Interview Von Flechtwaren, Einzelkämpfern und einer Spielfigur

Sie arbeiten meist in kleinen Werkstätten, behaupten sich gegen die Billig-Konkurrenz aus Fernost und profitieren von dem wachsenden Do-it-yourself-Trend: Korb- und Flechtwerkgestalter. Ein Interview mit Bundesinnungsmeister Ronald Helbing über eine traditionell geprägte Branche, die jetzt mit einer ungewöhnlichen Sympathieträgerin auf sich aufmerksam machen möchte. 

Ronald Helbing: Bundesinnungsmeister des Bundesinnungsverbandes für das Korb- und Flechtwerkgestalterhandwerk. - © Ronald Helbing

Rund 100 Korb- und Flechtwerkgestalter gibt es noch in Deutschland. Tendenz sinkend. Noch viel kleiner wird die Zahl, wenn man nach Menschen mit Meistertitel in diesem Handwerk Ausschau hält. Mit seiner abgeschlossenen Meisterprüfung stellt Ronald Helbing somit eine Rarität in Deutschland dar. Die Entscheidung für den Beruf fiel damals auch aus gesundheitlichen Gründen. Von Geburt an ist der 51-Jährige sehbehindert. "Da war die Wahl der für mich erlernbaren Berufe sehr gering." 1988 startete er seine Ausbildung zum Korb- und Flechtwerkgestalter in der damaligen DDR. 2001 gründete Helbing seinen eigenen Betrieb, die manufact gGmbH. Seit 2019 ist er der Bundesinnungsmeister des Bundesinnungsverbandes für das Korb- und Flechtwerkgestalter Handwerk.

Im Interview mit der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ) erläutert Helbing, wie sich die Branche gegen die Industrie behauptet, worin die aktuell größten Herausforderungen liegen und mit welchen Maßnahmen der Bundesinnungsverband wieder stärker auf sich und den Berufsstand aufmerksam machen möchte.

"Der große digitale Durchbruch wird nicht kommen"

Wie hat sich die Arbeit des Korb- und Flechtwerkgestalters in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Ronald Helbing: Vor 20 bis 40 Jahren waren die Betriebe mehr auf die Serienfertigung fokussiert. Die einzelnen Korbvarianten wie Einkaufs-, Regal- oder Brotkörbe entstanden meist in Serienproduktion. Heutzutage sind wir eher zu speziellen Einzelanfertigungen übergegangen. Dadurch entstehen individuelle Produkte, die persönlich auf den Kunden zugeschnitten sind. Das macht die Arbeit jeden Tag zu einer neuen Herausforderung.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihrer Branche?

Die Digitalisierung findet sehr zurückhaltend statt. Der Online-Handel spielt noch keine große Rolle. Ich hatte eigentlich die Hoffnung, dass die Corona-Krise eine Trendwende herbeiführt. Die alteingesessenen Handwerker vertrauen aber nach wie vor überwiegend auf Mund-zu-Mund-Propaganda. Frisch ausgelernte Jungeinsteiger haben das Thema auf dem Schirm und dürften in Zukunft verstärkt auf E-Commerce und Online-Werbung setzen. Die Arbeit an sich wird und muss weiterhin mit der Hand ausgeübt werden. Vielleicht wird im Bereich der Gestaltung in Zukunft mehr auf Computer und Programme gesetzt. Zeichnungen können digital erstellt und designt werden. Der große digitale Durchbruch wird aber nicht kommen. Das klassische Handwerk zeichnet sich dadurch aus, dass wir in der Werkstatt stehen und dort unsere Produkte mithilfe unserer Sinnesorgane herstellen.

Vertrieb über Kunst- und Handwerkermärkte während Corona-Krise eingebrochen

Sie haben gerade die Corona-Krise angesprochen. Welche Auswirkungen hatte diese auf das Korb- und Flechtwerkgestalter-Handwerk?

Die Auswirkung auf Betriebe, welche ihre Produkte in Selbstvermarktung vertreiben, also hauptsächlich auf Kunst- und Handwerkermärkte gehen, war groß. Durch die nicht stattfindenden Märkte war für einige ein starker Umsatzeinbruch festzustellen. Die Betroffenen mussten neue Wege suchen. Zum Beispiel im Onlinehandel oder mit regionaler Werbung in der Umgebung. Unserer Handwerkskollegen, die im Bereich der Fortbildungen aktiv sind, hatten auch Probleme. Die angebotenen Flechtkurse durften zunächst gar nicht durchgeführt werden, am Ende dann nur mit teils strengen Maßnahmen und einer geringen Teilnehmerzahl.

