Betonschreiner, Diplomingenieur, Familienmensch Ein Schreiner, der nicht mit Holz arbeitet

Nico Schäfer führt eine Schreinerei, die anders ist als andere. Er und sein Team sind die einzigen Betonschreiner Deutschlands. Welche Möbel aus Beton besonders gefragt sind – und warum Schäfer "ein Problem" mit zufriedenen Kunden hat.

Die Tischbeine werden von einem Betonschreiner an der Tischplatte befestigt. - © Tim Buttler

Grau, grau, grau, wohin man nur sieht. Eintönig schaut es in der Lagerhalle der Efecto GmbH im oberfränkischen Untersiemau aber nicht aus. Beim Betreten des riesigen Raumes fallen die 16 Paletten, beladen mit verschiedenen Betonplatten, ins Auge. Dann ertönt ein lautes Geräusch aus dem Lastenaufzug am Ende des Raumes. Nico Schäfer, gelernter Schreiner, zieht einen Hubwagen mit einer weitere Betonplatte heraus. "Wir haben gerade viel zu tun", sagt er und transportiert seine größten Platten, 3,10 Meter lang und 1,20 Meter breit.

Wer den typischen Holzgeruch einer Schreinerei bei der Efecto GmbH erwartet, wird sich wundern. Denn Nico Schäfer ist kein gewöhnlicher Schreiner – er ist Betonschreiner. Die Betonplatten brauchen der 47-Jährige und sein Team für ihre tägliche Arbeit. Aktuell steht ein Projekt für eine Schule im Saarland an, fünf Tische und zehn Bänke sind bestellt. Sitzflächen und Tischplatten liegen bereits zugeschnitten in der Werkstatt. Diese befindet sich direkt neben dem Lager und ist durch eine eiserne Schiebetür abgetrennt. "Die Möbel sollen in der Schule neben dem Fluchtweg platziert werden, da darf nichts Brennbares stehen. Dafür sind unsere Betonprodukte ideal." Neben Möbeln stellen die Betonschreiner auch Küchenarbeitsplatten und Thekenfronten her.

"Unser Tagesgeschäft sind aber Feuertische und Ofenverkleidungen", erläutert Schäfer. Der Betrieb arbeitet viel mit Ofenbauern zusammen, die für ihre Kunden individuelle Kamine anfertigen. Der Ablauf ähnelt sich dabei stets: Der Ofenbauer entwirft für den Hausbesitzer einen Kamin und benötigt dafür einzelne Elemente von Schäfer. Die Betonschreiner erhalten eine Zeichnung mit allen Maßen und fertigen die Betonteile nach diesen Angaben millimetergenau an. Neben dem Lastenaufzug stehen auch einige Holzkisten mit Versandpapieren, "da drin sind fertige Feuertische, die mit der Spedition zum Kunden gehen". Die Holzkisten baut der Betrieb selbst, zumindest diese Holzarbeiten fallen in der Schreinerei häufiger an. "Ich arbeite immer noch gerne mit Holz. Wir lieben Holz, es ist einfach ein sehr schönes Material, aber der Beton macht uns einzigartig."

Einzigartig in Deutschland

Viel Beton für eine Schreinerei: Die Sitzflächen der Bänke für eine saarländische Schule sind fertig zugeschnitten. - © Tim Buttler

Ihr Herstellungsverfahren unterscheidet die Efecto GmbH von anderen Unternehmen. "Wir spritzen oder gießen unseren Beton nicht selbst, sondern kaufen die Betonplatten von einem Betonwerk in der Nähe von Rosenheim. Weil die Betonplatten nur eine Dicke von 13 Millimeter haben, sind die Werkstücke auch deutlich leichter als gespritztes oder gegossenes Material. Dieses ist in der Regel 20 bis 50 Millimeter dick", erklärt Schäfer. Durch das geringe Gewicht kann der Betrieb auf Kräne und andere aufwendige Maßnahmen zum Abladen beim Kunden verzichten, die meisten Werkstücke könnten sie selbst tragen.

