242 Tage dauert es im Handwerk durchschnittlich, bis eine Stelle neu besetzt ist. 700.000 Beschäftigte sind älter als 55 – Nachfolger fehlen. Gleichzeitig warnt das Baugewerbe vor 8.000 wegfallenden Arbeitskräften durch drohende Einschnitte bei der Westbalkanregelung, während bewährte Ausbildungsförderprogramme auslaufen sollen. Der Stand der Dinge.

Dem Handwerk fehlt Personal. Fast jeder zweite Engpassberuf, den die Bundesagentur für Arbeit (BA) auf Fachkräfteebene registriert, betrifft die Branche. Zwischen 2019 und 2025 ging die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Handwerk um fünf Prozent zurück. Laut Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung wird dieser Trend für alle Wirtschaftsbereiche wegen des demografischen Wandels anhalten. 2026 wird die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland um 70.000 Personen sinken, 2027 um 40.000.
Laut BA sind allein in Handwerksberufen 700.000 Personen älter als 55. Wenn sie in Ruhestand gehen, fehlen passende Nachfolger. Aktuell dauert es im Handwerk durchschnittlich 242 Tage, bis eine vakante Stelle wieder besetzt werden kann.
Auf Migration angewiesen
Vor allem in Berufen rund um Sanitär, Heizung und Klima, Elektrotechnik und Mechatronik, in Bau und Tiefbau, Metallbau sowie in spezialisierten technischen Berufen wie Kälteanlagenbau oder Land- und Baumaschinenmechanik herrscht laut Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) Personalmangel.
Gerade in solchen Mangelberufen seien Beschäftigte mit Einwanderungsgeschichte überdurchschnittlich stark vertreten; im Gerüstbau sei es mehr als jeder zweite, so das Statistische Bundesamt. Entsprechend alarmiert reagiert der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) auf Regierungspläne zur Westbalkanregelung. "Wir warnen deutlich vor den Konsequenzen einer Halbierung des Kontingents. Schon bis zum Jahresende könnten im Baugewerbe rund 8.000 Arbeitskräfte wegfallen", mahnt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des ZDB.
Ausbildung wichtigste Stellschraube gegen Personalmangel
Um den Personalbedarf zu decken, bildet das Handwerk intensiv aus. Der Anteil der Auszubildenden lag laut BA im Jahr 2025 im Handwerk bei zwölf Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten. Im Durchschnitt aller Berufe sind es nur fünf Prozent. Drei Jahre in Folge konnte das Handwerk die Zahl der neuen Ausbildungsverträge steigern. Auch 2026 liegen die Zahlen wieder höher als im Vorjahr, meldet der ZDH.
Trotz dieses positiven Trends sind aktuell noch über 20.000 Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt. Förderprogramme könnten helfen, junge Menschen für berufliche Perspektiven zu gewinnen, passende Bewerber und Betriebe zusammenzubringen und Ausbildungsverhältnisse zu stabilisieren. "Gerade mit Blick auf den wachsenden Fachkräftebedarf und den demografischen Wandel ist es unverständlich, warum bewährte Programme wie 'Passgenaue Besetzung' und 'Willkommenslotsen' auslaufen sollen", moniert Holger Schwannecke, ZDH-Generalsekretär.
Anforderungen steigen durch Personalmangel
Die Anforderungen an Betriebe werden durch die Konkurrenz um Arbeitskräfte sogar noch steigen. In seiner Studie zu Strukturwandel und demografischer Entwicklung im Handwerk prognostiziert Lukas Meub, Geschäftsführer des Volkswirtschaftlichen Instituts für Mittelstand und Handwerk, dass Arbeitnehmer vermehrt Forderungen an Arbeitsbedingungen, Flexibilität oder Löhne stellen werden.