Mussten Betriebe aufgeben?

In unserer Branche sind die meisten Betriebe Einmannbetriebe. Die Einzelkämpfer sind über die Runden gekommen. Es wird sicherlich den ein oder anderen gegeben haben, der sich anderweitig auf dem Arbeitsmarkt umgeschaut hat und das Flechten aufgegeben hat. Aber in anderen Handwerksbranchen war es deutlich schlimmer als bei uns.

Wie wirkt sich die aktuelle Energiekrise aus?

Wir sind ein klassisches Handwerk, das nicht viel Energie in der Produktion verbraucht. Außer dem Licht zum Arbeiten haben wir nicht wirklich viel Energiebedarf. Es gibt sehr wenig bis gar keinen maschinellen Einsatz. Die meisten Werkstätten der Einzelunternehmer sind auch eher klein, dadurch fallen die Heizkosten geringer aus. Mittelständische und größere Handwerksbetriebe haben hier mehr Probleme.

Spielen Fachkräftemangel und Lieferengpässe eine Rolle in Ihrer Branche?

Wie bereits erwähnt, sind viele Einzelhandwerker in der Branche aktiv. Eine zusätzliche Arbeitskraft können sich die meisten nicht leisten. Deshalb kann man zur momentanen Zeit nicht von einem Fachkräftemangel bei den Korb- und Flechtwerkgestaltern reden. Engpässe können ab und zu entstehen. Das ist aber jedes Jahr der Fall und hat nichts mit der aktuellen Situation zu tun. Wir arbeiten mit einem Naturprodukt, deshalb ist es von den jahreszeitbedingten Witterungen und Aufwüchsen abhängig, welches Material verfügbar ist. Gerade bei der Korbweide sind gewisse Stärken und Längen manchmal nicht im gewünschten Umfang verfügbar. Bisher bestand aber fast immer die Möglichkeit, genügend Material für die Betriebe zu beschaffen.

"Ein seit Jahren beliebtes Highlight ist der Strandkorb"

In welchen Produkten und Dienstleistungen sehen Sie den wichtigsten Markt für Korb- und Flechtwerkgestalter?

Das ist schwer auszumachen. Ich selbst bin Inhaber eines kleinen Betriebes mit vier Mitarbeitern. Wir haben eine große Produktpalette und der Bedarf ist saisonabhängig. Im Herbst und Winter sind Korbwaren sehr beliebt. Im Frühjahr und Sommer läuft es im landschaftsarchitektonischen Bereich super. Viele Betriebe haben sich auch auf den reinen Möbelbau spezialisiert. Ein seit Jahren beliebtes Highlight ist der Strandkorb. Zudem werden Flechtkurse immer populärer. Das Interesse am Flechten bestand schon länger, die Corona-Pandemie gab dem aber nochmal einen Auftrieb. Immer mehr Menschen wollen selbst handwerklich aktiv werden. In Kursen können sie herausfinden, was eigentlich hinter der Arbeit steckt. Dadurch ist die Wertschätzung für unser Handwerk sehr gestiegen. Die Teilnehmer erkennen, dass die Arbeit sehr zeitintensiv ist und viel Engagement benötigt.

Wie ist der Beruf für die Zukunft aufgestellt?

Unser Beruf ist sehr nischenhaft. Wir haben mit der Handelsware aus dem fernöstlichen Ausland eine starke Konkurrenz. Somit sind die Marktchancen für junge Menschen nicht so groß wie in anderen Gewerken. Die Themen Nachhaltigkeit, Ökologie und Klimawandel könnten dem Flechthandwerk in die Karten spielen. Plastik- oder Kunststoffprodukte wie Waschkörbe, Tabletts oder Gefäße könnten in Zukunft wieder durch Korbwaren ersetzt werden. Wir rechnen damit, dass sich Kunststoff und Plastik in Zukunft stark verteuern werden. Das wäre unsere Chance.

Wie steht es um den Nachwuchs in Ihrem Handwerk?

Der einzelne kleine Handwerker kann sich einen Lehrling finanziell meist nicht leisten. Nahezu alle Auszubildenden bestreiten ihre Ausbildung in der staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung im bayerischen Lichtenfels. Die Lehre dauert drei Jahre, danach besteht für die ausgelernten Handwerker die Möglichkeit zu einem Betrieb zu wechseln. Durch den neuen Mindestlohn ist es für die meisten allerdings schwierig, Angestellte einzustellen. Durch die erhöhten Kosten müssten auch die Produkte teurer werden. Ob der Kunde bei einem deutlich billigeren Angebot aus dem Ausland noch regional kauft, ist dann eher unwahrscheinlich. Die meisten Ausgelernten gehen deshalb nach bestandener Prüfung den Weg in die Selbstständigkeit.

