Bundestagswahl Harter Wahlkampf im Netz und das Problem mit dem Personenkult

Lange haben die Parteien den digitalen Wahlkampf vernachlässigt, in Zeiten der Corona-Pandemie könnte er entscheidend sein. Mit mehr Geld und mehr Profis wollen sie in den sozialen Medien gewinnen. Kritisch wird dabei durchaus die Konzentration auf Personen statt auf Parteien gesehen.

Auch in den digitalen Medien hat der Wahlkampfendspurt begonnen. - © picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Nur noch gut eine Woche ist es bis zur Bundestagswahl und ein Kopf-an-Kopf- Rennen ums Kanzleramt zeichnet sich ab. Doch der Wahlkampfendspurt bis zum 26. September könnte in diesem Jahr kleiner ausfallen. Denn viele Wähler geben ihre Stimme bereits deutlich früher per Brief ab. Der Bundeswahlleiter rechnet, dass pandemiebedingt mindestens 40 Prozent der Berechtigten auf den Gang in die Wahlkabine verzichten werden.

Anhänger in sozialen Netzwerken mobilisieren

Die Pandemie sorgt zudem dafür, dass sich der Wahlkampf stärker in den digitalen Raum verlagert. Denn große Wahlkampfveranstaltungen und Haustürgespräche bleiben in diesem Jahr weitgehend aus.

Umso wichtiger ist es für die Parteien, ihre Anhänger in den sozialen Medien zu mobilisieren. 60.000 Helfer für den digitalen Wahlkampf zählt etwa die Linke in der sogenannten Einhorn-Fabrik. Sie sollen Hashtags der Spitzenkandidaten verbreiten, Diskussionen rund um die Themen der Partei in Gang setzen und vermeintliche Fake News der politischen Wettbewerber aufdecken.

Interaktionen, Likes und Kommentare produzieren

Für Politikberater und Blogger Martin Fuchs ist es ein typisches Beispiel, wie digitaler Wahlkampf heute funktioniert. "Die Communitys um die Parteien herum sind viel wichtiger geworden. Denn wenn mich jemand aus meinem Freundeskreis auf ein Thema aufmerksam macht, ist die Wirkung viel stärker, als wenn es die Partei selbst tut."

Auch Martin Emmer ist überzeugt, dass es heute nicht mehr reicht, seine politischen Botschaften zu verbreiten – besonders im digitalen Raum. "Um gesehen und gehört zu werden, ist es ganz entscheidend, viele Inhalte zu verbreiten, die Interaktionen anstoßen, Likes produzieren und Kommentarspalten füllen", sagt der Professor für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität Berlin.

Nach Sicht der beiden Experten beherrschen die großen Parteien diese Instrumente heute deutlich besser als noch vor ein paar Jahren. "Der digitale Wahlkampf ist viel professioneller geworden. Es wird mehr Geld investiert, mehr Personal eingesetzt und mehr Experten werden in die Teams geholt, wie zum Beispiel eigene Datenanalysten", sagt Martin Fuchs. Um Wähler im digitalen Raum zu erreichen, müssen die Parteien ihre Kampagnen zudem deutlicher ausdifferenzieren als früher. Denn neben Facebook oder YouTube gebe es viel mehr relevante Kanäle, in denen ganz verschiedene Zielgruppen erreicht würden. "Ob TikTok, ­Instagram oder Podcasts – für jedes Format muss eine Partei die passende Ansprache finden und die geeigneten Themen für den Wahlkampf positionieren", erklärt Fuchs.

Fehler-Management und Personalisierung wird wichtiger

Wichtig ist laut dem Politikberater auch eine ausgeprägte Fehlerkultur der Parteien im Netz. "Die Kandidaten sollten klarmachen, dass sie auch nur Menschen sind, und Fehler rechtzeitig eingestehen und um Entschuldigung bitten. Denn Fehltritte verbreiten sich im Internet viel schneller als dies in früheren Wahlkämpfen der Fall war." Andererseits würden kleine Patzer in den ständig rotierenden Netzwerken aber auch schneller wieder vergessen, ergänzt Emmer.

Die Experten beobachten zudem einen Trend aus den USA, der diesen Wahlkampf prägt. Eine Konzentration auf Personen statt auf Parteien. "Die Visualität der sozialen Medien ist sehr viel besser geeignet, um eine Person darzustellen als eine abstrakte Partei", sagt Martin Emmer. Aus seiner Sicht ist dieser Trend durchaus ein Problem für das Wahlsystem. "Mancher Wähler wird sich am Tag der Wahl in einem Dilemma befinden, wenn er eine Person im Kopf hat, aber einer Partei seine Stimme geben muss."