Selbstständige mit Migrationshintergrund So bringen Migranten das Handwerk voran

Sie beleben die Wirtschaft, schaffen Arbeitsplätze und federn den Abwärtstrend bei den Gründungszahlen deutlich ab: Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund. Auch im Handwerk gibt es viele Erfolgsgeschichten – abseits gängiger Klischees.

Friseurmeisterin Leyla Alptekin
Bis Leyla Alptekin ihren Friseursalon in Bielefeld eröffnet hat, war es ein langer Weg. Doch die Friseurmeisterin gibt nicht auf: "Ich hatte mein Ziel immer fest vor Augen. Ich wollte unbedingt unabhängig sein." - © Sarah Jonek

Die Zahl der Gründungen geht in Deutschland seit Jahren zurück. Doch es gibt eine Gruppe, die sich diesem Trend widersetzt: Menschen mit Migrationshintergrund. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung ist die Zahl der Selbstständigen mit ausländischen Wurzeln in den Jahren 2005 bis 2018 um ganze 36 Prozent gestiegen. Demnach hatten 2018 mehr als 770.000 Selbstständige hierzulande einen Migrationshintergrund. Das bedeutet, die Person selbst oder mindestens eines ihrer Elternteile ist nicht in Deutschland geboren.

Längst keine Klischees mehr

"Selbstständige mit Migrationshintergrund stemmen sich nicht nur gegen die Gründungsmisere in Deutschland, sie leisten auch einen großen Beitrag, wenn es um die Beschäftigung geht", sagt Armando García Schmidt von der Bertelsmann Stiftung. "Die Zahl der in Migrantinnen- und Migrantenunternehmen Beschäftigen ist zwischen 2005 und 2018 von rund 980.000 auf rund 1,5 Millionen gewachsen", so der Wirtschaftsexperte, der die Potenziale dieser Unternehmergruppe in mehreren Studien untersucht hat.

Einen positiven Wandel gab es in den letzten Jahren auch bei den Branchen, in denen Selbstständige mit Migrationshintergrund aktiv sind, erklärt García Schmidt: "Entgegen vieler Vorurteile handelt es sich bei diesen Unternehmen längst nicht mehr um Klischees wie die Dönerbude von nebenan oder das vietnamesische Nagelstudio." Zwar sei ein großer Teil noch immer im Handel oder Gastgewerbe tätig. "Der Anteil der Selbstständigen mit Migrationshintergrund wächst aber vor allem bei den wissensintensiven Dienstleistungen, im verarbeitenden Gewerbe sowie im Baugewerbe“, so García Schmidt.

Alka Bau aus Kassel: Erfolgsbeispiel mit 20 Mitarbeitern

Ein Erfolgsbeispiel aus der Branche ist Alka Bau aus Kassel. Der Handwerksbetrieb wurde 2004 von Tevfik Albayrak gegründet und ist spezialisiert auf Hoch- und Tiefbau. Albayrak ist gelernter Maurer und in Deutschland geboren, hat aber einen türkischen Migrationshintergrund. Seinen Betrieb leitet er gemeinsam mit seiner Frau Zühal Albayrak. Sie ist mit neun Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen und übernimmt die Arbeit im Büro. Heute sind bei Alka Bau 20 Mitarbeiter angestellt. Bis es dazu gekommen ist, war es jedoch ein steiniger Weg. "Ich habe meine Firma aus der Arbeitslosigkeit heraus gegründet", erzählt Tevfik Albayrak. Hinzu kam: Für seine Brüder, die damals ebenfalls als Bauunternehmer selbstständig waren, habe er als 19-Jähriger einen großen Berg Schulden aufgenommen. "Im Nachhinein war das ein großer Fehler, aber diese Erfahrung hat mich stark für meine eigene Selbstständigkeit gemacht", sagt der Handwerker.

