"New Work" im Handwerk Was Mitarbeiter heute wirklich vom Chef erwarten

Flexibilität, Vertrauen, sinnhafte Arbeit – diese Erwartungen ziehen sich durch alle Altersgruppen. Wer als Chef die Unternehmenskultur aktiv gestaltet, verschafft sich Vorteile im Wettbewerb um Fachkräfte. Vier konkrete Prinzipien, die sich im Betriebsalltag direkt umsetzen lassen.

Führungsansätze von heute setzen sich mit den Bedürfnissen der Mitarbeiter auseinander. Das befeuert ein gutes Miteinander und soll letztendlich zu produktiveren Arbeitsergebnissen führen. - © Kristina - stock.adobe.com

Mit der neuen Generation an Auszubildenden kommen im September nicht nur neue Lehrlinge, sondern auch neue Herausforderungen auf die Handwerksbetriebe zu. Aber egal ob Lehrling oder erfahrener Geselle – Mitarbeiter haben heutzutage andere Erwartungen an Führungskräfte und das Miteinander im Arbeitsalltag als dies in der Vergangenheit der Fall war. Für Chefs im Handwerk entsteht dadurch die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln und den Betrieb langfristig nach vorne zu bringen.

Moderne Führungsansätze zielen deshalb darauf ab, sich mit den Bedürfnissen der Mitarbeiter und deren Arbeitsweise auseinanderzusetzen. Das fördert ein gutes Miteinander und soll letztendlich zu besseren Arbeitsergebnissen führen. Dieser mittlerweile seit einigen Jahren bekannte Ansatz wird "New Work" genannt. Ein Webinar der Handwerkskammern Baden-Württembergs aus dem Projekt "Horizont Handwerk" beschäftigte sich damit, wie moderne Führung aussehen kann und wie Betriebsinhaber und Führungskräfte allgemein in Handwerksbetrieben diese Leitlinien umsetzen und davon profitieren können.

Carmen Bender von der Handwerkskammer Heilbronn-Franken machte dabei deutlich, welche Bedeutung es für Betriebe hat, sich auf neue Gegebenheiten einzulassen: "New Work verändert fundamental die Unternehmenskultur und das bedeutet im Umkehrschluss, die Führung kann nicht mehr so funktionieren wie vielleicht vor 20 Jahren", erklärte Bender.

Die Arbeitswelt befindet sich im Wandel

Ein Problem, mit dem Betriebe seit Jahren kämpfen, ist der Fachkräftemangel. Laut Markus Klemm von der Handwerkskammer Freiburg werden allein von 2024 bis 2028 rund 300.000 zusätzliche Stellen unbesetzt bleiben. Wenn Chefs den Wandel aktiv im Unternehmen mitgestalten, können sie sich dadurch Vorteile gegenüber konkurrierenden Betrieben verschaffen. Auch im Bereich der Digitalisierung hätten Handwerksbetriebe Verbesserungspotenzial. Vor allem Kleinbetriebe unter 50 Mitarbeitern würden kaum in die Digitalisierung investieren und ließen so im Vergleich zu größeren Betrieben Vorteile ungenutzt. "Da ist einfach die Welt im Wandel. Man spricht hier oft über Generationen", sagte Klemm.

New Work stelle aber kein Generationsproblem dar, erklärte Alexandra Natter von der Handwerkskammer Ulm. "Junge Mitarbeitende bringen manche Veränderungen vielleicht sichtbarer ein, aber Wünsche nach mehr Beteiligung, Flexibilität, Wertschätzung, Sinn und guter Führung gibt es altersübergreifend."

Für Handwerksbetriebe heißt das also: Sie müssen sich den neuen Rahmenbedingungen, aber auch der Erwartungshaltung der Mitarbeiter stellen. Wie dies gelingen kann, zeigten die Handwerkskammern in ihrem Webinar:

Mitarbeiter im Fokus

In der neuen Führung stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Fokus. Als Chef sollte man Verantwortung an das Team abgeben und die Beschäftigten aktiv in Entscheidungsprozesse einbeziehen. So könne man sie beispielsweise an der Beschaffung neuer Maschinen oder Fahrzeuge beteiligen. Mitarbeiter hätten oft einen genaueren Blick dafür, was gebraucht und angeschafft werden sollte, da sie die Werkzeuge, Maschinen und Fahrzeuge selbst am meisten bedienen.

"Als Führungskräfte müssen wir uns bewusst von diesen starren Kontrollen lösen und dem Team mehr Freiraum geben, den es tatsächlich braucht, um auch diese Veränderung und das New Work zu spüren."

