Konjunktureinbruch Rückgang im Wohnungsbau beschleunigt sich

Was viele Experten befürchtet hatten, tritt nun ein: Der Wohnungsbau geht massiv zurück. Viele Handwerksbetriebe zeigen sich pessimistisch. Doch der Staat könnte mit kluger Politik gegensteuern.

Ausbaugewerke
Die Krise am Bau drückt die Stimmung im Handwerk. - © www.bild-text-ton.de

Die Talfahrt im Wohnungsbau beschleunigt sich. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sind die Auftragseingänge im Wohnungsbau im Oktober um nominal 14 Prozent unter dem Vorjahreswert geblieben. Es ist der dritte Monat in Folge, in dem im Wohnungsbau die Aufträge in deutlich zweistelliger Höhe ausbleiben. Eine Trendumkehr ist mit Blick auf die Baugenehmigungen in den nächsten Monaten nicht in Sicht. Die genehmigten Wohneinheiten gingen im Oktober um gut 14 Prozent zurück.

Der Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, Felix Pakleppa, sagte: "Was uns große Sorgen macht: Das betrifft nun auch den Mehrfamilienhausbau." Die heute fehlenden Aufträge seien die fehlenden Fertigstellungen von morgen.

Pakleppa sagte: "Man sieht deutlich, dass Inflation und steigende Zinskosten nachhaltig die Investitionsbereitschaft im Wohnungsbau bremsen." Es sei gut, dass die Bundesregierung mit der Gas- und Strompreisbremse Signale setze, der Verteuerung bei der Lebenshaltung entgegenzuwirken. Auch die zum Jahresbeginn 2023 avisierten verbesserten Abschreibungsbedingungen könnten dem Mietwohnungsbau Impulse bringen, so Pakleppa.

Bessere Förderung angemahnt

Das allein werde aber nicht reichen. "Um dem drohenden Abwärtsszenario zu begegnen, müssen die Förderbedingungen für Neubau und Sanierung auskömmlich und niedrigschwellig ausgestaltet werden." Die geplante Veröffentlichung der Fördervoraussetzungen erst zum März 2023 bringe nicht die erforderliche Planungsklarheit. Pakleppa sagte: "Wir halten das angekündigte Volumen von einer Milliarde Euro für deutlich zu niedrig." Besser sei es, sich am bisherigen Volumen von zehn Milliarden Euro zu orientieren.

Ähnlich kritisch wie der Vertreter der mittelständischen Bauwirtschaft äußerte sich auch die Bauindustrie. "Die Bauindustrie startet leider nicht mit Rückenwind ins Schlussquartal. Im Gegenteil: Der Gegenwind wird immer stärker", kommentierte Hauptgeschäftsführer Tim-Oliver Müller.

Kritik an Ifo-Gutachten

Anders als das Ifo-Institut kürzlich einschätzte, könne man die Branche nicht als Inflationsgewinner darstellen – auch wenn der Umsatz 2022 nominal noch im Plus ist und das reale Minus auf überdurchschnittliche Preissteigerungen für Bauleistungen zurückzuführen ist. "Die Einschätzung ist ein Schlag ins Gesicht der Bauunternehmen, die aufgrund steigender Preise für Baumaterialien und Energie um ihre Existenz kämpfen. Schließlich konnten viele ihre gestiegenen Kosten – auch schon aufgrund langlaufender Verträge – nicht oder erst mit Zeitverzögerung an ihre Auftraggeber weitergeben."

Die Lage der Bauwirtschaft hat große Auswirkungen auch aufs Handwerk, wie sich am Beispiel der Handwerkskammer für München und Oberbayern zeigt. So blicken die oberbayerischen Handwerksbetriebe deutlich pessimistischer in die Zukunft. Der Anteil der Unternehmen, die in 2023 höhere Umsätze erwartet, hat sich verglichen mit dem Vorjahreswert mehr als halbiert. Knapp die Hälfte erwarten stagnierende Geschäfte und mehr als ein Drittel sogar Umsatzeinbußen. Das zeigen die "Handwerkstrends 2023", eine Umfrage der Handwerkskammer unter ihren Mitgliedsbetrieben. Als Grund führt die Kammer den schwächelnden Baubereich an, der die Handwerkskonjunktur jahrelang angetrieben hat. Die Gründe dafür liegen maßgeblich in der geringeren Nachfrage nach Bauleistungen, die wiederum eine Folge der steigenden Zinsen, der hohen Inflation und auslaufender Förderprogramme ist.

Moderat steigende Bauzinsen erwartet

In diesem Jahr sind die Bauzinsen rasant gestiegen und haben den Immobilienkauf für viele Menschen unbezahlbar gemacht. 2023 dürften die Zinsen nicht mehr so stark zulegen. Eine Wende zu dauerhaft wieder sinkenden Zinsen halten Experten indes ebenso für unwahrscheinlich. Denn die großen Zentralbanken haben angekündigt, im Kampf gegen die Inflation die Leitzinsen weiter anzuheben. Die Europäische Zentralbank hat jüngst ihre Prognose für die Inflation in der Eurozone angehoben und weitere Zinserhöhungen angekündigt. Auch die US-Notenbank will die Zinsen anheben, auch wenn die Schritte nun kleiner ausfallen dürften.

In diesem Jahr haben sich die Bauzinsen von knapp einem Prozent auf zuletzt rund 3,5 Prozent für zehnjährige Kredite erhöht. Im Herbst wurde kurz die Marke von 4 Prozent erreicht. Grund für den Aufwärtsdruck waren die steigenden Leitzinsen. In Erwartung an eine straffere Geldpolitik waren die Renditen von Bundesanleihen, an denen sich Bauzinsen orientieren, hochgeschossen. mit dpa