Ausbildung in Corona-Zeiten Ausbildungsmarkt: Gewinner und Verlierer der Krise

Die Folgen von Corona auf die Ausbildung unterscheiden sich stark – nach Branchen, nach Herkunft der Auszubildenden und nach Region. Dies zeigen auch die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Kfz-Mechatroniker
Die Corona-Krise hat der Ausbildung einen deutlichen Dämpfer verpasst, auch dem Kfz-Handwerk. - © amh-online

Die Pandemie hat der Ausbildung in Deutschland nicht gut getan. Nie zuvor gab es einen derartigen Rückgang bei der Zahl neuer Ausbildungsverträge wie 2020, nie zuvor ist die Zahl der neuen Azubis in den vergangenen 40 Jahren unter die 500.000-er Marke gerutscht.

Den dramatischsten Rückgang verzeichnen Industrie und Handel mit minus 11,9 Prozent über alle Branchen hinweg. Am schlimmsten getroffen hat es hier die Tourismuskaufleute mit minus 61,1 Prozent. Dagegen steht das Handwerk mit einem Rückgang um 6,5 Prozent noch gut da, zeigen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Mit dem bis zum 31. Oktober reichenden "Sommer der Berufsbildung" kämpft das Handwerk darum, die Entwicklung wieder umzukehren. Zumindest im Vergleich zu 2020 ist das auch geglückt. 4,2 Prozent mehr neu abgeschlossene Ausbildungsverträge zählte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) Ende August, wobei Ostdeutschland bereits das Niveau von vor Corona erreicht hat, in Westdeutschland aber noch eine Lücke klafft.

Dabei gibt es große Unterschiede zwischen den Gewerken. Zimmerer und Zweiradmechaniker gewannen 2020 deutlich hinzu (plus 11,7 und plus 13,1 Prozent). Kfz-Mechatroniker und Friseure verloren zeitgleich 11,9 und 18,6 Prozent. Die Automobilkaufleute zählten sogar 19,5 Prozent weniger Neuabschlüsse im Vergleich zu 2019 (Zahlen des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe ZDK und Statistisches Bundesamt).

Wirtschaftliche und psychische Krise

Die Gründe für die extremen Rückgänge in diesen Gewerken sind vielfältig. Da ist zunächst die wirtschaftliche Lage, die dafür sorgt, dass sich von der Krise besonders betroffene Betriebe mit neuen Ausbildungsverträgen zurückhalten.

Eine Sondererhebung im Mittelstands­panel der Kreditanstalt für Wiederaufbau zeigt: So lange Unternehmer befürchten müssen, dass ihre Betriebe erneut geschlossen werden, wirkt sich das auf die Ausbildungsbereitschaft aus. Das trifft sowohl auf das Friseur- als auch das Kfz-Gewerbe zu. Der ZDK registrierte zwar eine leichte Verbesserung sowohl bei der Nachfrage als auch beim Angebot an Ausbildungsplätzen. Dennoch rechnet man beim Verband mit einer Fortsetzung des Corona-Knicks.

Suche durch Corona erschwert

Wo Betriebe sich für die Ausbildung entscheiden, ist die Suche nach passenden Bewerbern noch schwieriger geworden als vor Corona. Durch den Wegfall von Präsenzveranstaltungen zur Berufsorientierung, von Messen und von Praktika können sich Betriebe und Jugendliche kaum kennenlernen. Selbst das Bauhandwerk, das 2020 trotz Pandemie über sieben Prozent mehr neue Auszbildende zählte, hatte Mühe bei der Kontaktaufnahme. "Es ist einfach etwas anderes, ob ich auf einer Präsenzveranstaltung herumlaufe und an einen Stand gehe, der mich interessiert, oder ob ich mich aktiv in digitale Veranstaltungen einklinken muss", bringt es Ilona Klein vom Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) auf den Punkt. Ein Viertel der von der Soka-Bau befragten Betriebe berichtete von Besetzungsproblemen aus diesem Grund, trotz aller digitaler Ersatzlösungen.

