Bäckermeister Reiner Dietl hat zusammen mit sechs anderen engagierten Privatpersonen einen Hilfskonvoi auf die Beine gestellt. An der polnisch-ukrainischen Grenze in Przemyśl hat er das menschliche Leid mit eigenen Augen gesehen.

"Wenn du das hier siehst, hältst du es kaum aus", so die bewegenden Worte von Reiner Dietl, Bäckermeister aus Elisabethzell in Landkreis Straubing-Bogen. Was ihn an diesem Freitagabend, den 4. März 2022 so bewegt, sind die Menschen um ihn herum. Reiner Dietl befindet sich in Przemyśl, einer kleinen polnischen Stadt im Karpatenvorland, direkt an der ukrainischen Grenze. Er hat Tränen in den Augen. Um ihn herum sind hunderte von Menschen: Frauen, Kinder, Alte. Sie mussten die Ukraine, ihre Heimat, verlassen, um sich vor einem Krieg zu retten, der ihr Leben innerhalb von wenigen Tagen in Schutt und Asche legte.
Mit Herz und Hand
"In einer halben Stunde kommt hier ein Transport mit 500 Kindern ohne Eltern an", berichtet Reiner Dietl. Dann muss er sich fassen, um weiterreden zu können. Das Leid, die Angst, die Ungewissheit, der Schmerz – sie sind in Przemyśl greifbar. Sie spiegeln sich in den Augen der Frauen, die versuchen für ihre Kinder stark zu sein, die ihre bis dato ganz normale Welt nicht mehr verstehen. Polnische Helfer kümmern sich mit einem berührendem Engagement um sie. Auch Menschen aus Deutschland sind anwesend. Sie organisieren zum Beispiel den Transfer an andere Orte. Außerdem ist ein Metzgereilieferwagen aus Norddeutschland gekommen, um Gulaschsuppe, Tee und Kaffee auszuschenken.
Für Reiner Dietl ist Mitmenschlichkeit eine Selbstverständlichkeit. Das bewies er bereits durch mehrere Hilfsaktionen. Die Lage in der Ukraine entsetzt ihn. "Man muss da einfach etwas machen!" so seine spontane Entscheidung. Beherzt nahm er das Heft in die Hand für eine unkomplizierte und schnelle Hilfe.
Innerhalb kürzester Zeit fanden sich mit Unterstützung der Organisation Space-Eye e.V. Mitstreiter, die ein Hilfsprojekt auf die Beine stellten. Acht Männer und Frauen organisierten in hoher Geschwindigkeit einen Hilfskonvoi aus drei Lieferwägen, randvoll beladen mit 1.000 Broten, Schlafsäcken, Isomatten, Decken, Bekleidung, Hygieneartikel, Lebensmitteln und großen Kartons voller Schokolade. Gespendet wurden die Materialien von bayerischen Bäckern der Umgebung und der Firma Ireks.
Ein engagiertes Team
Mit dabei sind Milena Ostner und Liudmyla Fedorenko, genannt Lucy. Das junge Paar ist persönlich betroffen. Lucy hat ukrainische Wurzeln. Als Kind kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. In der Ukraine hat sie noch Familie. Die beiden Frauen kümmern sich unermüdlich darum, den Flüchtlingen ein erstes Zuhause in Deutschland zu vermitteln. Außerdem kommen der Hilfsaktion vor Ort Lucys Sprachkenntnisse zugute. Sie vermittelt und übersetzt. Zudem fahren sie und Milena Frauen und Kinder zu Bahnhöfen und nehmen Flüchtlinge bei sich zu Hause auf. Aktuell ist ihr kleiner Hausstand auf fünf Personen angewachsen.
Milenas Chef stellte ohne zu zögern seinen Firmenwagen zur Verfügung und gab ihr frei, damit sie helfen kann. Auf dem großen Platz der Auffangstelle in Przemyśl fällt der Wagen auf, denn ein Bild der "Erlebnisholzkugel" am Steinberger See in der Oberpfalz ist darauf zu sehen. Die Attraktion in Form einer Holzkugel in einer idyllischen Seelage wirkt surreal inmitten des Geschehens.
Aus privatem Engagement sind auch Franzi und Tom vor Ort. Sie wollen und mit ihrem Transporter helfen, die Lieferkapazität zu erhöhen. Peter Wilde ist ebenfalls aus ganz persönlichen Gründen dabei. Er kommt aus Kuchen im Landkreis Göppingen und hat eine kleine Tochter. "Als ich die Bilder gesehen habe, wie Kinder von Müttern in Züge gereicht werden, um deren Leben zu retten, habe ich das nicht mehr ausgehalten." Er organisierte Spenden wie zum Beispiel eine 100 kg Schokolade von Ritter Sport aus Waldenbuch. Bei Space-Eye e.V. bot er seine Hilfe an, weil er einen LKW-Führerschein hat. So kam er zu Reiner Dietl. Auch Bernd Follmer hielt die Tatenlosigkeit nicht mehr aus. Der Schwandorfer stieß zu der Gruppe. Ihm ist die Fassungslosigkeit angesichts der Situation in Przemyśl anzusehen.
Marianne Wagner, Pressereferentin des Landes-Innungsverbandes für das bayerische Bäckerhandwerk, begleitet die Aktion. "Mir fehlen die Worte", bekennt sie offen. "Was man hier sieht macht traurig, betroffen und auch sehr wütend. Das hier sind Menschen wie du und ich. Sie hatten ein ganz normales Leben und jetzt ziehen sie mit einem Rollkoffer und Kinder an der Hand ohne ihre Männer in eine ungewisse Zukunft. Unfassbar!"
Die Hilfe geht weiter
Die Gruppe um Reiner Dietl bringt viele Eindrücke mit nach Hause. Die Hilfslieferungen wurden mit Freude angenommen und haben die richtigen Stellen erreicht. Die Menschen reagierten freundlich und dankbar. In Przemyśl hat sich die Lage seit der Rückkehr der Gruppe nach Deutschland verschärft, weil die Flut der Flüchtlinge noch größer geworden ist. Reiner Dietl und alle, die den Hilfstransport begleitet haben, sind bereits aktiv, um weitere Hilfe zu organisieren. "Zahlreiche Betriebe haben mich inzwischen kontaktiert. Sie würden bei einer weiteren Aktion mitmachen. Wir werden das jetzt in Ruhe planen. Dank unserer Erfahrung wissen wir jetzt sehr viel genauer, was wie Sinn macht", so Reiner Dietl. "So können wir dann noch konkreter Hilfe leisten." aul