Die Auftragsbücher sind bis Ende September voll, derzeit arbeiten die Betonschreiner unter Volllast. Ein weiterer Vorteil der gekauften Platten ist die Lieferzeit. Seinen Bestseller, den Feuertisch, liefert Schäfer innerhalb von drei bis vier Wochen aus: "Ich sage immer frech, während andere noch die Schalung bauen, spritzen oder warten, bis der Beton aushärtet, können wir schon liefern." Sein Beton hat trotzdem eine hohe Stabilität, weil er zweigeschichtet ist und innen Glasfasern enthält. Pro Jahr verarbeitet Schäfer zwischen 800 und 1.000 Quadratmeter der Betonplatten.

Vorteile des Betons

Seine Betonprodukte sind nicht brennbar. Das macht sie auch für den öffentlichen Bereich sehr beliebt. Die Efecto GmbH beliefern regelmäßig Universitäten, Altenheime oder Kirchen. Durch die stärkere Positionierung in diesem Bereich kann Schäfer die inflationsbedingte Kaufzurückhaltung der Privatkunden gut kompensieren. Ein weiterer Vorteil seiner Produkte ist die Langlebigkeit, vor allem im Außenbereich. In seinem Garten steht seit 15 Jahren eine Betonbank. "Die sieht zwar nicht mehr aus wie neu, ist aber immer noch gut in Schuss und voll nutzbar", sagt er.

Vom Messestandbauer zum Betonschreiner

Auf die Idee, mit Beton zu arbeiten, kam Nico Schäfer durch Zufall. Nach einer Schreinerlehre im Bayerischen Wald zog es ihn zum Innenarchitekturstudium nach Coburg. "Währenddessen habe ich mich bereits 2004 selbstständig gemacht. Mit Beton hatte ich anfangs noch nichts zu tun, ich habe für Kunden Messestände gebaut." Zwei Jahre später kam sein Vater, Schreinermeister im Innenausbau, zu ihm, zeigte ihm ein gewölbtes Stück Beton und sagte: "Schau mal, was man heute alles aus Beton machen kann."

Nico Schäfer war begeistert und wurde zu seiner Diplomarbeit "Möbel aus Beton" inspiriert. Dabei lernte er auch seinen heutigen Hauptlieferanten für die Betonplatten kennen. Nach dem erfolgreichen Studium wagte der Diplomingenieur den Schritt in die Vollselbstständigkeit. "Anfangs verdiente ich mein Geld noch mit dem Bau von Messeständen aus Holz, der Betonbau war nur ein kleiner Teil meiner Arbeit. Heute ist es genau umgekehrt, 90 Prozent unserer Tätigkeit ist die Verarbeitung von Beton." Messestände baut Schäfer nur noch für Stammkunden, mit denen er von Anfang an zusammenarbeitet. Während der Corona-Pandemie fiel der komplette Messebau aus seinem Portfolio, und er merkte, dass es auch ohne geht. Der Schreiner schätzt auch lokale Aufträge. Seit 2007 übernimmt sein Betrieb den Auf- und Abbau des Coburger Weihnachtsmarktes.

Spagat zwischen Werkstatt und Büro

Derzeit beschäftigt Schäfer in seiner Werkstatt zwei Betonschreiner, beide gelernte Schreiner. Er selbst packt auch gerne mit an, wenn es die Zeit erlaubt. "Ich arbeite zwar voll mit, habe aber auch viele administrative Aufgaben und bin oft im Büro", erklärt er. Dass er für seine Arbeit brennt, merkt man schnell, richtige Pausen kennt er nicht. Ständig klingelt sein Handy, dann holt die Spedition die Feuertische ab, zwischendurch erledigt er kleinere Arbeiten in der Werkstatt und greift seinen Mitarbeitern unter die Arme. Schäfer bildet allerdings nicht aus: "Da wir kein oder kaum Holz verarbeiten, macht es keinen Sinn, eine Ausbildung zum Schreiner anzubieten." Eine anerkannte Ausbildung zum Betonschreiner gibt es nicht. Dafür ist der Begriff aber geschützt, Schäfer hat ihn sich beim Patent- und Markenamt gesichert. "Wir sind die einzigen Betonschreiner in Deutschland."