Carmen Bender, Handwerkskammer Heilbronn-Franken

Vertrauen voraussetzen

Vertrauen ist die Basis einer guten Führung und Unternehmenskultur. Mitarbeiter, denen man Vertrauen schenkt, geben dieses Vertrauen zurück. Sie arbeiten dadurch effizienter, und der Chef spart sich wertvolle Zeit, weil er nicht mehr jede Arbeit im Detail kontrollieren und nachvollziehen muss. Im Betriebsalltag kann das so aussehen: Ein Mitarbeiter fährt morgens direkt zum Kunden, ohne sich vorher im Betrieb einzustempeln. Abends berichtet er dann seinem Vorgesetzten von seiner Arbeit. Der Inhaber räumt seinem Mitarbeiter somit Freiraum ein und zeigt Vertrauen und Wertschätzung.

Mitarbeitern den Sinn ihrer Arbeit deutlich machen

Eine gute Führung sollte sinnhafte Arbeit ermöglichen und verständlich machen. Laut Bender ist dies gerade für die Generation Z ein wichtiger Punkt: den Sinn in der eigenen Arbeit erkennen. Sie fragen sich vor allem, warum sie eine bestimmte Arbeit tun und welchen Wert sie hat. Der Arbeit einen Sinn zu geben, fördert auch die Motivation und Arbeitsbereitschaft. Ein Beispiel: Ein Betrieb bekommt von einer Familie den Auftrag, das Dach zu sanieren. Um seinen (jüngeren) Mitarbeitern den Sinn ihrer Arbeit zu vermitteln, erklärt der Chef, welche Vorteile ein neu saniertes Dach der Familie bringt und welche Rolle der Mitarbeiter dabei genau einnimmt. Im größeren Kontext erklärt er seinen Mitarbeitern auch, wie ihre Arbeit Einfluss auf andere Gewerke hat. Das zeigt die Bedeutung der Aufgabe und des eigenen Handelns.

Positive Erfahrungen mit flexibleren Arbeitszeiten

Eine gute Führung und Unternehmenskultur lassen sich in den Alltag integrieren. In Betrieben, in denen es umsetzbar ist, können sich flexiblere Arbeitszeitmodelle, wie beispielsweise eine verkürzte Arbeitswoche oder Gleitzeit, positiv auswirken. Sie ermöglichen den Mitarbeitern flexiblere Arbeitszeiten und eine bessere Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben. Für die Führung hat das den Vorteil, dass der Betrieb bei Arbeitnehmern an Attraktivität gewinnt. Dies kann auf Dauer zu mehr Zufriedenheit im Betrieb und damit einhergehend auch zu mehr Produktivität führen.

Fehler als Lernchance

"Wer eine moderne Arbeitswelt schaffen möchte, sollte nicht nur Prozesse verändern, sondern vor allem die Unternehmenskultur bewusst wahrnehmen, reflektieren und dann eben auch aktiv gestalten und weiterentwickeln", erläuterte Alexandra Natter. Um New Work in der Führung und im Unternehmen zu integrieren, sind ihr zufolge eine positive Lern- und Fehlerkultur wichtige Faktoren.

Mit dem Start des Ausbildungsjahres vieler Handwerksbetriebe können Vorgesetzte einige Praktiken anwenden, um neben einer positiven Lernkultur auch eine gute Arbeitsatmosphäre für ihre Lehrlinge und Mitarbeiter zu schaffen:

Junge, noch unerfahrene Kräfte und Lehrlinge machen häufiger Fehler als Altgesellen. Deshalb ist es als Führungskraft wichtig, Fragen und Ideen zuzulassen. Wenn sich der Mitarbeiter bei Unklarheiten nicht traut, nachzufragen, führt das häufig zu Fehlern und Unzufriedenheit. Ist doch mal ein Fehler unterlaufen, kann der Chef dies als Lernchance nutzen. Anstatt den (jungen) Mitarbeiter lautstark zurechtzuweisen, können sie gemeinsam analytisch nach der Ursache suchen. Die Führungskraft und der Angestellte schauen sich gemeinsam an, was schiefgelaufen ist und wie sie die richtigen Schlüsse für die Zukunft daraus ziehen. So kann der Mitarbeiter aus dem Fehler lernen und ihn beim nächsten Mal vermeiden. Das stärkt die Zusammenarbeit und das Zugehörigkeitsgefühl. Auf diese Weise kann der Chef langfristig ein modernes und positives Arbeitsumfeld schaffen, das Mitarbeiter motiviert und die Arbeitsleistung fördert.