Interview zur Konjunktur "Eine Rezession ist unwahrscheinlicher geworden"

Die erwarteten starken Einbrüche würden definitiv nicht mehr kommen, sagt Klaus Wohlrabe, Leiter Umfragen beim Ifo-Institut München. Im DHZ-Interview spricht er über den vorsichtigen Stimmungsaufschwung bei den kleineren Unternehmen, teurer werdende Kredite und eine glaubwürdige Kommunikation der Politik gegenüber der Bauwirtschaft.

Maurer, Bauhandwerk, Hausbau
Unter Druck: Die Baubranche leidet unter Material- und Fachkräftemangel sowie Zinserhöhungen. - © Wolfilser - stock.adobe.com

Herr Wohlrabe, nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft schauen die Unternehmen eher pessimistisch in die Zukunft. Das Ifo-Institut dagegen schreibt, dass sich das Geschäftsklima für Selbstständige deutlich erholt hat. Wie passt das zusammen?

Klaus Wohlrabe: Es gibt schon noch Pessimismus, auch unter den kleineren Unternehmen. Dieser hat nur deutlich abgenommen. Aber vom Optimismus sind wir noch ein ganzes Stück entfernt.

Worauf stützt sich denn die Trendumkehr?

Im letzten Quartal 2022 war die Sorge groß, dass es zu einer allgemeinen Rezession kommt. Gerade die kleinen Unternehmen sorgten sich, dass Aufträge von größeren Unternehmen gekappt werden. Das hatte weniger mit den Gaspreisen zu tun, weil das kein Hauptproduktionsfaktor war. Diese Sorge hat etwas abgenommen, weil jetzt die Rezession, wenn sie denn kommt, sehr milde ausfallen, also deutlich weniger problematisch wird.

Welche Faktoren spielen bei der Einschätzung eine Rolle?

Die Politik hat es geschafft, durch große Anstrengungen und durch hohe Kosten, dass die Energiesicherheit über den Winter gewährleistet ist. Die Speicher sind voll, man hat viele neue Quellen erschlossen. Das hat gerade den energieintensiven Branchen ein Stück Sicherheit zurückgegeben. Natürlich belasten die stark gestiegenen Preise die Produktion, aber die starken Einbrüche, die erwartet worden waren, die werden jetzt definitiv nicht mehr kommen.

"Die Speicher sind voll. Das hat gerade den energieintensiven Branchen ein Stück Sicherheit zurückgegeben."

Gerade in der Bauwirtschaft sinken im Moment dennoch die Auftragszahlen und es kommt zu Stornierungen.

Die Bauwirtschaft steht gerade von vielen Seiten unter Druck. Wir haben in den letzten Monaten beobachtet, dass – historisch betrachtet – sehr viele Baufirmen von deutlich mehr Stornierungen betroffen waren. Das ist eine neue Erfahrung für die Branche. Verantwortlich sind zum einen die stark gestiegenen Einkaufspreise bei Energie und Rohstoffen. Weil teilweise Materialmangel und wie in ganz vielen anderen Branchen Fachkräftemangel herrscht, können viele Aufträge nicht erledigt werden. Wichtig für zukünftige Entwicklungen ist auch der starke Zinsanstieg. Das verteuert natürlich die Immobilienfinanzierung und trifft viele Unternehmen. Auch die stark gestiegenen Energiepreise haben dazu geführt, dass viele Bauprojekte storniert worden sind.

Klaus Wohlrabe
Klaus Wohlrabe ist Leiter der Ifo-Umfragen und Stellvertretender Leiter des Zentrums für Makroökonomik und Befragungen beim Ifo-Institut in München. - © Romy Vinogradova

Was denken Sie, wie die Politik gegensteuern könnte?

Hier wäre insgesamt eine glaubwürdige Kommunikation wichtig sowie entsprechende Programme, dass man bestimmte Ziele auch wirklich umsetzen möchte. Mit Blick auf die Planungssicherheit für die nächsten Monate und Jahre wäre das für die Bauwirtschaft ein wichtiges Signal. Das würde Vertrauen stärken.

Neben der Verteuerung hat die Zinsentwicklung ja noch eine andere Seite, wenn es um die die Kreditversorgung geht. Bekommen die Unternehmen genug Investitionsmittel und wie ist die Kreditlage insgesamt?

Die sogenannte Kredithürde beim Ifo-Institut gibt an, ob die Unternehmen eher leichter oder schwieriger an neue Kredite kommen. Demnach berichten 30 Prozent der kreditsuchenden Unternehmen, dass es schwieriger sei, an Kredite zu kommen. Von einer Kreditklemme oder Engpässen kann man hier noch nicht reden. Aber wir sehen, dass die Banken zurückhaltender werden bei der Kreditvergabe. Diese Erfahrungen mussten die Unternehmen lange nicht machen, weil die Zinsen niedrig waren und die Banken das Geld ohne Probleme verteilen konnten. Jetzt haben die Kreditinstitute bei den Vergabekriterien ein bisschen angezogen. Die Unternehmen müssen aber jetzt keine Sorgen haben, dass sie generell keine Kredite mehr bekommen.