Schreinermaschine mit Steinmetzwerkzeug: Der Beton wird mit einem diamantbesetzten Sägeblatt geschnitten. - © Tim Buttler

Im Betrieb wird Teamarbeit großgeschrieben. Im ersten Schritt bei jedem neuen Werkstück wird die schwere Betonplatte von der Palette auf den Arbeitstisch getragen. Dank der Rollen lässt sich der Tisch dicht an die Palette schieben. Beim Abheben von der Palette ist jedoch Vorsicht geboten, damit keine Platte verkratzt oder eine Ecke abgebrochen wird. Für den Auftrag der saarländischen Schule wird die größte Betonplatte benötigt, die knapp 100 Kilogramm wiegt. Die drei Betonschreiner helfen sich gegenseitig. Einer trägt von links, einer von rechts und Schäfer geht in die Mitte. Sorgfältig legen die Handwerker die Platte auf den Arbeitstisch von Kollege Detlef, der den Tisch in die Werkstatt fährt, um den Beton zu schneiden. "Leichtere Betonplatten tragen wir zu zweit, die schweren immer zu dritt, allein trägt hier keiner", sagt der Chef. Dann wird es laut: Detlef sägt den Beton zurecht. Bis daraus ein fertiger Tisch wird, muss das Material noch verklebt, geschliffen und beschichtet werden.

Dabei kommen Werkzeuge aus einer typischen Schreinerei zum Einsatz. Die Handwerker arbeiten mit Schreinermaschinen, in die Steinmetzwerkzeuge eingebaut sind. Detlef schneidet mit einem diamantbesetzten Sägeblatt. Wie alle Schreiner arbeitet er trocken, das heißt, ohne Wasserzufuhr zum Kühlen oder Schmieren. Sonst würde der Beton fleckig werden und sich womöglich verformen. "Den Beton richtig zu bearbeiten, war wie fast alles hier ein Lernprozess. Wir haben uns herangetastet, ausprobiert und sind an uns selbst gewachsen", erzählt Schäfer.

Zurzeit sucht er einen weiteren Schreiner, der auf die Betonarbeit umsteigen möchte. "Das erworbene Wissen gebe ich gerne weiter, die Einarbeitungszeit beträgt allerdings ein Vierteljahr. Erst dann werden neue Mitarbeiter unseren hohen Qualitätsansprüchen gerecht." Oberstes Ziel der Betonschreiner ist es, die Wünsche und Vorstellungen der Kunden genau zu erfüllen: "Ich will den Kunden nicht zufrieden stellen, wer will heutzutage schon zufriedene Kunden, ich will den Kunden begeistern."

Familie und Arbeit das wichtigste im Leben

Nico Schäfer ist gelernter Schreiner und der Gründer der Efecto GmbH - © Tim Buttler

Nico Schäfers große Leidenschaft ist sein Beruf, aber er ist auch ein Familienmensch, der gerne Zeit mit seiner Frau und seinen beiden Kindern verbringt. "Nach dem Gefühl meiner Frau habe ich zu wenig Zeit, nach meinem bemühe ich mich immer um einen guten Ausgleich", sagt er schmunzelnd. Die Begeisterung für das Handwerk möchte der Vater auch an seinen Sohn und seine Tochter weitergeben. In seinem Betrieb steht in einem separaten Lagerraum neben weiteren verpackten Betonplatten auch ein kleines Holzhaus. Dieses hat er gemeinsam mit seinen Kindern an mehreren Wochenenden gebaut. Die drei Erschaffer haben darin ausreichend Platz und können über eine Leiter sogar im ausgebauten Dach übernachten. "Es ist einfach schön, gemeinsam mit den Händen etwas entstehen zu lassen, ich bin kein Fan davon, dass viele Kinder nur noch vor dem Bildschirm sitzen."

Seine Liebe zum Handwerk drückt er auch beim Thema Lohn aus: "Die Lohnschere zwischen guten Handwerkern und einfachen Sachbearbeitern in Großkonzernen mit Tausenden von Mitarbeitern ist ungerecht. Ich bin ein fairer Zahler, ich finde, ein guter Lohn ist die Wertschätzung für eine tolle Arbeit." Seinen Mitarbeitern, Freunden und seiner Familie macht der Betonschreiner auch mit den Produktnamen seiner Tische eine Freude. Diese benennt er mit Namen aus seinem Umfeld, im Onlineshop verkauft er unter anderem die Tische Anne, Oliver und Adrian.