Existenzängste und staatliches Versagen Die Pandemie ist Krise und Albtraum der Selbstständigen

Kleinstunternehmer sind die Verlierer der Corona-Krise. Staatliche Hilfen waren fehlerhaft konstruiert, schwere Verwerfungen nahm die Politik kühl in Kauf. Was Wirtschaftsforscher bilanzieren, deckt sich mit dem, was eine Kosmetikerin aus Niederbayern nach zwei Jahren Pandemie berichtet.

Kosmetikstudios hatten in den vergangenen beiden Jahren besonders unter der Pandemie zu leiden. - © Haut-Zentral/Ina Reckers

Die Kosmetikerin Ulrike Waldenfels aus Oberschneiding in Niederbayern hat in den vergangenen beiden Jahren eine Achterbahnfahrt der Gefühle erlebt. Der erste Lockdown im März 2020 traf sie wie ein Schlag: "Begonnen hat es mit einem Schock. Ich wurde regelrecht herauskatapultiert", erinnert sich die stellvertretende Obermeisterin der Kosmetiker-Innung Donau-Wald. "Nie zuvor hat mich ein Ereignis so herausgeworfen wie der Lockdown."

Von heute auf morgen durften viele Handwerker, die die so genannten "körpernahen Dienstleistungen" anboten, ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen oder wurden stark eingeschränkt. "Ich hatte tiefste Existenzängste." Als der erste Lockdown im Mai endete, empfand Waldenfels eine Art Euphorie. "Die Kunden strömten zu uns und gierten geradezu nach Berührungen."

Anderslautenden Beteuerungen zum Trotz sollte es bei diesem ersten Lockdown nicht bleiben. Im Dezember 2020 gab die Bundesregierung neue Maßnahmen gegen das Coronavirus bekannt. Bis Mai 2021 steckte Deutschland im zweiten Lockdown fest. "Im zweiten Lockdown war einfach kein Ende absehbar", sagt Waldenfels. Die Kosmetikerin erinnert sich an eine "psychologisch ganz furchtbare Zeit": "Wir waren die ersten, die zumachen mussten, und waren die letzten, die wieder aufsperren durften." Darauf hätten viele ihrer Kolleginnen und Kollegen "hilflos und verzweifelt" reagiert: "Die Aggressivität nahm spürbar zu."

Impfung brachte Erleichterung und neue Konflikte

Doch damit war die Verunsicherung für Kosmetikstudios und Friseursalons nicht beendet. Die Corona-Impfung brachte zwar einen gewissen Schutz und zog Lockerungen nach sich, schuf aber zugleich neue Konflikte, weil Ungeimpfte phasenweise nicht mehr behandelt werden durften. Waldenfels sagt: "Bei 2G sind wieder Kunden abgesprungen. Bei 2Gplus wäre niemand mehr gekommen. Das hing über uns wie ein Damoklesschwert." Mit 3G entspannte sich die Lage schließlich.

Selbstständige zählen zu den größten Leidtragenden der Corona-Pandemie. Nach zwei Jahren gravierender Einschnitte zeigt sich deutlich, wie ungleich die Lasten verteilt waren. Während Beamte und viele Angestellte keinerlei Einbußen hinnehmen mussten und allenfalls den Wechsel ins Homeoffice als größeren Einschnitt erlebten, durften etliche Handwerker wochenlang nicht mehr arbeiten oder wurden, als Messebauer oder Schausteller, buchstäblich ihrer Existenz beraubt. "Selbstständige sind neben Minijobbern die Erwerbsgruppe, die am stärksten gelitten hat", bestätigt Alexander Kritikos, Mitglied im Vorstand des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Das DIW hat 2021 eine vielbeachtete Studie angefertigt, nach der die Krise Selbstständige vermehrt zur Geschäftsaufgabe zwang. Das DIW spricht von einem "negativen Einkommensschock". Eine Erkenntnis: Innerhalb der Gruppe der Selbstständigen und Minijobbern erging es Frauen besonders schlecht - weil sie verstärkt in Branchen tätig sind, die besonders von Geschäftsschließungen und anderen Einschränkungen betroffen waren.

Eigenkapital aufgebraucht

Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD), hat eine Erklärung dafür, dass es Kleinstunternehmer besonders traf. "Das liegt zum einen daran, dass Soloselbstständige und Kleinstunternehmen im Vergleich zu größeren Unternehmen viel häufiger Dienstleistungen anbieten, die einen sozialen Kontakt erfordern." Die andere Ursache sieht er darin, "dass die staatlichen Hilfen insbesondere im Jahr 2020 völlig an den Bedürfnissen der 'Kleinen' vorbei gegangen sind". Das habe dazu geführt, dass sie ihr vergleichsweise geringeres Eigenkapital teilweise aufbrauchen mussten.

Dass die Lage nach wie vor angespannt ist, bestätigt das Münchner Ifo-Institut. Das Geschäftsklima für Kleinstunternehmen und Soloselbständige hat sich im Januar zwar etwas erholt, verharrt aber weit unterhalb der Gesamtwirtschaft, zeigt der "Jimdo-Ifo-Geschäftsklimaindex"."Es zeigt sich ein kleiner Silberstreif am Horizont", sagt Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo-Umfragen. "Gleichwohl bleibt die Lage für viele Kleinstunternehmen weiter ernst."

