Die Böttcher erleben ein Desaster, die Dachdecker können noch arbeiten, den Textilreinigern fehlen Schutzmasken. Wie sich die Corona-Krise in verschiedenen Gewerken auswirkt.
Jessica Schömburg und Steffen Range

Die Corona-Krise hat das Handwerk mit voller Wucht getroffen. Aber nicht alle Gewerke sind in gleichem Ausmaß betroffen. Ein Überblick quer durchs Handwerk.
Brauer: Engpässe beim Leergut
Die Corona-Krise werde massive Auswirkungen auf die Beschäftigungslage in den deutschen Brauereien haben, teilte der Deutsche Brauerbund mit. 87 Prozent der Betriebe rechnen mit der Einführung von Kurzarbeit, 18 Prozent mit Entlassungen. Dies ergab eine Mitgliederbefragung des Deutschen Brauer-Bundes. Gleichzeitig rechnet fast jede dritte befragte Brauerei perspektivisch mit Personalmangel durch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bedingt durch Krankheit oder fehlende Kinderbetreuung zu Hause bleiben müssen. Die Brauereien seien zudem davon betroffen, wenn es zu Engpässen bei Lieferanten und angrenzenden Berufsgruppen komme, etwa durch den Mangel an Saisonarbeitern beim Hopfenanbau oder im Bereich der Logistik aufgrund von Grenzschließungen oder Erkrankungen von Lkw-Fahrern.
Um in der derzeitigen schwierigen Lage die Liquidität von Brauereien zu verbessern und Arbeitsplätze zu schützen, haben sich das Bundesfinanzministerium und die Finanzministerien der Länder darauf geeinigt, dass die Biersteuer ebenfalls gestundet werden kann, teilte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.
Stundungsanträge könnten bis zum 31. Dezember 2020 für bis zu diesem Zeitpunkt bereits fällige oder fällig werdende Steuern bei den Hauptzollämtern gestellt werden. "Die Hauptzollämter sollen den Brauereien zur Vermeidung unbilliger Härten entgegen kommen. Auf die Erhebung von Stundungszinsen kann in der Regel verzichtet werden", sagte der Sprecher. Der Deutsche Brauer-Bund nannte die Stundungsmöglichkeit ein wichtiges Signal für die Branche.
Noch sei in fast allen deutschen Brauereien die Produktions- und Lieferfähigkeit gesichert. Auch die Logistik und Warenverteilung laufe weitgehend reibungslos, ergab die Umfrage des Brauerbundes. Kritischer ist das Bild bei der Verfügbarkeit von Rohstoffen und Verpackungen, wo bereits mehr als acht Prozent der befragten Brauereien Ausfälle zu beklagen haben. So gibt es erste Engpässe bei Verpackungsmaterial, Verschlüssen und Glas.?
Fast jede zweite Brauerei (49 Prozent) erwartet, dass es in den kommenden Wochen zu Engpässen beim Leergut kommen wird. Mit Blick auf stockende Leergutströme äußerten befragte Brauereien, Konsumenten würden "Ware horten“, aber auch der GFGH führe Leergut nicht zügig genug zurück, innerhalb Deutschlands wie auch aus dem EU-Ausland (z.B. Italien, Polen, Rumänien).?
Augenoptiker: Viele Betriebe noch geöffnet
Auch der Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) hat seine Mitgliedsbetriebe zur aktuellen Lage befragt. Demnach stehen gut 95 Prozent der mittelständischen Betriebe auch in der Corona-Krise weiterhin für ihre Kunden zur Verfügung. Gut 30 Prozent der Betriebe haben auf eine Notversorgung nach Terminvergabe umgestellt. Knapp 42 Prozent bieten einen verkürzten normalen Betrieb an, während gut zwölf Prozent weiterhin normal geöffnet haben. Zwei Drittel der Befragten sprechen sich außerdem gegen behördlich angeordnete Schließungen aus, um die Versorgung der mehr als 40 Millionen Deutschen, die auf eine Brille, Kontaktlinsen oder vergrößernde Sehhilfen angewiesen sind, so gut und so lange wie möglich sicherzustellen.
Wie der Verband hinweist, hätten die Augenoptiker – wie auch andere Gesundheitsberufe – das Problem, dringend nötige Schutzausrüstung zu bekommen. Der Verband habe sich mit einem Schreiben an das Bundesgesundheitsministerium gewandt, um bei der Lieferung von Schutzausrüstung auch die Augenoptiker zu berücksichtigen und entsprechend zu versorgen.
