Gehörschutz im Handwerk Tag gegen Lärm: Welcher Gehörschutz für wen am Besten ist

Viele Arbeiten im Handwerk sind mit Lärm verbunden. Marco Faltus erklärt im Interview, wie Handwerker Lärmschwerhörigkeit vermeiden können, welcher Gehörschutz für wen am geeignetsten ist und welche Warnzeichen auf eine Hörschädigung hindeuten.

Marco Faltus, Sonova
Marco Faltus ist Senior Director Audiology der auf das Hören spezialisierten Unternehmensgruppe Sonova Deutschland (u.a. Phonak). - © Sonova Deutschland

Herr Faltus, Sie sind Senior Director Audiology der auf das Hören spezialisierten Unternehmensgruppe Sonova Deutschland. Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass Handwerker ihr Gehör schützen?

Marco Faltus: Das Hören ist eines unserer wichtigsten Sinnesorgane. Eine Hörminderung hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das psychische, geistige, soziale und emotionale Wohlbefinden. Nicht umsonst gibt der Gesetzgeber in einer Verordnung zum Schutz von Beschäftigten vor Gefährdung durch Lärm am Arbeitsplatz ab bestimmten Geräuschpegeln einen Gehörschutz vor.

Welche Art von Geräuschen gefährdet das Gehör und wann sollte ein Gehörschutz aufgesetzt werden?

Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Einwirkdauer von Lärm und einer Hörschädigung. Umso länger man einem gewissen Lärmpegel ausgesetzt ist, umso höher das Risiko einer Hörminderung. Aber auch ein kurzer, sehr intensiver Lärm, wie zum Beispiel eine Explosion, ein Presslufthammer oder ein startendes Flugzeug in nächster Nähe, kann eine vorübergehende oder auch dauerhafte Schädigung des Hörvermögens mit gravierenden Folgen hervorrufen, wie einen Hörsturz oder Tinnitus.

Und ab wann ist das Ohr gefährdet?

Die aktuelle Gesetzgebung sieht vor, dass der einwirkende Lärm bei Beschäftigten die maximal zulässigen Expositionswerte von 85 dB(A) in acht Stunden summiert sowie den Spitzenwert von 137 dB(C) nicht überschreitet. Sprich, ab 85 dB länger anhaltendem Lärm sollte man sich schützen.

Was heißt das, bezogen auf typische Handwerksarbeiten?

Kurz zum Vergleich: Ein Gespräch in ruhiger Umgebung hat einen Pegel von circa 60 Dezibel (dB). Die Schleifmaschine schlägt mit etwa 95 dB zu Buche. Kettensäge und Presslufthammer erreichen bis zu 120 dB. Ein Schmiedehammer kann bis zu 150 dB erreichen, was definitiv Potenzial für ein Knalltrauma hat.

Sie sprechen den Gehörschutz an, aber was ist für wen geeignet? Neben den Mickey Mouse-Ohrschützern gibt es ja auch die viel kleineren Gehörschutzstöpsel oder professionelle Gehörschutz-Otoplastiken.

Das ist in erster Linie eine Frage des Anwendungsgebiets und der Dämmwirkung. Die Mickey Mouse-Ohrschützer, also der Kapselgehörschutz, empfehlen sich bei sehr hohen Lärmpegeln, wenn der Schutz häufig auf- und abgesetzt wird oder der Träger Ohrstöpsel nicht verträgt. Standard-Ohrstöpsel eignen sich für Dauerlärm im mäßigen Pegelbereich und wenn zusätzlich noch weitere Schutzausrüstung wie Brille und Helm getragen wird. Otoplastiken sind Maßanfertigungen, für die ein individueller Ohrabdruck genommen wird. Sie bieten einen sehr hohen Tragekomfort bei sehr effektivem Schutz und sind daher auch für eine sehr lange Tragedauer ausgelegt.

Mit welchen Kosten ist die Anschaffung solcher Otoplastiken verbunden?

Die Kosten für einen individuell angefertigten Gehörschutz, also Otoplastiken, sind von Bauart und Material abhängig. Diese Lösungen sind ab circa 130 Euro bei Hörakustikern verfügbar. Die Vorteile eines solchen individuellen Gehörschutzes liegen vor allem im erhöhten Schutz und Tragekomfort. Intelligente Filter blenden schädlichen Lärm aus, während das Sprachverstehen erhalten bleibt.

