Interview Handwerkerin: "Grundeinkommen ist ein wahnsinniger Motor"

Ein Jahr lang monatlich 1.000 Euro bedingungsloses Grundeinkommen: Wie hat das den Alltag von Hutmacherin Ulla Anna Machalett verändert? Die Gewinnerin einer Verlosung erzählt, ob das zusätzliche Geld sie glücklicher machte, wofür sie es ausgegeben hat – und wie es ihr dabei half, einen schweren beruflichen Schicksalsschlag abzufedern.

Modistinmeisterin Anna Ulla Machalett
Modistinmeisterin Ulla Anna Machalett hat ein Jahr lang ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten: "Das war für mich ein spannendes Sicherheitsnetz, das ich vorher nicht kannte". - © Nicole Siemers

Die einen sagen, es mache faul und verstärke den Fachkräftemangel. Andere wiederum behaupten, es mache zufriedener und damit sogar produktiver. So oder so: Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) bestimmt seit Jahren die gesellschaftlichen und politischen Debatten in Deutschland. Und das so sehr, dass erst vor kurzem ein umfassendes Pilotprojekt gestartet ist, das die Effekte des Geldes auf die deutsche Bevölkerung testen will. Mehr als zwei Millionen Menschen bewarben sich für die Langzeitstudie. 122 Teilnehmer wurden ausgewählt und bekommen drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro.

Handwerkerin gewinnt Grundeinkommen

Mitinitiator des Projekts ist der Verein Mein Grundeinkommen. Dieser verlost bereits seit 2014 ein einjähriges Grundeinkommen. Statt 1.200 Euro erhalten die Gewinner hier 1.000 Euro, statt drei Jahre wird es ein Jahr lang überwiesen. Ulla Anna Machalett ist Modistinmeisterin und seit 13 Jahren mit ihrem Geschäft Rotkäppchen designs in Hamburg selbstständig. 2020 hat die Hutmacherin die Verlosung von Mein Grundeinkommen gewonnen und über zwölf Monate verteilt 12.000 Euro erhalten. Im Interview erzählt sie, welche Auswirkungen das zusätzliche Geld auf ihre Psyche hatte, wie es ihr in einer beruflichen Notsituation half und warum ein Grundeinkommen ihrer Meinung nach Vorteile fürs Handwerk bringen könnte.

DHZ: Frau Machalett, Sie haben ab 2020 ein Jahr lang monatlich 1.000 Euro BGE erhalten. Wie haben Sie reagiert, als Sie von dem Gewinn erfahren haben?

Ulla Anna Machalett: Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet! Ich war gerade im Urlaub, als ich von dem Gewinn erfahren habe, und wurde mehrmals per E-Mail benachrichtigt. Da ich bisher noch nie etwas gewonnen hatte, konnte ich es am Anfang gar nicht fassen. Die Idee eines BGE fand ich aber immer spannend und habe deshalb schon länger an der Verlosung teilgenommen.

Zusätzliches Sicherheitsnetz

Im September 2020 ist die Auszahlung des Geldes gestartet. Kurz danach kam es zu einem Unglück. Können Sie kurz erklären, was passiert ist?

Anfangs wollte ich das zusätzliche Geld genießen und noch ein paar Tage Urlaub machen. Doch wegen der Corona-Pandemie war mir die Situation zu unsicher und ich bin nicht weggefahren. Im Oktober hat es dann in dem Gebäude gebrannt, in dem ich meinen Laden habe. Mein Geschäft war zwar nicht direkt vom Feuer betroffen, doch es ist komplett im Löschwasser abgesoffen. Seitdem wird das Haus saniert. Acht Monate lang hatte ich einen Ersatzladen, nun arbeite ich in meinem kleinen Home-Studio der Wiedereröffnung entgegen. Nach dem Brand kam mir das zusätzliche Einkommen sehr gelegen. Es hat mir trotz des großen Schocks sehr viel innere Ruhe gegeben.

