Symptome und Hilfestellungen Azubis mit Prüfungsangst: So können Ausbilder helfen

Zeigt ein Azubi gute Leistungen im Betrieb, schreibt aber schlechte Noten, kann ein Grund dafür Prüfungsangst sein. Ausbilder sollten mit den Jugendlichen darüber sprechen und ihnen gezielt Tipps geben. Trainerin Lena Pilz erklärt, wie Betriebe langfristig dafür sorgen können, dass die Azubis ihre Prüfungsangst in den Griff bekommen.

Jessica Schömburg

Prüfungsangst zeigt sich zum Beispiel durch Denkblockaden. Dagegen hilft zum Beispiel vorher die Prüfungssituation genau durchzuspielen und zu überlegen, was man sich am meisten wünschen würde. Wer eine Situation schon mal durchgemacht hat, für den ist sie weniger stressig. - © klyaksun - stock.adobe.com

Mal wieder stehen Klassenarbeiten in der Berufsschule an, oder gar die Abschlussprüfung zum Ende der Ausbildung. Für viele Azubis eine stressige Phase – vor allem wenn man Prüfungsangst hat. Ausbildern kommt hier eine besondere Rolle zu. Sie können beratend zu Seite stehen und auch schon während der Ausbildung darauf hinwirken, dass die Panik vor der Prüfung nicht zu groß wird.

Zunächst einmal: Etwas Nervosität vor einer Prüfung ist ganz normal und fast jeder hatte schon mal Bammel wenn eine wichtige Klausur ansteht. In manchen Fällen führt Prüfungsangst, aber dazu, dass man die Aufgaben nicht besteht, obwohl man vorher gelernt hat und die Lösung eigentlich weiß. Das frustriert nicht nur den Azubi sondern auch den Ausbildungsbetrieb. Es gibt gute Hilfsmittel und Strategien, diese Panik besser unter Kontrolle zu bringen.

Wie erkennt ein Ausbilder, ob ein Azubi Prüfungsangst hat?

"Krankmeldungen, unentschuldigtes Fehlen bei Prüfungen und Noten, die das Leistungsbild eines Azubis nicht wiederspiegeln sind gute Signale für Prüfungsangst", sagt Trainerin Lena Pilz. Sie berät Handwerksbetriebe und auch Azubis im Bereich Ausbildung. Ein erster Hinweis könne auch schon das Vorstellungsgespräch liefern, wenn der Azubi zum Beispiel sehr nervös ist. Zudem sind laut Expertin oft Azubis betroffen, die überzeichnete Erwartungen an sich selbst haben und zum Perfektionismus neigen.

Prüfungsangst – welche typischen Symptome gibt es?

Angst im Allgemeinen ist zu einem gewissen Grad leistungssteigernd. Bei Stress schütten wir das Hormon Adrenalin aus, das Pupillen weitet, den Puls beschleunigt, die Verdauung drosselt und den Körper mit Sauerstoff verstärkt versorgt, erklärt Pilz. Dies steigere kurzfristig die Denkleistung. "Das bedeutet, dass Leistungsreserven mobilisiert werden und dem Körper so viel Energie zur Verfügung steht, dass er Bestleistung bringen kann. Wenn der Stress allerdings zu groß wird und lange anhält, reagiert der Körper auf eine Art und Weise, die nicht förderlich, sondern leistungshemmend ist", sagt Pilz.

Folgende Symptome sind Anzeichen für Prüfungsangst:

Feuchte Hände, Schweiß, Mundtrockenheit, Übelkeit, Bluthochdruck, der sich zum Beispiel über einen roten Kopf zeigen kann, Durchfall, Schwindel, Konzentrationsunfähigkeit, Denkblockaden, Zusammenhänge können nicht mehr Verstanden werden. In extremen Fällen vergisst der Azubi das Gelernte bis zum Blackout und zur Ohnmacht.

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Prüfungsangst – was kann man tun?

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, um kurzfristig Prüfungsangst entgegen zu wirken und Stress zu senken. Ausbilder, die Symptome für Prüfungsangst bei einem Azubi entdecken, können folgende Hilfestellungen anbieten:

1. Gedankliche Vorwegnahme der Prüfungssituation

Ein Azubi kann sich vor der Prüfung ausmalen, wie die Situation genau aussehen wird. Dabei ist es wichtig, diese Situation in der Gegenwart und über alle Sinne zu erleben. Der Lehrling sollte sich genau vorstellen, wie die Prüfung laufen soll und wie er sich während der Prüfung fühlt.