Textilreiniger: Schutzausrüstung fehlt
"Private Wäschereien und textile Dienstleistungsunternehmen stemmen die Versorgung von rund 95 Prozent aller Krankenhäuser und 60 Prozent aller Pflegeeinrichtungen in Deutschland mit hygienischen Textilien. Sie versorgen täglich 500.000 Krankenhausbetten, 1,3 Millionen Pflegende und 1 Millionen Alten- und Pflegeheimbewohner in Deutschland mit sauberer Wäsche und Bekleidung", sagt Andreas Schumacher, Geschäftsführer des Deutschen Textilreiniger-Verbands (DTV). Vor diesem Hintergrund könne er es nicht verstehen, dass die Wäschereien und textilen Dienstleister noch nicht als systemrelevant eingestuft sind. Desinfektionsmittel, Atemschutzmasken und Schutzbekleidung sind aktuell überall knapp. Für diejenigen, die mit potenziell kontaminierten Textilien – etwa aus Krankenhäusern – umgehen müssen, fordert der DTV einen schnellen Zugriff auf angemessene Schutzausrüstung. Außerdem hätte die Branche mit einer Frauenquote von zwei Dritteln mit Personalausfällen durch Kita- und Schulschließungen zu kämpfen. Der Verband bemühe sich deshalb seit Wochen um die Aufnahme in die Liste der kritischen Infrastruktur.
Zweiradmechaniker: Fahrradverkauf untersagt
Das Frühjahr ist traditionell die Zeit zum Fahrradkauf. Vielerorts jedoch sind aktuell die Fahrradläden wegen der Corona-Krise geschlossen. Zwar dürfen Fahrradwerkstätten deutschlandweit öffnen. Der stationäre Fahrradverkauf ist aktuell aber nur in drei Bundesländern (Berlin, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern) erlaubt. Doch Fahrradhändler und -hersteller bieten verschiedene Lösungen an, damit Kunden auch jetzt noch an ein neues Fahrrad kommen und die Betriebe nicht komplett schließen müssen. Der Pressedienst Fahrrad hat ein paar Ideen aus der Branche zusammengetragen.
Ein Beispiel ist Thorsten Larschow. In seinem Fahrradladen Rad und Tour in Cuxhaven würden jetzt eigentlich die ersten Nordsee-Urlauber nach Leihrädern fragen. Doch in Corona-Zeiten müssen andere Lösungen her. Fahrradteile können beispielsweise im Shop bestellt werden, die Auslieferung erfolgt per Lastenrad. Aber auch Fahrradverkäufe sind möglich, wie Larschow beschreibt: „Wir beraten per Telefon oder Chat. Das Rad wird bei uns aufgebaut und dann direkt an den Kunden geliefert, der die Möglichkeit hat, eine Probefahrt rund um sein Haus zu machen.“ Beratung und Übergabe erfolgen dabei kontaktlos. "Wir gehen jetzt neue Maßnahmen an und unsere Kunden zeigen sich dabei äußerst kooperativ“, beurteilt der Fachhändler die aktuelle Lage.
Markus Boscher vom Radladen Velorado in Nürnberg freut sich momentan auch über eine hohe Solidarität aus der Nachbarschaft: "Die Leute bringen ihre alten Räder vorbei, um die Werkstatt und somit unser ganzes Geschäft zu unterstützen.“ Da der E-Bike-Händler keinen eigenen Webshop hat, braucht er jetzt andere Lösungen, um seine Räder zu verkaufen. Die intensive Beratung erfolge ausschließlich per Telefon. Im Gespräch wird der Kreis an passenden E-Bikes eingeengt und dem Kunden eine kleine Anzahl an Rädern für eine Probefahrt angeliefert. „Das ist für den Kunden noch komfortabler als ein Besuch im Shop. Nur für den Kaffee muss er selbst sorgen“, witzelt Boscher, ergänzt aber gleich: „Für uns ist das ein deutlicher Mehraufwand. Aber das ist die einzige Chance, momentan überhaupt Räder zu verkaufen.“
Reiner Probst vom Fahrradladen Velophil hat seinen Laden in Berlin und darf deshalb aktuell Räder verkaufen. Seine Erfahrung deckt sich mit dem Dohrmanns Tipp: Die Kunden kommen bereits besser informiert in den Laden, weil sie mehr Zeit für die Recherche zu Hause hätten und sich auch telefonisch vorab intensiv beraten ließen. Er verkauft deshalb auch weiterhin Fahrräder aus seinem kompletten Angebot bis hin zu den hochpreisigen Modellen. Die stationäre Beratung und der Verkauf finden allerdings unter strengen Auflagen statt. "Wir bedienen maximal zwei Kunden gleichzeitig im Laden. Außerdem sind die Öffnungszeiten eingeschränkt, um unsere Mitarbeiter und die Kunden zu schützen“, berichtet Probst über die Sicherheitsmaßnahmen. Ihn ärgert es, dass es keine deutschlandweite Regelung für den Verkauf von Fahrrädern gibt. Gerade diese Unsicherheit würde viele Kunden abhalten, in den Laden zu kommen – selbst wenn dieser geöffnet ist.
