Tag gegen Lärm am 27. April Lärmschutz: Wie Handwerker ihr Gehör schonen können

Lärm am Arbeitsplatz ist die Ursache für ein Drittel aller Berufskrankheiten. Dabei lassen sich Schädigungen des Gehörs gut vermeiden. Wie Handwerker den Lärmschutz im Betrieb angehen können und warum das so wichtig ist.

Handwerker mit Gehör- und Augenschutz bei der Arbeit
Lärmschutz am Arbeitsplatz ist im Handwerk besonders wichtig. - © Matthias Popp/DGUV

In Deutschland sind täglich vier bis fünf Millionen Menschen bei ihrer Arbeit Lärm ausgesetzt. Sehr viele davon sind im Handwerk tätig. Die Folgen sind deutlich: Jede dritte anerkannte Berufskrankheit geht auf Lärmschwerhörigkeit zurück. Und die Zahl der Verdachtsmeldungen steigt. Selbst im ersten Corona-Jahr 2020 registrierte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung über 13.000 Verdachtsmeldungen.

"Manche Menschen glauben irrtümlicherweise, unsere Ohren würden sich an Lärm gewöhnen und ein Hörverlust sei eine vorübergehende Erscheinung", sagt Marianne Fricke. Die Präsidentin der Bundesinnung der Hörakustiker (Biha) räumt damit mit einem häufigen Vorurteil zu Lärm am Arbeitsplatz auf. Tatsächlich könne bei zu viel Lärm eine unwiderrufliche Schädigung des Innenohres und dadurch eine Hörminderung entstehen.

Lautstärke und Dauer des Lärms entscheidend

Bei einer solchen Schädigung spielt es keine Rolle, ob Geräusche als angenehm oder als störend empfunden werden. Einzig die Lautstärke und die Dauer der Schalleinwirkung entscheiden darüber, ob das Gehör Schaden nimmt oder nicht. Es gibt Gehörschäden, die langsam und anfangs unbemerkt entstehen. In anderen Fällen reicht ein einziges, kurzes, aber extrem lautes Geräusch, um das Gehör für immer zu schädigen.  

Ab einer Schall­stärke von durchschnittlich 85 dB(A) über acht Stunden oder einem Spitzenschalldruckpegel von 137 dB(C) müssen Arbeitsplätze als Lärmbereiche gekennzeichnet werden. Aber auch schon unterhalb davon, bei einer andauernden Lärmbelastung von 80 bis 85 dB(A), braucht das Gehör Pausen. Das empfiehlt die Bundesinnung der Hörakustiker. Der Lärm drückt die Haarzellen im Innenohr nieder. Ohne Lärmpausen können sie sich nicht wieder aufrichten und sterben auf Dauer ab.

Lärmschutz ist auch Gesundheitsschutz

Jenseits der Hörschädigung schadet Lärm auch allgemein der Gesundheit. Diese "extra-auralen Wirkungen" sind Stressreaktionen, die bereits bei leiseren Geräuschen entstehen können. Dazu gehören:

  • geringere Produktivität
  • frühzeitige Ermüdung
  • höhere Unfallgefahr
  • Schlaflosigkeit
  • Nervosität
  • Erhöhung des Blutdrucks
  • Beschleunigung der Herztätigkeit
  • Stoffwechselstörungen

Beim Gehörschutz geht es also nicht "nur" um die Ohren, betont auch Marianne Frickel: "Lärmvermeidung heißt Gesundheitsvorsorge und trägt dazu bei, die Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität und damit die Freude an der Arbeit möglichst lange zu erhalten."

Das Institut für Arbeitsschutz (IFA) in der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung sieht hier auch einen direkten Zusammenhang zum Fachkräftemangel. In 17 von 42 untersuchten Branchen sei Lärm eine Belastung. Das zeige eine Befragung unter 800 Fachleuten. 15 der betroffenen Branchen litten gleichzeitig unter Fachkräftemangel.