"Gerade für Kleinstunternehmen und Soloselbstständige ist es besonders schwierig, neue Kredite zu bekommen."

Warum wurden die Kriterien verschärft? Viele Branchen stehen jetzt nicht so schlecht da.

Ja, das stimmt. Aber das Anziehen der Kredite hat immer zwei Seiten. Einerseits freuen sich die Anleger, dass die Zinsen jetzt wieder höher sind. Auf der anderen Seite verteuern sich die Kreditbeschaffungskosten, also die Kosten für die Banken. Was den Unternehmen also als restriktiv erscheint, ist die Zinserhöhung. Sie bekommen halt nicht mehr so günstige Konditionen wie früher.

Ein Ergebnis war, dass die Kredithürde im verarbeitenden Gewerbe insgesamt niedriger auszufallen scheint als im Dienstleistungsgewerbe. Welche Gründe gibt es dafür?

Im Dienstleistungsgewerbe sind sehr viele Kleinstunternehmen und Soloselbstständige. Gerade für die ist es besonders schwierig, neue Kredite zu bekommen. Für größere Unternehmen ist das nicht so schwierig. Deswegen wird im Dienstleistungssektor wahrscheinlich der Anteil etwas höher sein.

Ihre Untersuchung besagt, dass die Investitionstätigkeit schwächelt dieses Jahr. Müsste die Kreditwirtschaft nicht gerade jetzt die Wirtschaft mit Kreditmitteln unterstützen?

Das wäre eher eine wirtschaftspolitische Aufgabe. Die Banken müssen nicht dafür sorgen, dass die Wirtschaft anspringt, indem sie Kredite verteilen. Stattdessen sollen sie ihre eigene Kredit-Risiko-Kalkulationen im Blick haben. Eher müsste die KfW, also die staatliche Kreditgesellschaft, Investitionen über Kredite anschieben. Die Investitionszurückhaltung entsteht ja nicht nur durch die Finanzierungsbedingungen, sondern generell durch die unsichere Wirtschaftslage. Die Energieversorgung ist derzeit gesichert, aber wie es generell weitergeht, auch mit Blick auf den nächsten Winter, ist noch ungewiss.

"Kleinere Unternehmen werden für robustere Lieferketten wahrscheinlich höhere Preise zahlen müssen."

Eine Lehre aus dem Krieg ist, dass Lieferketten diversifiziert werden sollten, also dass man nicht auf bestimmte Länder oder nur bestimmte Lieferanten angewiesen ist. Inwieweit ist das denn für kleine Betriebe überhaupt möglich? Und wie weit sind da die Betriebe?

Wie weit die Betriebe sind, wissen wir nicht. Das werden wir wahrscheinlich in diesem Jahr abfragen. Es ist natürlich richtig, dass größere Unternehmen flexibler sind. Aber auch da hat bei vielen Unternehmen ein Lernprozess eingesetzt. Bis zu den Lieferkettenproblemen, die durch Corona entstanden sind, gab es diese Erfahrung nicht. Die Verfahren der Globalisierung haben so gut ineinandergegriffen, dass man sich das gar nicht vorstellen konnte. Erst jetzt fängt man damit an, die Lieferketten robuster aufzustellen. Aber das sind Prozesse, die länger dauern. Wahrscheinlich wird es teurer werden, wenn man sich Zulieferer in Europa sucht. Ob das für kleine Unternehmen schwieriger wird, wird sich erst noch zeigen. Da aber die kleineren insgesamt von den größeren Unternehmen abhängig sind, werden sie wahrscheinlich höhere Preise zahlen müssen. Aber das sind Prozesse, die alle gerade im Fluss sind. Ich hoffe, dass trotzdem ein Umdenken einsetzt, denn mit solchen Situationen muss man auch in Zukunft rechnen.

Entfalten denn inzwischen die Energiepreisbremsen ihre Wirkung?

Die Entwicklung der Gaspreise macht ja Hoffnung, es wird aber noch eine Weile dauern, bis das bei den Unternehmen ankommt. Zu der Frage, wie die Gaspreisbremse in der Praxis funktioniert, habe ich noch kein Feedback bekommen. Spannend ist zu beobachten, auch mit Blick auf die Bürokratie, ob und wie schnell das bei den Unternehmen ankommt. Das ist ganz entscheidend, gerade auch für die energieintensiven Betriebe. Es wird spannend sein, die im ersten Quartal zu beobachten.

Kann man abschließend sagen, dass die Rezession unwahrscheinlicher geworden ist?

Ja, die Rezession ist unwahrscheinlicher geworden. Es geht eher in Richtung Stagnation.