Kolumne Wer seinen Azubi nur fegen lässt, bildet keine Fachkraft aus

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" – ein Satz mit Tradition, der im Handwerk bis heute Schaden anrichtet. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg macht in ihrer DHZ-Kolumne klar, warum Betriebe, die ihre Azubis kleinhalten, am Ende die eigene Zukunft verspielen – und was stattdessen zählt.

Erklären, zeigen, weitergeben: Gute Ausbildung ist kein Selbstläufer – sie braucht Zeit, Haltung und den Willen, Wissen wirklich zu vermitteln. - © auremar - stock.adobe.com

Die neuen Auszubildenden sind in ihre Lehrzeit gestartet und vermutlich dauert es nicht lange, bis irgendwo wieder dieser Satz fällt: "Lehrjahre sind keine Herrenjahre." 

Ein Spruch, der schon 1970 schlecht war und 2026 endgültig in die Kiste für ausgediente Artefakte gehört. Direkt neben das Wählscheibentelefon und die Vorstellung, dass junge Menschen erst einmal klein gemacht werden müssen, bevor aus ihnen etwas werden kann. 

Hof kehren ist kein Ausbildungsplan

Natürlich müssen Auszubildende mit anpacken. Auch ein Hof muss gekehrt, Werkzeug gereinigt und Material weggeräumt werden. Das gehört zum Berufsbild. 

Doch wer seine Auszubildenden Tag für Tag an den Besen stellt, bildet keine Fachkraft aus. Er beschäftigt eine günstige Reinigungskraft und nennt es Ausbildung. Dafür ist die gemeinsame Zeit viel zu kurz. 

Berufsschule, überbetriebliche Lehrgänge, Urlaub, Prüfungsvorbereitung: Von drei Ausbildungsjahren bleibt im Betrieb weniger übrig, als viele glauben. Jede Woche zählt. 

Wir reden im Handwerk ständig über Nachwuchs, fehlende Fachkräfte und ungeklärte Nachfolgen. Dann kommen junge Menschen durch unsere Tür, die genau all das werden könnten: Gesellinnen und Gesellen, Vorarbeiter, Meisterinnen, Betriebsleiter. Vielleicht sogar die Menschen, denen wir eines Tages unseren Betrieb anvertrauen. 

Und was machen wir mit ihnen? Wir lassen sie zusehen, fegen und Material holen, weil wir gerade keine Zeit zum Erklären haben. 

Ausbildung ist Zukunftsarbeit

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Ausbildung ist keine Aufgabe, die nebenbei läuft. Ausbildung ist Zukunftsarbeit. Wer ausbildet, übernimmt Verantwortung, erklärt Arbeitsabläufe, lässt Fehler zu, fordert Fortschritt ein und ermöglicht dem Auszubildenden Schritt für Schritt mehr Selbstvertrauen. 

Das bedeutet nicht, dass Auszubildende in Watte gepackt werden müssen. Sie dürfen gefordert werden. Verlässlichkeit, Sorgfalt und Einsatz sind im Handwerk keine freundlichen Empfehlungen. Aber Fordern ist etwas anderes als Kleinhalten. 

Der Anspruch: Jahrgangsbester – oder zumindest so ausbilden, als wäre es möglich

Der Anspruch als Ausbildungsbetrieb müsste doch sein, den Azubi nicht nur irgendwie durch die Prüfung zu bekommen. Er sollte als Jahrgangsbester abschließen. Andere sollten fragen, wo dieser junge Mensch ausgebildet wurde. Und ihm sollte danach nicht nur ein Vertrag, sondern auch ein Karriereweg angeboten werden können.

Nicht jeder Auszubildende muss Jahrgangsbester werden, aber jeder Betrieb sollte so ausbilden, als könnte er es.

Die entscheidende Frage

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre" beschreibt ein Machtgefälle – dort, wo eigentlich Entwicklung stattfinden müsste. Die Frage ist nicht, welchen Platz ein Auszubildender in der Rangordnung hat. Die Frage ist, welche Fachkraft am Ende vor Ihnen steht. Daran hat nicht nur der junge Mensch gearbeitet, daran lässt sich auch die Qualität des Ausbildungsbetriebes ablesen. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.