Erfolgreiches Unternehmerpaar: Tevfik und Zühal Albayrak beschäftigten heute 20 Mitarbeiter. Ihr Team soll weiter wachsen. - © Harry Soremski

Mit einem Startkapital von 200 Euro gründet das Paar schließlich sein Unternehmen. "Davon haben wir uns die ersten Werkzeuge gekauft", erinnert sich Tevfik Albayrak. Mit viel Fleiß, Einsatz und dem Geld aus einem Förderprogramm bauen sie sich Schritt für Schritt ihr Unternehmen auf, über alte Kontakte aus seiner Ausbildungs- und Vorarbeiterzeit können sie erste Aufträge im Trockenbau akquirieren.

Auch damalige Schwierigkeiten, die aufgrund ihres Migrationshintergrundes auftreten, können die beiden überwinden. "Insbesondere bei öffentlichen Aufträgen sind die bürokratischen Anforderungen sehr hoch", sagt Tevfik Albayrak. Als sich die Unternehmer für einen solchen Auftrag bewerben wollen, stoßen sie zunächst auf Skepsis. "Der Auftraggeber hatte wohl schlechte Erfahrungen mit Unternehmern gemacht, die einen ausländischen Hintergrund hatten, weil es sprachliche Hürden gegeben hatte", erzählt Tevfik Albayrak. "Diese Zweifel konnten wir aber ausräumen, weil wir unter anderem auch eine deutsche Bauleitung und Fachkräfte hatten. Schließlich haben wir den Auftrag bekommen und ab da war der Grundstein für unser Wachstum gelegt."

Friseurmeistern Leyla Alptekin: "Mir war es wichtig, nicht auf andere angewiesen zu sein"

García Schmidt weiß, dass Menschen mit Migrationshintergrund in ihrer Selbstständigkeit oft auf zusätzliche Schwierigkeiten stoßen: "Es fehlt ihnen nicht nur an Netzwerken, sondern vielfach auch an Zugängen zu wichtigem Wissen, das für die Gründung benötigt wird", erklärt er. Fehlende Sprachkenntnisse können hierbei eine Rolle spielen.

Friseurmeisterin Leyla Alptekin kennt das. Sie ist in Bielefeld mit ihrem Friseursalon "Leyla Hair and Beauty" seit acht Jahren selbstständig. Die jesidische Kurdin kam als junge Frau aus Syrien nach Deutschland, weil sie hoffte, hier eine bessere berufliche Perspektive zu haben. Sie macht zunächst einen Sprachkurs, holt dann ihren Haupt- und Realschulabschluss nach. Auch weil sie in ihrer Freizeit gerne ihre Verwandten frisiert und sich ein großes Talent bei ihr zeigt, beschließt sie, sich als Friseurin selbstständig zu machen. "Der Hauptgrund war aber, dass ich mich unbedingt unabhängig machen wollte. Mir war es immer wichtig, nicht auf andere angewiesen zu sein", erzählt sie.

Bei der Handwerkskammer wird ihr gesagt, dass sie für die Selbstständigkeit zunächst eine Ausbildung machen muss bzw. einen Gesellen- und Meisterbrief braucht. Weil Alptekin zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Kinder hat, wird es ihr ermöglicht, eine finanzierte, verkürzte Ausbildung zu beginnen. Doch bereits in den ersten zwei Wochen nach Start merkt die Friseurmeisterin, dass sie schwanger mit ihrem dritten Kind ist. "Mir wurde dann von der Handwerkskammer und der Stadt Bielefeld gesagt, dass ich keine Chance hätte, die Ausbildung erfolgreich zu beenden, da durch die Schwangerschaft zu viele Fehlzeiten entstehen würden." Doch die junge Mutter gibt nicht auf, hält an ihrem Plan fest: "Ich hatte eine Idee und ein Konzept. Ich habe immer fest an mich geglaubt", sagt sie.