Hinzu kommt eine starke Verunsicherung unter den Jugendlichen. Verschiedenste Studien zeigen, wie sehr sich die Jugend infolge der Krise um ihre berufliche Zukunft sorgt, um die Qualität der Ausbildung und die Chancen, übernommen zu werden. Vor allem in Klein- und Kleinstbetrieben fürchten sich Azubis laut Corona-Ausbildungsstudie der DGB-Jugend vor dem Scheitern. Hier klagten auch fast 38 Prozent darüber, dass während der Krise ihre Ausbilungsvergütung gekürzt worden war.

Das hat Folgen auf das Berufswahlverhalten des Nachwuchses. Obwohl in einer Bewerberbefragung des BIBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) die Jugendlichen angaben, sich auch weiterhin für eine betriebliche Berufsausbildung zu interessieren, hatten zum Befragungszeitpunkt doch 27 Prozent aufgrund der Pandemie ihre Berufswünsche geändert. Seit Beginn des Beratungsjahrs 2020/21 registriert die Bundesagentur für Arbeit deutlich weniger Bewerber.

Geringeres Interesse an Ausbildung

Vor allem junge Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund sind durch die Krise verunsichert und zeigen ein geringeres Interesse an einer betrieblichen Ausbildung. Sie sind es auch, die es beim Distanzunterricht an den Berufsschulen am schwersten hatten. Sprachniveau und technische Ausstattung zu Hause entschieden viel stärker als vor der Pandemie über den Lernerfolg.

Eine Untersuchung im Auftrag der Telekom Stiftung zeigt, dass die Zeit des Homeschoolings die sozialen Ungleichheiten in Deutschland verstärkte. Je höher das Bildungsniveau der Schüler war, je besser die technische Ausstattung und je höher ihr Alter, desto leichter fiel ihnen der Distanzunterricht. Umgekehrt hatten jüngere, sozial Schwächere und Schüler mit Sprachdefiziten die größten Probleme. Leicht fiel der Distanzunterricht aber niemandem. In der Jugendstudie "Plan B", für die von Januar bis März dieses Jahres über 3.200 Jugendliche befragt wurden, klagten über 70 Prozent der Befragten über massiv verschlechterte Bedingungen an der Berufsschule. Sie begründeten dies nur teilweise mit Defiziten des Unterrichts, sondern bezogen sich ausdrücklich auch auf die eigenen Schwierigkeiten, dem Online-Unterricht zu folgen.

Hinzu kommt: Wo schon seit Jahren Berufsschullehrer fehlen, vor allem im gewerblich-technischen Bereich, hat sich die Situation seit Corona noch einmal verschärft. "In unseren Monatsdaten sehen wir derzeit einen sehr steilen Anstieg der offenen Stellen für Berufsschullehrer und ähnliche Berufe", berichtet Alexander Burstedde vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln. Über 1.000 Berufsschullehrer würden derzeit gesucht, wobei der Mangel an berufsbildenden Lehrkräften in Ostdeutschland zuletzt immer höher war als in Westdeutschland.

Praktische Prüfungen trotz Corona erfolgreich

Auch auf Ebene der überbetrieblichen Ausbildung war die Corona-Zeit eine große Herausforderung. Im Januar noch warnte beispielsweise die Handwerkskammer für Schwaben, dass die Politik Bildungsverlierer im Handwerk in Kauf nehme, wenn die handwerklichen Bildungszentren weiter geschlossen blieben. Täglich riefen Auszubildende in der Kammer an, weil sie befürchteten, ihre Prüfungen nicht schaffen zu können. Die überbetriebliche Ausbildung in den Bildungszentren war während des Lockdowns nicht mehr möglich.