Nach dem Brand kam mir das zusätzliche Einkommen sehr gelegen. Es hat mir trotz des großen Schocks sehr viel innere Ruhe gegeben.

Ulla Anna Machalett, selbstständige Modistinmeisterin

Können Sie näher beschreiben, wie das BGE Ihnen in dieser Zeit geholfen hat?

Natürlich hatte ich in dieser Situation viele Ängste. Allerdings war ich eher traurig darüber, dass meine Materialien und mein Besitz unwiederbringlich zerstört sind. Weniger Sorgen habe ich mir um die Frage gemacht, wann das Geld der Versicherung da ist. Meist dauert es ein bisschen länger, bis die Zahlungen in die Wege kommen. Durch das BGE hatte ich einen doppelten finanziellen Boden. Das war für mich ein spannendes Sicherheitsnetz, das ich auch zuvor nicht kannte. In der Not können viele ihre Eltern oder Bekannten um Geld bitten. Das war bei mir nie so. Meiner Meinung nach, sollte jeder ein Grundeinkommen für solche außergewöhnlichen Situation erhalten, eben ganz bedingungslos. Das nimmt auf jeden Fall die Existenängste.

Grundeinkommen macht zufriedener und schenkt Zeit

Welche Wirkung hatte das Geld sonst noch auf Sie? Viele behaupten, ein BGE mache glücklicher. Stimmt das?

Glücklicher würde ich nicht direkt sagen, aber es macht sorgenfreier. Ich musste mir weniger Gedanken um meinem Lebensunterhalt machen und hatte endlich Zeit, mich kreativen Prozessen zu widmen. Ich habe einen Teil des Geldes dafür genutzt, mich beruflich weiterzubilden und mich in Techniken einzuüben, die ich immer schon einmal machen wollte. All das hat mich nicht nur beruflich, sondern auch persönlich weitergebracht. Das Geld hat mir die Sicherheit gegeben: Ich kann das jetzt einfach machen, ohne, dass ich mir Sorgen um meine Existenzsicherung machen muss.

Es macht die Menschen faul und Reiche noch reicher. Gegenüber dem BGE gibt es viele Vorurteile. Können Sie die bestätigen?

Ich bin keine Expertin, aber aus meinen Erfahrungen heraus kann ich sagen, dass das Geld ein wahnsinniger Motor sein kann. Es kann viel Potenzial in den Menschen freisetzen und sie dazu motivieren, Sachen zu machen, die uns alle voranbringen. Natürlich wird jemand, der grundsätzlich faul ist, dadurch nicht unmittelbar aktiver. Auf der anderen Seite hat sich diese Person vielleicht eine Karriere erträumt, konnte aber nie in diese berufliche Richtung gehen. Das Geld bietet einem mehr Möglichkeiten. Man kann dadurch zum Beispiel den Mut fassen, sich endlich selbstständig zu machen oder doch noch ein Studium zu beginnen. Es gibt aber auch viele Menschen wie mich, die wirklich gerne in ihrem Beruf arbeiten und sich grundsätzlich mehr Möglichkeiten wünschen, sich darin zu entfalten.

Vorteile auch fürs Handwerk

Im Handwerk herrscht schon jetzt ein Fachkräftemangel. Könnte ein BGE nicht dazu führen, dass noch mehr Jobs liegen bleiben?

Ich glaube sogar, dass das Geld einen gegenteiligen Effekt hat. In meiner beruflichen Situation kann ich es mir zum Beispiel nicht leisten, einen Mitarbeiter einzustellen oder einen Auszubildenden dauerhaft als Gesellen zu übernehmen. Vielen meiner Handwerkskollegen geht es ähnlich. Mit einem BGE hätte man die finanzielle Möglichkeit, jemanden fest einzustellen. Und das wäre nicht nur beruflich eine Bereicherung: Man selbst hat dann ein bisschen mehr Freizeit und genießt sie viel bewusster.

