Zwei Jahrzehnte lang hat Simone Lorenz-Halder nach einer Möglichkeit gesucht, wie sie Menschen dazu bringt, ihr Gehör freiwillig zu überprüfen. Mit der Hörgondel hat sie es geschafft.

Ein Vorhang aus grobem Seil trennt zwei Welten. Draußen scheint die Sonne, Spatzen tschilpen, Autobrummen und Stimmen mischen sich in die spätsommerlichen Klänge in Bad Wurzach. Der Schritt nach drinnen führt in grün-dämmriges Licht. Ein Tiger starrt den Eindringling an. Es dauert einen Augenblick, bis der Besucher weitere Tiere im Blattdickicht entdeckt; ein knallbunter Frosch unter dem Laub, ein fliegender Papagei und ein Affe, der über einen Lautsprecher hinwegsteigt. Urwaldklänge und rhythmische Musik erfüllen den Raum.
Es gibt viel zu entdecken in dieser Wildnis, die Simone Lorenz-Halder in der Enge einer Skigondel hat entstehen lassen. Maximal acht Wintersportler könnten sich auf die zwei Bänke setzen – oder aber Menschen, die ihr Gehör testen wollen.
Erfindung der Hörgondel brauchte 20 Jahre
Die Hörakustikmeisterin hat es sich auf einer der mit Rasenteppich überzogenen Gondelbänke bequem gemacht. Sie lacht: "Mein Mann und ich haben die Kabine in drei Wochen umgestaltet. Für die Idee habe ich allerdings fast 20 Jahre gebraucht."
Die heute 38-Jährige war noch keine 16 Jahre alt, als sie nach ihrem Realschulabschluss die Ausbildung zur Hörakustikerin begann. "Eigentlich wollte ich auf das Wirtschaftsberufskolleg. Aber dann kam der Zufall, für den ich bis heute so dankbar bin." Über einen Freund lernte sie einen Hörakustikmeister kennen, der noch einen Azubi suchte. Bis zum Beginn des Ausbildungsjahrs waren es da keine vier Wochen mehr.
Lorenz-Halder fragte, was ein Hörakustiker denn so mache. Daheim nahm sie ein Büchlein des Arbeitsamts heraus, um mehr über den Beruf zu erfahren. Sie war begeistert: eine Arbeit, die alles verbindet, den Umgang mit Menschen, Handwerk, Medizintechnik und IT. "Ich rief ihn am nächsten Tag an und sagte, dass ich die Ausbildung machen wollte!" Der verblüffte Hörakustikmeister holte sie für ein Praktikum in den Betrieb, und schon am ersten Tag bestätigte sich: Das ist der richtige Beruf.
Lieber Straßenseite wechseln als Hörtest zu machen
Was Lorenz-Halder für sich persönlich als witzige Geschichte empfindet, hält sie im Großen für problematisch. "Alle Hörakustiker, die ich frage, sind wie ich nur zufällig in den Beruf gekommen. Hörgeräte sollen ja fast unsichtbar sein. Aber auch unser Handwerk ist fast unsichtbar", sieht sie einen Zusammenhang mit dem Fachkräftemangel der Branche.
Noch schlimmer als die geringe Sichtbarkeit sei für sie immer die Ablehnung gewesen. "Mein Ausbilder war sehr aktiv, besuchte mit seinen Ständen Veranstaltungen, Jahrmärkte und Messen." Regelmäßig wechselten die Passanten die Straßenseite, um nicht angesprochen zu werden. "Hörtests im öffentlichen Raum sind in etwa so beliebt, als würden wir Versicherungen und Telefonverträge gleichzeitig verkaufen", erkannte die Auszubildende.
"Hörtests sind in etwa so beliebt, als würden wir Versicherungen und Telefonverträge gleichzeitig verkaufen."