"Natürlich ist Lärm nicht der einzige Grund, warum Menschen sich entscheiden, den Beruf oder die Branche zu wechseln", räumt IFA-Direktor Professor Dietmar Reinert ein. Lärm könne aber ein Indiz sein, dass Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit vernachlässigt würden. "'Aus meiner Sicht sind Arbeitsschutz und Fachkräftemangel eng miteinander verzahnt. Will heißen: Gesunde Arbeitsbedingungen und erfolgreiche Prävention können das Image einer Branche verbessern und machen sie so für Fachkräfte und Auszubildende attraktiv." Viele Betriebe nutzten bereits das Potenzial von Sicherheit und Gesundheit, um Fachkräfte für sich zu gewinnen und an sich zu binden.

Weitere Informationen zum Risikoobservatorium auf den Seiten des IFA. Unter "Branchenbilder von A - Z" finden Interessierte ausführliche Branchenbilder, die auch, aber nicht nur die Lärmbelastung im jeweiligen Bereich analysieren.

Lärm von vornherein vermeiden

Grundsätzlich gilt im Arbeitsschutz das "Minimierungsgebot". Gefährdungen sollen also so klein gehalten werden wie möglich. "Am wirkungsvollsten ist es, den Lärm schon am Entstehungsort zu mindern, um nachhaltige Lösungen zu erreichen", bestätigt Bernhard Arenz, Präventionsleiter der Berufsgenossenschaft Bau (BG Bau) anlässlich des Tags gegen Lärm. Lärmgeminderte Maschinen und Werkzeuge sind die erste Wahl; organisatorische Lösungen, wie das zeitliche Verschieben von Lärmarbeiten oder das Verlagern bestimmter Arbeiten an leisere Arbeitsplätze folgen als zweiter Schritt.  

Wenn all diese Möglichkeiten ausgereizt sind, beginnen die persönlichen Schutzmaßnahmen. Die "Verordnung zum Schutz der Beschäftigten vor Gefährdungen durch Lärm und Vibrationen" lässt dabei offen, welcher Art der Gehörschutz sein muss. Drei Varianten gibt es:

  • Kapselgehörschutz: Die Biha empfiehlt diesen großen Gehörschutz, wenn er häufig auf- und abgesetzt werden muss oder sich die Person nur kurze Zeit im Lärmbereich aufhält.
  • Gehörschutzstöpsel: Sie eignen sich an Arbeitsplätzen mit andauernder Lärmeinwirkung oder wenn andere Schutzausrüstungen wie Helm oder Schutzbrille nötig sind.
  • Gehörschutz-Otoplastiken: Dieser an den Gehörgang und die Lärmsituation angepasste Gehörschutz liefert die exakteste Schalldämmung. Er ist lange haltbar und vergleichweise bequemer, aber auch teurer in der Anschaffung.

Berufsgenossenschaften wie die BG Bau fördern die Anschaffung der Otoplastiken über ihre Arbeitsschutzprämien: "Wichtig ist uns, alle Beschäftigten in der Baubranche dafür zu sensibilisieren, wie wirksam wir uns heute dauerhaft gegen Lärm schützen können", betont Arenz.

Individueller Gehörschutz

Otoplastiken werden individuell angefertigt. Hörgeräteakustiker formen den Gehörgang des Nutzers ab und entscheiden, welcher Filter für die jeweilige Lärmsituation geeignet ist.

Damit die Otoplastiken von der BG Bau als Arbeitsschutzprämie gefördert werden können, muss der Nutzer nach sechs Monaten eine Funktionskontrolle beim Hörakustiker vornehmen und dann alle drei Jahre prüfen lassen, ob die Funktion noch gegeben ist. Zwar lässt die Schalldämmung einer Otoplastik im Normalfall nicht nach, aber der Ohrkanal kann sich verändern. Wichtig für die Funktion ist, dass die Otoplastiken entsprechend den Herstellerempfehlungen aufbewahrt und gereinigt werden.

Wer den individuellen Gehörschutz von der Berufsgenossenschaft fördern lassen will, muss die Rechnung auf den Namen des antragstellenden Unternehmens ausstellen lassen. 50 Prozent der Anschaffungskosten übernimmt die BG Bau, maximal 100 Euro pro Maßnahme.

Wichtige Gesetze und Verordnungen zum Lärmschutz

Informationen zu Lärmschutz