Folgen von Corona auf die Ausbildung Corona: Kränkelnde Ausbildung

Während der Lockdowns war Ausbildung nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Kaum ein Handwerk litt so sehr darunter wie die Friseure.

Friseurmeister Jörg Mengel und die frisch ausgebildete  Annalisa Nägele mit ihrem Spitzenzeugnis
Friseurmeister Jörg Mengel ist stolz Annalisa Nägele. Trotz Corona-Bedingungen hat die Friseurin einen glatten 1,0-Abschluss geschafft. - © privat

Annalisa Nägele hat ein kleines Wunder vollbracht. Über ihre gesamte Ausbildungszeit zur Friseurin hat sie nie eine andere Note als "eins" geschrieben. Ihr Chef Jörg Mengel ist mächtig stolz auf die 22-Jährige – und ein kleines bisschen auch auf sich.

Der Friseurmeister aus dem oberbayerischen Weilheim ist seit 30 Jahren selbstständig "und seit 20 Jahren bin ich Selbstversorger bei Gesellen", sagt er lachend. "Ich bekämpfe meinen persönlichen Fachkräftemangel damit."

Von seinem 12-köpfigen Team sind fünf Auszubildende. Ein Drittel seiner Wochenarbeitszeit widmet er den Nachwuchskräften. Innungs- und Kammersiege zeigen, dass sich diese Investition lohnt. Einen so überragenden Abschluss wie Annalisa Nägele hat aber bisher noch niemand geschafft – und das trotz Corona.

Schwierige Ausbildungsbedingungen unter Corona

Ausbildung in Pandemiezeiten ist nicht einfach, für Friseure zumal. Monatelang mussten die Salons schließen, die Unternehmen kämpften ums Überleben. "Während dieser viereinhalb Monate haben unsere Azubis zu Hause weiter trainiert", erklärt Mengel. Sie durften aus dem Friseursalon Material abholen und übten damit daheim an Frisierköpfen.

Per Videotelefonie begutachtete Mengel ihre Arbeit und gab ihnen Tipps und Anregungen, um das Ergebnis noch zu verbessern. Hochsteckfrisuren und Dauerwellen ließen sich so üben, Schnitttechniken mussten warten. "Letztendlich ist alles zu kurz gekommen", mag sich Mengel mit dieser Ausbildung aus der Ferne nicht anfreunden.

Spitzenabschluss trotz Corona

Dass Annalisa Nägele trotzdem so gut abschloss, hat sie ihrem Fleiß zu verdanken. "Ich habe mir schon immer leicht getan auf der Schule und ich hatte ja Zeit zu lernen", sagt sie bescheiden. Für die Praxis habe sie mit dem Material aus dem Salon gearbeitet, Herrenschnitte hatte sie schon vorher geübt und Jörg Mengel habe ihr per Video weitere Schnitttechniken erläutert.

Auch ihre Berufsschule in Garmisch-Partenkirchen hatte nach dem Schock des ersten Lockdowns 2020 schnell reagiert. "Es war ja klar, dass wir eine Lösung für den Herbst brauchen", erinnert sich die stellvertrende Schulleiterin Helga Schönberner.

Mit Unterstützung durch das Landratsamt habe die Schule Microsoft Teams eingeführt. Jeder Schüler habe einen eigenen Zugang und eine eigene E-Mail-Adresse bekommen, so dass der Unterricht regulär ablaufen konnte. "Das waren dann die ganz normalen Unterrichtszeiten von 7.45 bis nachmittags", bestätigt Nägele. Allerdings sei ihr diese Art zu lernen schwer gefallen. "Es gibt so viel Ablenkung zu Hause, da braucht es viel Selbstdisziplin."

Leihgeräte von der Schule und Unterricht per Videotelefonie

Schüler, die keinen eigenen Computer hatten, konnten sich von der Schule einen Laptop ausleihen, finanziert aus den Mitteln des Digitalpakts. So hätten die Lehrer alle Schüler gut erreicht, wenn auch Videoaufzeichnungen oder Tutorials praktische Unterrichtsanteile nicht ersetzen konnten. "Wir haben deswegen während des Distanzunterrichts versucht, den Fokus auf Bereiche zu legen, die sich theoretisch abarbeiten lassen, um dann im Wechselunterricht den Rest aufzuholen", so Schönberner. Der ein oder andere Betrieb habe die Zeit des Lockdowns auch genutzt, um intensiv auszubilden, ohne Kundschaft.

Doch viele Unternehmer waren zu sehr mit dem wirtschaftlichen Überleben des Betriebs beschäftigt, um sich der Ausbildung zu widmen. Auch für Mengel war die finanzielle Belastung erheblich. "Fakt ist, dass ich viereinhalb Monate für meine Azubis die Ausbildungsvergütung voll weiter bezahlt habe, ohne jegliche Einnahmen." Die festangestellten Kräfte waren in Kurzarbeit, für die Azubis gab es erst nach sechs Wochen etwas staatliche Unterstützung zur Vermeidung von Kurzarbeit.

Corona hat fatale Folgen für die Zukunft der Ausbildung

Die Konsequenz aus dieser Zeit ist für die Friseurbranche dramatisch. Im September 2020 zählten die Friseure 18,7 Prozent weniger Auszubildende als im Vorjahr. Das Ausbildungsplatz­angebot hat sich nach Angaben des Zentralverbands (ZV) des deutschen Friseurhandwerks in dieser Zeit um 23 Prozent verringert, in einer Branche, die ohnehin unter Fachkräftemangel leidet.

Und die Prognosen sind düster. In der Region Oberland, in der Mengels Salon liegt, waren vor der Pandemie im ersten Halbjahr 2019 noch 36 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. 2020 waren es im gleichen Zeitraum mit 17 Verträgen nicht einmal halb so viele; dieses Jahr mit 16 Verträgen noch einmal weniger. "Es gibt viele Kollegen, die sagen: Bevor die Kuh nicht vom Eis ist, nehme ich keine neuen Lehrlinge mehr", berichtet Mengel von der Corona-gedämpften Stimmung.

Situation ist besorgniserregend

Robert Fuhs, dem Vorsitzenden des Berufsbildungsausschusses des ZV Friseure, bereitet diese Entwicklung Kopfzerbrechen: "Die aktuelle Situation ist – offen gestanden – besorgniserregend", sagt er. Man setze alles daran, die Betriebe zur Ausbildung zu bewegen. Der Sommer der Berufsausbildung gehe in die richtige Richtung, aber er genüge nicht. "Die Ausbildung muss quasi begleitend über drei Jahre mit finanziellen Anreizen gefördert werden."

Eine solche Förderung wartet Jörg Mengel nicht ab. Zwei neue Auszubildende hat er für das neue Ausbildungsjahr bereits unter Vertrag, trotz Corona. Und er würde bei einer guten Bewerbung auch noch eine dritte Person nehmen. Er gehe dieses Risiko bewusst ein: "Denn ich brauche ja auch in drei Jahren gut ausgebildete Mitarbeiter." So wie Annalisa Nägele, die bei ihm im Salon bleibt.