Viele Deutsche arbeiten gerne für den Staat und das bevorzugt halbtags. Das verheißt keine gute Zukunft fürs Handwerk, finden Politiker und Unternehmer. Außerdem müssten die Deutschen die Fixierung auf Studium und Universitäten überwinden.

Deutschland habe in den vergangenen Jahren das Handwerk vernachlässigt und sich zu stark auf Universitäten und Hochschulen konzentriert. Der wachsende Wohlstand sei dem Land nicht immer gut bekommen. Zugleich ziehe der Staat immer mehr Aufgaben an sich. Diese Kritik äußerten Politiker und Handwerksvertreter beim "Handwerkspolitischen Forum Ost" der Leipziger Messe.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach sich gegen zusätzliche Anreize aus, um die Aufnahme eines Studiums zu fördern. Er kritisierte die jüngste Bafög-Reform. Es sei ein falsches Signal, Studentinnen und Studenten bis zu einem Alter von 45 zu unterstützen. Bäckermeister Jens Hennig, Chef einer Leipziger Bäckerei in fünfter Generation, machte ein Ungleichgewicht zwischen beruflicher und akademischer Bildung aus. Es sei ungerecht, dass sich Auszubildende vom ersten Tag an selbst versichern müssten, während Studenten bis zum 25. Lebensjahr familienversichert bleiben könnten.
Bürokratie statt Backstube
Der sächsische Bäckermeister forderte von der Politik mehr Anstrengung beim Abbau von Bürokratie. Er selbst komme vor lauter Formalitäten kaum noch in die Backstube. "Wenn ich im Büro hätte arbeiten wollen, wäre ich nicht Bäcker geworden." Hennig berichtete von "sinnlosen Statistiken". Ministerpräsident Kretschmer bemerkte, dass im Handwerk zu viel "Blindleistung" zu erbringen sei. Aufwand und Ertrag stünden für viele Betriebe in einem Missverhältnis. Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), pflichtet ihm bei. Gerade die überbordenden Aufzeichnungsverpflichtungen brächten für die Betriebe Belastungen mit sich.
Als positives Beispiel unlängst verhinderter Bürokratie lobte Schwannecke, dass der Bundesrat gegen das Hinweisgeber-Gesetz gestimmt habe. Das "Whistleblower"-Gesetz sah ursprünglich vor, dass Betriebe ab 50 Mitarbeitern interne Meldekanäle hätten aufbauen müssen, um tatsächlichen und angeblichen Missständen nachzugehen. Das Vorhaben scheiterte zunächst am Widerstand der Länder und kommt jetzt in den Vermittlungsausschuss. Schwannecke sagte: "Es braucht mehr von dieser Hartnäckigkeit." Seit Jahren bewege sich ansonsten nichts beim Bürokratieabbau, die Verantwortung dafür werde zwischen den Ministerien hin- und hergeschoben. Auch die Bürokratie verleide jungen Menschen den Einstieg in die Selbstständigkeit, "weil sie sich diesen Kram nicht aufhalsen wollen".
Staatswirtschaft mit Kontrollkultur
Diesen Gedanken nahm Sven Schulze (CDU), Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, auf. "In Deutschland traut sich kaum noch jemand, Verantwortung zu übernehmen." Sachsens Ministerpräsident Kretschmer sagte, Deutschland müsse sich entscheiden, wieviel Freiheit gewollt sei und wie stark der Staat eingreifen solle. "Wollen wir eine Staatswirtschaft mit Kontrollkultur?", fragte der Politiker. ZDH-Generalsekretär Schwannecke bedauerte, dass sich in Deutschland nur wenige Menschen fürs Unternehmertum begeistern könnten.
"Wollen wir eine Staatswirtschaft mit Kontrollkultur?"
Michael Kretschmer (CDU), Ministerpräsident von Sachsen
Die Wissenschaft gibt Schwannecke Recht. Mit der Energiewende stehe Deutschland vor einer "Mammutaufgabe für Generationen". Allein für den Bereich Klimaschutz werden von 2025 an eine halbe Million mehr Arbeitskräfte benötigt. Kompetenz sei vorhanden im Handwerk, aber es fehle an Köpfen, sagte Christian Welzbacher, Institutsleiter am Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik an der Leibniz Universität Hannover. Das Potenzial lasse sich nicht aus nachkommenden Generationen heben. "Das Handwerk verliert zunehmend Potenzial an die akademisch geprägte Ausbildung." Dazu kommt, dass junge Leute ihr Glück häufig in sichere Jobs streben und das Risiko einer Selbstständigkeit scheuen. Tätigkeiten für den Staat dagegen sind populär. Forscher sprechen von einem Streben nach "bürgerlichem Durchschnitt".
