Wie unterstützt der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) seine Betriebe bei der Energiewende und in der Energiekrise? Ein Gespräch mit ZDH-Referatsleiter Michel Durieux über passende Angebote und die größten Schwierigkeiten in der aktuellen Situation.
Handwerksbetriebe verbrauchen selbst Energie, manche mehr, manche weniger. Energiewende und Energiekrise stellen viele vor das Problem steigender Kosten. Gibt es noch andere Herausforderungen, die die Betriebe überfordern?
Michel Durieux: Besondere Sorge bereitet den Betrieben auch das Thema Versorgungssicherheit. Auch wenn wir im Moment noch keinen Engpass haben, wird in Fachkreisen durchaus diskutiert, ob das auch für den gesamten Winter in der Fläche gewährleistet ist. Eine Mangellage hätte dramatische Folgen für das Handwerk und unsere kritische Infrastruktur: Man stelle sich etwa eine Bäckerei oder eine Textilreinigung vor, die keinen elektrischen Strom oder Gas mehr bekommt. Dann können keine Brötchen mehr gebacken und keine Wäsche mehr gereinigt werden. Dann würde auch die Wäsche von Krankenhäusern und Pflegeheimen liegen bleiben. Alle Gewerke, für die Energie ein entscheidender Produktionsfaktor ist, könnten nicht mehr produzieren. Dazu zählen auch Fleischer, Friseure, metallverarbeitende Betriebe oder Tischler.
Und gibt es Probleme, die bereits länger existieren?
Ein großes Problem für Handwerksbetriebe ist die überbordende Bürokratie. Politik hat sich in den vergangenen Legislaturperioden bis zur Energiekrise sehr auf die ökologische Dimension der Energiewende fokussiert. Energie wurde immer als sicher hingenommen. Im Großen und Ganzen war die Energie vor der Energiepreiskrise auch bezahlbar. Daher konzentrierte sich die Politik auf Themen wie den Kohleausstieg, den Ausbau erneuerbarer Energien, die Endlagerdebatte von radioaktiven Abfällen, den Atomausstieg oder die Steigerung der Energieeffizienz. Die Debatten gingen mit zahlreichen Regulierungen, aber auch Förderangeboten einher, die häufig leider mit zu viel Bürokratie verbunden sind. In der Praxis ist es daher keine Seltenheit, dass ein Handwerksbetrieb mit Gesetzen und bürokratischen Verpflichtungen konfrontiert wird, die ihn schlicht überfordern.
Unterstützung für Handwerksbetriebe
Gibt es Förderungen und Initiativen, die helfen, Handwerksbetriebe energieeffizienter und klimaschonender zu betreiben?
Das Bundeswirtschaftsministerium, das Bundesumweltministerium, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag und der Zentralverband des Deutschen Handwerks haben vor zehn Jahren eine gemeinsame Initiative ins Leben gerufen: die "Mittelstandsinitiative Energiewende und Klimaschutz" (www.energieeffizienz-handwerk.de). In der Initiative geht es darum, Handwerksbetriebe auf ihrem Weg zu mehr Klimaschutz zu unterstützen und zur Steigerung ihrer innerbetrieblichen Energieeffizienz zu beraten und dabei zu fördern. Dazu haben wir vielfältige und passgenaue Angebote für die Betriebe entwickelt.
Wie sehen diese Angebote genau aus?
Informationen zum Energieverbrauch sind oft an verschiedenen Stellen im Betrieb zu finden. Deswegen haben wir ganz zu Beginn des Projekts ein "Energiebuch" entwickelt. Dabei handelt es sich um einen Leitzordner, in dem die ganzen Informationen zum Energieverbrauch eines Betriebs abgeheftet werden.
Dieses Energiebuch haben wir dann in einem zweiten Schritt digitalisiert und mittlerweile ist daraus das "E-Tool" entstanden. Betriebsinhaberinnen und Betriebsinhaber können sich auf www.energie-tool.de kostenlos registrieren und das E-Tool dann maßgeschneidert für den eigenen Betrieb konfigurieren. Das heißt: Erst wird der Betrieb angelegt und dann wird im E-Tool der Energieverbrauch eingetragen. Man kann den Fuhrpark analysieren, den Stromverbrauch einzelner Maschinen erfassen und seine erneuerbaren Energie-Anlagen im System anlegen. Danach bekommt die Nutzerin oder der Nutzer direkt entsprechende grafische Auswertungen und zahlreiche Hinweise – etwa ob der Energieverbrauch wirklich zu hoch ist, oder ob der Betrieb Aussicht auf einen Stromsteuerspitzenausgleich hat.
Das E-Tool ist ein umfassendes, aber sehr einfach zu bedienendes Werkzeug zur Energieverbrauchsanalyse. Die Nutzer erhalten zudem automatisch den CO2-Fussabdruck für ihren Betrieb. Darüber hinaus beinhaltet das Tool einen Photovoltaik-Rechner, einen Betriebsentwicklungsplan sowie Hinweise zu Ansprechpartnern in der Handwerksorganisation. Auch findet man Informationen zu Förderangeboten der Bundesregierung, besonders zur BAFA-Förderung und zu den KfW-Programmen. Und das Beste: Da es von der Regierung gefördert wird, ist das E-Tool für die Betriebe komplett kostenlos.
Gibt es sonst noch irgendwelche Förderungen vom Staat?
