Vergütung von Anfahrzeiten Fahrten zur Baustelle: Streit um Zeit

Das Arbeitszeit- und das Jugendarbeitsschutzgesetz regeln scheinbar klar die Arbeitszeit. Von Fahrzeiten der Auszubildenden zur Baustelle spricht das Gesetz nicht, was für Probleme sorgt.

Marcus Grabrucker und Marius Mayrhofer
Die Arbeitszeit beginnt ab dem Hof, wenn Zimmerermeister Marcus Grabrucker (rechts) mit seinem Azubi Marius ­Mayrhofer zur Baustelle fährt. - © Stefanie Baum

Wann beginnt die Arbeit? Bei der Abfahrt vom Hof des Betriebs oder erst nach der Ankunft auf der Baustelle? Im Handwerk, wo weite Anfahrten zu wechselnden Einsatzorten häufig sind, führt diese Frage zu viel Zwist, gerade auch mit Auszubildenden.

"Alle Trendanalysen zeigen, dass die Generation Z ihren Arbeitstag sehr genau kalkulieren möchte", erklärt Andrea Greilinger vom Ludwig-Fröhler-Institut für Handwerkswissenschaften. "Sie sind nicht faul. Aber ihre Freizeit ist ihnen sehr wichtig." Schon der Wechsel aus der Schulzeit in einen Achtstundentag bedeutet für die Jugendlichen einen scharfen Einschnitt. Kommen lange Fahrzeiten hinzu, mit denen sie nicht gerechnet hatten, ist das oft Auslöser für Konflikte oder sogar den Ausbildungsabbruch.

Der Streit um Fahrzeiten hat meist zwei verschiedene Aspekte: Einerseits den menschlichen – der Azubi möchte mehr Freizeit haben –, andererseits den juristischen: Was ist überhaupt erlaubt?

Auslegung im Einzelfall

Als Arbeitszeit im Sinne des Arbeitszeitgesetzes gilt die Zeit "vom Beginn bis zum Ende der Arbeit ohne die Ruhepausen". Den Beginn der Arbeit im Einzelfall zu bestimmen ist Aufgabe der Rechtsprechung.

Auszubildende werden hier genauso behandelt wie Arbeitnehmer, bei Minderjährigen greift zusätzlich das Jugendarbeitsschutzgesetz. Sie dürfen nicht mehr als acht Stunden täglich und nicht mehr als 40 Stunden wöchentlich beschäftigt werden.

Einzelne Arbeitstage dürfen auch bei Minderjährigen bis zu 8,5 Stunden lang werden, wenn die Arbeitszeit an anderen Tagen ausgleichend verkürzt wird. Ob allerdings die Fahrzeiten zur Arbeitszeit dazuzählen, erwähnt das Gesetz nicht.

"Grundsätzlich gilt, dass die Zeiten, die jemand für den Weg von der Wohnung zum Betrieb aufwendet, zu seiner privaten Sphäre zählen", erklärt Marcus Halder, Sachgebietsleiter Ausbildungsberatung und Berufsbildungsrecht bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Gehört das Fahren zur auswärtigen Arbeitsstelle wie bei Monteuren zu den vertraglichen Hauptleistungspflichten, bewerten Richter Fahrten vom Betrieb dorthin zunehmend als Arbeitszeit. Tarifliche Regelungen sind zu beachten.

Start am Betrieb

Recht klar liege der Fall, wenn die Mannschaft am Morgen erst in den Betrieb kommt, dort die Fahrzeuge auflädt oder noch Weisungen entgegennimmt und dann weiterfährt zur Baustelle. In diesem Falle würde die Arbeitszeit im Betrieb beginnen. Juristisch ist es wichtig, Arbeitszeitschutz und Vergütung zu unterscheiden. Hier entscheiden Details über die rechtliche Bewertung. Marcus Halder empfiehlt deswegen, sich von der zuständigen Handwerkskammer beraten zu lassen.

Kompromiss ausgehandelt

Zimmerermeister Marcus Grabrucker hat einen Kompromiss gefunden. Zwar kann er seinem Team Fahrzeiten nicht ersparen, denn der Betrieb aus Kirchberg im Landkreis Erding hat sich auf Sanierungen und Denkmalschutz von historischen Gebäuden wie Kirchen, Schlössern oder Klöstern spezialisiert. Seine drei Mitarbeiter und der Azubi müssen also regelmäßig zur Baustelle vor Ort fahren. Dafür hat sich in dem Familienunternehmen folgende Lösung eingespielt. "Wir zahlen ab Hof bis zum Arbeitsende auf der Baustelle", erklärt der 48-jährige Chef. Die Anfahrt geht also in puncto Vergütung auf die Kappe des Betriebs. Die Rückfahrt gilt dann als private Zeit. Aber auch hier gebe er den Mitarbeitern noch etwas dazu, bezieht Grabrucker klar Position zugunsten seines Teams: "Ich denke mir, wenn ein Auftrag lukrativ genug ist, damit ich dafür eine weite Fahrt in Kauf nehme, dann muss auch so viel Brot für die Suppe da sein, dass ich das für meine Mitarbeiter zahlen kann."