Im Luxus eingerichtet
Laut ZDH-Generalsekretär Schwannecke hätten sich viele Bewohner des Landes "in einer Luxussituation eingerichtet". Nur in Teilzeit arbeiten zu wollen, sei auf Dauer allerdings kein zukunftsfähiger Weg. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Schulze äußerte Zweifel, ob Arbeit und Freizeitgestaltung noch in einem gesunden Verhältnis stünden. Er mahnte zu mehr "Fleiß".
"Das Handwerk verliert zunehmend Potenzial an die akademisch geprägte Ausbildung."
Christian Welzbacher, Wissenschaftler
Sollte keine Kehrtwende gelingen, droht Deutschland ein Verlust an Wohlstand und Arbeitsplätzen. Das machte Wissenschaftler Welzbacher deutlich. Im kommenden Jahrzehnt gehen in Deutschland 13 Millionen Erwerbstätige in den Ruhestand. In Ostdeutschland tritt eine ganze Gründergeneration ab. Mehr als die Hälfte der Betriebe sind betroffen. Zehntausende Unternehmen drohen zu verschwinden und mit ihnen Abertausende Arbeitsplätze, gerade in ländlichen Regionen.
Um dieses Szenario abzuwenden, gibt es keine einfache Lösung. Das Handwerk wird viele Schritte machen müssen, um den Fachkräftemangel zu mildern. Eine Möglichkeit heißt: Zuwanderung. ZDH-Generalsekretär Schwannecke berichtete von einem vielversprechenden Modellprojekt mit Jordanien.
Gymnasien im Blick
Viel verspricht sich das Handwerk auch von einer verpflichtenden Berufsorientierung an den Schulen, die nicht in allen Bundesländern üblich ist. Vor allem Gymnasien müssten mehr auf Karrierewege im Handwerk hinweisen. Die Gründung oder Übernahme von Betrieben müsse gefördert, die Meisterfortbildung bezuschusst oder ganz bezahlt werden. ZDH-Generalsekretär Schwannecke forderte die Politik auf, die Betriebsberatung weiterhin großzügig zu unterstützen. Er mahnte einen Ausbau der Kinderbetreuung an, um Frauen die Berufstätigkeit zu erleichtern.
Bäckermeister Hennig empfahl der Politik, die Erbschaftsteuer unternehmerfreundlicher zu gestalten und beispielsweise die 90-Prozent-Regelung beim Verwaltungsvermögen zu überdenken. Viele Betriebe könnten nicht übergeben werden, "weil es finanziell nicht machbar ist“. Unverständnis äußerte der sächsische Unternehmer auch über die Höhe der Mindestausbildungsvergütung bei Azubis. Er befürchtet, dass viele Betriebe in Ostdeutschland sich aus der für sie kostspieligen Ausbildung zurückziehen könnten.
Politik fürs Handwerk
Warum die Politik vor allem in Berlin trotz offenkundiger und unstrittiger Probleme nicht schneller reagiere, etwa beim Azubi-Mindestlohn oder auch bei den Härtefallhilfen für energieintensive Handwerksbetriebe, stand als Frage im Raum.
Sachsens Ministerpräsident Kretschmer hatte, zumindest aus CDU-Sicht, eine Antwort parat: "Die Leute, die in den Bundestag gewählt worden sind, sind zu einem geringen Teil von Handwerkern gewählt worden." Andere gesellschaftliche Gruppen mit anderen politischen Themen stünden der derzeitigen Bundesregierung näher. Politik könne sich im Sinne des Handwerks grundlegend nur mit anderen Mehrheiten ändern.
Womöglich hätte Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Die Linke) widersprochen. Doch der fehlte wegen einer Erkrankung auf dem Podium. Ebenso wie sein Kollege Reiner Haseloff (CDU) aus Sachsen-Anhalt, der zeitgleich in Berlin stolz verkündete, dass das "Zukunftszentrum Deutsche Einheit" in Halle errichtet werden wird.