Kredite helfen vielen nicht mehr

Auch für viele Kosmetikstudios ist die schwierige Zeit noch nicht ausgestanden. Ulrike Waldenfels sagt: "Im Moment läuft es bei mir wieder sehr gut. Aber ich weiß auch von vielen Kolleginnen, die gerade sehr zu kämpfen haben." Zahlen der Sparkassen, neben Genossenschaftsbanken die wichtigsten Finanzpartner von Handwerk und Mittelstand, untermauern das. Der baden-württembergische Sparkassenpräsident Peter Schneider zeigt sich besorgt um Kleinselbstständige, die wegen der Pandemie schließen mussten. "Viele dieser Kundinnen und Kunden kämpfen um ihre Existenz. Da helfen dann auch neue Kredite nicht mehr weiter, sondern nur noch rasch ausgezahlte staatliche Unterstützung."

Zum gleichen Ergebnis kommt der auf Steuerberater spezialisierte IT-Dienstleister Datev. "Die Auswirkungen der Pandemie auf die kleinen und mittelständischen Betriebe in Deutschland sind gravierend", bilanziert Datev im "Corona-Barometer". Ohne staatliche Hilfen wäre es Datev zufolge allerdings noch viel schlimmer gekommen. "Die Soforthilfe am Anfang war sehr sinnvoll und hatte vor allem einen positiven psychologischen Effekt", sagt auch Kosmetikerin Waldenfels. Dann sei es allerdings immer komplizierter geworden mit der Unterstützung. Waldenfels berichtet aus eigener Erfahrung, sie habe schließlich gar keine Unterstützung mehr beantragt "aus Angst, einen Fehler zu machen, die Hilfen zurückzuzahlen oder sogar wegen Betrugs belangt zu werden".

Rückzahlung von Hilfen bereitet Sorgen

Das kritisiert Andreas Lutz vom Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland. Er befürwortet die Verlängerung von Überbrückungs- und Neustarthilfen bis zur Jahresmitte, fordert zugleich allerdings einen "kulanteren Umgang mit Selbstständigen", die letztes Jahr Soforthilfe erhalten hätten und diese nun zurückzahlen müssten, "weil sie sie anders als zunächst kommuniziert, nicht für die private Lebenshaltung verwenden dürfen".

DIW-Forscher Kritikos teilt die Meinung, dass die staatlichen Hilfen teilweise falsch konstruiert waren. Für die Zukunft empfiehlt er eine Auszahlung der Unterstützungsleistung über Finanzämter sowie eine Verstetigung der Hilfsprogramme. "Es wäre wichtig, dass nicht laufend neue Programme aufgelegt werden. Man sollte ein fixes Programm für solche Situationen haben, das sich automatisch an der Pandemiedauer ausrichtet." Vor allem müsse in Zukunft - so wie in anderen europäischen Ländern -der "Unternehmerlohn" berücksichtigt werden. "Die Erwerbsform der Selbstständigkeit findet in Deutschland nicht ausreichend Akzeptanz. Für den Wirtschaftsminister bietet sich jetzt die Gelegenheit, das zu ändern."

Das wünscht sich auch Kosmetikerin Waldenfels. "Ich musste bisher nichts zurückzahlen, aber ich habe auch sehr spitz kalkuliert." Sollte der Staat aufgrund der Pandemie noch einmal zu Einschnitten gezwungen sein, erwartet sie von der Politik schnelles, transparentes, nachvollziehbares und vor allem gerechtes Handeln. Damit bestimmte Gewerke und Geschäfte nicht über Gebühr belastet werden, während andere glimpflich davon kommen oder ganz verschont bleiben - ohne dass dafür einleuchtende Gründe erkennbar wären. "Wir haben uns bei den Förderungen zu Tode verwaltet. Ohne Steuerberater hätte ich das nie geschafft."

Psychologische Folgen zu wenig beachtet

Die akute Phase der Pandemie scheint vorerst beendet. Grund zur Entwarnung gibt es nicht. DIW-Forscher Kritikos bilanziert: "Ich glaube nicht an einen großen Anstieg von Insolvenzen, aber an einen Anstieg von Geschäftsaufgaben." Denn die Insolvenz-Statistik gibt nur unzureichend Auskunft über das Schicksal Selbständiger. Soloselbstständige und Kleinstselbstständige gehen meist nicht in Insolvenz, sondern löschen ihr Unternehmen. Sie verschwinden sozusagen leise vom Markt. Kritikos spricht von einer "schrägen und schiefen Diskussion", wenn stolz darauf verwiesen wird, dass Deutschland die Pandemie ohne Pleitewelle überstanden habe.

Außerdem dringt der Wissenschaftler darauf, die Folgen der Pandemie nicht allein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu bewerten. "Was mich fast noch mehr besorgt als die wirtschaftliche Situation sind die psychologischen Folgen der Pandemie." Kritikos spricht von einer "massiven Erhöhung von Angst- und Depressions-Symptomen" vor allem bei weiblichen Selbstständigen.