Der Hintergrund der Übung ist recht einfach, aber effektiv, wie Pilz erklärt: "Dinge die wir schon erlebt haben – und wenn es nur gedanklich ist – helfen uns dabei unserem Unterbewusstsein eine mögliche alternative Handlungsstrategie zu liefern, die dann in einer Stresssituation als alternative Handlungsoption zur Verfügung steht." Wichtig ist, laut Pilz, bei dieser Form der Vorwegnahme, dass der alternative Handlungswunsch positiv und konstruktiv formuliert wird. Der Lehrling sollte sich aktiv vorstellen, was er möchte und nicht, was er nicht möchte.

2. Worst Case Szenario

Der Ausbilder kann zusammen mit dem Auszubildenden ein "Worst Case Szenario" entwickeln, in dem durchdacht und besprochen wird, was schlimmsten Falls bei einer schlechten Note passieren kann. Das nimmt häufig selbst gemachten Druck.

3. Aufschreiben

Der dritte Tipp der Expertin: die Prüfungsangst "wegschreiben". Pilz nimmt dabei Bezug auf ein Experiment der Wissenschaftler Gerardo Ramirez und Sian Beilock von der Universität von Chicago. Diese zeigten 2011 in einer Studie, dass es hilft, sich vor der Prüfung Sorgen und Ängste buchstäblich von der Seele zu schreiben. Studenten, die Ihren Stress vor einem fiktiven Mathematiktest wegschrieben lieferten in der Prüfung unter Druck fünf Prozent bessere Lösungen ab. Während die anderen Probanden unter Druck zwölf Prozent schlechtere Ergebnisse ablieferten.

Den Effekt erklären die Wissenschaftler folgendermaßen: Wenn die Prüfungsangst steigt, beansprucht der entstehende Stress viele Kapazitäten unseres Kurzzeitgedächtnisses. Das ist der Teil des Gehirns, den wir brauchen, um Prüfungsaufgaben zu lösen. Da das Schreiben über die eigene Gefühlslage die Angst reduziert, erleichtert dies auch den Zugang zum benötigten Wissen. "Auch die Hirnforschung sagt, dass Aufschreiben wie eine externe Festplatte ist. Der Stress wird extern zwischengespeichert und der Kopf ist wieder frei für Prüfungswissen", sagt Pilz.

4. Entspannungstechniken

Um in einer aufregenden Situation entspannt zu bleiben helfen auch Methoden, die generell genutzt werden, um Stress abzubauen. Hierzu zählen Bewegung und Entspannungstechniken, wie zum Beispiel die Muskelrelaxion nach Jacobsen, Yoga und Meditation. Sie regulieren Stress lang- und kurzfristig. Ein weiterer Tipp von Pilz sind Atemübungen.

Beispiel für eine Atemübung zum Stressabbau

Setzen Sie sich aufrecht auf einen Stuhl und entspannen Sie dabei bewusst die Rücken und Schulterpartien. Richten Sie Ihren Blick auf einen Punkt, der schräg unten, vor Ihnen liegt und fixieren Sie diesen während der gesamten Übung. Atmen Sie dann tief durch die Nase ein, halten Sie den Atem kurz fest und atmen Sie durch den Mund wieder aus. Zählen Sie beim Ein- und Ausatmen jeweils bis fünf.

Wenn Sie damit gut zurechtkommst, können Sie die Übung am nächsten Tag auch auf sechs bis zehn Sekunden steigern. Achten Sie aber dabei immer auf sich und ob die Atmung noch flüssig ist und sich gut anfühlt. In akuten Stresssituationen führen Sie die Atemübung so lange durch, bis Sie sich entspannter fühlen.

Ansonsten können Sie diese Übung auch wunderbar in Zeiten von Daueranspannung drei Mal am Tag durchführen. So bekommt Ihr Körper die Entspannung, die er dringend benötigt.

Wer sehr starke Prüfungsangst hat, sollte sich aber noch weiteren Rat holen. Vor allem, wer so starke Angst hat, dass komplette Blackouts auftreten, die mit Ohnmacht oder Stottern einhergehen, sollte einen Experten kontaktieren. Pilz empfiehlt einen Psychologen, Psychotherapeuten oder Coaches aufzusuchen: "Es gibt einige, die sich auf das Thema Prüfungsangst spezialisiert haben und ganz individuell helfen können." 