Rollladen- und Sonnenschutzfachbetriebe: Verunsicherte Kunden
In einigen Regionen Deutschlands wurde bereits die 20-Grad-Marke geknackt, der Frühling ist da. Üblicherweise haben die Rollladen- und Sonnenschutz-Fachbetriebe jetzt Hochkonjunktur. Doch in Zeiten der Corona-Krise sind die Handwerker mit einer zunehmenden Verunsicherung ihrer Kunden konfrontiert. “Wir bekommen vermehrt Rückmeldungen, dass Kunden aus Sorge sich anzustecken Termine verschieben oder absagen“, sagt Ingo Plück, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Rollladen + Sonnenschutz e. V. (BVRS). Viele Betriebe sind dazu übergegangen, ihre Kunden anzurufen und den Termin vorab zu besprechen. Ihre Mitarbeiter sind für potenzielle Ansteckungsgefahren sensibilisiert. Den empfohlenen Mindestabstand einzuhalten, ist bei ihren Einsätzen in der Regel kein Problem. Auf Kundenwunsch verwenden die Fachhandwerker Einweghandschuhe und einen Mundschutz. Einige Betriebe dürften auch profitieren: Da die meisten Deutschen den Urlaub in diesem Jahr voraussichtlich zuhause verbringen, können die Betriebe einen Beitrag dazu leisten, den Balkon oder die Terrasse urlaubstauglich zu gestalten.
Böttcher und Schäffler: Umsatz gegen Null
Das Schäffler- und Böttcher-Handwerk leidet stark unter der Corona-Krise. D adurch dass die Bestellungen aus dem Gaststättengewerbe vollständig weggebrochen sind und auch der Umsatz mit Handelsgütern wie Fass-Zubehör, Bottiche, Pflanzenkübel gegen Null geht, sind die einzig verbliebene Auftragsstütze nur noch potente Auftraggeber wie etwa große Brauereien. “Aber auch hier hängt es davon ab, ob das Oktoberfest dieses Jahr stattfinden kann. Auf jeden Fall musste das entsprechende Material bereits durch den Schäfflerbetrieb vorfinanziert werden”, sagt Jürgen Weber, Geschäftsführer der Landesinnung Bayern des Schäffler-, Böttcher- und Weinküferhandwerks. Kurzarbeit sei je nach individueller Situation - anteilig bis vollständig - bei den Betrieben unvermeidbar, und auch Überbrückungskredite müssen aufgenommen werden. Der Obermeister der Landesinnung, Wilhelm Schmid, fordert eine möglichst rasche Rückkehr zur Normalität und eine stufenweise Beendigung des Lockdown – “nicht nur im Interesse seines Verbands, sondern zum Wohle der gesamten Wirtschaft”. Geschäftsführer Weber zeigt sich besorgt: “Was uns allen blüht, wenn dies noch viele Wochen weitergehen sollte, ist in seiner Dimension äußerst düster.”
Dachdecker: Arbeit vorhanden
Trotz der Ausbreitung des Corona-Virus können viele Dachdeckerbetriebe ihrer Arbeit weiterhin nachgehen und zum Beispiel gerade jetzt wichtige Sanierungsmaßnahmen an Schulen oder Kindergärten vornehmen. Auf Baustellen kommt es nun besonders auf den Schutz der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, aber auch der Auftraggeber an. Daher hat der Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH) gemeinsam mit den Landesverbänden und Innungen eine umfangreiche Aufklärungskampagne für seine Mitgliedsbetriebe gestartet. “Auf allen Kanälen, die uns zur Verfügung stehen, informieren wir über Hygienevorschriften und geben Hinweise, wie man sich angesichts der Corona-Pandemie auf Baustellen zu verhalten hat”, sagt ZVDH-Präsident Dirk Bollwerk. Das fange an bei den Regelungen zum Abstand , gehe über Vorschriften zum Händewaschen, regelmäßigen Desinfizieren von Aufenthalts- und Waschräumen bis hin zur Aufforderung, möglichst nur zu zweit im Firmenfahrzeug zur Baustelle zu fahren. Auch zeitlich versetzte Pausenzeiten gehörten zu den Ratschlägen. “Uns ist klar, dass das Einhalten der Gesundheitsvorschriften überlebensnotwendig ist“, so Bollwerk weiter, „und zwar in menschlicher als auch in wirtschaftlicher Hinsicht.“
Boden- und Parkettleger: Durchwachsene Lage
Die Situation der Betriebe des Parkettleger-Handwerks und des Bodenleger-Gewerbes in der Coronakrise ist durchwachsen. Betriebe melden, dass sie Aufträge haben und die Arbeitsbedingungen wegen der Homeoffice-Nutzung günstig sind. In Kindergärten, Schulen sowie Büro- und Gewerbebauten wird diese Situation genutzt, um Modernisierungen umzusetzen und vorzuziehen. "Allerdings ist auch zu hoffen, dass die Zahlungsfähigkeit der Auftraggeber weiterhin gewährleistet ist", gibt der Bundesverband Parkett und Fußbodentechnik BVPF zu bedenken. Gleichzeitig sorgen sich die Betriebe aber auch wegen ausbleibender privater Aufträge, da sich derzeit viele private Auftraggeber zurückhalten. Ausbleibende Beratungen und Besuche in den Musterräumen der Betrieb ließen befürchten, dass ein Auftragseinbruch mit einem Zeitverzug von etwa vier bis fünf Monaten folge.
mit dpa