Nachdem die handwerklichen Bildungszentren bald darauf wieder öffnen konnten, gibt die Handwerkskammer für Schwaben jetzt Entwarnung: Rückblickend konnten alle Prüfungstermine wie geplant - unter Einhaltung der amtlichen Schutzmaßnahmen - durchgeführt werden. Die Jugendlichen hätten ein großes Interesse daran gehabt, ihre Abschlüsse zu machen. Es habe also keine Einbrüche bei den Teilnehmerzahlen gegeben.

Nur wenige Teilnehmer seien zum eigentlichen Prüfungstermin krank gemeldet gewesen. "Hier konnten wir schnelle Ersatztermine anbieten, so dass auch diese jungen Leute inzwischen ihren Abschluss haben", informiert eine Sprecherin der Kammer. Auch die Leistungen der Abschlüsse bewegen sich demnach im üblichen Rahmen. "Die passenden Räumlichkeiten hygienekonform vorzubereiten sowie die gesamte Abwicklung war wirklich eine Herkulesaufgabe. Wir sind froh, dass wir das so gut hinbekommen haben."

Azubisuche geht bis in den Herbst weiter

Allen Hindernissen zum Trotz wirbt das Handwerk weiter. Bis weit in den Herbst hinein könnten noch Stellen besetzt werden. Nach einer Umfrage des ZDH ist das auch nötig. Bundesweit sind immer noch über 28.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, 44 Prozent der ausbildungswilligen Handwerker suchen derzeit noch Lehrlinge.

Bundesprogramm "Aubildungsplätze sichern"

Das Programm "Ausbildungsplätze sichern" wurde für das Ausbildungsjahr 2021/2022 ausgeweitet. Damit sollen Betriebe unterstützt werden, die weiter ausbilden, obwohl sie stark von der Krise betroffen sind.

Die bisherige Ausbildungsprämie für Betriebe, die ihr Ausbildungsniveau halten, erhöht sich für das nächste Ausbildungsjahr von 2.000 Euro auf 4.000 Euro. Die Ausbildungsprämie plus für Betriebe, die ihr Ausbildungsniveau steigern, erhöht sich von 3.000 Euro auf 6.000 Euro.

Um Auszubildende und ihre Ausbilder trotz Kurzarbeit im Betrieb zu halten, gibt es neben dem Zuschuss zur Ausbildungsvergütung jetzt auch einen Zuschuss zur Ausbildervergütung. Außerdem wurde ein Lockdown-II-Sonderzuschuss (in Höhe von 1.000 Euro) für ausbildende Kleinstunternehmen eingeführt, wenn der Ausbildungsbetrieb im Lockdown seine Geschäftstätigkeit nicht oder nur noch im geringen Umfang (wie z. B. beim Außerhausverkauf von Restaurants) wahrnehmen durfte und die Ausbildung dennoch fortgeführt hat.

Für den Fall, dass ein Ausbildungsplatz wegen Insolvenz des Betriebes verloren geht und ein anderer Betrieb den Auszubildenden übernimmt, gibt es Übernahmeprämien von 6.000 Euro. Gefördert wird jetzt auch die Übernahme von Auszubildenden, deren Ausbildungsvertrag pandemiebedingt beendet wird.

Ausbildungsbetriebe und ausbildende Einrichtungen können diese Unterstützungen bei den örtlichen Arbeitsagenturen beantragen. Alle Informationen rund um die Antragstellung finden Sie auf der Webseite der Bundesagentur für Arbeit.

Fördergelder gibt es auch für pandemiebedingte Auftrags- und Verbundausbildungen für Prüfungsvorbereitungslehrgänge.Die neugefasste Zweite Förderrichtlinie wurde am 30. April 2021 veröffentlicht. Alle Informationen rund um die Antragstellung stehen auf der Webseite der Deutschen Rentenversicherung Knappschaft-Bahn-See.

Angebote zur digitalen Berufsorientierung für Ausbilder und Jugendliche