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Wie sollte die Ausbildung organisiert sein, um dem Lehrling die Prüfungsangst zu nehmen?

Die richtige Organisation der Ausbildung und das Verhalten des Ausbilders können dem Azubi viel Druck nehmen. Sie sind wichtige Faktoren, damit die Prüfungsangst nicht zu groß wird und der Auszubildende sie in den Griff bekommt.

Kinder und Jugendliche entwickeln Prüfungsnagst meist im Laufe mehrere Jahre. Sie entsteht nicht plötzlich während der Ausbildung, sondern ist oft schon in der Schulzeit präsent. Häufig wird sie unterbewusst erlernt durch Kindheitserfahrungen, die Erziehung durch ängstliche oder anspruchsvolle Eltern, gesellschaftlichen Leistungsdruck und soziale Faktoren. Auch eine schlechte Erfahrung mit einer ähnlichen Prüfungssituation kann die Ängste wachsen lassen. "Doch was wir einmal lernen können wir auch wieder verlernen. Auch wenn das häufig mit viel Arbeit verbunden ist", macht die Trainerin Mut. 

1. Bei der Prüfungsvorbereitung helfen

Eine gute Vorbereitung kann dabei helfen Druck und Angst zu mindern. "Wenn der Ausbildungsbetrieb den Auszubildenen vor den Prüfungen Zeit zum Lernen einräumt oder sogar beim Lernen unterstützt, Lerngruppen anregt oder organisiert, kann dies zu mehr Sicherheit führen", sagt Pilz.

Hilfreich seies auch, dem Azubi beim Selbst- und Zeitmanagement zu helfen, zum Beispiel durch ein Seminar zu Beginn der Ausbildung, empfiehlt Pilz. Das helfe sowohl bei der effizienteren und effektiveren Prüfungsvorbereitung als auch beim Erledigen von Aufgaben im Unternehmen.  

2. Selbstbewusstsein stärken

Ausbilder können die Jugendlichen zudem stärken, wenn in regelmäßigen Feedbackgesprächen Fähigkeiten und besondere Leistungen gespiegelt werden. So kann der Azubi Selbstbewusstsein aufbauen.

"Auch der bewusste Fokus auf Erreichtes und Geleistetes ist wichtig", sagt Pilz "Der Auszubildende erhält das Gefühl von Selbstwirksamkeit und spürt, dass er auch große Herausforderungen meistern kann." 

3. Schulnoten und Leistung im Betrieb voneinander trennen

Ein weiterer Tipp von Pilz ist die Leistung des Azubis im Betrieb und die Noten aus der Berufsschule voneinander zu trennen. "Dadurch wird der Haloeffekt verhindert. In der Sozialpsychologie ist er auch als kognitive Verzerrung bekannt. Er besagt, dass wenn einzelne Merkmale oder Leistungen einer Person sehr dominant sind, dass diese auch schnell eine Auswirkung auf andere Leistungen und Bereiche haben und diese überstrahlen", sagt Pilz. Dies sei ein häufiger Fehler in der Personalbeurteilung. Dadurch werde dem Auszubildenden ein Stempel aufgedrückt, von dem er sich, auch durch noch so gute Leistungen, nur schlecht befreien kann.

"Generell sollte ein Unternehmen die Noten natürlich im Blick haben und Interesse zeigen", merkt sie an. Aber auch hier solle man keinen zu großen Leistungsdruck erzeugen in dem den Noten eine zu große Bedeutung beigemessen wird.

Fazit

Es ist normal etwas Angst vor eine Prüfung zu haben. Wer starke Prüfungsnagst hat – einhergehend mit schwitzigen Händen, Schwindel oder Denkblockaden – kann mit ein paar kleinen, aber effektiven Methoden den Stress reduzieren. Ausbilder können ihren Azubis Entspannungstechniken anbieten und die Prüfung geistig vorwegnehmen. Außerdem ist es wichtig, langfristig eine gute Ausbildungskultur zu entwickeln, um den Lehrlingen keinen weiteren Druck zu machen. Der Azubi sollte erfahren, dass er eigene Stärken hat und es nicht nur auf die Noten ankommt.