Und wie lange kann man sie benutzen?

Gute Otoplastiken beziehungsweise ein individueller Gehörschutz bieten meiner Erfahrung nach mindestens zwei Jahre einen zuverlässigen Schutz. Zudem schreibt der Gesetzgeber bei gefährdeten Berufsgruppen eine regelmäßige Überprüfung vor, um sicher zu stellen, dass sich das Hörvermögen nicht verändert.

Gehen die kleinen Stöpsel im Arbeitsalltag nicht leicht verloren?

Zum sicheren Tragen gibt es einfache Verbindungskordeln, die um den Nacken liegen. Je nach Einsatzzweck oder Arbeitsplatzanforderung gibt es Otoplastiken in verschiedenen hypoallergenen Schalenmaterialien wie beispielsweise Silikon, Nylon oder Acryl.

Ist es überhaupt sinnvoll, Otoplastiken zu verwenden, wenn der Gehörschutz nicht kontinuierlich getragen werden muss?

Das muss der Träger entscheiden. Doch die Verbindungskordeln vereinfachen das häufige Einsetzen und Herausnehmen erheblich. Weil das Sprachverstehen weiter möglich ist, muss der Gehörschutz auch nicht immer abgenommen werden, wenn man sich mit den Kollegen unterhalten möchte.

Ein geringerer Lärmpegel kann bei langer Einwirkung genauso schädlich sein wie ein sehr hoher Lärmpegel bei kurzer Einwirkung.“

Marco Faltus

Welches sind die Warnzeichen für eine beginnende Hörschädigung?

Die ersten Anzeichen sind wiederholtes Nachfragen in Gesprächssituationen und wenn Betroffene nur noch mit Schwierigkeiten an Unterhaltungen teilnehmen können. Auch wenn Betroffene den Eindruck haben, dass die Gesprächspartner nuscheln, könnte das ein Indiz sein. Ein Klassiker ist auch, wenn zu Hause der Fernseher lauter als sonst aufgedreht wird.

Wer so etwas an sich wahrnimmt: Ist es dann schon zu spät?

In der Regel erholt sich das Gehör von einer dauerhaften Hörminderung nicht, da sich einmal beschädigte Haarsinneszellen nicht mehr regenerieren können. Es gibt inzwischen aber sehr gute und dezente Hörgeräte, um eine Hörminderung auszugleichen. Für Handwerker eignen sich insbesondere Hörlösungen, die über einen entsprechenden Gehäuseschutz (mit IP-Zertifizierung) verfügen, Störgeräusche ausblenden und sich drahtlos mit dem Smartphone verbinden, ohne das Gerät aus der Tasche holen zu müssen.

Abgesehen davon, dass es lästig ist, nicht mehr alles zu verstehen: Warum ist es wichtig, den Hörverlust auszugleichen?

Ein nicht versorgter Hörverlust führt häufig zu sozialer Isolation, da sich Betroffene immer mehr zurückziehen. Eine weitere häufige Folge ist eine abnehmende kognitive Leistungsfähigkeit. Aktuelle Studien weisen auf einen Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und Demenz hin, der weiter untersucht wird.

Wer den Verdacht hat, dass er nicht mehr gut hört, an wen sollte er sich wenden? HNO, Hörakustiker oder Durchgangsarzt, sofern beruflicher Lärm die Ursache sein könnte?

Dies sind alles valide Anlaufstellen. In der Regel bieten Hörakustiker Hörtests als kostenlosen Service an. Dies ist im ersten Schritt eine zeit- und kosteneffiziente Lösung. Wichtig ist, dass man sich beraten beziehungsweise testen lässt.

Wenn Berufstätige bereits einen Hörverlust haben: Sollten sie ihr Gehör trotzdem weiterhin vor Lärm schützen, oder "ist es dann auch schon egal"?

Es ist immer wichtig, dass Gehör zu schützen – auch wenn es nicht mehr zu 100 Prozent leistungsfähig ist. Eine weitere Minderung des Hörvermögens aufgrund von Unachtsamkeit wünscht sich niemand. Zudem rate ich auch jedem, bei einer Beeinträchtigung baldmöglichst einen professionellen Hörtest zu machen und sich beim Hörakustiker vor Ort beraten zu lassen.

Die Bundesinnung der Hörakustiker bietet unter www.hoerakustiker-suche.de eine Suchmöglichkeit nach Hörakustikern in der Nähe.