Wie schon erwähnt, gibt es beispielsweise BAFA- und KfW-Förderprogramme. Die BAFA-Förderangebote sind Zuschüsse, die nicht zurückbezahlt werden müssen. Bei der KfW bekommen Betriebe dagegen zinsverbilligte Darlehen, die sie dann tilgen müssen. Um diese Förderungen zu bekommen, muss ein Betrieb aber bestimmte Anforderungen erfüllen. Bei den Förderprogrammen schlägt also regelmäßig der "Bürokratieteufel" zu – es müssen viele Formulare ausgefüllt und komplizierte Angaben gemacht werden. Die meisten Kleinunternehmen können das Ausfüllen dieser Anträge im Betriebsalltag nicht stemmen, weil es zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Deswegen ist hier die Unterstützung durch die Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner aus der Handwerksorganisation so wichtig. Manche Angebote sind aber selbst mit Unterstützung einfach zu bürokratisch und zu aufwändig, um für einen Handwerksbetrieb attraktiv zu sein. Teilweise sind die Grenzwerte in den Programmen auch so gesetzt, dass der klassische Fünf-Mann-Handwerksbetrieb sprichwörtlich hinten runterfällt. 60 Prozent der Handwerksbetriebe haben höchstens fünf Mitarbeiter.
Chancen der Energiewende
Handwerksbetriebe tragen mit ihren Dienstleistungen auch unmittelbar zur Umsetzung der Klima- und Energiewende bei. Sind Dienstleistungen und Angebote, die die Klima- und Energiewende unterstützen, auch lohnend für die Betriebe?
Ja, diese Dienstleistungen sind natürlich lohnend für die Betriebe. Durch die Energiekrise wird das Thema Energieeffizienz immer wichtiger. Und Klimaschutz ist – auf den Energieverbrauch bezogen – unterm Strich das Ergebnis einer gesteigerten Energieeffizienz. Wenn Sie weniger Energie verbrauchen, stoßen Sie weniger CO2 aus und senken zugleich die Energiekosten. Auf der anderen Seite setzt das Handwerk Energieeffizienzmaßnahmen um. Zu den Energieeffizienz-, Energiewende-, oder Klimaschutz-Dienstleistern im Handwerk zählen vor allem die Betriebe der Bau-, Ausbau- und die anlagentechnischen Gewerke. Das sind diejenigen, die die Prozessketten, Heizungssysteme oder Gebäude energetisch optimieren oder die erneuerbaren Energien ausbauen und hierdurch wesentliche Umsätze erwirtschaften.
Können Handwerksbetriebe denn in der momentan schweren Zeit ihre Dienstleistungen auch ohne Probleme durchführen?
Zurzeit gibt es ein massives Problem bei der Materialbeschaffung. Baumaterial ist kaum zu bekommen. Und wenn man keinen Dämmstoff, keine dreifach verglasten Fenster, Ziegel oder keine Wärmepumpe bekommt, kann man auch kein Haus energetisch sanieren oder modernisieren. Hinzu kommt das Preisproblem. Die gestiegenen Preise für Baumaterialien haben bei vielen Handwerksbetrieben schon zu einem Auftragsrückgang geführt.
Also theoretisch lohnen sich solche Dienstleistungen schon für Betriebe, aber es gibt zurzeit Probleme, diese durchzuführen?
Das stimmt. Das Bau-Handwerk hat in den letzten Jahren wirklich gebrummt. Aber wo Licht ist, ist meistens leider auch Schatten: Der Andrang ist so groß, dass viele Betriebe neue Kunden vertrösten müssen, weil ihre Auftragsbücher schon voll sind. Es gäbe also noch Wachstumspotenzial, wegen begrenzter Ressourcen können die Betriebe das Potenzial aber derzeit kaum nutzen.
Kontinuität in der Energiepolitik
Was kann der Staat tun, um Handwerksbetriebe beim Auf- und Ausbau von Klimaschutz-Dienstleistungen zu unterstützen?
Der Staat muss den Betrieben dringend Planungssicherheit geben. Wenn ich mir die vergangenen Jahre anschaue, dann hat sich die Politik häufig zu sehr in Detaildebatten verloren und die bestehenden Regelungen zu oft überarbeitet. Wenn Förderprogramme innerhalb von zwei Jahren viermal angefasst und verändert werden, geht bei den Betrieben wertvolles Vertrauen in die Kontinuität der Förderlandschaft verloren. Dabei ist Planungssicherheit entscheidend, damit Angebote in der Praxis auch wirklich genutzt werden und ihre Potenziale damit voll ausgeschöpft werden können.
Wie könnte die Politik Planungssicherheit umsetzen?
Gut wäre, wenn zu Beginn einer Legislaturperiode in einem Förderprogramm das umgesetzt werden würde, was im Koalitionsvertrag steht, und dieses Förderprogramm dann in den folgenden vier Jahren auch genauso bestehen bleiben würde. Förderprogramme dagegen ständig zu ändern oder den Antragsprozess zu überarbeiten, macht die Beantragung für Handwerksbetriebe unnötig kompliziert. Das gilt auch für Gesetze, die zu häufig und teilweise in Form einer Salami-Taktik überarbeitet werden. Es braucht Kontinuität der Förderprogramme und der Gesetze, um Planungssicherheit zu gewährleisten!
