Flexibilität"

Gebäudereiniger spüren die Corona-Maßnahmen sehr stark. Thomas Conrady, Chef der COWA Gebäudedienstleister, spricht im DHZ-Interview über die Folgen.

Thomas Conrady, Chef der COWA Service ­Gebäudedienste GmbH - © COWA Service Gebäudedienste GmbH

Herr Conrady, ihre Firma reinigt die Bildungsakademie in Waldshut. Wie hat sich Corona auf Ihre Arbeit dort ausgewirkt?

Thomas Conrady: Auch wir als Gebäudereiniger mussten in den vergangenen zwei Jahren höchste Flexibilität unter Beweis stellen. In Abstimmung mit der Bildungsakademie wurden die Reinigungsintervalle regelmäßig an die aktuellen Gegebenheiten und jeweils geltenden Schutzmaßnahmen angepasst.

Doch zeitweise war die Akademie ganz geschlossen. Was bedeutete das für Sie?

Da der Präsenzunterricht eingestellt wurde, reduzierte sich das Arbeitsvolumen für die Reinigungskräfte auf die Reinigung der Verwaltungsräume, was einen Bruchteil des täglichen Volumens bedeutete. Die Bildungsakademie reagierte sehr flexibel und die Sonderleistungen, die ansonsten für den Sommer geplant waren, wurden vorgezogen. Somit gelang es, die Mitarbeiter zum großen Teil weiter zu beschäftigen.

Konnten Sie nach den Lockdowns wieder ganz normal arbeiten?

Nein. Die nächste Herausforderung kam im Januar 2021, als von Präsenz- auf Onlineunterricht umgestellt wurde. Für uns bedeutete dies, dass die Seminar- und Schulungsräume nicht mehr gereinigt wurden. So gut wie keine Schüler waren ja mehr anwesend. Es gelang uns, den Mitarbeitern alternative Arbeitsstellen anzubieten, so dass Kurzarbeit vermieden werden konnte. Seit Oktober 2021 ist wieder Normalität eingekehrt und die Reinigungen finden gemäß den notwendigen Häufigkeiten statt.

Notwendige Häufigkeiten, angepasste Reinigungsintervalle – was bedeutete all das für die Planung Ihrer Arbeit?

Als Dienstleister für Unternehmen in der gesamten Wirtschaft hatten wir die ganze Vielfalt an Vorschriften zu analysieren, mit den Kunden abzustimmen und dann für und mit unseren Mitarbeitern umzusetzen.Die Corona-Pandemie hat uns da stark getroffen. Die anfängliche Sorge wich dann aber schnell dem gemeinsamen Willen, aus der Situation das Beste zu machen.

Wie ist jetzt die Auftragslage?

Die Auftragslage in den vergangenen zwei Jahren unterlag extremen Schwankungen. Während in den stark publikumsnahen Wirtschaftsbereichen wie Hotels, Messen oder Eventlocations ein Umsatzeinbruch von quasi 100 Prozent zu verzeichnen war, stiegen andere Bereiche wie die Industrie oder auch Onlinehandelskunden rasant an.
Über alles gelang es, den Umsatz­einbruch im ersten Corona-Jahr bei 17 Prozent zu stabilisieren. Das Geschäftsjahr 2021 haben wir mit einem blauen Auge überstanden – liegen aber immer noch zehn Prozent unter dem Vorkrisenniveau 2019. Auch wenn viele Bereiche ihren Betrieb wieder aufnehmen konnten, haben wir die Pandemie ja längst noch nicht überstanden und der erhöhte Reinigungsaufwand im Rahmen aller Schutzmaßnahmen kann die Umsatzausfälle nicht ausgleichen.

Wie wirkt sich das auf die Personalplanung aus?

Die Pandemie forderte eine extreme Flexibilität. Während einige Mitarbeiter nun schon fast eineinhalb Jahre in Kurzarbeit sind, sind andere Kollegen an ihren Leistungsgrenzen angelangt. Da unser Unternehmen regional sehr stark verteilt arbeitet, konnten auch nur im geringen Umfang Mitarbeitern Ersatz-Arbeitsplätze angeboten werden. Dennoch spürten wir eine extrem hohe Solidarität in der Belegschaft: Führungskräfte aus München waren in Stuttgart eingesetzt – der Kollege von nebenan half aus, wenn es um die Organisation und Durchführung von Sonderarbeiten ging. Durch diese Flexibilität konnten wir alle Aufträge erfüllen. Aber der zusätzliche planerische und organisatorische Aufwand war immens und ist es teilweise immer noch. bst