"Mit einem bedingungslosen Grundeinkommen hätten viele Handwerker die finanzielle Möglichkeit, jemanden fest einzustellen."

Ulla Anna Machalett, selbstständige Modistinmeisterin

Sie haben monatlich 1.000 Euro erhalten. Glauben Sie, das ist ein realistischer Betrag für ein BGE? Und können Sie sich vorstellen, dass die Einführung eines Grundeinkommens in Deutschland gelingen kann?

Ich finde die Summe gut. Sie ist zu wenig, um die Füße hochzulegen und gar nichts mehr zu machen. Gleichzeitig ist sie das absolute Minimum, vor allem, wenn man in der Großstadt lebt. Darüber, wie die Einführung eines Grundeinkommens gelingen kann, habe ich mir natürlich viele Gedanken gemacht. Ich habe mir Sendungen dazu angeschaut, verschiedene Varianten durchgelesen und Meinungen von Experten angehört. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass es schon Möglichkeiten gibt, ein BGE umzusetzen. Zum Beispiel gibt es viele Stellschrauben, über die man das Geld zusammenbekommen könnte. Denn viel Geld wird auch unsinnig investiert. Viele Länder haben ja auch schon Modellprojekte gestartet, die beweisen, dass ein BGE funktionieren kann.

Eine letzte Frage: Was war die dümmste Anschaffung, die Sie mit dem Geld getätigt haben?

Da fällt mir bisher nichts ein. Aber natürlich habe ich gemerkt, dass ich an der ein oder anderen Stelle mehr Geld ausgegeben habe. Zum Beispiel habe ich mehr gespendet und bewusster eingekauft. Ich habe mehr auf Qualität geachtet. Das Geld habe ich aber mit einem guten Gewissen ausgegeben: Weil es mir auch Wert ist für gute Arbeit mehr zu bezahlen´und ich es mir in dem Moment leisten konnte. Den Großteil des Geldes habe ich aber auf ein Sparkonto beiseitegelegt.

Pilotprojekte zum bedingungslosem Grundeinkommen

Von Finnland bis Namibia und jetzt auch in Deutschland: Weltweit haben sich schon viele Pilotprojekte mit den Effekten eines BGE getestet. Im Fall von Finnland erhielten 2.000 finnische Arbeitslose zwei Jahre lang monatlich 560 Euro steuerfreies Grundeinkommen ohne Abzüge. Positive Effekte hatte das vor allem auf die Psyche: Die Teilnehmer empfanden mehr Sicherheit, Stressgefühle verringerten sich. Auch die Arbeitslosigkeit nahm leicht ab.

Trotzdem waren die Ergebnisse der Studie in den Augen vieler ernüchternd. Nach Ansicht der Forscher des Vereins Mein Grundeinkommen lag das daran, weil die Studie den falschen Forschungsschwerpunkt setzte und sich lediglich auf die Gruppe der Einkommensschwachen konzentrierte. "Da das Grundeinkommen aber keine Nothilfe, sondern eine universelle Investition in die Entwicklung der gesamten Gesellschaft ist, erforschen wir nun die Wirkung des Grundeinkommens in der Mittelschicht", sagt Michael Bohmeyer, Initiator des Projekts.

Die deutsche Studie wird mit Spenden von knapp über 141.000 Privatpersonen finanziert. Dies soll auch die politische Unabhängigkeit des Projekts sichern.

Weitere Informationen zur Studie und den Teilnahmemöglichkeiten finden Interessierte hier: Pilotprojekt Grundeinkommen

Abgesehen von diesem Forschungsprojekt verlost der Verein Mein Grundeinkommen ein einjähriges Grundeinkommen immer dann, wenn per Crowdfunding 12.000 Euro zusammenkommen: Hier geht's zur Verlosung des Vereins mein Grundeinkommen