Das Ziel fest vor Augen

Schließlich darf sie die Ausbildung beenden – und schließt diese sogar als Klassenbeste ab. Im Anschluss macht sie den Meisterkurs. "Ich hatte ständig ein Wörterbuch dabei und frage mich selbst bis heute noch, wie ich das damals geschafft habe. Aber ich hatte mein Ziel immer fest vor Augen. Ich wollte unbedingt unabhängig sein", erzählt sie. Ihr Ehemann und ihre ebenfalls in Deutschland lebende Familie halten ihr in dieser Zeit den Rücken frei und unterstützen sie bei der Kinderbetreuung.

2014 ist es schließlich soweit: Alptekin eröffnet ihren eigenen Friseursalon in Bielefeld. Kurz zuvor werden ihr bei der Finanzierung jedoch noch einmal Steine in den Weg gelegt. Als sie sich für ein Förderprogramm für Gründer bewirbt, wird sie von den Entscheidungsträgern abgelehnt. "Mir wurde gesagt, dass mein Konzept für mich eine Nummer zu groß sei. Ich wusste aber immer, dass ich mit meinem Geschäft erfolgreich sein werde. Pleite gehen war für mich nie eine Option", sagt sie. Als Alptekin ihren Businessplan noch einmal bei einer Bank vorstellt, überzeugt sie mit ihrer Idee und bekommt schlussendlich einen Kredit bewilligt.

Kfz-Meister Alexej Holm
Kfz-Meister Alexej Holm 2019 hat viele Jahre Berufserfahrung gesammelt, bevor er den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. - © KD Busch

Kfz-Meister Alexej Holm: "Zeit, mein eigenes Geld zu verdienen"

Das Gefühl nicht ernstgenommen zu werden, kennt auch Kfz-Meister Alexej Holm aus Magstadt bei Stuttgart. Er wandert 1999 mit seiner Familie aus Russland ein und macht mit 16 Jahren eine Ausbildung in einem Reifenservice. Als Geselle bzw. Werkstattmeister sammelt er 16 Jahre weitere Erfahrung in einer freien Werkstatt, bis er seine Anstellung kündigt: "Es war einfach an der Zeit, mein Geld selbst zu verdienen", begründet der Kfz-Meister seinen Schritt. Mit dem Arbeitsamt spricht er damals über seine Pläne: "Obwohl ich mich selbst über die Selbstständigkeit erkundigt habe, Anträge gestellt und alle wichtigen Unterlagen gesammelt habe, haben sie mir immer wieder geraten, mir einen Job zu suchen", sagt er. Er habe sich in dieser Zeit mehr Unterstützung gewünscht.

Eine gute Beratung braucht jeder Gründer. Um das Unternehmertum von Menschen mit Migrationshintergrund besser zu fördern, sind aber insbesondere für diese Gruppe zielgruppenspezifische Angebote nötig, sagt García Schmidt. Viele Institutionen hätten hier noch Nachholbedarf. So scheitere es bereits oft daran, dass die Beratungen nur auf Deutsch angeboten werden. "Eine gute Beratungsinfrastruktur ist aber wichtig, damit Gründerinnen und Gründer mit Migrationshintergrund mehr Zugänge zu notwendigem Wissen erhalten. Die Beratung muss nicht nur fachspezifisch, sondern auch auf Augenhöhe sein, zum Beispiel mithilfe von fremdsprachigen Beraterinnen und Beratern."

Dankbar über die Selbstständigkeit

Immerhin hat Holm nicht nur schlechte Erfahrungen in diesem Punkt gemacht. Es ist schließlich die Handwerkskammer Stuttgart, die ihm bei der Gründung unter die Arme greift und gemeinsam mit ihm die passenden Betriebsräume für sein Unternehmen findet. Nach rund drei Jahren Selbstständigkeit hat Holm mittlerweile einen festen Kundenstamm und bildet sogar zwei Auszubildende in seiner Werkstatt aus.

Trotz aller Schwierigkeiten sind die drei Unternehmer froh, den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt zu haben. "Dort wo ich herkomme, hatte ich das Gefühl, mich beruflich nicht entwickeln zu können", sagt Friseurmeisterin Leyla Alptekin. "Umso dankbarer bin ich, dass ich mich hier mit meinem eigenen Salon verwirklichen konnte."