Momentane Anzahl der Lehrlinge in der Ausbildung auf der staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung:

erstes Lehrjahr: 6 Lehrlinge
zweites Lehrjahr: 12 Lehrlinge
drittes Lehrjahr: 11 Lehrlinge

Warum sollten junge Menschen eine Ausbildung als Korb- und Flechtwerkgestalter beginnen?

Es ist ein Beruf, in dem man sich künstlerisch verwirklichen kann. Es ist ein schönes Zusammenspiel zwischen Arbeit mit den Händen und dem Ausleben der eigenen Kreativität. Der Beruf wird in Zukunft weiterhin seine Daseinsberechtigung haben. Flechtwaren gehören zur Gesellschaft dazu. Ein geflochtenes Tablett oder einen geflochtenen Einkaufskorb wird es in jedem Haushalt geben. Die Produkte sind sehr nachhaltig und überleben meist mehrere Generationen.

"Das Flechthandwerk wird in den nächsten Jahren nicht aussterben"

Wie setzen Sie sich von der Industrie und der Massenware ab?

Unserer Produkte haben eine deutlich höhere Qualität als die der Industriefirmen. Außerdem sind die Produkte langlebiger und können durch individuelle Anpassungen punkten. Zudem sind unsere Produkte aufgrund der kurzen Transportwege sehr nachhaltig.

Wie kann die Branche vom Aussterben bewahrt werden?

Der Bundesinnungsverband und Innungen müssen immer stärkere Öffentlichkeitsarbeit leisten, um das Handwerk nach außen zu tragen. Die Gesellschaft darf nicht vergessen, dass es immer noch Flechthandwerker in Deutschland gibt. Das Flechthandwerk wird in den nächsten Jahren nicht aussterben. Man kann nur verzeichnen, dass es viele im Nebenerwerb oder als Hobby ausüben.

Neue Sympathieträgerin der Branche: Die Playmobilfigur "Korbflechterin" - © Faszination Flechten

Eine Spielfigur für mehr Aufmerksamkeit

Am 23. Januar starteten Sie eine eher außergewöhnliche Werbekampagne, um auf den Beruf und die Branche aufmerksam zu machen. Eine Playmobilfigur als Werbeträger, wie kam es dazu und was erhoffen Sie sich davon?

Wir haben lange überlegt, was wir tun können, um unser Handwerk in die Öffentlichkeit zu tragen. Eines unserer Vorstandsmitglieder hat mitbekommen, dass die Firma Playmobil Sonderfiguren herstellt. Daraufhin haben wir den Kontakt gesucht und unsere Idee vorgestellt. Playmobil fand diese super und so startete der Entwicklungsprozess. Seit dem 23. Januar ist die Sonderfigur "Korbflechterin" nun als Sympathieträgerin auf dem Markt zu erwerben. Das Ziel ist einerseits Aufmerksamkeit, andererseits wollen wir mit den Einnahmen unseren Mitgliedsbetrieben etwas zurückgeben. Geplant sind Seminare und Weiterbildungsmöglichkeiten in den Bereichen Betriebsführung oder Onlinevermarktung.

Wie ist es um das Innungswesen im Handwerk bestellt?

Wir sind eine relativ kleine Berufsgruppe und deutschlandweit sehr verstreut. Der nördlichste Betrieb liegt in Kiel und der südlichste in Rosenheim. Dieses Gebiet müssen wir als Bundesinnungsverband komplett abdecken. Wir haben mittlerweile eine vereinte Innung, welche aus der Fusion von 13 verschiedenen Bundesländern entstanden ist. Die restlichen drei möchten bzw. sollten noch hinzustoßen. Dann haben wir eine einheitliche Bundesinnung, welche als Interessenvertreter in der Politik und Öffentlichkeit auftreten kann. In unserer kleinen Gruppe ist es nur schwer, aktive Helfer zu finden, die bei der Mitgestaltung mit anpacken. Die vereinte Innung hat momentan etwas mehr als 50 Mitglieder. Der Bundesinnungsverband zehn Mitglieder. Alle Mitgliedsbetriebe, welche in der vereinten Innung ansässig sind, gehören zeitgleich zum Bundesinnungsverband. Der Bundesinnungsverband unterstützt durch Betriebsberatung, Kontaktvermittlung unter den Betrieben und die Öffentlichkeitsarbeit mit Pressevertretern, Politik und mit der Gesellschaft.