Spezialisiert auf Afrohaar Afrosisters: Wie zwei Friseurinnen zu mehr Selbstliebe beitragen

Weil Haar nicht gleich Haar ist, haben sich zwei Schwestern mit einem besonderen Friseursalon selbstständig gemacht: Die "Afrosisters" aus Karlsruhe sind auf Locken und Afrohaare spezialisiert.

Großes Vorbild: Mebrat Teklesembet (Mitte) hat den beruflichen Weg ihrer Töchter Rima Sium (links) und Semy Teklesembet geprägt. - © privat

Früh legt Mebrat Teklesembet den Grundstein für die berufliche Karriere ihrer beiden Töchter. 1995 eröffnet die junge Mutter am Karlsplatz in Karlsruhe einen Afroshop. Dort verkauft sie Pflegeprodukte für Afrohaare, frisiert und flechtet traditionelle Frisuren wie Corn Rows, Dreadlocks oder Rastazöpfe. "Schon damals war es für Schwarze schwer, an die passenden Produkte für ihr Haar zu kommen", erinnert sich Tochter Rima Sium.

Der Laden läuft gut – und nicht nur Menschen mit afrikanischen Wurzeln lassen sich von Teklesembet frisieren. "Hiphop war in 90er Jahren total angesagt“, erklärt Sium. Damals verlangen die Kunden Frisuren nach Vorbild bekannter Stars – Sängerinnen wie Lauryn Hill oder Rapper wie Snoop Dogg.

Sium und ihre Schwester Semy Teklesembet verbringen nach der Schule viel Zeit im Geschäft der Mutter, schauen ihr bei der Arbeit über die Schulter und lassen sich von ihrer Leidenschaft fürs Afrohaar anstecken. Beide entscheiden sich dafür, Erfahrungen in anderen Friseursalons zu sammeln und eine Ausbildung zur Friseurin zu machen. Semy Teklesembet lässt sich zudem zur Friseurmeisterin fortbilden. 2004 eröffnen die Frauen ihren eigenen Afrosalon in Karlsruhe: "Wir wollten einfach etwas Moderneres machen, denn auch viele Afroshops sind bei der Haarmode stehengeblieben“, sagt Sium.

Nur wenig Friseure, die sich mit Afrohaar auskennen

Heute sind die "Afrosisters“ Expertinnen, wenn es um das Schneiden, Frisieren und Stylen von Locken und Afrohaaren geht. Für sie ist ihr Friseursalon aber nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern ein Herzensprojekt. Sie verfolgen ein besonderes Anliegen. "Wir geben unseren Kunden alles Wissen an die Hand, damit auch sie sich mit ihren Haaren wohlfühlen", sagt Sium. Afrohaar benötigt eine besondere Pflege. Das Wissen darüber hätten aber nur die Wenigsten: "Viele unserer Kunden tragen ihr Haar nicht im optimalen Zustand. Oft ist es ausgetrocknet, weil es nicht richtig behandelt oder die falschen Produkte benutzt wurden“, erklärt Sium. Vor allem junge schwarze Frauen und Männer in Deutschland würde es deshalb oft schwerfallen, sich mit ihrem Haar wohlzufühlen. "Gepflegtes Haar trägt aber viel dazu bei, sich schön zu fühlen. Das Haar ist schließlich die Krone eines jeden Menschen“, sagt Sium.

Sie selbst habe in ihrer Ausbildung zur Friseurin nichts über das Frisieren von Afrohaare gelernt, wünscht sich aber, dass sich das in Zukunft ändert. Das Schneiden verschiedener Haartypen ist zwar in der deutschen Friseur-Ausbildungsordnung als ganzheitlicher Ansatz verankert, wie der Zentralverband des Deutschen Friseurhandwerks auf Anfrage der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ) mitteilt. Explizit unterschieden würden die Haartypen aber nicht. Anders ist das zum Beispiel in Großbritannien. Dort sind Afrohaare seit einiger Zeit ein fester Bestandteil des Lehrplans.

Natürlichkeit ist angesagt

Sium habe deshalb schon Workshops an der Carl Hofer Berufsschule in Karlsruhe gegeben, in denen sie dafür sensibilisiert hat, Afrohaare in der Friseurausbildung stärker zu integrieren. In ihrer täglichen Arbeit geben die Friseurinnen ihren Kunden zudem viele Tipps für die Pflege ihrer individuellen Lockentypen. Den Schwestern ist dabei aufgefallen, dass im Gegensatz zu früher immer mehr Kunden fragen, wie sie mit ihrem
natürlichen Afrohaar umgehen sollen.

Zusammenhängen kann das mit dem "Natural Hair Movement". Dabei handelt es sich um eine Bewegung aus den USA, die ihren Ursprung in der Black Power-Bewegung der 60er Jahre haben soll. Das "Natural Hair Movement“ hat vor ein paar Jahren wieder Auftrieb bekommen. Schwarze Frauen und Männer entscheiden sich bewusst dafür, ihre Afrolocken natürlich zu tragen und nicht nach den Schönheitsstandards der weißen Gesellschaft. Das Haar wird damit ein politisches Statement, ein Zeichen des Widerstandes gegen den Rassismus und die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung.

Themen, mit denen sich auch die "Afrosisters“ beschäftigen. Ihnen ist es besonders wichtig, auf die Nachwirkungen des deutschen Kolonialismus in Afrika aufmerksam zu machen. So haben sie etwa ehrenamtlich als Visagistinnen, Hairstylistinnen und Models das Projekt "Sufferhead" des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh unterstützt, der sich in seiner Kunst ebenfalls mit dem Thema befasst.

Herkunft spielt bei Afrosisters eine große Rolle

Auch die Entscheidung für die eigene Selbstständigkeit hat etwas mit ihrer Herkunft zu tun. Beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, ist in ihrem Geburtsland Eritrea nicht unüblich. Von dort aus ist ihre Mutter gemeinsam mit den Kindern vor 40 Jahren vor dem Unabhängigkeitskrieg geflohen. "In Eritrea es für Frauen normal, sich selbstständig zu machen. Denn es gibt dort im Gegensatz zu Deutschland keine sozialen Sicherungssysteme“, erklärt Sium.

Der Laden der Mutter ist mittlerweile geschlossen, aber die Schwestern entwickeln ihr Geschäftskonzept immer weiter. "Viele Pflegemittel für Afrohaare enthalten Chemie, deshalb wünschen sich immer mehr junge Menschen nachhaltige und ökologische Produkte für ihr Haar“, so Sium. Deshalb eröffnen die Schwestern einen neuen Onlineshop auf ihrer Website, in dem sie genau solche Produkte anbieten – passend dazu gibt es eine individuelle Anleitung, wie das jeweilige Haar zu pflegen ist. So wollen die "Afrosisters“ weiter dazu beitragen, dass sich mehr Menschen mit ihrem natürlichen Haar wohlfühlen.