Simone Lorenz-Halder, Hörakustikmeisterin
Ab dann hielt sie die Augen offen nach Möglichkeiten, wie der Beruf und die Ladengeschäfte sichtbarer werden könnten. Nach ihrer Ausbildung arbeitete sie als Gesellin, machte den Meister, ging für mehrere Jahre in die Hörgeräteindustrie und trainierte Hörakustiker für die Hörgeräteanpassung. Sie sah zahllose Fachgeschäfte, hatte Einblick in budgetintensive Werbekampagnen, doch alle kämpften mit der gleichen Schwierigkeit. Menschen gestehen sich ungern ihre Schwerhörigkeit ein. "Irgendwann dachte ich mir, es geht mir wie Edison. Ich kenne jetzt 10.000 Möglichkeiten, wie es nicht funktioniert!"
Menschen gestehen sich Schwerhörigkeit ungern ein
Im Gegensatz zu Menschen, die schlecht sehen, fällt Hörgeschädigten ihre Beeinträchtigung oft lange nicht auf. Wer Gesprächen schwer folgen kann, schiebt das meist auf widrige Umstände: "Dann sind die lauten Umgebungsgeräusche schuld, der andere hat genuschelt oder der Pfarrer hat nicht ins Mikro gesprochen", zählt Lorenz-Halder typische Aussagen auf. Was sie brauchte, war also eine Situation, in der Menschen freiwillig und gerne ihr eigenes Gehör auf die Probe stellen, um selbst zu erkennen, dass etwas nicht stimmt.

Inzwischen hatte die Oberschwäbin ihr eigenes Fachgeschäft in Bad Wurzach gegründet. "Dafür habe ich am Anfang viel aufgegeben; den Firmenwagen, mein sicheres Gehalt, es war ein Schritt zurück. Aber ich wollte wieder direkt mit Kunden arbeiten." Mithilfe eines Gründerkredits bauten Lorenz-Halder und ihr Ehemann Raum für Raum den Altbau in der Innenstadt aus. Jeden Euro drehte sie zu der Zeit dreimal um, teure Marketingaktionen konnte sie sich nicht leisten. Und dann, bei einer Fortbildung in Berlin, hatte sie plötzlich die Lösung vor Augen. "Mit Kollegen war ich durch die Hackeschen Höfe gebummelt. Und dort, mitten in einem Café, stand eine Skigondel. Mit allem hätte ich in Berlin gerechnet, aber nicht mit einer Gondel", erinnert sich die passionierte Skifahrerin. Sofort war ihr klar, dass das ihr Weg sein würde.
Guerillamarketing per Hörgondel
Nachdem sie eine ausrangierte Kabine gefunden hatte, musste es schnell gehen. Lorenz-Halder war schwanger mit ihrem ersten Sohn, sie wollte vor der Geburt fertig werden mit dem Ausbau. Mit ihrem Ehemann entkernte sie das ramponierte Stück und bezog Boden und Sitzbänke in sattem Grün. Die Folierung übernahm eine Agentur. Außen behielt Lorenz-Halder die Optik der Skigondel bei, innen entschied sie sich für das Dschungelthema. "Es sollte etwas sein, das die Menschen überrascht."
Der wichtigste Part war die Akustik. Sie suchte einen spielerischen Ansatz ohne die sonst in der Branche üblichen Kopfhörer. "Also wählte ich Tierstimmen in unterschiedlichen Frequenzbereichen und bettete die in Musik ein." Der Erfolg war durchschlagend. "Am verkaufsoffenen Sonntag in Bad Wurzach standen die Leute Schlange!", staunt Lorenz-Halder. Plötzlich war nicht mehr sie diejenige, die Passanten anspricht, sondern umgekehrt. Die Leute trugen freudig auf einem Kärtchen ein, wie viele Tiere sie in der Kabine gehört hatten. Die Hemmschwelle, einen validen Hörtest zu machen, war abgebaut.
Zwangspause für die Hörgondel durch Corona
Doch dann kam Corona, Aktionen in engen Innenräumen waren undenkbar und Lorenz-Halder lagerte die Gondel in der Scheune ihres Onkels ein. Erst nach der Pandemie erfuhr Klaus Tielesch, ein Hörakustikmeister mit Marketingagentur, von Lorenz-Halders Erfindung. Er überzeugte sie, ihre mittlerweile mit dem "Future Hearing Award" preisgekrönte Hörgondel auch an andere Betriebe zu verleihen.
Seither ist die Gondel kreuz und quer durch Deutschland, Österreich und die Schweiz unterwegs. Mindestens 10.000 Besucher haben das Hörquiz schon gemacht und die Rückmeldung der ausleihenden Betriebe ist immer dieselbe: "Die Besucher testen sich freiwillig, und wer schlecht hört, kommt sich hier selbst auf die Schliche", freut sich Lorenz-Halder. "Endlich werden wir Hörakustiker nicht mehr als lästige Verkäufer wahrgenommen, sondern als Berater, die helfen wollen."
Fakten zur Schwerhörigkeit
5,4 Millionen Menschen in Deutschland leben laut Bundesinnung der Hörakustiker mit einer indizierten Schwerhörigkeit. Damit zählt Schwerhörigkeit zu den zehn häufigsten gesundheitlichen Problemen. Unter den Berufskrankheiten steht die Lärmschwerhörigkeit an
erster Stelle.
Jonglieren zwischen Selbstständigkeit, Mutter-Sein und Mitarbeiterführung
Den Verleih der Gondel übernimmt Klaus Tielesch, denn Lorenz-Halder hätte diese Logistik nicht mehr stemmen können. "Als wir uns überlegt haben, dass die Gondel auf die Straße gehen sollte, war ich gerade mit meinem zweiten Kind schwanger. Es ist so schon schwierig genug, Selbstständigkeit und Mutter-Sein unter einen Hut zu bringen." Nur mithilfe zweier Omas und Opas und weil ihre Mitarbeiter ihr zugetan seien, könne sie diesen Spagat schaffen.
VisMa - Hilfe für das Mitarbeitergespräch
Die gute Stimmung im sechsköpfigen Team der Hörmanufaktur kommt nicht von ungefähr. Lorenz-Halder hat mehrere Coachings zur Mitarbeiterführung gemacht, viel gelesen und vieles ausprobiert. "Man darf nie aufhören, besser zu werden", ist sie überzeugt. Für ihre Mitarbeitergespräche nutzt sie seit vergangenem Jahr "VisMa", ein visuelles Mitarbeitergespräch, das sie bei ihrer Handwerkskammer Ulm kennengelernt hat.
Das Tool soll es ermöglichen, einfach und zielführend Mitarbeitergespräche in den Betriebsalltag zu integrieren, und so die Mitarbeiterbindung, Arbeitsmotivation und auch die Mitarbeiterzufriedenheit zu verbessern. Mithilfe von zehn Themenkarten besprechen Mitarbeiter und Führungskraft die Themen und ordnen sie nach subjektivem Empfinden auf einer Matrix (Relevanz und Zufriedenheit der Umsetzung) ein.
Unternehmer können so Unzufriedenheiten der Mitarbeiter erkennen und entsprechende Maßnahmen ableiten. Weil VisMa mit seinen Karten und der Matrix haptisch greifbar ist, erleichtert es die Umsetzung von Mitarbeitergesprächen im Betriebsalltag und bietet Orientierung für die Gesprächsführenden. Auch anspruchsvolle Themen können so strukturiert bearbeitet werden.
Das Programm VisMa ist (nur) für Mitgliedsbetriebe einer baden-württembergischen Handwerkskammer kostenfrei. Anzufordern ist es über die Personalberater der jeweils zuständigen Handwerkskammer. Hier gibt es weitere Informationen zu "VisMa".
